Gehe vor – ich folge dir …

Gehe vor – ich folge dir … (EG 384,1) – so haben wir gesungen. Nachfolge Jesu – keine leichte Sache!

Heimatlos – nicht gesellschaftsfähig – beziehungslos – so soll ich leben als Jünger, als Nachfolgende? – Nein danke!

Nur eins stimmt mich zunächst versöhnlich mit dem heutigen Predigttext: Jesus versucht nicht, mich zu überreden. Im Gegenteil – er sagt, wie es ist oder sein könnte. Er redet nichts schön. Er wirbt nicht um mich. Das macht glaubwürdig.

In unserer Bibelwerkstatt am vorvergangenen Freitag waren wir erschüttert über die drei Beispiele, die der Bibeltext anführt.
Aber immerhin: unser Hauptproblem mit der „Nachfolge“ – nämlich die Frage nach der Autorität des Anführers – diese Anfrage scheint Jesus zu bestehen:
Einer der nicht wirbt für seinen Weg, der nichts schönfärbt, sondern eher abschreckt – der wird zumindest kein hinterhältiger Seelenfänger sein!

Wie stehts nun mit der Nachfolge? Im Lied haben wir gesungen: „… immerfort zum Himmel reisen, irdisch noch schon himmlisch sein …“. Das erfasst ja ganz gut den Bibeltext. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, das hören wir an anderer Stelle von Jesus.

Der Welt also entfliehen? In diesen Tagen möchte ich das manchmal. Das alles nicht mehr sehen, diese Bomben auf Bagdad, Berichterstattung, die nichts mit Wahrheit zu tun hat, sondern immer schon selbst Kriegsgeschehen ist.
Erdrückendes Wissen um Menschen, die sterben oder sterben werden.
Menschen die wir nicht kennen und die doch sind wie wir. Menschen mit Sehnsucht nach einem Leben in Frieden und Sicherheit. Aber was wir sehen und hören ist Krieg. Ein Krieg, der diese Welt wesentlich verändern wird.

Der Welt entfliehen – es geht nicht, denn wir leben in ihr. Wenn wir verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger sind – und das sind wir als Christen, dazu sind wir befähigt und aufgerufen – dann stellen wir uns dieser Welt.

Wie also christlich leben? Wie nachfolgen?

Jesus gibt drei schroffe Antworten mit drastischen Beispielen, die ganz unsere weltliche Perspektive in den Blick nehmen:

Jesus beschreibt eine grundsätzliche Heimatlosigkeit: „Die Füchse haben Gruben, die Vögel Nester; der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege“. Vielleicht hat Jesus mit dem „Fuchs“ auf Herodes angespielt – manche nannten ihn „den Fuchs“. Nein, in Palästen wohnte Jesus nicht und er hat auch nicht das Leben eines sesshaften Familienvaters geführt.
Ich denke aber auch nicht, dass Jesus grundsätzlich das Streben nach Geborgenheit und Sicherheit verdammt hat. Es ist nicht verboten, sich das eigene Nest zu bauen auf Erden.
Jesus warnt aber davor, die eigene Sicherheit über alles andere zu stellen. Er relativiert die Begriffe „Heimat“ und „Familie“. „Heimat ist im Himmel“, so wussten die ersten Christen, als sie auf Erden verfolgt und gedemütigt wurden und an der Welt litten. Sorge um Materielles tritt dann in den Hintergrund.
Und Jesus sagte: „Familie“ ist da, wo der Wille Gottes geschieht. Damit öffnete er Grenzen und durchbrach enge Konventionen.

Das 2. Beispiel bezieht sich auf gesellschaftliche Konventionen: Einer will seinen Vater begraben. Jesus aber weist an: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes.“
Natürlich beerdigen wir zuerst unsere Eltern – keiner wird uns davon abbringen.
Im Judentum war das eins der obersten Gebote der Sitte und des Anstandes.
Für uns ist es ein Trost und guter Abschluss unseres Kindseins. Wenn Jesus sagt: „Lass die Toten ihre Toten begraben und lebe – verkündige das Reich Gottes“, dann wirkt das distanziert und kühl. Er fordert die Loslösung von Konvention und Sitte – eine Loslösung, die bis ins Mark erschüttern kann.

Ich denke nun nicht, dass wir um Jesu Wort willen jeden gesellschaftlichen Kodex über Bord werfen sollen, uns innerlich verbiegen um Jesu willen. Das Beispiel Jesu ist aber so deutlich gewählt, dass wir begreifen können, dass es notwendig ist, Sitte und Anstand auf die lebenspendenden Kräfte hin kritisch zu hinterfragen. Tot und Leben kompromisslos gegenüberstellen – hier liegt die Wurzel zum zivilen Untergehorsam.

Das 3. Beispiel bezieht sich auf den Umgang mit den Beziehungen, die unser Leben prägen.
Liebe Gemeinde, es ist nötig, dass wir Abschied nehmen – immer wieder. Wie sollte sonst etwas Neues beginnen? Wir nehmen Abschied von Menschen und Situationen, von Versagen und Schuld unserer Eltern, von der Geborgenheit der Kindheit, von Lebensphasen, um in eine neue Zeit voranzuschreiten. Wir nehmen Abschied und immer nehmen wir auch etwas mit. Merkwürdig, dass Jesus das kritisiert! Andererseits hat sein Beispiel Logik: Jesus sagt: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“
Ja, wer pflügt muss nach vorne sehen, sonst wird er abgelenkt – dann wird die Ackerfurche schief. Offenbar war die Welt, die Jesus kannte, dem Reich Gottes so fern, dass er sie nur als Ablenkung begreifen konnte. Es ist so, als wenn wir aus unserer Vergangenheit etwas unverarbeitetes mitschleppen, was sich immer wieder dem Weg quer stellt.

Und doch – nach diesen drei Beispielen, die uns vorgeführt werden: Ist der Wunsch nach Heimat, nach Sicherheit in den Regeln der Gesellschaft, nach vertrauter Beziehung – ist das alles nicht geradezu konstitutiv für unser Menschsein? Wer könnte radikal nachfolgen, wenn Jesu Anspruch wahr ist?

Es beruhigt mich, dass – bei näherem Hinsehen – Jesus selbst, nach dem was wir von ihm wissen, der radikalen Nachfolge nicht gerecht wurde.
Er hat durchaus Geborgenheit im Elternhaus gekannt. Immer wieder hat er gute Freunde und auch Freundinnen aufgesucht, bei denen er Heimat fand.
Die Beziehung zu seiner Mutter war trotz großer Distanz während seiner Wirkungszeit am Ende sehr innig. Und auch er zögerte in der Nacht vor seiner Ergreifung und Hinrichtung – bat Gott um Aufschub: Lass den Kelch an mir vorübergehen! Jesus war kein Fanatiker, wie der Evangelist Lukas uns fast weismachen will. Ihm nachfolgen, das soll keine Anstrengung sein, die Menschen wider ihre Natur verbiegt. Nachfolge ist keine Selbstverleugnung und keine Verkrümmung auf Christus hin. Sie hat Freiwilligkeitscharakter.

Wenn wir davon ausgehen, dass Jesu Worte darauf zielen, Nachfolge zu ermöglichen und nicht zu verhindern, dann ist es gut, seine Worte nicht als eine Gebrauchsanweisung zu verstehen, sondern als die Beschreibung eines Kreuzweges. Nicht werbewirksam aber letzlich doch lebensnah – wahrhaftig.

Nachfolgen ist Teilhabe am Leid des Einen und der Vielen:
Teilhabe an Heimatlosigkeit, Gesellschaftsunfähigkeit, Beziehungslosigkeit. Nachfolge Jesu macht sensibel für die, die am Rand stehen und spricht besonders das in uns an, was in uns randständig, unfertig, unzumutbar, schwierig ist. Das alles, was in uns abgebrochen ist, das soll ins Reich Gottes mit einziehen und ganz werden! Wer Jesus nachfolgt, nimmt Anteil am Leiden in dieser Welt und taucht zugleich ein in den „Strom der Vergebung und Befreiung“. (M.Kock)

Jesu Weg scheint fremd und unheimlich, reißt heraus aus Geborgenheit. Aber auf der anderen Seite befähigt er zu der neuen Erfahrung, dass materielle Sicherheit nicht einzig selig machend ist in diesem Leben: Angst um den Verlust unserer Sicherheit – das kennt fast jeder Mensch – und gerade das hat seinen Ort bei Gott!

Der Bruch mit vertrauten Beziehungen, unter dem wir oft so schwer leiden in unserem Leben: wenn wir loslassen müssen, was wir halten wollen – dieser harte Bruch eröffnet, wenn wir das Abbrechen ernst nehmen, immer die Chance zu neuem Leben.

Die erlebte Geschichte vermittelt uns Halt und Sicherheit und dennoch braucht die Zukunft den Blick nach vorn, besonders wenn wir mit der Vergangenheit Schuld und Versagen, Verletzungen und Unversöhntes mit uns schleppen. Wie gut ist da der Blick nach vorn! Nicht alles in unserer Vergangenheit lässt sich abschließend bearbeiten und klären.

„… immerfort zum Himmel reisen, irdisch noch schon himmlisch fern…“ – Ist Nachfolge Weltflucht? Nein, Jesus nachfolgen heißt: die Welt erkennen und „Welt“ sein lassen und in ihr verantwortlich leben in der Gewissheit, dass Gottes Reich die Sorgen, Ängste und die Not dieser Welt und auch ihre Freuden und Möglichkeiten in sich aufnimmt und zum guten Ende wendet.

Ich ende mit den Worten des Theologen Eberhard Jüngel:
„Wer Jesus folgt, ist ganz und gar für das Leben da."

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