Gnade für die Steinewerfer

Kein Wunder, dass N.N. zum Alkoholiker geworden ist, bei der Frau …… Kein Wunder, dass die Kinder so unerzogen sind, wo doch die Mutter arbeiten geht …… Kein Wunder, dass ……… Sätze wie diese gehen uns täglich über die Lippen, ohne dass wir groß drüber nachdenken. Wir sehen Dinge, wir nehmen sie wahr und meinen gleich die Gründe zu kennen. Wir fällen Urteile ohne Hintergründe wirklich wahr zu nehmen. Im Straßenverkehr wird das manchmal besonders deutlich. Da schimpfe ich und hupe wie ein Wilder, weil es nicht weiter geht, nenne wildfremde Menschen Trottel – und sehe manchmal hinterher, dass sie wirklich nicht anders konnten. Manchmal schäme ich mich dann für mich selber. Solche Situationen hat Paulus ins einem Brief an die Römer vor Augen.

Die Ehebrecherin aus Johannes 8 war so lange eine Frau des Todes, wie sie den Steinen derer ausgeliefert war, die sie richten wollten. Dass diese sie zu Jesus gebracht haben hat die Frau Gnade erfahren lassen: Geh und sündige hinfort nicht mehr. Hat aber wohl auch die Steinewerfer Gnade erfahren lassen. Ihnen wurde vor Augen geführt, dass ihre Urteile auf sie zurückfallen können. Oder wie der Bundespräsident Heinemann einmal gesagt hat: Bedenke, wenn du mit einem Finger auf andere zeigst, zeigen drei Finger auf dich.

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Der Text zeigt mit dem Finger auf die Angesprochenen. Paulus zeigt mit dem Finger auf uns. Er wird persönlich mit uns. Darin auch persönlich mit sich. Er spricht uns an als Schwestern und Brüder, die alle Zurechtweisung brauchen und nicht Verurteilung. Er spricht erst einmal die Parteien in der Christengemeinde im alten Rom an, die aufeinander eindreschen, weil sie beide glauben, die richtige Auffassung zu haben. Die Frage nach dem Sinn diesen Streits und warum sie so erbittert die anderen verurteilen müssen, stellt sich dann gar nicht. Prinzipiell geht es um Menschen, die auf der einen Seite recht gesetzestreu leben. Sie verzichten auf alles, was irgendwie verboten sein könnte – die anderen wissen von der Freiheit, zu der sie berufen sind und leben recht locker, manche sogar ungezügelt. Paulus weist sie beide zurecht, weil er weiß, dass Beider Antworten nur ein teil der Wahrheit sind. Er erzählt ihnen von Christus, der die Menschen geliebt hat, aber ihnen trotzdem Richtschnüre gibt, ihr Leben zu gestalten. Er sagt ihnen deutlich: Wer zu Jesus gehört, kann nicht mehr andere verurteilen. Er kann sie nur beurteilen mit der Liebe Jesu und dem Bewusstsein der eigenen Fehlbarkeit. Wer richtet, geht davon aus, dass die Anderen nachgeben sollen, dass die anderen ihr Unrecht einsehen sollen. So entsteht Unfriede. So wird die Macht Gottes, des Schöpfers, faktisch bestritten. Friede kann nur dort werden, wo ich versuche Bedingungen zu schaffen, in denen miteinander geredet und gelebt wird, in denen einer den anderen annehmen kann.

Die Ehebrecherin aus Johannes 8 war so lange eine Frau des Todes, wie sie den Steinen derer ausgeliefert war, die sie richten wollten. Dass diese sie zu Jesus gebracht haben hat die Frau Gnade erfahren lassen: Geh und sündige hinfort nicht mehr. Hat aber wohl auch die Steinewerfer Gnade erfahren lassen. Ihnen wurde vor Augen geführt, dass ihre Urteile auf sie zurückfallen können. Oder wie der Bundespräsident Heinemann einmal gesagt hat: Bedenke, wenn du mit einem Finger auf andere zeigst, zeigen drei Finger auf dich. Geht – um Gottes Willen – barmherzig miteinander um. Seht erst einmal den Balken im eigenen Auge – nehmt ihn wahr und geht mit ihm um – Alles Weitere wird sich finden.
Es geht auch um Zivilcourage: den Mut, dem Unrecht im eigenen Richten und im Richten anderer zu widerstehen. Auch um den Mut, den Feindbildern zu widerstehen, die Gruppen und Gesellschaften zusammenhalten. Sozialhilfeempfänger sind nicht alle faul, Ausländer nicht alle dreckig und berufstätige Mütter nicht automatisch Rabenmütter. Ich muss lernen genauer hinzusehen und wen ich ein Übel entdecke, dem Menschen zu helfen.
Ob es um den Richterstuhl geht? Ja, aber zuallererst um den Richterstuhl, den ich aufbaue, der mich entlarvt mit meiner Unbarmherzigkeit gegenüber anderen und meiner Barmherzigkeit gegenüber mir selbst.

Eine Nonne, die sich stark um Prostituierte kümmert, wird gefragt, wie sie das aushält, ohne völlig frustriert zu werden von den vielen Rückschlägen: ‚Wissen Sie, ich bin nicht anders, als all diese Frauen, ich hatte es nur anders’. Sie hat begriffen, dass Vieles, was sie konnte, Frucht ihres Werdegangs war, für den sie nur teilweise etwas konnte – und dass es bei anderen Menschen wohl genauso war.

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