Glaube als Lernprozess

Vor einigen Tagen hörte ich in einer Radiosendung folgende kurze Information, die eine junge Frau als Email ans Radio geschickt hat. Es ging irgendwie um Liebeskummer. Ich kann´s nur sinngemäß wiedergeben: Diese junge Frau hatte einen Freund. Dann hat sie irgendwie mitbekommen, dass der Freund sie betrügt, und zwar mit ihrer eigenen Freundin, mit der sie aber zerstritten ist. Sie war sauer. Sie macht folgendes: Sie gab eine Anzeige in der Zeitung auf, die so aussah als sei sie von ihrem Freund. In der Anzeige stellte er sich als Homosexueller vor, der nach einer enttäuschenden Freundschaft einen neuen Freund sucht. Darunter schrieb sie dann die Handynummer dieses Freundes. Der Freund, der ihr gegenüber ja nicht zugegeben hatte, dass er sie betrügt, bekam dann einige SMS und Anrufe auf diese Anzeige und ärgerte sich darüber sehr. Sie hat dann natürlich auch mit ihm Schluss gemacht.

An diesem Beispiel gelebten Lebens, das offen im Radio vorgetragen wurde, ist einiges verwunderlich. Doch zunächst zum gehörten Predigttext: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Mit diesem Spruch schließt dieser Textabschnitt und setzt damit einen Donnerschlag: Die Welt ist durch einen Sieg überwunden, was heißt das: Nicht eine irgendwie geartete Tatsache verändert die Welt, nicht ein geschichtliches Datum, nicht ein besonderes Verhalten, sondern der Glaube, die Einstellung zum Leben. Und so überwindet der Glaube die Welt. Der Glaube ist vermutlich mehr als eine Einstellung, aber mir fällt kein besseres Wort dafür ein. Der Glaube ist eine Art Selbstvertrauen, dass in einer Grundeinstellung zum Leben, ja einer außergewöhnlichen Liebeserfahrung begründet ist. Der Liebe Gottes zu uns. Der Glaube verkrampft sich nicht. Er geht weder auf in der Interpretation noch in der Veränderung der Welt. Aber der Glaube setzt uns in eine Beziehung zur Welt. Ich denke, durch den Glauben gehören wir in einen größeren Wirkzusammenhang. Glaube und Selbstjustiz, ja Rache schließen sich aus. Wer sich rächen muss, ist schwach, wer glaubt ist innerlich stark und kann auch etwas ertragen. Der Glaubende geht aus von einem schon errungenem Sieg über die Welt und findet so ein neues Verhältnis zur Welt und zum Verhalten in der Welt. Der Sieg ist also unwichtig. Es ist ohnehin kein persönlicher Sieg, sondern ein Sieg, der allgemein gültig ist. Mobbing ist nur etwas für Schwache, nicht – Glaubende Menschen. Im Glauben lebt kein Mensch um zu siegen. Gehalten und gelockert, Christus ganz gehörend ist der Mensch befreit zur Weltlichkeit. Der Glaube ist also kein Fahrstuhl, der die Menschen aus der Welt in heilige oder göttliche Sphären enthebt. Der Glaube lässt uns Bodenkontakt haben, behalten und wahrnehmen. Der Glaubende, die Glaubende geht er seinen und ihren Weg zwischen den Gefahren der Anpassung und des Rückzugs, zwischen dem Aussteigen aus und dem Untertauchen in der Welt. Die Glaubenden können es aushalten, auf dem Weg zur Glaub–Würdigkeit zu bleiben. Und so schließt also der Text: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

Im ersten Weltkrieg hat man aus diesem Satz Kriegspredigten gemacht. Man meinte siegen zu müssen. Krieg ist nur zu verlieren. Der Sieg des Glaubens liegt in der Vergangenheit, ist Voraussetzung, nicht Ziel. Der Glaube ist kein Siegesprogramm, kein Durchsetzungsprogramm mit Gewalt, sondern mit Liebe.

Drei Schritte sind dorthin zu gehen. Ich möchte dabei auf das anfangs genannte Beispiel von der enttäuschten Liebe zurückkommen. Gotteserfahrung, Glaubenserfahrung und Erfahrung von Geschwisterlichkeit.

I Gotteserfahrung.
Die Frau hat zweifelsohne eine bittere Erfahrung durchgemacht. Sie hatte einen Freund. Das heißt, sie hat einen Menschen gewonnen, dem sie vertrauen konnte. Auf dieses Vertrauen baut das Leben auf. Kein Mensch kann ohne Vertrauen leben. Nun wurde ihr Vertrauen enttäuscht. Die Einstellung des Misstrauens und der Unsicherheit wird sich nun einstellen. Als sie vertraute war sie gut, jetzt ist sie sauer, ja wird sogar böse.

In unserem Bibeltext wird auch von gewonnenem Vertrauen gesprochen. Es ist die Beziehung zu Gott, der mein Freund ist. Wie wird denn nun das Vertrauen zu Gott als eine Lebenstatsache erfahren? Doch so einfach, wie die Liebe zu einem Freund ist diese Verrauensbasis zunächst gar nicht zu bekommen. Das macht die Sache mit dem Glauben auf den ersten Blick schwieriger, als die Sache mit der Liebe, von der die Frau redet. Wir gewinnen diese Erfahrung allein durch die Auseinandersetzung mit der Botschaft von Jesus Christus. Jesus ist die menschliche Person, aus der wir das Vertrauen erhalten, das zugleich eine Gottesbeziehung ist. Durch den Weg Jesu, der in die Extreme führte aus der Nähe zu Gott in das Leiden und den Tod und aus der Gottesferne zu neuem Leben im Geist. Jesus ist aber auch unser Mitmensch. Wenn wir ihn im Geist als lebendig erfahren, als Kraft, die uns stärkt und Vertrauen gibt, dann ist das zugleich eine Gotteserfahrung. Wir haben dann zu Gott eine Beziehung. Das wird im Text so bezeichnet, dass wir Gott als Vater erfahren. Gott ist der Vater Jesu und im Glauben ist er auch unser aller Vater. Diese Gotteserfahrung ist praktisch Liebe, jedenfalls nennt Johannes das Verhältnis zu Gott so. Es ist so, dass wir dann sogar die Gebote befolgen und daraus erfahren, dass Gott die Kraft ist, die unser Leben trägt. Die Lebensgrundlage, das Grundvertrauen, die Erfahrung: Gott ist unser Lebens–Vater. Es heißt nun sogar: „Alle, die Gott zum Vater haben, siegen über die Welt.“ Hiermit sind offensichtlich genau solche Erfahrungen gemeint, die diese Frau im Radio geschildert hat. Betrug, Misstrauen. Es ist nicht leicht, sich dadurch nicht beeinflussen zu lassen. Doch, eine einfache Überlegung ist es schon wert, sich zu fragen, ob man sich das Leben kaputt machen lassen soll, durch solche Welterfahrungen. Ich weiß, dass ist nicht leicht gesagt. Wer Freunde verliert, wer seine Arbeit verliert, wer Trennung und Verlust erfährt, wer finanziell Pech hat, wer einen Unfall hatte kann dadurch immer wieder misstrauisch werden. Dagegen hilft allein der Glaube. Die Gotteserfahrung macht die Verlusterfahrung nicht rückgängig, aber rückt sie in den größeren Lebenszusammenhang. Johannes sagt: Im praktischen Tun der Gebote können wir selbst Gottes Liebe erfahren, durch unser eigenes Tun. Wir erfahren dann nämlich die tragende Grundlage des Vertrauens, die das Doppelgebot der Liebe ausdrückt: Lk 10,27 »Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit aller deiner Kraft und deinem ganzen Verstand! Und: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!«

Wichtig ist: Es geht nicht um ein Muss: Ich muss lieben. Sondern weil wir darin erfahren, dass wir lieben können, erfahren wir auch, dass wir geliebt sind. Dadurch ist dem negativen Grundgefühl der Welterfahrungen ein positives Grundgefühl gegenübergestellt. Das Problem an dem genannten Beispiel ist nämlich, dass sich die genante Person in ihrem weiteren Verhalten von ihrer Enttäuschung leiten lässt. Sie will nun beiden schaden: Ihrer Freundin, die nun glauben soll, dass ihr neuer Freund schwul ist, und ihrem Freund, der einfach genervt ist und vielleicht sogar seine neue Freundin auch noch verliert. Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass die Misstrauensgefühle aufkommen. Es ist sicher so, dass diese Erfahrungen Menschen so beeinflussen. Wenn sie die Gotteserfahrungen kennen würden, die der Text darstellt, dann würden sie aber ihr Verhalten nicht dadurch leiten lassen. Sie hätten die Möglichkeit, durch einen Lernprozess die Einstellung zum Leben wiederzufinden.

II Glaube.
Diesen Lernprozess nenne ich Glauben. Der Text fordert nun ein wenig logisches Denken: Wer durch Jesus an Gott glaubt, kennt Gott als Vater. Doch das ist keine exklusive Elternschaft. Niemand ist Gottes einziges Kind. Zu Gott Vater zu sagen heißt: In einer Gemeinschaft des Glaubens zu stehen. Das heißt ja wohl: Glauben und Lieben ist eins. An Gott zu glauben heißt nun, das Leben als ein Geschenk zu verstehen, niemals als Besitz. Dieses scheint nun aber das zweite Missverständnis der Frau zu sein, von der wir hörten. Ihr Freund ist fremdgegangen. Das ist nun eine schwere Krise, vielleicht sogar das Ende ihrer Beziehung zu ihm. Dieses Ende versteht sie als Verlust. Man kann den Verlust eines Menschen nun betrauern. Das wäre die einfache Lösung. Dann leidet man darunter, dass eine Beziehung zerbrochen oder zu Ende ist. Dies kann ja auch durch den Tod eintreten. Doch was hier eine Rolle spielt, ist falsche Trauer. Ich deute es so, dass diese Menschen sich als Besitz verstehen. Wer fremdgeht, gibt sich nun weg. Wer betrogen wird, ist um seinen Besitz gebracht und reagiert wie einer, dem etwas verloren gegangen ist, ja dem etwas gestohlen wurde, er will es sich zurückholen. Damit beginnt der Trugschluss, weil das Leben so nicht funktioniert. Besitzdenken, das sehr verbreitet ist, ist etwas statisches und geht niemals davon aus, dass das Leben ein Geschenk ist. Besitzdenken geht immer davon aus, dass das Leben eine Anordnung von Werten ist, die man entweder selbst erarbeitet hat oder ererbt. Wer eine Liebesbeziehung als Besitz versteht, glaubt also, er hätte sich die Beziehung erarbeitet und erworben. Der Glaube hat nun eine andere Einstellung. Glaube ist immer eine Investition in die Zukunft, aber niemals ein Rückgriff auf empfangene Werte. Glaube versteht das Leben nie als Haben, sondern immer als ein Sein. Die Frau, die diese Anzeige aufgibt hat ihren ehemaligen Partner aufgegeben. Sie ist nicht zur Vergebung in der Lage. Sie greift zum Mittel der Revange, ja der Gemeinheit. Sie vergilt Böses mit Bösem. Ihr Verhalten ist nicht auf Ausgleich oder Gemeinschaft gerichtet, sondern zerstört weiter und schürt den Hass. Sie sieht in ihrem Freunden nicht die geliebten Kinder Gottes, sondern Leute, denen man es heimzahlen kann. Solche ein Verhalten überwindet die Welt nicht, sondern verfestigt das Spiel des Krieges, in dem wir uns scheinbar alle befinden.

III Geschwisterlichkeit.
Das Misstrauen zur eigenen Liebesfähigkeit und das Gefühl, andere Menschen besitzen zu können, führt im Fall des Verlustes zu Taten des Hasses und der Gewalt. Wie kann es anders gehen? Der Bibeltext zeigt einen religiösen Weg auf, der zu mehr Selbstvertrauen führt. Leider ist heute vielen Menschen dieser religiöse Weg fremd geworden. Andererseits ist aber durchaus auch bekannt, dass die Religion keinesfalls tot oder unlebbar geworden ist. Die Religion muss im äußerlichen Gewand mit der Zeit gehen, aber sie bleibt doch im Kern gleich. Aus der Gotteserfahrung mit dem auferstandenen Christus folgt der Glaube. Der Glaube ist keine Gesinnung, sondern ein Lebensprozess. Auch den Glauben können wir nicht besitzen, sondern wir versuchen Glauben zu leben. Glauben heißt: vom eigenen Selbstvertrauen her anderen zu vertrauen. Enttäuschtes Vertrauen durch Versöhnung und Vergebung zu heilen und Trennung durch den Blick in die Zukunft Gottes zu überwinden. Das Leben geht nicht nur weiter, sondern führt in die Hand Gottes. Glaube heißt: Wer geliebt ist, kann andere lieben. Wer andere liebt, ist ein geliebter Mensch. Dies alles funktioniert nur unter einer Voraussetzung, die bei Johannes stillschweigend überall mitschwingt: Niemand ist eine Insel. Wir sind immer in Beziehung. Wir gehören zueinander und sind aufeinander menschlich bezogen. Gott ist unser Vater, wir sind Kind Gottes und haben Geschwister. Damit sind wir im Glauben miteinander verwandt, wir sind gemeinsame Erben der Herrschaft Gottes. Wir können alle gemeinsam das Vertrauen erfahren, dass ein geschenktes Vertrauen ist. Es gibt leider in unserer Zeit immer mehr Konkurrenz, zuviel Mobbing und zunehmendes Misstrauen. Es wäre schön, wenn wieder mehr Menschen Christus erfahren könnten und zu einem Selbstvertrauen zu finden, dass auch zur Liebe findet. Der Glaube zeigt: Liebe, ja Leben ist immer Geschenk und nie Besitz.

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