Festgelegt für immer und ewig?

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistelde/" target="_blank">e-pistel</a> – die neue Form der Predigtvorbereitung!]</i>

Liebe Gemeinde, liebe Kinder!

Mit einer kleinen Alltagsgeschichte möchte ich heute beginnen.

„Auf dem Ausflug haben wir viel Spaß gehabt“, erzählt Gisela ihrer Freundin aus dem Schwimmverein. „Nur eines war nicht schön. Dem Dieter sind zwei Euro gestohlen worden.“ Kann es nicht sein, dass er sie verloren hat?“ „Nein, bestimmt nicht, das Geld hat die Andrea genommen. Die hat das schon einmal getan. Die sieht ja immer so unordentlich aus. Auf der Klassenfahrt ins Museum vor drei Wochen hatte sie nicht einmal Geld für den Eintritt.“ „Was hat das denn damit zu tun?“ „Das ist doch klar! Wer einmal stiehlt, stiehlt immer. Außerdem hat sie später Kaugummi gekauft und jedem aus der Klasse eines gegeben. Wo das Geld wohl herkam?“ „Hast du auch eins genommen?“ „Ja, klar!"
(Gerd Prescher aus Vorlesebuch Religion Band 3, S.78)

Die Geschichte zeigt auf: So werden Kinder oft wegen ihrer Herkunft, wegen ihres äußeren Aussehens, ja schon wegen einer einzelnen Untat gleichsam festgelegt. Wer einmal stiehlt, stiehlt immer. Und solch ein Satz setzt sich in den Köpfen fest und bei einem späteren Vorfall, wird sofort gesagt. „Die war’s. Die stiehlt doch immer.“

Oder eine andere Alltagsgeschichte. Nennen wir den Jungen einfach Jens. Jens ist 18 Jahre alt. Seine Kariere füllt eine ganze Akte. Erst waren es die einfachen Drogen, dann später auch die harten. Um an Geld zu kommen, hat er erst alles, was er hat, zu Geld gemacht. Später hat er kleinere Eigentumsdelikte begangen, nachdem er erst seinen Eltern immer wieder Geld entwendet hat. Zwei Jahre hat er so gelebt, bis er sich einer Therapie unterzogen hat. Rund ein Jahr war er in therapeutischer Behandlung, hat dort seinen Schulabschluss gemacht und sucht nun nach einer Azubi- stelle. Bei den Bewerbungen verschweigt er seine Lebensgeschichte nicht. Seine Bewerbung als Krankenpfleger wird zurückgeschickt. Die Begründung lautet. Als Krankenpfleger hätte er immer wieder Zugang zu Medikamenten. Das Risiko rückfällig zu werden, sei zu groß. Festgelegt auf seine Vergangenheit, hat da Jens überhaupt noch eine Chance?

Auch der heutige Predigttext ist eine Lebensgeschichte. Der Apostel Paulus hält Rückblick auf seinen Lebensweg. Auffällig ist, dass er nicht seine Erfolge in den Mittelpunkt stellt, seine Leistungen herausstreicht, um sich ins rechte Licht zu rücken. Paulus beichtet schonungslos aus seinem Leben. Doch hören wir ihn selbst reden.

[TEXT]

Hätten Sie das erwartet? Paulus nimmt in den Mund und bringt zu Papier; was wir allzu gerne vergessen oder doch zumindest nicht so oft in den Blick nehmen, dass er ein skrupelloser Christenverfolger war, der nicht nur die christlichen Gemeinden aufspüren sollte, sondern auch an Tötungen beteiligt gewesen ist und sogar "Gefallen" an einer so grässlichen Sache wie der Steinigung des ersten Diakons Stephanus hatte, wie es in der Apostelgeschichte heißt (Apg 8,1). Paulus ist alles andere als ein Heiliger gewesen – allerdings würde er sich wohl selbst nie so nennen – ! Er kehrt seine Vergangenheit nicht unter den Teppich (V.13) – ganz im Gegenteil: es scheint fast so, als wäre sie der Grund für die Glaubwürdigkeit seiner Botschaft: "dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen" (V.15). Dass sich ein "Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler" (V.14) als von Gott angenommen und geliebt fühlen kann, trotz seiner Vergehen und seiner Schuld, ist sein bester Beweis für die Lebens- und Erneuerungskraft des Evangeliums!

Doch wie geht es uns damit? Kleine Sünden vergibt der liebe Gott sofort, das können wir noch akzeptieren und glauben. Ja, das können wir in dem eingangs geschilderten Fall auch in unsere Lebenswirklichkeit umsetzen. Das Mädchen ist ja noch so klein. Es braucht Zuwendung und Geduld. Sie wird schon ihr Fehlverhalten einsehen und sich ändern. Schwieriger wird es schon bei dem jungen Menschen. Eine Chance hat er verdient. Das ist gewiss. Aber muss es gerade ein Beruf sein, in dem er Zugang zu Drogen hat? Ist das Vertrauen seiner Eltern und Lehrer in ihn nicht allzu oft enttäuscht worden?

Da spüren wir sehr schnell, dass wir an eine Grenze stoßen, an der sich die Geister scheiden und immer wieder scheiden werden. Wie viel Schuld ist noch vergebbar? Wie viel Gnade ist noch gerecht? Ja, es gibt eine Grenze des Erbarmens oder etwa nicht? Der Prozess gegen Marc Dutroux und seine Komplizen hat ein Urteil gefunden: Schuldig. Lange hat diese unsägliche Geschichte nicht nur die belgische Bevölkerung und die Medien beschäftigt. Viele Fragen wurden dazu gestellt: Gibt es einen Pädophilenring, wie der Hauptangeklagte immer wieder behauptete? Wer hat wann an wem welches Verbrechen begangen? Sind wirklich alle Schuldigen gefunden worden? Gibt es ein gerechtes Strafmaß für das, was diese Menschen anderen angetan haben? Auch nach der Urteilsverkündung bleiben noch eine Menge Fragen offen. Als sicher gilt, dass Marc Dutroux das Gefängnis nie mehr als freier Mann verlassen wird. Man hat dieses Problem zu lösen versucht, indem man den Menschen von seinen Untaten unterschied: Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Untaten. Doch ist das der Weisheit letzter Schluss? Kann ich den Menschen Dutroux von seinen Taten unterscheiden? Was ist mit den Eltern, mit den Verwandten, Freunden, die mit Verbrechern leben, feiern, lachen? Kann eine Mutter je ihr Kind verleugnen, es nicht mehr lieben?

Ich erinnere mich noch an den Protest, als Pfarrer Helmut Gollwitzer in den siebziger Jahren die RAF Terroristin Gudrun Ensslin kirchlich beerdigt hat. Sie war nie aus der Kirche ausgetreten. Er hat damals auf die Gnade und das Erbarmen Gottes verwiesen. Er hat auf den Gekreuzigten verwiesen. Damit hat er die Erfahrung des Paulus aufgenommen: „Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin."

Ich glaube, dass die Frage nach Schuld und Vergebung, nach Sünde und Gnade uns als Aufgabe immer wieder beschäftigen wird – ja beschäftigen muss! – auch wenn wir darauf keine befriedigende Antwort erhalten werden. Sie hält uns wach und bewahrt uns davor, kurzen Prozess zu machen. Wir Menschen werden untereinander immer wieder einen Weg finden müssen, mit Schuld, Strafe und Vergebung umzugehen. Und als Christen werden wir immer wieder zu beten haben, dass Gott die Herzen des Menschen wandeln möge.

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