Gemeinschaft

Liebe Gemeinde,

für uns, die wir uns heute am Gründonnerstag in der Kirche treffen, erübrigt sich angesichts dieser Worte eine Einführung. Nur die andere Übersetzung der bekannten Worte lässt uns vielleicht erkennen, dass wir ruhig einmal hinter altbekannte Formeln schauen sollten, um ihren Sinn wieder besser oder sogar neu zu verstehen.

Die Abendmahlsfeier ist ein wesentliches Erkennungsmerkmal der christlichen Kirche überhaupt. Sie hat keinen Sinn, der sich nur aus der Gemeinschaft derjenigen erschließt, die zusammenkommen und am Altar essen und trinken, denn dieses Mahl ist unverwechselbar das Mahl Jesu. Alle Worte, die bei jeder Abendmahlsfeier wörtlich fast identisch wiederholt werden, sind bekannt und zeigen den Bezug zu Jesus selbst. Wir sagen ja auch: Wir sind hier eingeladen an den Tisch des Herrn. Wir stellen uns symbolisch zusammen, um mit Jesus in der Anwesenheit seiner Worte das Mahl zu begehen, das er mit seinen Jüngerinnen und Jüngern gefeiert hat. Das Abendmahl hat keinen Selbstzweck, sondern es ist eine bestimmte Art der christlichen Form der Religion. Dies ist seit Urbeginn fast gleich geblieben.
Trotzdem ist gerade das Verständnis dieser Feiern in der Geschichte der Kirche eine Mitursache für den Streit und die Spaltung, an der wir bis heute auch leiden. Dies macht für mich persönlich die Feier des Abendmahls immer ein wenig schwierig. Unter beiderlei Gestalt, wie es seit Luther heißt, wird die Mahlfeier unverkennbar evangelisch. Doch gibt es auch dabei inzwischen Unterschiede, wie Einzelkelche oder Gemeinschaftskelch, mit Wein oder Saft, Oblaten oder Brot.

Für mich persönlich kristallisiert sich heraus, dass das Abendmahl nicht nur mit Wein, sondern auch mit Traubensaft gefeiert werden kann. Gerade die Worte, mit denen Paulus die Abendmahlsworte überliefert hat, sind für mich dabei wichtig. Denn Paulus sagt mit keinem Wort etwas darüber, was in dem Becher ist, aus dem Jesus trinkt. Es geht ihm gar nicht besonders um das, was gegessen und getrunken wird, sondern darum, dass das Brot gebrochen und geteilt wird und darum dass der Kelch gesegnet und herumgegeben wird.
Weiterhin ist für mich wichtig, dass Jesus wie auch Paulus Juden waren. Um eine Mahlzeit und um die Worte zu dieser Mahlzeit besser zu verstehen, muss man einfach einige Informationen über das Judentum haben. Das ist wichtig zum einen, weil die gewohnten Abläufe der Mahlzeit weder bei Paulus noch in den Evangelium miterzählt werden. Sie sind hier einfach als bekannt vorausgesetzt. Dies ist dann auch deshalb wichtig, um die Worte Jesu gerade in ihrer Abwandlung oder Verkürzung gegenüber den ursprünglichen Vorgaben zu verstehen. Das Dankgebet, dass beim Teilen des Brotes erwähnt wird, wird ja überhaupt nicht näher ausgeführt, sondern einfach als bekannt vorausgesetzt. Wie kaum bei einer anderen Gelegenheit wird hier deutlich, dass sich das Christentum unmerklich aus der jüdischen Religion heraus entwickelt hat und anfangs sicher nur eine besondere Form des Judentums war. Selbst die Begriffe, die Jesus für uns so prägnant überliefert hat, haben ihren tiefen Ursprung in den jüdischen Mahlzeiten und deren Deutung. Hierbei wird in der Vergangenheit immer wieder der Fehler gemacht, diese Mahlzeit ausschließlich als Passahmahl zu deuten und das Blut, das erwähnt wird, etwa von dem Tierblut herzuleiten, mit dem die Israeliten den Schutz vor den ägyptischen Plagen gegen den Pharao erhalten haben. Auch wenn hier sicherlich auch das Passahmahl eine Rolle spielt, ist das Abendmahl schon von der Mahlzeit her verständlich, die vor dem Sabbat und vor dem Festtag gegessen wurde.

Dieses feierliche Essen ist bis heute ein wichtiger Teil der jüdischen Religion. Es hat seinen Ort nicht in der Synagoge, sondern im Haus der Familie. Freunde und Verwandte sind einbezogen. Am Anfang spricht der Hausvater das Dankgebet. Man müsste es einfach das Tischgebet nennen. Dann reicht er das Brot herum, oder er teilt für jeden Essenden ein Stück Brot. Wenn der Kelch hochgehoben wird, spricht er dazu ein besonders festgelegtes Segenswort, dass immer daran erinnert, dass Gott den Bund mit seinem Volk eingegangen hat. Der Bundesgedanke des Abendmahls kommt also ebenfalls aus dem Judentum. Deshalb übersetze ich also grundsätzlich das Wort Testament mit Bund, auch wenn hier von einem neuen Bund die Rede ist. Dieser neue Bund ist ebenfalls ein Teil der jüdischen Religion, denn sie ist sich in ihrer Mitte sicher, dass Gott sich eben selbst immer wieder an sein Bundesversprechen erinnert und den Bund mit seinem Volk erneuert.

Damit habe ich aber nun nicht gesagt, dass das Abendmahl eben nur eine andere Form der jüdischen Mahlzeit ist, die nur mit Jesu persönlichen Worten gedeutet wird. Das Abendmahl ist schon nach seinem Tod am Kreuz zu einem unverwechselbaren Bestandteil der neuen christlichen Religion geworden. Aus einfachen Handlungen wie einer Waschung zu Beginn, der Taufe und einer immer wiederkehrenden einfachen Mahlzeit werden die Grundsäulen der neuen Religion, dieser Religion deren Mittler der Gekreuzigte bildet, der gestorben ist und um den getrauert wird, der auferstanden ist und nun in diesen geistlichen Zeichen gegenwärtig ist.

Ich möchte um der Klarheit willen in unserem Predigttext drei verschiedene Rollen unterscheiden. Ich möchte zuerst über Paulus reden, der diese Worte ja in den Brief an die Gemeinde in Korinth gesetzt hat. Ich möchte über Jesus reden, dessen letzte Mahlzeit vor seiner Auslieferung hiermit überliefert ist. Und ich möchte über die Menschen reden, die hier als diejenigen angesprochen sind, die essen und trinken und dabei an Jesus denken, also an die christliche Gemeinde bis auf den heutigen Tag.

Paulus hat mit dieser Gemeinde in Korinth Schwierigkeiten. Es gibt verschiedene Richtungen, weil hier verschiedene Menschen oder Gruppen zusammen kommen. Das mag man als besonderes Gemeindeproblem ansehen. Das ist es aber schon deshalb nicht, weil die gesamte christliche Kirche für jeden Menschen offen ist, nicht nur Juden, sondern auch Heiden anspricht und damit für die unterschiedlichsten Voraussetzungen offen sein muss. Keine Nationalität, keine soziale Stellung, kein Geschlecht, keine Rasse ist Vorbedingung, um am Tisch des Herrn Platz zu nehmen. Darin liegt ja bis auf den heutigen Tag der ungeheure Reichtum der christlichen Religion. Wir haben trotz aller Verschiedenheit eine gemeinsame Mitte, das ist die Person Jesus Christus und ihr Glaube an Gott, der auch unser Glaube ist. Im Brief des Paulus an die Korinth deutet sich schon die Geschichte der Kirche an, die zur Zersplitterung und Aufspaltung geführt hat. In einer Gemeinschaft, die keine Standesvoraussetzungen kennt, können die Unterschiedlichkeiten von Armen und Reichen dennoch zu Problemen führen. Was bezweckt Paulus nun mit der Nennung der Abendmahlsworte gerade auf diesem Hintergrund? Nun hier haben gerade die Mahlfeiern zu den Streitigkeiten geführt. Anstelle zu mehr Gemeinschaft zu führen, legten sie die Unterschiedlichkeiten nur zu Tage. Die einen aßen ihr Mitgebrachtes, die anderen hatten nichts, und bekamen höchstens die Reste. Es gab kein wirkliches Gemeinschaftsmahl. Da die Gemeinde die Unterschiede von Armen und Reichen nicht aus der Welt schaffen konnte, musste sie einen Umgang damit finden, der zumindest im Raum der Kirche zu Gleichbehandlung und Gerechtigkeit führte. Dadurch entwickelte sich das Abendmahl zu eine symbolischen Mahlzeit. Die Zeichen von Brot und Wein, schlicht und einfach, und die Worte Jesu konnten nun mehr bewirken, als die Vision eines Gemeinschaftsmahles, dien letztlich an der sozialen Wirklichkeit zerbrach. Paulus schränkte nun die Bedeutung des Mahles ein, indem er in wenigen Worten schildert, was als Mahl des Herrn zu verstehen ist. Natürlich ist eine weitere Ausgestaltung denkbar, denn diese Worte lassen sich von vielen Elementen her mit Sinn füllen. Aber dieser Kern muss dabei sein, wenn eine gottesdienstliche Mahlfeier ein Abendmahl genannt werden soll. Die Gemeinschaft, die durch diese Mahlzeit entsteht und auch als schon vorhanden sichtbar gemacht wird, ist immer eine Gemeinschaft um und mit Jesus. Jesu ist die Mitte der Gemeinde. Die christliche Gemeinde ist eine Gemeinde, in der Jesus immer dabei ist, in Worten und in Zeichen. Aus der Verbindung mit ihm wächst die Gemeinschaft untereinander. Jeder und jede bleiben in seinem und ihrem Stand. Aber dieser Stand spielt keine Rolle. Am Tisch Jesu bekommt jeder den gleichen Anteil, weil jeder ein geliebtes Kind Gottes, des himmlischen Vaters ist und weil jedem als Bruder und Schwester Jesu der Platz am Tisch des himmlischen Reiches versprochen ist. Hier kommt auch die Bedeutung des Todes Jesu ins Spiel, die Paulus verkündigt: Den Sündern ist vergeben, sie sind von Gott gerecht gesprochen. Denn der Platz am Tisch Jesu ist ihnen versprochen, wenn sie bereit sind, sich auf Gott einzulassen. Und vor Gott sind doch alle auch irgendwie Sünder. Die Verbindung zu Gott wird durch Jesus vermittelt und nicht durch die eigene religiöse Leistung.

Damit komme ich zu Jesus, von dem ich ja schon aus der Sicht des Paulus indirekt gesprochen habe. Jesus war Jude und hat die jüdischen Mahlzeiten nicht nur mit seinen Jüngern, sondern auch mit Zöllnern und Sündern gehalten. Nach den Worten der Evangelien wurde ihm dies ja gerade von seinen religiösen Gegnern vorgeworfen, dass er die Standesregeln so missachtete. Der Grund dafür war ja noch ärgerlicher: Das Reich Gottes ist mit seinem Kommen angebrochen. Jede dieser Mahlzeiten ist schon ein Zeichen der Gegenwart des himmlischen Vaters. Wo Jesus die Menschen um sich sammelt, die um seiner Verkündigung willen und seiner heilenden Taten zu ihm kommen, ist die Gegenwart des Reiches Gottes da. Jesus spricht: „Das ist mein Leib für euch.“ Mehr steht im griechischen Urtext nicht. Jesus bricht das Brot und verteilt es. Jeder Mensch, der an ihn glaubt bekommt damit Anteil an ihm selbst, an seinem Leib. Das Teilen des Brotes ist ein Zeichen der Verbindung untereinander. Dafür gibt es auch andere Beispiele. Diese zwischenmenschliche Verbindung bezieht Jesus auf sich als demjenigen, der aus dem Geist Gottes lebt und der anderen davon weitergibt. Jesus teilt sich mit, er lebt für andere, opfert sich in letzter Konsequenz und stirbt damit nicht anders, als er gelebt hat.

Er hebt den Kelch hoch und sagt: „der neue Bund in meinem Blut.“ Das Wort Blut ist eine sprachliche Falle, weil hier jeder sofort an das vergossene Blut der Gewalt denkt. Im jüdischen Denken ist vom alten Testament her allerdings das Blut der Sitz des Lebens. Das Blut ist heilig, weil Gottes Lebensgeist im Blut ist. Der Spruch heißt als, wenn man die Symbole zurückübersetzt: Jesus sagt: in meinem Leben ist der neue Bund mit Gott schon da. Das ist dasselbe wie: Das Reich Gottes ist mitten unter uns.

Das ist die Verkündigung, mit der schon durch Jesus die neue Gemeinde begonnen hat. Für uns Christinnen und Christen ist Jesus der Maßstab, sein Leben seine Gegenwart. Das Abendmahl erneuert diese Gemeinschaft. Das ist mehr als ein Gedächtnismahl, auch wenn Jesus selbst im Blick auf seinen Tod sagt: „Dies tut zu meinem Gedächtnis.“ Jesus, der Messias ist da, ist unter uns lebendig.

Damit ist die Gemeinde im Blick, die Gemeinschaft derjenigen, die das Abendmahl feiern. Ich möchte die Deutung des Paulus und die Deutung Jesu nicht gegeneinander ausspielen, denn sie treffen sich. Das was für Jesu Leben gilt, muss auch für seinen Tod gelten. Das Abendmahl ist mehr als ein Vermächtnis, aber Jesus ist gegenwärtig, ist damit in diese Feier hinein auferstanden. Die Auferstehung des Gekreuzigten ist kein unheimliches Mysterium, sondern eine Erfahrung derjenigen, die diese Worte Jesu in der gleichgestalteten Mahlzeit wiederholen. Jesu ist in ihrer Mitte. Der Bund mit Gott wird durch ihn erneuert, weil er durch seinen Tod erneuert worden ist.

Pfarrerinnen und Pfarrer sind bei der Wiedergabe der Abendmahlsworte Vertreter des Paulus, weil sie die Worte sprechen, die überliefert sind und die so gesagt werden müssen, wie sie einst von Jesus gewagt worden sind. Gleichzeitig vertreten wir auch den lebendigen Jesus, der seinen Tod durch die Einladung des Mahles im Voraus gedeutet hat. Das Teilen des Brotes und die Erneuerung des Bundes nehmen alle Menschen, die sich einladen lassen auf den neuen Weg des Reiches, mit dem Gott seine erneuernde Liebe verschenkt.

Im Empfangen des Brotes und im Segnen des Kelches wächst eine Gemeinschaft, die keine Opfer mehr braucht. Jesus lebt in den Zeichen der Gegenwart des Lebendigen, in der Liebe, in der Vergebung, in der Überwindung von Standesgrenzen und in der Anerkennung dessen, dass vor dem Schöpfer des Himmels und der Erde alle Menschen gleich sind und alle Menschen eingeladen sind zu einem Leben in der Gegenwart des lebensschaffenden Gottes.

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