Gnade vor Gott finden

Liebe Gemeinde,

"Was ist eigentlich Sünde?", vor diese Frage bin ich kürzlich in einer Diskussion gestellt worden. Und die Antwort, die ich, theologisch gut geschult, ganz schnell parat hatte, war: "Alles, was mich von Gott trennt". "Alles, was mich von Gott und von meinen Mitmenschen, von den Tieren und der Natur, also der ganzen guten Schöpfung, trennt", fügte noch jemand hinzu. Und da kam ein Einwand:
"Ich finde, dass das mittlerweile auch so eine Worthülse geworden ist. Wie kann ich denn treffend definieren, was mich von Gott trennt?

Wie kann ich denn beschreiben, warum mich "Liebe" (was ist das???) mit Gott verbindet?

Was passiert denn, wenn ich vor lauter Kummer, Ärger, Wut, Zorn – über mich, über Freunde, über Bekannte, Verwandte, über meine Kollegin oder meine Schüler, über ein schlimmes Ereignis in meiner näheren oder weiteren Umgebung nicht mehr "Liebe" empfinden kann ….? Trennt mich das von Gott? Ist das dann "Sünde"?"

Das hat mich nachdenken lassen, nachdenken über "Worthülsen" in unserer Theologensprache, die immer voraussetzt, jemand kennt sich schon total aus im Christentum – und dann auch über unseren Predigttext 15
Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.

Jesus, unser Hohepriester, so sieht das der Apostel, der den Hebäerbrief schrieb, Jesus kennt alle diese Gefühle, alle diese Ängste aus eigener Erfahrung. Er leidet mit uns, ohne sich selbst schuldig gemacht zu haben. Jesus, unser Hohepriester? Die Redewendung macht stutzig, als König ist uns Christus vielleicht noch geläufig – aber Hohepriester? Ist das nicht so was ganz Strenges, so ein ganz Gesetzestreuer? Wir denken an die Hohepriester und Schriftgelehrten, die es doch gerade waren, die Jesus zu beseitigen suchten. Gnaden los und unbarmherzig. Der Brief richtet sich an die Hebräer, an Christen also, die gläubige Juden waren. Der Hohepriester ist für sie eine Instanz, die zwischen ihnen und Gott steht, einer, der hinter den Vorhang im Tempel gehen darf, einer, der das Allerheiligste mit Augen schauen kann. Die Hohenpriester im alten Israel waren Angehörige besonderer Familien, Hohepriester konnte man nicht einfach so werden. Einer wie Jesus, der hätte dazu als Mensch gar keine Chance gehabt. Aber der Apostel, der an eine jüdisch-Christliche Gemeinde schreibt, macht ihnen klar, dass derjenige, vom dem er spricht, im Rang einem Hohepriester in nichts nachsteht. Dieser Hohepriester, so die Botschaft an die Gemeinde, dieser Hohepriester vermag noch mehr als die Gesetzeshüter, die darüber wachten, dass alle religiösen Vorschriften eingehalten wurden und jeder seinen Pflichten nachkam. Auch er steht zwischen Gott und Mensch, aber ganz anders als die Priester, die sie bisher kannten.

Weil wir einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat.

Wer die Himmel durchschritten hat, der hat den Tod überwunden, das wird hier klar gesagt. Er hat den Vorhang zerrissen, der uns den Blick verstellt auf das, was uns verheißen ist. "Der Vorhang im Tempel" zerriss nicht von ungefähr zu der Stunde, als Jesus auf Golgatha starb. Er zerriss, weil Jesus einfach ein ganz anderer Hohepriester ist als alle Menschen, die dieses Amt je hatten. Jesus hat für uns gelitten und leidet mit uns, weil er wusste, wie es ist, wenn man versucht wird.

Ich habe viele kluge wissenschaftliche Kommentare zum Hebräerbrief gewälzt bei der Vorbereitung zu dieser Predigt, habe mich in die jüdische Denkweise hineinversetzen lassen, aber auch allerlei Schwerverdauliches zu begreifen versucht. Ich finde, wir sind hier nicht die Runde, die solche Überlegungen braucht.
Ihnen geht es wahrscheinlich ähnlich wie mir, Sie machen sich ab und an Gedanken darüber, was für einen Grund Gott denn haben könnte, sich um jeden einzelnen von uns zu kümmern. Warum sollte er uns überhaupt noch lieben, uns, die wir ihn immer wieder enttäuschen, ihn in unserem Leben hundertmal enttäuscht haben – und uns, die wir einander immer wieder verraten und verkaufen und so gar nicht im Frieden miteinander leben können.

Warum sollte er seinen Engeln befehlen, uns zu behüten auf all unseren Wegen? Unter anderem auch deshalb, weil er die große Versuchung kennt, der jeder von uns lebenslänglich ausgesetzt ist. Wir haben vorhin im Evangelium die Geschichte von der Versuchung Jesu gehört. Ich stelle mir bei dieser Szene auf dem Berg nicht irgendeinen Bilderbuch-Teufel vor, der an den lebendigen Gott herantritt, ich denke, Jesus war hier dem ausgesetzt, dem wir auch jeden Tag aufs Neue ausgesetzt sind: Verlockenden Angeboten, die uns scheinbar groß, berühmt und stark machen, die uns in aller Mund bringen. Aus Steinen Brot machen und damit Hungernde speisen, das wäre es doch. Und was kann es schon schaden, mal ein paar Bilanzen zu fälschen oder die Versicherung übers Ohr zu hauen, wenn für unsere arme Kirchengemeinde was dabei rausspringt? Eine Spende für die Heizung in der Kirche anzunehmen, wenn man vielleicht in der Predigt oder beim Hausbesuch diese oder jene Partei dezent empfiehlt oder diese oder jene Firma. Das ist doch nur für einen guten Zweck. Heiligt der nicht auch die Mittel? Wie leicht sind wir doch geneigt, jemand anderen anzubeten, vor jemandem niederzufallen – einen Chef, einen Politiker zum Beispiel. Wie schwer aber wird es uns, vor dem in die Knie zu gehen, der sich nicht zu gering war, uns die Füße zu waschen.

Weil wir aber wissen, wie Jesus diesen Versuchungen widerstanden hat, wie er fest und klar er den Versucher in seine Schranken verwies, haben wir eine Orientierung. Und wir haben mehr als das. Wir wissen, dass uns unsere Verfehlungen nicht mehr von Gott trennen, dass der Vorhang unserer Sünden zerrissen ist und wir ruhig vor den Richtstuhl Gottes treten können, dass dieser Richtstuhl für uns zum Gnadenthron wird. Vielleicht kennen Sie ja Darstellungen vom "Richtstuhl" und vom Weltenrichter", in der Eisleber Andreaskirche ist zum Beispiel eine. Meist kann einem da Angst und bange werden. Aber der Apostel sichert zu: Dort werden wir Barmherzigkeit empfangen, heißt es. Vom Zeitpunkt wird Merkwürdiges gesagt: "Dann, wenn Ihr Hilfe benötigt". Also nicht erst am Ende aller Zeiten, sondern jetzt, heute, hier und immer wieder. Immer dann, wenn wir es besonders nötig haben. Und wann hätten wir das nicht? Sein Mitleid, sein Mit-Leiden tröstet uns und macht uns frei. Dieser Tage hörte ich in der Sünden-Diskussion, von der am Anfang die Rede war, die Frage: "Ja – aber wenn wir Menschen immer wieder sündigen müssen, weil wir eben Menschen sind, ist das denn dann nicht eigentlich Gottes Schuld, weil er uns so angelegt hat." Damit ist der Mensch aus dem Schneider, denn gegen Gottes Gebote ist er machtlos und kann sich ihnen lediglich beugen. Und indem er sich ihnen (scheinbar) beugt, gibt er jede Verantwortung für sein eigenes Handeln aus der Hand. Eigenverantwortlich zu leben und zu handeln und zugleich auf Gottes Gnade und Stärke bauen – das ist der Spagat, zu dem wir immer wieder ermutigt werden, auch mit diesem Text.

Gnade vor Gott zu finden, ist ein großartiges Gefühl, das trägt. Aber diesen immensen Schritt können wir nur dann nachvollziehen, wenn wir selbst gnädig mit denen umgehen, die in unserer unmittelbaren Umgebung leben. Und noch etwas gehört dazu: Wir müssen auch Gnade vor uns selbst finden. Oftl ist es gar nicht Gott, der uns klein macht, sondern wir selbst, die wir uns dauernd verurteilen. Damit aber missachten wir im Grunde das, was Jesus für uns getan hat. Es sollte uns wirklich genug sein, dass er uns durch seine unendliche Liebe, die ihn leiden und sterben ließ, erlöst hat.

drucken