Führung durch Samaria

Bitte die Herrschaften mit den Eintrittskarten!
Sie brauchen nun nicht länger mehr zu warten.

Sammeln Sie sich um mich hier am Parkplatzort;
denn die Führung durch Samaria beginnt sofort!

Meine Damen und Herren ich heiße Sie willkommen,
dass Sie sich zur Festwoche soviel Zeit genommen,

unsere Hauptstadt im neuen Glanz zu beschauen,
was Menschenwerk hier vermag zu bauen

Wie sagt doch unser großer Dichter so richtig:
"O du Samaria, unvergleichlich wichtig!"

Wir befinden uns hier am Hauptturm und seinem Tor!
Nirgends finden Sie Größeres und Schöneres vor!

Von den besten Ingenieuren unseres Landes inspiriert,
mit den teuersten Materialien konsturiert.

Im Tor finden die Gerichtsverhandlungen statt
gegen Mittag am zweiten Tag nach dem Sabbat.

Hier steht der Angeklagte: Diebe und anderes Gesindel
und trumpfen auf mit all ihrem großen Schwindel.

Da ist einer nicht willig seine Pacht zu entrichten,
weil angeblich Hagel und Sturm seine Ernte vernichten.

Oder ein anderer hat ein paar Sandalen gestohlen
behauptet ein ausländischer Händler unverhohlen.

Vielleicht sind sie ja bloss vom Tisch heruntergefallen
oder wegen des miesen Materials auseinandergefallen

Wer weiß – Wie dem auch sei – nun gilt’s zu sprechen
natürlich ein Urteil nach Gesetzen und Rechten.

Hähähä – mein Damen und Herren, für den, der gut zahlt,
mit Samarias Sprichwörtern er dann stolz prahlt:

"Wenn das Geld im Händchen liegt,
ist der Gegner schon besiegt!"

Oder. "Ist der Richter gut geschmiert,
weiß man, wer den Fall verliert!"

Oder: "Wer auch schuld sei an dem Schaden –
bist du arm, dann gehst du baden!"

Hähähä – so ist das mit der Gerechtigkeit
– für Sie sicherlich keine Neuigkeit.

Doch folgen Sie mir nun in die Stadt hinein,
der Kornspeicher unser nächstes Ziel soll sein.

Hoch ragt er fünfundsiebzig Fuß allein,
siebzehn Fuß breit und lang soll er sein.

Wo einst scheußliche Armeleutehütten standen,
die wir guten Bürger als Schandfleck befanden,

hat Ben Mosche, der Getreidehändler, agiert
mit seinem Plan, darauf die Stadt schnell reagiert,

den Menschen ihr wenig Hab und Gut zu enteignen
und für den Bau mit Aktienfonds zu zeichnen.

Ja, klein hat Ben Mosche mit dem Handel begonnen,
nun ist ihm all sein Tun zu Gold geronnen.

Ein reicher Mann, der in der Stadt gut angesehn,
nach dem die Frauen ihre Köpfe drehn.

Er weiß an der Börse richtig zu spekulieren
und im Handel die Preise zu manipulieren.

Seine Lebensdevise kennt hier ein jedes Kind,
selbst der Spatz vom Dach sie singt:

"Kannst du dir mein Korn nicht kaufen,
musst du eben hungrig laufen."

Oder: "Hast du für mein Korn kein Geld,
wirst vom Fressen nicht entstellt!"

Wie auf einer Achterbahn geht’s hier rund:
der eine arm und krank, der andre reich und gesund

Meine Damen und Herren, bleiben Sie hier nicht stehen,
lassen Sie uns zur nächsten Attraktion gehen

durch das Villenviertel, wo Luxus kein Fremdwort,
zudem ausländer- und asszoizalrein der ganze Ort,

wo einst das Elend der Hütten zum Himmel stank,
sei dem Baudirektor Samarias Dank,

der offen fürs Geld, die Pläne schnell billigte,
und die Bankenwelt die Kredite bewilligte.

Über die Stadtmauer werfen Sie einen Blick
in die königlichen Steinbrüche -welch ein Glück –

hat unser König tausend Sklaven eingestellt,
schuften allzuwenig, fordern nur mehr Geld.

Gut das die Aufpasser sie treiben tüchtig an
mit ihren Peitschen , wie man sehen kann.

Drei neue Peitschen pro Monat sie kaufen,
nur so bringt man sie dann zum Laufen:

"Willst du Steine für den Bau,
hau den Sklaven täglich blau!"

Doch weiter nun zu unserer neuen Garnison.
Sie ist führwahr eine echte Attraktion!

Mehr als viertausend Soldaten stehen bereit,
den Feind abzuschrecken allezeit.

Dazu gehören die in der Welt größten Steinschleudern
die modernsten Streitwagen mit Messerrädern.

Unser König sagt: "Bestens sind wir getrimmt,
für den Krieg, wenn nur die Aufrüstung stimmt."

Na, was klatscht da drüben im Steinbruch so laut!
Ein Desserteur – zu Tode geprügelt- jault!

Aber nun kommen Sie, zum Bazar wir wollen gehen,
um mit eignen Augen das Angbeot zu sehen!

Hier sind die besten Früchte des Meeres zu haben,
dort die schönsten Delikateesen, welche uns laben.

Da reihen sich Laden an Laden mit edelstem Tand
Schuhwerk von feinster Art und Kleider allerhand,

Silber – und Goldschmuck aus fernen, fremden Land,
Teppiche aus feinsten Fäden gsponnen von Kinderhand.

Meine Damen und Herren, alles, was Ihr Herz begehrt-
hier in Samaria wird’s tausendfach beschert!

Doch nun sehen Sie da drüben ragt der Palast
stolz und erhaben im goldnen Sonnenglast

Ja, da wohnt unser aller König und regiert
mit sechs Frauen – nicht Sexfrauen – ungeniert

und feiert täglich rauschende Ballnächte
mit den Gesandten anderer Weltmächte.

Und am Morgen die Reste über die Mauer fliegen,
bleiben sie nicht auf dem Abfall liegen

da kommen die Bürger im Morgengrauen
um heimlich die Köstlichkeiten zu kauen.

"Iss und trink soviel du kannst,
bist du stirbst als dicker Wanst!"

Ja, so sagen wir in Samaria – hahaha! –
und eine andre Redensart lautet da:

"Man soll die Feste feiern wie sie fallen,
wenn auch die Armen hungrig vor den Toren lallen!"

Aber, meine Damen und Herren, wir müssen eilen
durch die Strassen, können hier nicht verweilen!

Dort – sehen Sie – ist das Herz und Hirn unserer Religion
Sitz des Oberpriesters Amazja, Hüter der Tradition,

Hort des Heils, der staatlichen Prophetie,
der Stätte neuen Liedguts – da hören Sie –

zu Posaunen, Cymbeln und Harfenklang
erklingt in unserm Tempel schönster Gesang:

"O Gott da in den fernen Höhen,
das müßtest du von nahem sehen:

Es geht uns ja so gut!
Wie wohl dein Segen tut!

O sei ein treuer Hüter
des Geldes und der Güter,die wir so gern benützen!"

Das greift tief und sagt alles, meinen Sie nicht?
Doch halt! Wer dröhnt da so laut und spricht?

"Ich bin Amos, aus Thekoa im Judaland
Gott rief und führte mich hierher an seiner Hand,

zu sagen allen in Samaria sein göttlich Wort,
dass er blickt mit Zorn auf diesen Ekelort.

So spricht der Herr: Ich hasse eure Feste sehr,
eure Feiern kann ich nicht ausstehen mehr!

Eure Brand- und Speiseopfer sind zuwider mir,
das gemästete Vieh fürs Mahl geschlachtet hier,

ihren Geruch kann ich nicht länger ertragen
und ihren Bitten und Flehen will ich entsagen.

Hört auf mit dem Geplärr eurer Lieder,
euer Harfengeklimper ist mir längst zuwider.

Sorgt lieber dafür, dass jeder Recht bekommt,
dass Gerechtigkeit eurem Lande frommt,

ja dann wie ein Strom, der nie versiegt,
wird wahrer Gottesdienst, der mir liegt.

Hört ihr Leute des Herrn Zebaoths Wort
kehrt um in eurem Denken, Reden, Tun sofort!"

Hä, Entschuldigung, meine Damen und Herrn,
solch Störung unserer Führung habe ich nicht gern!

Schon tagelang, ach schon viele Wochen,
schreit dieser Ausländer aus Juda ungebrochen

gegen unsern König und unser Volk diese Anklagen,
die sind fürwahr nicht länger mehr zu ertragen.

Amazja und seine Polizei müssen endlich ran,
über die Grenze abgeschoben gehört der Mann.

Was sagen Sie da , verehrter Herr, der hat Recht!
Umkehr tut not! Ich hör wohl schlecht!

Hab ich Ihnen nicht erzählt mit klarem Wort,
wie tüchtig die Menschen hier schaffen vor Ort.

Ach, Sie meinen, auf Unrecht baut sich nicht gut!
Na, überheben Sie sich nicht mit zu kühnem Mut!

Was sagen Sie da, gnädige Frau, der sei ein Gottesmann?
Warum? Weil er ohne Angst so offen reden kann?

Weil er die Show der Selbstbeweihräucherung durchschaut,
auf die selbst Gottesdienste sind auferbaut?

Weil er die tönernden Füße des Wohlstands analysiert,
und zeigt, wie Geld und Macht alles korrumpiert?

Weil er nicht nach dem Munde redet, wie es gefällt,
muss er von Gott gesandt sein, dem Herrn der Welt?

Ach, Sie meinen sogar: Den Armen schützen,
den Kranken pflegen, den Schwachen stüzen!

Den Reichtum neu veteilen und verschwenden,
wo soll solch Revolution dann enden?

Sehen Sie doch in die Geschichte genauer hin,
wir sind auf einer Achterbahn mittendrin.

Da heißt es schnell zu raffen, was da ist zu kriegen,
beim Notbremsen wir alle aus der Bahn sonst fliegen!

Ach, Sie meinen, das Leben könnte anders werden,
wenn Gottes Wort geachtet und gehört auf Erden?

Wenn jede und jeder bei sich selbst beginnt
und sich auf Recht und Gerechtigkeit besinnt,

die nicht den anderen beugt und unterdrückt,
die nicht mit Geld schmiert heimlich und geschickt,

die nicht fürchten muß, wer die Wahrheit sagt,
die nicht erst zahlen muß, wer vor Gericht klagt,

die nicht lebt gedankenlos in Saus und Braus
auf Kosten der Armen in aller Welt tagein tagaus.

Verstehen Sie so die Klageschreie des Propheten,
der im Namen des Herrn Zeaboth ist aufgetreten,

als Schreie seiner Liebe zu uns Menschenkindern,
um Gefahren und Irrwege zu verhindern?

Ich bin am Ende meiner Führung – und ich gesteh,
ich muss nochmal nachdenken, wenn ich jetzt geh.

Ich war so stolz auf unsere Stadt und ihre Pracht.
Doch Sie haben mich zum Umdenken gebracht.

Dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen;
denn ich erkenn: mit Gott lässt sich nicht scherzen!

Als Prediger schließe ich nun in Gottes Namen,
der das Recht und die Gerechtigkeit liebt.

drucken