Gott ist kein Dauerredner

Liebe Gemeinde!

Schon der Prophet Jona machte die bittere Erfahrung: Wenn man Gottes Stimme hört, dann bedeutet das meistens Arbeit. ?Jona!? ruft Gott. ?Jona! Geh nach Ninive und predige gegen sie! Ihre Bosheit ist mir zu Ohren gekommen!? Jona war bekanntlich nicht gerade begeistert. Er machte sich gar nicht erst die Mühe, mit Gott zu diskutieren. Heimlich schlich er sich davon und versuchte, dem Ruf Gottes durch eine Flucht übers Meer zu entkommen.

Immer schon habe ich über diese Geschichte gelächelt: Wie kann man so blöd sein! Das kann doch gar nicht klappen! Tut es ja auch nicht. Ein Sturm kommt auf, man wirft Jona kurzerhand über Bord, ein Wal verschluckt den unwilligen Propheten und drei Tage lang ist es für den jungen Mann zappenduster. So weit musste es wohl kommen. Nun geht Jona los, ohne weitere Einwände zu erheben und macht sich auf die lange Reise nach Ninive. In unserem Predigttext geht es um den Apostel Paulus. Auch er hört den Ruf Gottes. Auch er wird zur Arbeit gerufen: Nach Mazedonien soll er gehen und dort den Menschen helfen. Paulus zögert keine Sekunde, sondern macht sich unverzüglich auf den Weg, den Gott ihm weist. Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag:

[TEXT]

Wenn man den Ruf Gottes hört, dann bedeutet das meistens Arbeit ? so hatte ich angefangen. Das hier, ein Abschnitt aus der zweiten Missionsreise des Paulus, hört sich allerdings nicht so sehr nach Arbeit an. Ich finde, es klingt vielmehr nach einer ganz angenehmen Reise. Lass uns mal nach Mazedonien reisen … gute Idee und los geht?s. Probleme unserer Art kennt die Gruppe um Paulus nicht. Wie zum Beispiel findet man so schnell ein geeignetes Hotel? Wo kann man die Schiffahrtspläne einsehen? Wie kann man Geld tauschen? Und wie komme ich eigentlich mit der Sprache zurecht. Nach dem Bericht der Apostelgeschichte gehören diese Schwierigkeiten zu den wirklich belanglosen Dingen, die sich schon irgendwie finden. Viel schwieriger ist das andere: Wo beten die Menschen in diesem fremden Land? Wie finden wir Kontakt? Wo können wir zu den Menschen sprechen? Werden sie uns zuhören? Können wir sie vom Glauben an Jesus Christus überzeugen?

So ganz nebenbei hatten sie sich auch noch mit den staatlichen Ordnungskräften auseinander zu setzen. Immer wieder wurden sie gefangengenommen und ins Gefängnis geworfen. Der Erzähler wirkt dabei schon fast gelangweilt. Denn sie konnten aufgrund ihrer römischen Staatsbürgerschaft nie lange festgehalten werden. Das waren so im Groben die Fragen und Probleme, die Paulus und seine Freunde wirklich beschäftigt haben. Denn sie fassten ihre Reise keineswegs als Vergnügungsfahrt auf: Sie hatten Gottes Ruf gehört und den wollten sie weitersagen und den würden sie weitersagen, egal, welche Schwierigkeiten sie dabei zu überwinden hätten. Und noch jemand hört in diesem Text die Stimme Gottes: Lydia, die reiche Purpurhändlerin aus Thyatira. Sie lässt sich taufen und lädt Paulus und seine Freunde zu sich ein, womit sich dann auch die Frage nach dem Hotel geklärt hätte.

Ja, wenn das so einfach geht, warum macht denn Jona so ein Theater? fragt man sich. Klar ? Jona muss eine böse Botschaft verkündigen, Paulus dagegen darf das Evangelium, die frohe Botschaft Jesu Christi von der Liebe Gottes und dem Kommen des Himmelreiches, verkündigen. Da sind schon Unterschiede, die man nicht verwischen darf. Menschlich sind die beiden sicher auch verschieden. Jona liebt vielleicht sein Zuhause, seine Familie, seine Arbeit. Es fällt ihm einfach schwer, im Namen Gottes in eine ungewisse Zukunft zu reisen. Paulus dagegen ist voller Elan und Unternehmungsgeist, eine ungemein starke Persönlichkeit, wie wir aus seinen Briefen erkennen, und er ist durch und durch vom Geist Gottes erfüllt. Wenn ich mir diese beiden Männer so angucke, liebe Gemeinde, dann empfinde ich zunächst Bewunderung. Da gehört schon etwas zu, alles stehen und liegen zu lassen und dem Ruf Gottes zu folgen. Eigentlich sind das doch wirklich mutige Männer, alle beide, wenn auch der eine sich zunächst zu drücken versucht. Woher wissen die denn so genau, dass sie sich nicht verhört haben? Oder dass sie eventuell etwas ganz und gar missverstanden haben? Die Stimme Gottes, die sie in ihrem Innern hören, ist für sie Gesetz, Autorität und Richtlinie ? das beeindruckt mich.

Auf der anderen Seite macht sich in mir Erleichterung breit: Puh, bin ich froh, dass es mich noch nicht erwischt hat. Das würde mir doch mächtig schwer fallen. Stellen Sie sich vor, ich müsste jede Nacht damit rechnen, dass Gott mich ruft: Inke, geh nach Hamburg oder gar nach Bayern und verkündige dort das Evangelium! Und dann müsste ich am nächsten Tag losziehen, Mann und Kind müssten entweder sehen, wie sie zurechtkommen, oder aber sie müssten mit mir gehen, ihre Lebenspläne hinten an stellen. Ich fürchte, ich würde mich doch zumindest noch eine Weile taub stellen …

?Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verstockt eure Herzen nicht.? Das haben wir schon im Wochenspruch gehört. Nun muss ich Ihnen und mir leider sagen: Freut euch nicht zu früh, auch wenn ihr nicht Paulus oder Jona seid. Die Stimme Gottes ruft uns keinesfalls nur zu spektakulären Aktionen oder großen Reisen. Sie dröhnt auch keinesfalls immer so laut in unser Leben, dass wir uns vor ihr wie Jona auf die Flucht begeben müssten oder könnten. Keinem von uns bleibt Gottes Ruf erspart, ob uns das nun gefällt oder nicht. Jeder von uns hat einen Auftrag in Gottes Heilsplan. Den herauszufinden ist unsere Lebensaufgabe. Wir müssen lernen, Gottes Stimme in unserem Leben zu hören. Und später dann müssen wir sicher auch lernen, uns in seinen Plan zu fügen …

Wie spricht Gott denn? Konfirmanden fragen mich das mit spöttischem Grinsen. Diesmal will ich mich nicht um eine Antwort herumdrücken, auch wenn ihr mich für verrückt haltet! Gott spricht durch die Bibel. Ja, das ist so. Wer die Bibel liest und immer wieder aufmerksam studiert, wird das bald entdecken. Er führt uns auf neue Wege, er erschließt uns neue Gedanken. Er gibt uns neue Hoffnung. Er lehrt uns beten ? das alles durch die Bibel. Immer wieder werden wir Stellen oder Bedeutungen finden, die wir so noch nicht kannten. Wenn ich in Geschichten, die mich schon mein ganzes Leben begleiten, auf einmal einen ganz neuen Sinn entdecken kann, dann denke ich: Danke, Gott, du hast mit mir gesprochen!

Gott spricht auch durch Menschen. Er spricht durch Jona und Paulus ? so hört zum Beispiel die Tuchhändlerin Lydia Gottes Stimme. Er spricht sicher auch mal durch mich, durch meine Predigt. Er gebraucht auch Sie und Euch manchmal, um zu Menschen zu sprechen. Er spricht viele behutsame, trostvolle Worte, manchmal auch Ermahnungen und selten einmal auch ein Machtwort. Aber wenn Menschen mit uns sprechen und ihr Wort weist uns einen neuen Weg, sollten wir aufmerksam zuhören. Sie könnten die Stimme Gottes sein. Ich glaube, Gott spricht auch durch Träume. Selten. Das meiste, was man so träumt, ist und bleibt Gedankenschrott des vergangenen Tages. Aber manchmal öffnet ein Traum uns auch Türen, die wir alleine nicht öffnen könnten. Ich selber habe zum Beispiel meine Lebensaufgabe, meine Berufung geträumt und ich glaube fest, dass Gott mit mir gesprochen hat.

Fakt ist, dass Gott kein Dauerredner ist. Er liegt uns wirklich nicht ständig in den Ohren: Mach dies, mach das! Geh hierhin oder dorthin! Oder: Lass das nach. Gott spricht leise, aber eigentlich unüberhörbar. Er ist die Stimme unseres Gewissens, er ist die Stimme unseres Herzens. Und er ist absolut zuverlässig mit seiner stillen Gegenwart in unserer Nähe und begleitet uns, auch, wenn wir mal unsere eigenen Wege gehen. Ich denke, es gibt keinen Grund, vor der Stimme Gottes davonzulaufen oder sich taub zu stellen. Paulus zeigt das ganz eindrücklich. Wenn Gott mit uns spricht, dann hat er uns wirklich etwas zu sagen. Wenn Gott spricht, dann sind das keine leeren Worte und kein hohles Geplapper. Wenn Gott spricht, wenn wir seine Stimme hören, dann ist das etwas ganz Trostvolles, etwas ganz Schönes, dann sind wir reich beschenkt.

Wo Gott uns sendet, da sind wir garantiert auf dem richtigen Weg, auch wenn wir uns das vielleicht durchaus hätten bequemer denken können. Und wenn Gott uns ruft, wird es ganz sicher unser Schaden nicht sein, auch wenn es zu eines anderen Gunsten ist. Wir können der Stimme Gottes vertrauen ? wirklich, er weiß, wovon er spricht! Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verstockt eure Herzen nicht! So bittet der Hebräerbrief. Gebt gut acht, auf das, was Gott euch sagen will! Sein Wort ist das Beste, was euch passieren kann.

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