Exaudi – höre, Herr!

Exaudi heißt unser Sonntag heute: Höre, ergänze: Herr: Höre, Herr! Auf was soll er hören? Zunächst wohl auf unser Gebet, welches wiederum zunächst sein wird: Bitten, Wünsche, Klagen: Höre, Herr und hilf uns! Diesen Donnerstag haben wir die Auffahrt Jesu Christi in den Himmel gefeiert: 40 Tage nach Ostern blieb er noch bei den Seinen, freilich nicht mehr als Mensch, sondern bereits mit einem verklärten Leib, als ob er uns deutlich machen wollte, was Kirche eigentlich heißt: das Haupt der Kirche ist göttlichen Wesens, der Leib der Kirche, das sind wir: menschlich und fehlerhaft – aber zusammen eben ein Gebilde, dass die Grenzen unseres Menschseins sprengt. Himmelfahrt hat auch deutlich gemacht, was "Himmel" eigentlich heißt: nicht der Himmel, wo die Wolken ziehen, sondern der Himmel ist das, wo Mensch und Gott vereint sein werden. Wie heißt es in der Hl. Schrift? Wir werden Gott sehen von Angesicht zu Angesicht. Wie sehr müssen sich die Jünger und Jüngerinnen damals doch gefreut haben, Jesus wieder bei sich zu
haben: 40 Tage – eine lange Zeit. Wie sehr müssen sie doch glücklich gewesen
sein, dass der, den sie gerade eben noch haben sterben sehen, nun wieder bei ihnen ist und hilft, so manches zu verstehen und zu erkennen. Dann aber fährt Jesus in den Himmel auf und er verspricht ihnen einen Tröster, der kommen wird, um ihnen in der Zukunft beizustehen. Wir wissen es: gemeint ist der Heilige Geist, der an Pfingsten, dem Geburtstag der Kirche ausgeschüttet worden ist über die Gläubigen und der uns bis heute ermöglicht unser "Ja" zu Gottes Geschichte mit uns zu sprechen. Exaudi aber ist die Zwischenzeit – die Erfahrung vor dem Geist und die Erfahrung nach der Anwesendheit des Verklärten. Unser Predigtwort gibt uns zwei Hinweise für diese Zeit. Zunächst ein wirkliches Exaudi: Höre, Herr! "Ich beuge meine Knie vor dem Vater, dass er euch Kraft gebe – dass Christus in euren Herzen wohne!" Was wir hier hören, liebe Gemeinde, ist ein solches, echtes Exaudi: eine Bitte für andere, ein Gebet für die Mitchristen.

Das Gebet selbst bleibt ein großes Thema und viele Fragen stellen sich an das Gebet: wie wirkt es? "Wirkt" es überhaupt? Mache ich mich nicht in der Öffentlichkeit lächerlich? Oder etwas intellektueller: wenn Gott sowieso alles sieht, wozu braucht er das Gebet überhaupt? Heute will ich ihnen antworten, indem ich ihnen drei kurze Geschichten zum Thema Gebet erzähle. Zunächst diese hier: "Ein Bauer kam einmal in ein Wirtshaus, in dem schon viele Gäste waren, darunter auch feine Leute aus der Stadt. Der Bauer setzte sich hin und bestellte sein Essen. Wie es ihm gebracht wird, faltet er die Hände und spricht das Tischgebet. Darüber machten sich die Leute aus der Stadt lustig, und ein junger Mann fragte den Bauer: "Bei euch zu Hause macht man das wohl so? Da betet wahrscheinlich alles?" Der Bauer, der inzwischen ruhig zu essen angefangen hatte, antwortete dem Spötter: "Nein, es betet auch bei uns nicht alles." Der junge Mann fragte weiter: "Na, wer betet denn nicht?" "Nun", meint der Bauer, "zum Beispiel mein Ochs, mein Esel und mein Schwein. Sie gehen ohne Gebet an die
Futterkrippe." Exaudi – höre, Herr: das können nur die Menschen sagen. Sie geben damit Gott Antwort auf seine Taten an ihnen. Sie stellen sich bewusst in diese Beziehung mit Gott, so wie wir es grundsätzlich im Gottesdienst tun. Gottes Rede an uns und unsere Antwort an ihn. Wer ohne diese Beziehung bleibt, wie die Spötter aus unserer Geschichte, die bleiben in sich selbst verschlossen, weil sie nicht um das Woher und Wohin unseres Lebens wissen. Exaudi – höre, Herr: wie soll ich aber beten? "Eines Abends spät merkte ein anderer Bauer auf dem Heimweg vom Markt, dass er sein Gebetbuch nicht bei sich hatte. Außerdem brach mitten auf diesem Weg ein Rad seines Wagen, und er wurde traurig, dass ein Tag vergehen sollte, ohne dass er seine Gebete verrichtet hätte. Also betete er: "Ich habe heute einen großen Fehler gemacht, Herr. Ich bin ohne mein Gebetbuch von zu Hause fortgegangen, und mein Gedächtnis ist so schlecht, dass ich kein einziges Gebet auswendig
sprechen kann. Deshalb werde ich dies tun: ich werde fünfmal langsam das ganze ABC aufsagen, und du, der du alle Gebete kennst, kannst die Buchstaben zusammensetzen und daraus die Gebete machen, an die ich mich nicht erinnern kann." Und Gott, der Herr sagte zu seinen Engeln: "Von allen Gebeten, die ich heute gehört habe, ist dieses ohne Zweifel das beste, weil es aus einem einfachen und ehrlichen Herzen kam." Gebet, liebe Gemeinde, ist niemals Waffe, niemals Kampf gegen, sondern immer aufrichtiges Wort für. Die Worte, die wir benutzen sind nicht das Entscheidende, denn ist Beten kein magisches Ritual, in dem es genau auf den Wortlaut ankommt. Beten ist diese gelebte Beziehung zu Gott. Das kann auch mal ohne Worte geschehen.

Schließlich noch diese Geschichte. "Ein Pfarrer besuchte einen Kranken in seiner Wohnung und bemerkte einen leeren Stuhl an der Seite des Bettes und fragte, warum er dort stünde. Der Kranke antwortete: "Ich hatte Jesus eingeladen, auf diesem Stuhl Platz zu nehmen, und
sprach mit ihm, bevor Sie kamen. Jahrelang fiel es mir schwer zu beten, bis mir ein Freund erklärte, dass Gebet ein Gespräch mit Jesus sei. Er riet mir, einen leeren Stuhl neben mich zu stellen und mir vorzustellen, Jesus säße darauf. Ich solle mit Jesus sprechen und seinen Worten zuhören. Seitdem habe ich keine
Schwierigkeiten mehr beim Gebet." Einige Tage später kam die Tochter des Kranken zum Pfarrer und brachte ihm die Nachricht, dass ihr Vater gestorben sei. Sie sagte: "Ich ließ ihn ein paar Stunden lang allein. Er schien so friedlich zu sein. Als ich ins Zimmer zurückkehrte, war er tot. Etwas Eigentümliches habe ich jedoch bemerkt: Sein Kopf lag nicht auf dem Bett, sondern auf dem Stuhl neben seinem Bett." Exaudi – höre, Herr! Mit Jesus, Gottes Sohn, reden wie mit einem guten Freund. Mehr braucht es nicht. Jesus selbst hat es uns gelehrt: mit Gott reden, wie ein Kind zu seinem Vater redet: Abba – mein Vater! Ein solches Exaudi, liebe Gemeinde, haben wir heute in unserem Predigtwort gehört: eine Bitte, ein Gebet für uns selber, die wir ja christliche Gemeinde sind: dass uns Gott Kraft gebe, stark zu werden im inwendigen Menschen; dass Christus in unseren Herzen wohne; dass wir alle in der Liebe eingewurzelt sind. Einfache Worte, liebe Gemeinde, zur Nachahmung empfohlen: das Gebet für unsere Mitmenschen.

Der zweite Hinweis, den wir aus unserem Predigtwort heute bedenken wollen: "so gestärkt durch das Gebet eines anderen, können wir die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft. Es ist das Wunderbare und zugleich das unseren Verstand Erschreckende: diese Liebe Gottes ist mehr, als wir begreifen können. Wir können sie beschreiben, wir können versuchen, sie auf Begriffe wie Feindes- oder Nächstenliebe zu bringen, aber wir merken unsere Endlichkeit darin: wenn wir selbst vergeben sollen; wenn wir selbst nachgeben sollen; wenn wir selbst verzeihen und neu anfangen sollten. Dann sehen und spüren wir, wie schwach wir sind. Aber Gottes Liebe wächst in uns heran, für uns unmerklich – es ist das gleiche Bild, wie vom inwendigen Christus – durch die Taufe ist der Grundstock hierfür gelegt. Denn Gott will uns erreichen und uns zu neuen Menschen machen, die seine Gebote halten und danach tun. Freilich ist Gottes Liebe mehr als nur die romantische Liebe, nach der sich viele sehnen wie viele Filme, Bücher und Lieder davon reden. Gottes Liebe ist mehr als ein erfülltes oder ein glückliches Leben. Gottes Liebe ist mehr als nur ein immer-nachgeben und den Kopf-für-andere-hinhalten. So richtig auch diese Weisungen zum Teil sein mögen, dafür bräuchte es keinen Gott, der unser Leben erschaffen hat. Dazu reichte menschliche Weisheit, wenn man nur moralische oder ethische Ratschläge geben wollte. Gottes Liebe will und sie wird uns eines Tages verwandeln in diesen neuen Menschen, von dem wir glauben, dass er befreit ist von allem Makel. Dies aber lässt sich nicht beweisen oder begründen. Es lässt sich alle mal hinweisen auf eines: dass es die Menschen ab und an spüren können in ihrem Leben, zu was sie eigentlich bestimmt, bzw., zu was sie eigentlich befreit sind. Es sind die Momente, in denen sie den Himmel offen sehen, wie es Paulus beschreibt und sie
für einen Augenblick teilhaftig werden dieser Gottesfülle, von der unser Predigtwort schreibt. Bis aber, liebe Gemeinde, diese Gottesfülle ganz und gar ausfüllen wird – bis dahin lasst uns bleiben in der Fürbitte, wie wir sie heute gehört haben und schließen mit den Worten, die die Allmacht unseres Gottes preisen: "Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit!

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