Gott ehren

<i>[Eröffnungsgottesdienst zum Jahr der Bibel]</i>

Liebe Gemeinde,

bestimmt gibt es für jeden von Ihnen einen Bibeltext, eine Bibelstellle, die eine ganz besondere Bedeutung in Ihrem Leben hat. Bei manchem ist es ein Konfirmationsspruch wie: "Sie getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben", bei manchem ein Psalmwort wie "Der Herr ist mein Hirte". Für mich ist es diese Geschichte aus dem Lukas-Evangelium, die heute Predigttext ist.

[TEXT]

Es war im heißen Sommer 1999. Mein Vater stand wenige Monate vor seinem 80. Geburtstag. Meine Eltern leben 600 Kilometer von hier entfernt, und oft schon hatte ich von meiner Mutter gehört: "Wenn einem von uns etwas passiert, seid ihr Kinder so weit weg." Und nun stand ich kurz vor der Abreise mit einem Hilfstransport in den Kosovo. Die junge Gemeinde Hettstedt hatte Hilfsgüter speziell für vom Krieg betroffene Kinder gesammelt, die unbedingt am Bestmmungsort ankommen sollten. Für mich war es im Grunde keine Frage, dass ich da mitfahren werde, dort herrschte erst seit ganz kurzer Zeit Waffenstillstand, und unsere Babywindeln, ein ganzer LKW voll, zum Beispiel wurden dringend gebraucht. Am Telefon erfuhr ich, dass es meinem Vater nicht gut ging – Parkinson-Kranke vertragen Hitze schlecht. Ich erinnere mich aber, dass ich dennoch abreiste mit dem Gedanken: "Wer die Hand an den Pflug legt und schaut zurück….". Über diesen Bibelspruch hatte ich mit meinem Vater öfter gesprochen, zum Beispiel bei meiner Entscheidung, kurz nach der Wende das Saarland und eine sichere Stelle zu verlassen,. weil hierzulande eine Journalistin gesucht wurde, die sich auch in Kirchendingen auskannte.

Ich kam aus dem Kosovo wieder, und meine Mutter erzählte, wie schlecht es dem Vater derweil ergangen war, sie konnte zuerst gar nicht fassen, dass ich bald schon wieder verreisen wollte, diesmal nach Tanzania zu unserer Partnergemeinde, in das zweitärmste Land der Erde. Die nötigen Impfungen hatte ich hinter mir, das Visum schon in der Tasche – die Reise zum Missionsjubiläum dort war schon länger geplant gewesen. Eigentlich hatte ich zwischendrin noch nach Hause fahren wollen, aber es kam anders: In der Suchtklinik, in der ich damals Nachtdienste machte, war ich nicht abkömmlich, ich musste die versäumten Schichten nachholen und vorarbeiten für die Zeit, während der ich in Afrika sein würde.

Ich rief einen alten katholischen Priester in meinem Heimatort an, einen Freund meiner Eltern, um meine Bedenken zu diskutieren. Er wies mich auf den Satz hin: Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
Und er versprach mir, die Eltern regelmäßig in meiner Abwesenheit zu besuchen. Ich reiste mit schlechtem Gewissen, denn immer wieder stellte sich die Frage: "Was ist nun wichtiger? Kindern im Kosovo und Aids-Waisen in Afrika zu helfen, die ich gar nicht kenne – oder bei den alten Eltern sein. Allerdings wusste ich auch, dass meine Schwester, die in näherer Umgebung lebt, sich dort kümmern werde.

Ich weiß nicht, wie es mir ergangen wäre, wenn mein Vater nicht die Zeit meiner Abwesenheit überstanden hätte. Heute ist er fast 84 Jahre alt, und er hat mir mehr als einmal gesagt, dass er meine Entscheidung richtig gefunden hat. Ich habe das Glück, dass meine Eltern selbst mit der Bibel gelebt haben. Für meine Mutter war beispielsweise der Satz aus dem Römerbrief maßgebend: "Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist". Das hatte nebenbei den Nachteil, dass es nie ein üppiges Weihnachtsessen zu Hause gab.

Dennoch: Manche meiner Freunde waren damals befremdet über mein Verhalten und empört über das Zitat aus dem heutigen Predigttext, das mir der Pfarrer mitgegeben hatte. Und ein anderer Theologe erläuterte mir, dass sich der Satz Jesu lediglich auf diese eine einzige, ganz besondere Situation bezogen habe, nämlich auf die knapp bemessene Zeit, die der Sohn Gottes unter den Menschen weilte. Und in dieser Zeit habe es eben nichts Wichtigeres gegeben als die Nachfolge, eine einmalige Chance sozusagen. Das klang logisch, hat mir aber nicht genügt. "Gott ist immer gerade heute Gott", hat Dietrich Bonhoeffer gepredigt. Das heißt, alles, was damals passiert ist, passiert auch heute hier bei uns.

Jesus ist heute hier bei uns und stellt uns vor die Entscheidung der Nachfolge.

Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Der Text ist mir seitdem immer wieder durch den Kopf gegangen, und ganz fertig bin ich damit immer noch nicht. Zwar ist es so gekommen, dass genau diese beiden Reisen, Kosovo und Afrika, mein eigenes Leben durchgreifend verändert haben. Ich habe gelernt, dass Leben etwas anderes ist als Besitz und Sicherheit. Im Kosovo habe ich erfahren, wie verheerend Krieg und Rache wirken können und wie wichtig es ist, vom Gedanken "Auge um Auge, Zahn um Zahn" abzulassen. Und ich habe einschätzen gelernt, wie unbeständig ein wohlgeordneter Alltag sein kann, wie schnell alles zusammenbrechen kann, was sich Familien in Jahrzehnten aufgebaut haben.
In Afrika habe ich die Freude am Glauben, Hoffen und Danken erfahren, fröhliches Gotteslob, Geborgenheit in Jesus, inmitten von Armut und Hunger. Ich habe fragen gelernt: Wieviele Dinge braucht der Mensch? Und wie viele davon kann er loslassen? Es gibt im Lauf der Geschichte immer wieder Menschen, die alles losgelassen haben, um ihr Leben nach ihren Kräften und Begabungen in den Dienst der Nachfolge Jesu zu stellen. Man muss gar nicht die bekannten Namen wie Albert Schweitzer oder Dietrich Bonhoeffer nennen, vielleicht kennen Sie sogar selbst jemanden, der sehr radikal einen Schlusstrich unter alles gesetzt hat, was die alten Bahnen seines Lebens ausmachte. Nicht jeder muss das so extrem schaffen – bei mir selbst haben die Erfahrungen von damals gerade so weit gereicht, endlich, 25 Jahre nach Abschluss meines Theologiestudiums, den Mut zu fassen, Gottesdienste zu halten und meine Furcht loszulassen, öffentlich über Glauben zu sprechen. Sonst stünde ich wohl heute nicht hier.

"Festhalten und loslassen", das sind zwei Komponenten, zwischen denen wir Menschen immer hin- und hergerissen sind. Wer nicht loslassen kann, mauert sich im Grunde selbst ein. Ich muss dabei als Extrembeispiel an jene spanische Königin Johanna denken, der man den Beinamen "die Wahnsinnige" gab. Jahrzehntelang reiste sie mit dem Sarg ihres verstorbenen Mannes, Philipp dem Schönen, umher. Sie konnte den Schritt nicht mitgehen, dass es etwas anderes gibt als dieses irdische Leben und Sterben. Ich muss auch an Faust denken, der in der Goethe-Tragödie erst dann seine Seele an den Teufel verlieren soll, als er den Augenblick festhalten will, als er nicht mehr bereit ist, etwas loszulassen und damit Neues zuzulassen.

Abschied nehmen ist immer schwer. Ich gehe gerne auf Friedhöfen spazieren, weil ich die Ruhe dort liebe. Manchmal beobachte ich Menschen, die ganz in der Grabpflege aufgehen und frage mich dabei, ob sie nicht selbst schon ein Stück weit gestorben sind. Und ich frage mich auch, ob ihnen bewusst ist, dass doch genau an dieser Stelle, auf dem Grabstein, ein ganzes Leben auf einen Bindestrich zwischen zwei Jahreszahlen reduziert wird, und ich habe ein wenig Furcht, sie vergessen, dass es doch noch eine ganz andere Dimension, die der Ewigkeit, gibt.

"Lass die Toten die Toten begraben, du aber gehe hin und verkünde das Reich Gottes",
das ist ein eindeutiger Aufruf dazu, Hoffnung zu leben und Hoffnung zu predigen. Jesus ist das Leben in Person, und er braucht keine halbherzigen, zögernden Jünger, er fordert den ganzen Menschen. Derjenige, der die Bedingungen für die Nachfolge selbst diktieren will und sagt "erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme", der ist nicht frei für das Evangelium, er ist mit sich selbst nicht im Reinen, hält mit einem Teil seines Herzens fest an alten Bindungen. Gerade an dieser Stelle werden wir uns selbst am meisten wiederfinden. Es gibt schließlich immer wieder Gründe, die stichhaltig genug scheinen, einen Weg der Nachfolge zu überdenken. Wer in die Verkündigung geht oder Kirchenmusiker wird, wird Heiligabend und Weihnachten ebensowenig frei haben wie Ostern, wer ein Amt im Gemeindekirchenrat übernimmt, wird vielleicht ein anderes Hobby zurückstecken müssen. So gesehen ist die Bibel ein radikales Buch.

Gott fordert eine Radikalität des Herzens. Sehen wir Abraham, der in bedingungslosem Glauben aufbricht und Gott so weit traut, dass er ihm den Weg ins gelobte Land zeigen wird. Betrachten wir Noah, der die Arche baut. Und sehen wir dagegen Lots Frau, die den Aufbruch zuerst schafft, die sich aber umschaut, weil sie nicht loslassen kann – und zur Salzsäule wird. Und sehen wir Jesus, den Gottessohn, der den härtesten Weg geht, den ein Mensch gehen kann – im Vertrauen auf die Liebe des Vaters. Die Botschaft, die im heutigen Predigttext besonders klar zum Ausdruck kommt, heißt: "Gott will uns ganz und gar – oder gar nicht".

Wenn Sie nun, in diesem "Jahr der Bibel", vielleicht den ein oder anderen Text intensiver als sonst lesen und darüber nachdenken, wird Ihnen das an vielen Stellen auffallen. Gott will nicht, dass wir ihm nachfolgen, weil er Blinde heilt und Lahme gehen macht, weil er Brot vermehrt oder soziale Probleme löst. Er will, dass wir ihn um seinetwillen ehren. Und dass er jeden Tag gerade heute zu uns kommen will. Gerade heute sollen wir auf seine Stimme hören, das, was er uns aktuell zu sagen hat. Dann werden wir spüren, wie sein Evangelium uns berührt und sehen, dass er auch im sozialen Elend, in der Zeit politischer Verwirrnis, im Krieg, immer Gott ist, der zu uns spricht . Ein "Jahr der Bibel" kann uns, kann Kirche, an etwas erinnern, was wir leicht vergessen. Dass all unser Reden von Gott nur dann gelingen kann, wenn wir ihn selbst konkret zu Wort kommen lassen. Dann werden wir verstehen, was die Aufforderung "Folge mir nach" für jeden Einzelnen an diesem Tag bedeutet.

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