Ganz im Ernst: wie geht es Ihnen?

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

wie geht es ihnen heute morgen? Dumme Frage, werden sie vielleicht denken. Wir wollen uns nicht darüber über unterhalten, was uns wehtut, wir wollen eine Predigt hören! Ist das wirklich ernst gemeint, fragen sich womöglich andere, wenn ja, dann bleibt heute nicht viel Zeit, denn wie es mir geht, kann ich nicht in wenigen Worten , mit einigen Floskeln sagen, das braucht schon zeit und einen ernsthaften Zuhörer. Ich will aber dennoch bei dieser Frage bleiben: wie geht es ihnen heute morgen?
Einigen geht es sicher gut. Nach einer Woche, in der sie vielleicht schönes erlebt haben, Freunde, verwandte , Kinder getroffen haben, von einem Ausflug, einer Reise zurückgekehrt sind, voller Vorfreude über die Ferienwoche. Es ist keine Schande, wenn es einem gut geht.

Anderen aber geht es nicht gut, ein Trauerfall in der Familie, eine schlechte Prognose vom Arzt, die Kinder haben angerufen, dass die Firma womöglich Pleite geht, das Zeugnis ist nicht so gut ausgefallen, wie erhofft, die vielen Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz werden nicht einmal beantwortet. Das Alter macht sich zunehmend bemerkbar, es geht vieles nicht mehr so leicht von der Hand, wie noch vor einigen Jahren. Nein, es geht mir nicht gut, mag der eine oder andere denken. Aber will das wirklich jemand hören?

Der Apostel Paulus schreibt: wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen. Das ist noch ganz freundlich umschrieben diese Erfahrung, dass es uns durchaus nicht immer und ewig gut geht, sondern es zunehmend schlechter werden kann. Luther sprach vom alten Madensack und meinte seine irdische Hülle. Das muss noch vor der Entdeckung der neuen Leiblichkeit gewesen sein.

Heute ist Wellness und Beautystile angesagt. Aber deswegen wird vielleicht die Frage nach dem Befinden auch nicht mehr gestellt. Wir haben den Schatz in irdenen Gefäßen. Die Korinther verstanden Paulus auf Anhieb. Auch ihre Köstlichkeiten und Kostbarkeiten bewahrten sie mitunter in irdenen Gefäßen auf, wenn es denn nicht anders ging, kostbares Öl z.B. wurde in einem in einem Krug aufbewahrt. Aber er war leicht zerbrechlich, schnell war eine Ecke abgestoßen, ein Riss zeigte sich im Krug und er war zu nichts mehr Nutze, war unansehnlich. Damit tut sich aber unsere Wellnessgesellschaft schwer zu akzeptieren, dass diese Welt keine Beautyfarm ist, dass Menschen älter und dann kränker werden, dass nicht alle Traummaße und Modellfiguren haben, dass Krankheiten und Behinderungen Menschen ein Leben lang begleiten und verändern.

Wir tragen den Schatz des uns von Gott geschenkten Lebens, den Schatz der anvertrauten Zeit in manchmal sehr zerbrechlichen, unansehnlichen Gefäßen, aber es bleibt dennoch ein Schatz. Christenmenschen haben davon womöglich schon immer etwas geahnt, ihnen hat man diese andrer Sichtweise immer zugetraut und abverlangt. Hier in Templin erzählen die unzähligen diakonischen Einrichtungen genau davon. Letzten Sonntag am 150.Geburtstag des Waldhofes haben wir das eindrücklich erlebt und Gemeinschaft erfahren von Menschen mit ganz unterschiedlichen Gaben, Fertigkeiten und Fähigkeiten. Da war es vielleicht lauter und unruhiger als sonst, aber auch viel bunter und lebendiger.

Wir haben einen Schatz in irdenen Gefäßen. Mir ist es wichtig, diese Begrenzung und Einschränkung, diese selbstverständliche und banale, und dennoch kaum auszuhaltende und anzunehmende Wahrheit einmal auszusprechen gegen den Trend, der nur Schönheit und Jugend kennt, und alles andere ausblendet oder meint ausmerzen zu können. Aber inmitten dieser Begrenzung, zwischen all den Jungen und Alten, Gesunden und Kranken, Fröhlichen und Traurigen, uneingeschränkt oder mit Einschränkungen und Behinderungen lebenden Menschen leuchtet ein heller Schein auf, wie ein Strahl der von Weihnachten bis zu diesem letzten Sonntag nach Epiphanias scheint. Genau dieses irdene Gefäß, genau diese Zerbrechlichkeit hat Gott sich am Anfang als Gegenüber gewählt, in ihm , dem Menschen wollte er sich wiederentdecken, ihn hat er zum Ebenbild in der Schöpfung gewählt und ihn so seine besondere Schönheit in aller Zerbrechlichkeit geschenkt .

Es will doch etwas bedeuten, dass Gott den Menschen nicht nur sein Ebenbild genannt hat, sondern, dass er selbst Mensch geworden ist mit allem, was dazugehört, ein ganzes menschliches Leben von der Krippe bis zum Kreuz, mit allen Höhen und Tiefen, mit den Erfahrungen von Freundschaft und Einsamkeit, von Stärke und Zerrissenheit, wie wir sie aus unserem Leben kennen: Gott ist Mensch geworden. Wenn ich begreifen will, was das bedeutet, muss sich beides , die Krippe, die unschuldige Vollkommenheit eines Kindes mit aller Hoffnung und aller Zukunft und das Kreuz in seiner abstoßenden Realität und Brutalität zusammendenken: so ist der Mensch, so ist das Leben, so geht es zu in dieser Welt. Paulus hat begriffen, dass nicht allein dadurch , dass Gott sich dem Menschen gleichgemacht hat, unsere Gebrechen , unsere Lebensgeschichten und Lebenserfahrungen heiler, unverletzter und unberührbar werden.

Wer glaubt, dass es ihm glaubend besser geht, wer denkt, er könne den Schatz des Glaubens materiell abrechnen, der täuscht sich. Paulus wusste schon, wovon er redet: er wurde nicht schöner, erwurde nicht eloquenter, er wurde nicht beliebter, er blieb nicht von der Verfolgung verschont, ihm war kein sanfter Tod am heimischen Herd beschert. Und auch wir, die wir uns Christen nennen und versuchen unseren Glauben zu leben, erleben den Tod und er tut weh, auch wir erleben ,das über uns wie über Leute von gestern gelächelt wird, auch unter uns werden Menschen arbeitslos, krank, einsam, Ehen scheitern und Kindern trennen sich von ihren Eltern im Streit. Auch unser Leben ist brüchig und unvollständig, aber, und das ist der wichtige Unterschied, der helle Schein des Glauben, dieser unbezahlbare Schatz , leuchtet auch in diese dunkelsten Ecken hinein, bis tief in das Herz und lässt vieles in einem ganz anderen Licht erscheinen.

Paulus benennt die Erfahrungen des Glaubens. Er besiegt die Angst, weil er Gott als den Stärkeren an seiner Seite weiß. Er kann Einsamkeit überwinden, weil er zu einer großen Gemeinschaft mit Gott und untereinander verbindet. Er macht Mut, weil er sein Ziel kennt. Und er schenkt Hoffnung, die weit über das Leben bis in Gottes Reich hinein reicht. Oder wie es in der biblischen Sprache des Apostel Paulus heißt: wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leib, damit auch das Leben Jesu an unserm Leib offenbar werde.

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