Gott hat die Welt versöhnt!

Liebe Gemeinde!

Ich nehme an, sie haben in letzter Zeit Zeitungen gelesen oder Nachrichten gehört. Was in den vergangenen Tagen und Wochen passiert ist, haben sie vermutlich mitbekommen. Die auffälligsten Titelbilder bleiben in der Regel ja doch im Gedächtnis hängen: Bilder von zerstörten Zügen in Madrid oder Bilder von einer Auseinandersetzung irakischer Männer mit amerikanischen Soldaten. Menschen bekämpfen einander, stehen sich absolut unversöhnlich gegenüber – und das im Namen der Freiheit, im Namen der Gerechtigkeit und vielen anderen guten Gründen. Gott sei Dank, denkt man sich sicher manchmal – ich bin nicht im Irak, ich war auch nicht in Madrid, als das was passierte. Es ist alles weit weg. Wer so denkt, den bitte ich allerdings mal, in den Erdinger Teil der Zeitung zu schauen. Auch da ist täglich von Auseinandersetzungen zu lesen. Nicht in dem Ausmaß, aber schlimm genug: Da werden in Walpertskirchen – und auch an anderen Schulen in der Umgebung, nur vielleicht nicht ganz so offensichtlich – einzelne Schüler zu Opfern gemacht. Auf dem Schrannenplatz verprügeln sich regelmäßig Betrunkene. Prügelnde Eheleute gibt es leider mehr als genug, und manchmal wird auch vor schlimmerem nicht zurückgeschreckt. Es geht in diesen Konflikten um Macht – wer hat das größere Ansehen, wer hat die Macht, den anderen zu unterdrücken. Es geht zum Teil auch um Ehre: Welche Nation ist die bessere, wenn sich türkische und deutsche Jugendliche prügeln? Es geht auch um Gefühle: Wenn mich jemand beleidigt, dann haue ich zu, weil ich verletzt bin. Egal, ob Mitschüler oder Ehefrau. Es wird natürlich versucht, diesen Konflikten zu begegnen. In den Schulen werden ausgebildet und Schulsozialarbeiter eingesetzt, in Krisen- und Kriegsgebiete werden sogenannte „Friedentruppen“ entsandt. Die sollen dafür sorgen, dass die betroffenen ihre Konflikte lösen und Streithähne sich wieder miteinander versöhnen. Nur leider funktioniert das oft nicht richtig. Streitschlichter welcher Art auch immer werden mit größtem Misstrauen beäugt und oft abgelehnt. Denn die Sache mit den Streitschlichtern hat einen Haken: Die schaffen nämlich nicht das Problem an sich aus der Welt. Man muss, wenn man einen Streit schlichten will und Versöhnung erreichen will, immer selbst etwas dafür tun, man kann es nicht jemand anderen erledigen lassen. Und das kann unangenehm werden. Man verliert vielleicht etwas, wenn man sich darauf einlässt. Man verliert vielleicht Geld, Man verliert einen Teil seiner Macht oder seines Ansehens. Und das ist so ein großes Problem für manchen, dass er lieber darauf verzichtet, sich mit dem anderen zu versöhnen und in Frieden zu leben. Echte Versöhnung mit anderen, vor allem, wenn ein Mensch dann auch noch auf etwas verzichten muss, ist mit das schwierigste, was man von einem Menschen erwarten kann. Gleichzeitig ist echte Versöhnung aber mit das wichtigste, was wir Menschen in unserem Leben brauchen. Es kann dramatisch sein, wenn ein Mensch, mit dem man Streit hatte, stirbt,
bevor man sich wieder mit ihm versöhnen konnte. Es macht auf die Dauer krank, wenn man alle anderen Menschen als seine Gegner betrachtet. Nur: Wie schafft man es bloß, sich wirklich mit anderen zu versöhnen?

Mit diesem Problem ringen Menschen schon lange, und der Apostel Paulus war sicher nicht er erste. Von ihm ist allerdings ein Text überliefert, der eben dieser Frage nachgeht: Versöhnung – wie geht das überhaupt? In seinem zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt er folgende Ausführungen:

[TEXT]

Ja – könnte jetzt einer einwenden. Um Versöhnung geht es wohl, aber hat das überhaupt etwas mit der Realität zu tun? Hier wird erzählt von einem versöhnenden Gott, von einer neuen Kreatur in Christus – und dort sehen wir doch immer noch die alte Hau-Drauf-Welt. Ich denke schon, dass Paulus Augen für die Realität hatte. Er sieht, dass Menschen untereinander oft unversöhnlich sind, dass sie aber Versöhnung brauchen. Also muss es einen anderen Weg geben: den über Christus. Der aber kann nur von Gott ausgehen, der Menschen von sich aus Versöhnung anbietet – obwohl er genau weiß, dass die Menschheit sündhaft ist.

„Sünde“, ich benutze absichtlich dieses unbeliebte Wort. Paulus erklärt: Christus, der keine Sünde kannte und der einzige sündenfreie Mensch war – der wurde für uns richtig zur Sünde gemacht. Christus eine einzige, große Sünde, aber eine, für die er nicht verantwortlich war – die Bausteine dazu kamen von seinen Mitmenschen, und kommen noch heute
von uns. Aber was ist Sünde überhaupt? Im Sprachgebrauch gibt es kleine Sünden, Verkehrssünden, Diätsünden und viel mehr. Ich denke, ehrlich gesagt, vieles davon ist nicht wirklich ein Problem, wenn es um die Beziehung zu Gott geht. Sünde im gegenüber zu Gott ist etwas ganz anderes. Sünde ist: Gott nicht gelten zu lassen. Sünde ist, zu meinen, dass wir für alles selbst verantwortlich sind. Sie kennen bestimmt den Spruch „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ – das ist in meinen Ohren eine ziemliche Anmaßung, denn man erhebt darin Anspruch, so wie Gott für sich selbst sorgen zu können. Übertriebene Opferbereitschaft, „Gschaftlhuaberei“ kann zur Sünde werden, wenn dabei Gott aus dem Blick verloren wird. Die Sünde ist nicht kleiner als bei einem, der sich nie um Gott und andere Menschen schert. Und letztendlich kann sich keiner von uns ausnehmen, an irgend einer Stelle fällt glaub ich jeder mal rein.

Trotzdem will Gott uns Menschen mit sich versöhnen. Warum? Und wie macht er das? Theologen ringen schon seit Jahrhunderten mit dieser Frage, wie man Kreuzestod Christi und
Versöhnung, Liebe Gottes und Sünden der Menschen miteinander in Einklang bringen kann. Es führt eigentlich immer zu geistigen Verrenkungen, denn man kann es eigentlich nicht logisch erklären. Im Mittelalter hat man es versucht. So hat ein Theologe erklärt: Gott wurde durch die Sünde der Menschen so sehr in seiner Ehre verletzt, dass die Menschen dafür einen Sühne leisten müssen. Der Mensch als Geschöpf Gottes kann aber niemals Gott eine angemessene Sühne bringen. Also muss Gott selbst Mensch werden und die Strafe stellvertretend übernehmen
– im Tod am Kreuz.

Diese Theorie ist allerdings nicht lang unwidersprochen geblieben. Vor allem die Vorstellung, dass Gottes Ehre wiederhergestellt werden muss und daher dieses Opfer sein muss, wurde heftig kritisiert. Was aber nie wirklich bestritten wurde, war die Feststellung: Der Mensch kann sich – von sich aus – nicht mit Gott versöhnen. Gott ist derjenige, der handeln
muss; Gott ist derjenige, der der Welt Frieden und Versöhnung anbietet. Dieses Angebot wurde uns durch Jesus Christus gemacht. Allerdings nicht durch seinen Tod am Kreuz allein. Er hat mit seinem Leben gezeigt, wie Gottes Versöhnung aussieht. Zu sagen: Einer hat ja für uns schon alle Strafen übernommen, also können wir jetzt tun und lassen was wir wollen, geht meines Erachtens nicht.

Aber ich glaube Paulus, wenn er sagt: Gott hat die Welt schon mit sich versöhnt. Was auch immer wir an Sünde begehen: Seit Christus am Kreuz gestorben ist, wird es uns nicht mehr zugerechnet. Und deshalb brauchen wir auch keine Riten, um Gott zu besänftigen. Was wir brauchen, ist ein aufmerksamer Blick in unsere Umwelt. Da sehen wir: im Moment ist da von einer „Neuen Kreatur in Christus“, von friedlichem und versöhntem Umgang miteinander nicht viel zu sehen. Und hier stellt sich eine Aufgabe an uns. Gott hat die Welt schon mit sich versöhnt. Wir haben sozusagen schon eine „Vorleistung“ bekommen. Deshalb müssen wir Unfriede, Machtkämpfe, Unversöhnlichkeit nicht einfach fatalistisch hinnehmen. Wenn wir uns für Versöhnung stark machen, und wenn auch wir selbst zur Versöhnung, dann wird die Versöhnung Gottes in der Welt sichtbar. Gott rechnet uns nichts als Sünde an. Also müssen wir auch anderen nichts aufrechnen. Ich weiß dass das schwierig ist. Wenn wir versuchen, Versöhnung und Liebe zu leben; wenn wir uns vornehmen, nie jemandem anderen einen Fehler vorzuhalten – dann werden wir mit Sicherheit enttäuscht werden. Es ist nahezu unmöglich, denn es wird ganz sicher etwas geben, worüber wir uns ärgern, oder wir brechen selbst einen Streit vom Zaun, und sei es nur, weil wir schlecht geschlafen haben. Das braucht uns aber nicht zu entmutigen. Wir haben die Grundlage: Wir haben die Versöhnung Gottes. Die kann uns keiner wegnehmen. Und die macht es möglich, dass wir uns eingestehen, wenn wir gescheitert sind. Wir können dann bitten: Gott, hilf mir zu einem Neuanfang. Gott, entschuldige bitte, was ich getan oder gelassen habe. Gott, lass mich nicht gleichgültig werden. Gib mir Mut, friedlich und für Frieden eintretend zu leben. Wenn wir anfangen, Gott um seine Hilfe zu bitten, nehmen wir schon das Angebot von Gottes Versöhnung an. Und in diesem Moment sind wir auch auf dem Weg zur Versöhnung unter den Menschen. Der Karfreitag soll uns daran erinnern, dass Grausamkeit und Tod eben nicht das letzte Wort hat in unserer Welt. Wir können etwas ändern, wir können etwas bewegen – denn Gott hat die Welt versöhnt.

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