Freude am Herrn

(1) Das Stichwort ist gefallen: Unser Leben ein Fest. Unserem Leben als Christen soll man – sollen wir selbst – abspüren können, dass es Festcharakter hat. Eine Beerdigung und der Leichenschmaus hinterher ist auch ein Fest, ohne Frage – wir aber feiern mit jedem Sonntag und mit jedem Lebenstag die Auferstehung Jesu von den Toten und unsere Auferstehung aus dem Alltag.

Sie kennen Feste, schöne Feste. Ich auch. Vielleicht blitzt, indessen ich davon spreche, in Ihnen die Erinnerung an so ein schönes Fest auf. Solche Feste sind kostbare Schätze der Erinnerung, wohingegen unser Alltag unter dem Joch der Arbeit und der Last von Aufgaben, Unerledigtem, Misslungenem, Sorgen mit dem Kleinen an Gelingen (und immer noch so viel offen) weniger einem Fest gleicht als einer Tretmühle.

(2) Auch Kirche, Gemeinde zeigt sich oft so: Es menschelt. Und wie selten Gottesdienste, die ein Fest sind, Gottesdienste wie unsere Konfirmationen, an die sich Familien noch Monate, manchmal Jahre danach erinnern. Oder die Heiligabendgottesdienste, die Osternacht, Gottesdienste mit Ihnen, dem Vokalensem­ble. Gottesdienste, die von Freude, Dankbarkeit, Lieber, Lob und Gebet durchzogen sind – eben ein Fest vor und mit Gott, der doch da ist, wo zwei oder drei in Seinem Namen versammelt sind. Ob diese Gottesdienst gelingt und Fest wird? Die Stunden und Tage nach dem Gottesdienst werden über die Nachhaltigkeit entscheiden.

3) In unserem Predigttext wird uns nun in der neueren Bibelübersetzung auf den Kopf zugesagt: „Euer Leben soll ein Fest sein.“ Paulus kennt die Alltagserfahrung, Stöhnen, Müdigkeit, Ärger, Streit – aber daran hält er Fest: „Euer Leben sei ein Fest.“ Er fordert uns sozusagen auf, die Alltagskleidung abzulegen so, als gingen wir in eine Theaterpremiere, ein Ballett, auf einen Empfang. Mit den Christen aus Kolossä als erste Adressaten heißt es: „Zieht Euch doch um, legt Eure Festkleidung an. Die Festkleider von Christen sind Freundlichkeit und Barmherzigkeit.“ Und er bleibt im Bild, wenn er gleich darauf anfügt: „Und über das alles das Band der Liebe, die den Schmuck an Euch vollendet wie ein schönes Band.“

Das musste er so schreiben, denn die Christen in Kolossä lebten den Alltag nicht wie ein Fest. Die ihnen im Vertrauen auf die Auferstehung in der Taufe geschenkten Kleider von Freundlichkeit und Barmherzigkeit, das Band der Liebe, die ließen sie sozusagen im Schrank hängen, begnügten sich mit dem grauen Rock der Sauertöpfigkeit, dem Kittel der Angst, dem Gürtel von Abwehr und den abgelatschten Schuhen von Streit. – Man ist ja geneigt, die jungen Gemeinden damals so etwas romantisch verklärt zu sehen: Ach, damals, da wäre ich gerne dabei gewesen. Nur: Die haben auch nur mit Wasser gekocht.
Also – Paulus schreibt das kurz zuvor: „Es ist doch wie beim Umziehen – die schmutzigen Sachen kommen in die Wäsche. Also zieht nun all das aus, was Euch bisher wichtig war.“ – Zieht aus, was Euch wichtig war, Meinungen, Haltungen, Euer Denken und Reden, Euer Miteinander, weil sich Euer Leben geändert hat: Christus ist auferstanden, Leben liegt in der Luft – und das ist auch für geschehen, damit Ihr Euch freuen könnt. Überlegt, wie wichtig das Neue ist – und wie unwichtig das Alte geworden ist. Und dann zieht Euch entsprechend an und kommt zum Fest des Lebens – ich weiß doch, ich kenne Euch doch: Ihr wollt leben. Und schaut mal: So könnt Ihr Euch doch nicht sehen lassen, wie ihr hier herumsteht!

Stimmt: Wer Ostern über den Tag hinaus ernst nimmt, weil da etwas geschehen hat, dass quer durch alle Zeiten hindurch Folgen hat, die oder der kann nicht mehr in den alten Sachen herumlaufen – das passt einfach nicht. Das passt seit beinahe 2000 Jahren nicht mehr: Zorn, Groll, Nachtragen, übles Geschwätz übereinander, Gleichgültigkeit, hinter der eigenen Nase herleben so, als wär’s wirklich die goldene Nase.

(4) Aber jetzt rede ich davon, was nicht passt. Viel lieber spreche ich doch von dem, was passt und was angemessen ist: Freude über den lebendigen Gott, der uns in Jesus Christus begegnet ist, Staunen, immer wieder staunen und Jubel über die Auferstehung, Freude daran, dass nun Leben in der Luft liegt und alle Friedhöfe der Welt mit Sicherheit einmal aufgelöst werden weil die Toten auferstehen zum Leben. So, wie ich’s auf meinem Kalender an der Wand von Reinhold Schneider lese: „Es ist ganz gewiss, dass alles einmal mit Freude enden wird.“ – Auch das, was jetzt noch im Bauch herumgrummelt. Auch das, was in der letzten Nacht das Einschlafen verhindert, den Schlaf gestört hat, heute morgen der erste unangenehme Gedanke, die erste Sorge, die erste Angst war. Das wird, das kann nicht so bleiben: Christus ist auferstanden und der Engel hat den Jüngern, die Löcher in den Himmel starrten, gesagt: „Von dort wird er wiederkommen.“

(5) Was hindert an der Freude? Zuerst – nein: nicht die andern – zuerst: ich mich selbst, weil ich aus dem alten Denken und Fühlen nicht herauskomme, aus Prägungen, die ich jenseits meines Bewusstseins mit ins Leben hineingebracht habe. Das ist so wie mit alten, total verschwitzten Sportklamotten, die stinkig an mir hängen und einfach nicht von mir runter wollen – der dekadent-säuerliche Charme eines Neoprenanzugs etwa.

Aber Gott hat Hilfe parat: Seinen Heiligen Geist, der seit dem Pfingsten damals immer und immer wieder neu Menschen sucht und bei ihnen einkehrt: Pfingsten war nicht nur irgendwann damals, sondern geschieht heute noch. Jesus: „Meinen Geist gebe ich Euch“ – Was fehlen könnte, wäre die Bitte und das Vertrauen auf diesen Geist Gottes.

Der wird das Leben um uns nicht verändern – aber der wird Sie und mich verändern in dem Maß, in dem wirs zulassen. Und das gemeinsame Leben – die Gnade von gemeinsamem Leben in der Gemeinde, das immer neue Vergegenwärtigen der Zusagen Gottes wird uns zu der Gemeinschaft machen, die gegenseitig stärkt und das Zeug in sich birgt, diese Welt zu verändern – wie ein Stein, der, ins Wasser geworfen immer weitere Kreise zieht.

Und weil wir Menschen sind, immer wieder und immer neu fehlbar, immer wieder den eigenen Ansprüchen nicht gerecht – und denen Gottes schon gar nicht – und im Neuen immer noch vom Alten durchdrungen, werden wir immer und immer wieder um den Tröster, den Geist beten – und immer wieder auf den Segen von Schwestern und Brüdern in der Gemeinde angewiesen sein.

(6) Eine Utopie? Ja. Ohne den ersten Schritt, ohne sich in aller Ruhe vergegenwärtigen, was Gott getan hat und ohne die Bitte um den Geist wird’s Utopie bleiben. Muss aber nicht. Muss es wirklich nicht. Und wenn wir uns ehrlich Rechenschaft darüber ablegen, was wir im alten Sein verlieren und im neuen Sein österlich und unter dem Geist Gottes gewinnen, dann werden die Schritte leicht fallen und diese Worte nicht verpuffen. Neue Schöpfung – neue Kleider: Festkleider. Und Freude über diese eine Stunde Gottesdienst hinaus … – Was machen wir daraus? Sie? Ich?

(7) Am Ende werden wirs sehen – dann, wenn unser Hoffen sichtbar wird, wenn unser Herr wiederkommt, wenn diese Erde neu wird: Dann werden Sie, ich uns freuen, verschämt erst, weil wirs nicht glauben wollten, uns freuen, dann laut lachen und am Ende Sie, ich unserem erbittertsten Gegner um den Hals fallen: Auf voller Kehle werden wir unser Osterlachen nachholen, bis uns die Tränen kommen, die Bäuche weh tun. – Denn unser Herr kommt. Und wenn’s am Ende so sein wird – weshalb nicht schon heute damit anfangen? Mit der Freude am Herrn? Mit dem Fest?

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