Geber und Gabe zugleich

Liebe Gemeinde,

das Wasser, das Jesus spendet, stillt den Durst für immer. Es stillt den Durst nach Leben, nach Geborgenheit, Angenommensein und Liebe. Dazu ist eine sehr persönliche Begegnung mit Jesus notwendig. Das geht unmöglich über mehrere Stationen. Jesus, wird dabei für selbst uns Gesprächspartner.

"Gib mir zu trinken!" sagt Jesus zu der Frau. Sie wundert sich, aber sie hat verstanden. Jetzt kann das Gespräch beginnen. Das Wasserschöpfen wird zum Anlass, zu reden über Lebensdurst und Lebenssehnsucht. Genau darauf spricht Jesus sie an: "Wer von diesem Wasser trinkt, der wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, der wird in Ewigkeit keinen Durst mehr haben, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle werden, deren Wasser bis ins ewige Leben quillt."

Mitten im Alltag, in einer Begegnung zwischen zwei Menschen, brechen Lebensfragen auf. Der Durst nach Wasser in der Mittagssonne verweist auf das, was unter der Wasseroberfläche liegt, unter den alltäglichen Geschäften, mit denen Menschen ihr Leben zubringen, auf ihren Durst nach Leben, auf die Jugendträume, die sie einmal hatten. Auf die Quelle der Sehnsucht, die unter der Zufriedenheit noch nicht ganz versiegt ist. Manchmal spüren wir eine verschüttete Quelle unter ausgedörrtem Land, einen ungeheuren Durst nach Leben.

"Der Durst ist nur die Oberfläche", sagt Jesus. "In dir selbst kann sich eine Quelle auftun, die deinen Durst nach Leben stillt. Aber du musst sie selbst entdecken, damit es auch deine Quelle ist." Sicher gibt es Gründe, warum sie verschüttet ist, schmerzhafte vielleicht, enttäuschte Hoffnungen, schlimme Erlebnisse.

Menschen haben ganz eigene Möglichkeiten, sich zu betäuben, sich abzulenken. Eins aber ist sicher: Wir können unseren Lebensdurst betäuben, verdrängen, uns ablenken, los werden wir ihn nicht. Er kommt wieder. Jesus will unseren Durst stillen, für immer.

Jesus führt diese Frau am Brunnen Stück für Stück näher an sich heran. In seinem Licht erkennt sie, wer sie wirklich ist. Sie findet durch dieses Gespräch völlig und ganz zu sich selbst und damit zugleich zu Gott.

Es gibt auch sehr äußere Dinge, die uns zuerst auffallen. Sie ist eine Frau. Jesus bricht das Tabu, mit einer Frau als Mann nicht zu sprechen. Sie ist eine Frau mit einer bewegten Lebensgeschichte. In den Augen der Religion eine Sünderin. Jesus nimmt sie an, indem er mit ihr spricht. Sie ist eine, die nicht zum Volk der Juden gehört. Da gab es einen tiefen Graben zwischen den Juden und Samaritanern. Jesus bricht das Tabu der geschichtlich gewachsenen Verachtung der anderen.

Jesus verzichtet darauf, die Frau zu bearbeiten, um sie so vielleicht auf seine Seite zu ziehen. Er vermeidet es, sie mit Religion und Ideologie vollzureden. Der Glaube an Gott kommt nicht aus religiös verschleierter Moral und Weltanschauung. Er kommt aus dem ganz persönlichen Zeugnis. Das muss sich als Wort Gottes, als Gabe und Gnade erst für den einzelnen Hörer erweisen. Nicht Überzeugungsarbeit, sondern Bekenntnis ist notwendig. Dass unser Bekenntnis heute anderen Menschen Glauben bewirkt, liegt ganz allein bei Christus. Er schließt sich den Menschen dann auf, wann und wo er es will. "Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist." (Joh 3,8)

Wie wenig strahlen wir etwas davon aus, was Christus uns gegeben hat. Wir halten uns an Vordergründigem auf. So beharren wir auf unnötiger Moral, hemmenden Vorschriften, großen Einschränkungen, und frommen Festschreibungen. Wir legen wieder einen Zaun des Gesetzes um uns herum an, mit dem wir uns ein und andere ausgrenzen. Gerade das, was Jesus überwunden hat, führen wir nun wieder ein. Dabei brauchen wir nicht auf den Papst mit seiner lebensfeindlichen Moral schauen. In der evangelischen Christenschar tummeln sich genug, die die Sünder hassen und für andere die Hölle bereit haben.

Jesu Liebe durchbricht alle Schranken des Herkunft, der Vorzüge, die die einen gegen die anderen zu haben meinen, der sozialen und religiösen Stellung. Christus kommt auch zu den ganz anderen.

Diese Brunnengeschichte macht deutlich: Wir sind alle voneinander abhängig. Wir brauchen einander, damit wir uns das Wasser zum Leben und das Wasser des Lebens reichen. Das wirkt sich auf das Zwischenmenschliche aus.

Von unserer Bedürftigkeit her macht Jesus deutlich, dass wir noch eine ganz andere und meist unterschätzte Bedürftigkeit haben. Ich habe sie schon mehrmals wie einen roten Faden den Gedanken gesagt: Es ist unser Durst nach dem Leben, nach Ziel und Sinn unseres Lebens. Es ist unser Durst nach Liebe, Geborgenheit, Angenommensein. Jesus ist der Geber und zugleich die Gabe. Es bedarf des Lebens aus Gott, um unseren Durst nach Leben zu stillen. Er ist das Wasser des ewigen Lebens, aus dem wir schöpfen können. In ihm darf ich meiner wirklich gewahr werden, als in Ewigkeit geliebt und angenommen sein.

Die Frau hat gefunden und lässt ihren Wasserkrug zurück. Was früher so wichtig schien, hat seine Bedeutung verloren. Jesus erhellt die Vergangenheit. Sie hat aus der Quelle des Lebens getrunken und ist nun selbst zur Quelle des Lebens geworden, von der sie anderen sofort weitergibt.

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