Gemeinsam unter Gottes Verheißung

<b>1. Einleitung: Israelsonntag. Aktualität. Antisemitismus</b>
Liebe Gemeinde!

Heute, der 10. Sonntag nach Trinitatis ist, wie schon gesagt, Israelsonntag. Ein Gottesdienst, in dem wir an unsere Geschwister im Glauben denken, an ihre Geschichte und wie sie mit unserer Geschichte verwoben und verbunden ist. Besondere Aktualität hatte dieses Thema erlangt als im letzten Oktober der Fuldaer Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann durch ungeschickte Formulierung den Eindruck erweckt hat, er stelle das jüdische Volk im Zusammenhang des zweiten Weltkrieges neben die Deutschen als „Tätervolk". Da er dieses unerträgliche Missgeschick nicht einsehen und zurücknehmen wollte, wurde er erst kürzlich sogar aus der CDU ausgeschlossen. Am meisten erschreckt hat mich allerdings an diesem Fall, die überaus hohe und breite Zustimmung in der Bevölkerung: Der hat doch recht. Endlich sagt mal jemand was. Erschreckt hat es mich deshalb, weil ich wirklich dachte, normal denkende Menschen, hätten den Antisemitismus, den latenten Hass auf die Juden, die gängigen Vorurteile längst abgebaut und all das würde sich nur noch in stumpfen, kahlrasierten Schädeln finden. Da wurde ich eines besseren belehrt.

<b>2. Das menschliche Bedürfnis nach Überlegenheit</b>
Warum ist das wohl so, dass sich diese Vorurteile so hartnäckig, wenn auch eher unterschwellig so lange halten? Anscheinend ist es im Menschen verankert, dass er immer jemanden sucht der verantwortlich ist für seine Misere oder er will auf Kosten anderer herausstellen, dass er den „guten" bzw. „besseren" Weg gewählt hat. Ich erinnere nur an den ersten biblischen Mord, an den Brudermord Kains an Abel. Auch hier ging es um den vermeintlich besseren Weg und die Eifersucht, wer wohl eher Gott gefiele. Mit den Juden ging das ja schon durch die ganze Geschichte hindurch, dass sie in vielen Ländern diskriminiert und verfolgt wurden. Leider ist daran auch ein falsch verstandener christlicher Glaube mit Schuld gewesen. So wurden immer auch biblische Texte herangezogen, um die Überlegenheit des christlichen Glaubens gegenüber dem Judentum hervorzuheben. Und tatsächlich finden sich auch in der Bibel viele antijüdische Passagen. Johannes, Matthäus, Paulus und all die anderen mussten sich in ihrer Zeit profilieren und abgrenzen gegen die vorherrschende Religion und die Gemeinden stärken, in ihrem neugewonnen Glauben. Allerdings wurde da nie von einem Hass geredet oder einer pauschalen Verurteilung des Volkes Israel. Es ging immer nur um die Abgrenzung in der Lehre und im Glauben. Das andere haben die Menschen erst daraus gemacht.

Zum Beispiel auch mit dem heutigen Predigttext, obwohl gerade der eigentlich zeigt, wie viel Hochachtung Paulus vor dem Judentum hatte, dem er ja schließlich entsprang, wie auch Jesus.

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<b>4. Paulus leidet und weiß um das jüdische Erbe</b>
Liebe Gemeinde, man spürt dem Paulus seinen Herzschmerz ab. Er würde sich nichts sehnlicher wünschen, als dass seine jüdischen Geschwister doch auch erkennen könnten, dass der Messias, auf den alle warten, in Jesus Christus gekommen ist, die Befreiung aus Angst, Schuld und Tod. Große Schmerzen leidet Paulus, weil er weiß, worauf der christliche Glaube steht, nämlich komplett auf dem jüdischen Erbe. Jesus Christus macht den Gott offenbar, der sich den Israeliten am Sinai offenbart hat. Niemanden sonst. Die Israeliten wurden zuerst die Kinder Gottes genannt, der Lichtschein Gottes, seine Herrlichkeit führte das Volk Israel aus Ägypten in die Freiheit, ihnen wurde das Gesetz, die zehn Gebote und der Bund mit Gott am Sinai gegeben. Ihnen wurde aufgetragen Gott im Gottesdienst zu verehren und ihnen wurde die Verheißung gegeben, dass Gott eines Tages alles zum Guten kehren wird, dass eines Tages der Heilbringer mit allem Unfrieden, aller Ungerechtigkeit und allem Unheil Schluss machen wird, dass eines Tages Gott alles in allem sein wird. Paulus beschreibt weiter, dass auch die Erzväter (und –mütter) im Glauben, Abraham, Isaak und Jakob, sowie Sara, Rebekka, Rahel und Lea aus diesem jüdischen Volk kommen, dem Volk der Verheißung, dem Volk, das auch Jesus hervorgebracht hat. Das ist der Boden auf dem wir stehen. Und obwohl Paulus sich gegen das Judentum abgrenzt in Glaubensfragen, z.B. in der strengen Befolgung des Gesetzes und dem davon Abhängigen Heil bei Gott, weiß er um die geschwisterliche bzw. verwandtschaftliche Verbundenheit mit dem Volk der Verheißung Gottes und leidet darunter, dass die Kinder Israels Jesus nicht als Messias sehen können.

Weil wir so eng mit dem Judentum verbunden sind – der erste Teil unserer Bibel ist auch ihre Bibel – darum kann sich gerade das Christentum nicht über Israel oder die Juden erheben. Natürlich haben wir als Christen eine andere Sicht der Dinge, gerade was den Retter der Welt, den Messias angeht und alles was daraus folgt. Aber wir brauchen deswegen nicht Angehörige anderer Religionen zu verachten. Wir brauchen nicht für wahr halten, was andere für wahr halten. Wir sollen aber, und das ist ganz klar Jesu Wille, andere in ihrem Leben und Glauben und Denken, achten. Dazu kommt, dass gerade wir Deutschen aufgrund unserer Geschichte eine besondere Verantwortung haben, dass niemand weder aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe, noch zu einer bestimmten Religion verfolgt wird. So ist es auch in unserem Grundgesetz und der Verfassung festgelegt.

<b>5. Kinder der Verheißung</b>
Wie kriegt Paulus das jetzt hin, dass er von seinem Glauben an Jesus Christus und seiner Befreiung von Angst, Schuld und Tod reden kann und dennoch voller Achtung vor seinen jüdischen Ursprüngen und Geschwistern deren Glauben würdigt. Er argumentiert biblisch, wie Theologen seiner Zeit, indem er den Begriff „Kinder der Verheißung" einführt. Kinder der Verheißung sind Gottes Kinder. Dabei geht es im Hintergrund um die beiden Söhne Abrahams: Ismael, hervorgegangen aus der Verbindung zwischen Abraham und der Magd seiner Frau Sara. Da wollten die beiden Erzeltern der Verheißung ein bisschen nachhelfen. Auf der anderen Seite der Stammvater Israels, Isaak, leiblicher Sohn der beiden hochbetagten, Sohn der Verheißung, der versprochene Sohn.

Paulus sagt nun: Nicht die leibliche Abstammung ist entscheidend dafür, ob man Gottes Kind ist, sondern ob man Kind der Verheißung ist. Das bedeutet, alle die sind Gottes Kinder, die im Glauben die Verheißungen Gottes annehmen und nach ihnen leben. „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja" sagen wir immer nach der Schriftlesung im Gottesdienst. Alle Menschen, die sich dem Glauben an Gott öffnen, sind Kinder der Verheißung, sind Kinder Gottes. Und damit sind es nicht nur die Israeliten, die zuerst Kinder Gottes sind und bleiben. Damit steht allen Menschen das Reich Gottes offen.

<b>6. Kinder der Verheißung werden wir durch Gottes Gnade.</b>
Kinder der Verheißung werden wir durch Gottes Gnade. Das wird von Paulus noch einmal hervorgehoben, durch den letzten Absatz. Gott sagt: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Und dann kommt dieser Satz von Paulus, den man in diesen Tagen keinem Sportler bei der Olympiade in Athen sagen sollte: So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Die Gnade Gottes, seine Liebe ist maßgeblich, ob wir seine Kinder sind oder nicht – und seine Liebe ist grenzenlos. Paulus weiß darum, dass Gottes Leistung unserer Leistung weit vorausgeht. Im Allgemeinen kann sich erst mal niemand seine leiblichen Eltern aussuchen. Diese Kindschaft wird uns geschenkt, genauso wie der Glauben und unsere Zugehörigkeit zu Gott. Was wir danach allerdings selbst entscheiden müssen, sobald wir mündig sind, ist ob es auch nach Außen sichtbar wird, wes Geistes Kind wir sind.

Aber ob wir Gottes Kinder sind oder nicht, das entscheidet die Gnade Gottes, weder eine religiöse Norm noch andere Menschen. Allein und zuerst in seinem Ermessen liegt unsere Zugehörigkeit zu ihm und unser Anerkanntsein bei ihm.

<b>7. Schluss: Wir stehen als Juden und Christen gemeinsam unter der Verheißung Gottes.</b>
Das alles, liebe Gemeinde, führt zu dem Schluss, dass wir als Juden und Christen gemeinsam unter der Verheißung Gottes stehen. Seite an Seite mit unseren jüdischen Geschwistern und Vorfahren im Glauben, strecken wir uns aus nach Erlösung, nach dem Heil der Welt, nach Frieden, nach Gerechtigkeit und Versöhnung, nach dem Messias, dem Heiland. Auch wir als Christen sind noch auf dem Weg und strecken uns aus nach Gottes Reich. In der Hoffnung, dass die ganze Welt sich Gott zuwenden und heil werden möge, dass Gott alles in allem ist, sind wir mit den Juden verbunden. Im Gottesdienst, in unseren Lesungen und Psalmen nehmen wir jüdische Tradition auf.

Wer das erkennt, wird sensibel und liebevoll mit unseren jüdischen Geschwistern umgehen und wird keine dumpfen Vorurteile durch unbedachte Reden schüren. Wer das erkennt, wird um seine Freiheit im Glauben an Jesus Christus wissen und sie wird ihn oder sie auch zur Achtung anderer Wahrheiten und Religionen führen.

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