Gerichtstag

Liebe Gemeinde!

Heute möchte ich Sie zu einer Gerichtsverhandlung mitnehmen. Wir betreten den Gerichtssaal. Gedämpftes Licht. Vor dem Sitz des Richters der Angeklagte. Eine traurige Gestalt, so sitzt er da. Einsam und verlassen von der Welt. Er hält das Gesicht nach unten.

Der Angeklagte schaut auf und sieht links von sich den Staatsanwalt. Verwundert und halb entsetzt sieht er sich selbst noch einmal. “Wie kann das sein?" ruft er aus.

Der Staatsanwalt blickt ihm in die Augen. “Ich bin Dein Gewissen, Mensch, und vertrete heute wie immer die Anklage!", sagt das Gewissen, verstummt und blickt wieder kopfschüttelt auf seine Unterlagen.

Der Angeklagte blickt sich weiter um im Gerichtssaal. Als er den Richter erblickt erschrickt er erneut. Er blickt sich wieder selbst ins Gesicht. “Na, wunderbar," denkt sich der Mensch, “ich klage mich an und verurteile mich selbst."

Bevor er dazu kommt, etwas zu sagen oder weiter darüber nachzudenken, steht der Richter auf. “Bitte erheben Sie sich. Ich eröffne hiermit die Gerichtsverhandlung. Erschienen ist der Angeklagte. Sie sind der gewöhnliche Mensch, wohnhaft
überall auf der Welt?"

Der Angeklagte hebt den Kopf. “Ja."

“Verehrtes Gewissen, verlesen Sie die Anklage. Bitte setzen Sie sich."

Der Angeklagte und der Richter setzen sich. Das Gewissen erhebt sich geräuschvoll und streicht seine Robe zurecht. Es schaut über seine Brille hinweg zuerst den Richter an und dann mit geschürzter Lippe den Angeklagten. Der ist wieder dazu übergegangen, nach unten zu schauen. Endlich hat das Gewissen seine Papiere geordnet. “Hohes Gericht" beginnt es, “hohes Gericht, ich verlese
die Anklage gegen den gewöhnlichen Menschen." Es macht eine Pause, in der es wieder den Angeklagten anschaut. Dieser zieht es vor, weiterhin auf den Boden zu starren. Das Gewissen streicht seine Robe glatt. “Hohes Gericht, der gewöhnliche Mensch wird angeklagt, weder sich selbst noch andere, geschweige denn Gott richtig geliebt zu haben." Der Angeklagte hat sich nicht bewegt. “Hohes Gericht, der Angeklagte wird deshalb für schuldig befunden. Ich beantrage die Höchststrafe: Er ist nicht würdig, ein Geschöpf Gottes genannt zu werden. Sein Verweilen hier auf Erden ist sinnlos." Das Gewissen ist sichtbar zufrieden. Es nimmt andere Papiere auf, die vor ihm liegen und erhebt seine Stimme. “Nun, hohes Gericht, die Begründung der Anklage." Ein kurzer Blick zum Richter, der es interessiert anschaut. “Ich, das Gewissen befindet den gewöhnlichen Menschen für schuldig, wiederholt nach Perfektion gestrebt zu haben. Nie ist er zufrieden mit dem, was er gerade erreicht hat. Immer weiter, immer höher, immer schneller,­ immer mehr lautet seine Devise. Das Schlimmste ist, hohes Gericht, dass der Angeklagte sich ständig mit anderen vergleicht, die angeblich schöner, reicher, gesünder, besser, klüger sind als er. Deshalb hat der Angeklagte wiederholt seine Zeit damit verschwendet, anderen nachzueifern, statt seine eigenen Gaben zu erforschen und zu entwickeln." Das Gewissen hat sich in Form geredet. “Hohes Gericht, und wenn der Mensch dann an seine Grenzen kommt, wenn etwas nicht mehr so ist wie er es gewöhnt ist, ist der gewöhnliche Mensch wiederholt von Zeugen dabei beobachtet worden wie er herumjammert und herumlamentiert, anstatt das Unvermeidliche zu akzeptieren oder wenigstens zu kämpfen. Ja, dann sagt er: ’früher ging es mir gut, aber heute geht es mir schlecht.‘ Er ist nicht fähig, mit seinen Grenzen umzugehen. Schon das kleinste Humpeln oder schlechte Augen packen ihn, hohes Gericht, bei seiner Eitelkeit. Deshalb hat es der gewöhnliche Mensch auch verlernt zu danken für das, was er geschenkt bekommen hat, weil er immer nur sehen kann, was er verliert. Und deshalb hohes Gericht" ­hier macht das Gewissen eine bedeutungsvolle Pause “hat es der Angeklagte auch verlernt, Gutes zu tun. Er kann gar nicht mehr für andere da sein, ohne auch damit seine Eitelkeit zu befriedigen. Auch da schaut er auf andere und sagt: ’andere tun nicht so viel wie ich, seht mich an wie viel Gutes ich tue.‘ Streiten hat er ebenfalls verlernt. Gleich geht es immer ums ganze, statt für alle nach einer Lösung zu suchen, geht der Angeklagte direkt zum Angriff über. Er kann seine Gefühle nicht ausdrücken, deshalb ist er immer gleich verletzt, ohne es dem Anderen sagen zu können. Selbst hier kann der Angeklagte nicht über seinen Schatten, über seine Eitelkeit, springen. Dass der Angeklagte keine gute Beziehung zu Gott hat, bedarf keiner Erwähnung. Gott ist für den gewöhnlichen Menschen nur ein Entschuldigungsgrund, denn alles Böse und Nichtverstehbare kann man bequem auf ihn abwälzen. Mit Gott zu kämpfen, so wie es dieser Hiob einmal getan hat, davon spreche ich gar nicht."

Das Gewissen schaut zufrieden in die Runde. Der gewöhnliche Mensch ist nun völlig in sich zusammengesackt. “Angeklagter!" sagt nun der Richter, “was haben Sie zu ihrer Verteidigung zu sagen?" “Ich verteidige mich selbst, das vorweg," sagt der Angeklagte leise. “Ich bin nicht schuldig," sagt er mit einem scheuen Blick auf sein Gewissen, das nur kopfschüttelnd auf seine Papiere sieht. “Die Welt ist schlecht, und das Leben ist schwierig und hart. Und woran soll man sich denn orientieren, wenn nicht an anderen? Und die Krankheiten und die Behinderungen ­- darf man da nicht jammern, wenn es einem schlecht geht, wenn man nicht mehr kann?" Die Stimme des Angeklagten ist fester geworden. “Leben Sie doch mal, Herr
Staatsanwalt, liebes Gewissen, auf dieser Welt. Ja, als Gewissen hat man es leicht. Ich jammere, weil ich älter werde, weil sich Dinge verändern? Jawohl, ich jammere! Sagen Sie mir doch, wertestes Gewissen, was ich sonst tun soll?"

“Wie wäre es für den Anfang", sagt das Gewissen, “wenn Sie sich erst mal selbst lieben würden? ­- Wie wäre es, wenn Sie sich selbst und anderen einmal ihre Gefühle offenbaren würden, wenn Sie ehrlich wären?

“Hohes Gericht, das Gewissen stört meine Verteidigung." – “Stattgegeben."

“Ja, Gefühle äußern!", der Angeklagte verdreht die Augen, “die Anderen drehen einem nur einen Strick daraus!!"

“Ja, ja, immer die Anderen …"

“Ruhe!" sagt der Richter. “Ja" sagt der Angeklagte, “die Anderen. Es ist nämlich alles gar nicht so einfach. Und ich spende schon eine Menge, um das Elend in dieser Welt zu vermindern. Ich tue schon mein Bestes."

“Dein Bestes ist nicht gut genug", ruft das Gewissen, “ohne wirkliche Liebe gelten Deine ganzen Werke nichts, Du kannst Dich ja noch nicht einmal jeden Tag im Spiegel anschauen!"

“Ach ja!?" schreit der Angeklagte zurück, “ich lasse mich von meinem Gewissen nicht duzen. Ich lasse mich nicht verurteilen. Mir ist das alles egal. Es kommt doch eh nur darauf an, sein Leben zu leben, irgendwie klarzukommen."

“Das glaubst Du doch selbst nicht. Du betrügst Dich selbst, wie immer."

Hass erfüllt schauen sich der Staatanwalt und der Mensch in die Augen. Der Richter schaut von einem zum anderen. “Äh, Ruhe! Das Gericht wird sich zur Beratung zurückziehen. Ich beschließe, dass wir einen Moment Pause …"

Weiter kommt der Richter nicht. Zwei Personen betreten den Raum. “Der Mensch mit sich selbst im Gericht. Großartig, es hat sich nichts geändert." Es ist ruhig im Gerichtssaal. “Ich bin übrigens Gott," sagt der Sprecher und setzt sich neben den Richter. Die zweite Person, ein kleiner, unscheinbarer Mann setzt sich neben den Angeklagten.

“Ich übernehme kraft meiner Göttlichkeit dieses Richteramt," spricht Gott. “Ich gebe der Anklage in allen Punkten Recht. Auch ich bin vom Menschen enttäuscht, der Herausforderungen als Anlass zum Jammern sieht. Der immer die Tendenz hat, die Sachen selbst in die Hand zu nehmen, statt Gemeinschaft zu suchen. Der sich selbst nicht lieben kann, und wenn er sich selbst liebt, ist es so übertrieben, dass er für die anderen nichts mehr an Zuneigung übrig hat. Du, Mensch, bist eine jämmerliche Gestallt, da hat Dein Gewissen, da hat der gute Staatsanwalt, Recht. Mein Geschöpf! Meine Güte, wenn¹s doch so wäre. Du hast, mein lieber Mensch die Strafe verdient, die der Staatsanwalt, die Dein Gewissen fordert. Du bist nicht würdig. Aber, bei mir heißt es immer aber, denn ich bin Gott, aber ich plädiere trotzdem für nicht schuldig. Denn Strafe macht macht den Menschen und sein Gewissen nur noch härter gegen sich selbst."

Bei diesen Worten schaut der Staatanwalt nach unten.

“Äh, Paulus", die zweite Person, die mit Gott den Gerichtssaal betreten hat, schaut auf, “Paulus, hast Du den Text dabei?"

Der unscheinbare Mann nickt und sagt: “Du weißt, ich habe ihn nicht selbst geschrieben, sondern ein anderer in meinem Namen, damals an Menschen in Ephesus …."

Gott winkt ab (denn Gott weiß alles). “Lies schon! Lies den Text als Verteidigung des Menschen!

[TEXT]

Es ist wieder still im Gerichtssaal bis Gott seine Stimme erhebt. “Ich bin gnädig, weil ich auf den einen Menschen hoffe: Der sich selbst liebt, um andere lieben zu können. Der andere liebt, nicht um selbst wieder geliebt zu werden. Der mit seinen Grenzen umgehen kann. Der mit mir, Gott, streitet. Der nicht alles hinnimmt, aber trotzdem seine Grenzen akzeptieren kann. Es soll tatsächlich Menschen, die gehen nicht mehr raus, weil sie sich wegen irgendetwas schämen. Weil sie sich sagen: ’Was sollen denn die Leute denken?‘ Es soll tatsächlich Menschen geben, die nicht ihre Gaben entwickeln, sondern die sich selbst in sich zurückgezogen haben und kaum noch leben. Ich aber bin gnädig, weil ich auf den einen Menschen hoffe, der seine Gaben entwickelt. Der nicht dauernd auf andere schaut. Einer, der seine Hoffnung nicht aufgibt, und seine Träume lebt. Wegen diesem einen bin ich gnädig. Wegen diesem einen lasse ich Gnade vor Recht ergehen. Wer ist dieser eine? Ich weiß es nicht, Mensch. Ich weiß viel, ich bin Gott, aber den Einen suche ich jeden Tag. Ich lege aber meine Hoffnung auf Dich, Mensch. Ich hoffe, dass Du es bist. Und weil ich es hoffe, und weil ich hoffe, dass Du, wenn Du es nicht heute bist, dass Du es morgen oder übermorgen bist. Weil ich sehe, dass Du bei allem doch liebenswert bist und dich bemühst, deshalb, nur deshalb spreche ich Dich frei. So sei es.

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