Eure Gedanken sind andere

Alte, aber sehr hoffnungsvolle Worte kommen uns heute morgen entgegen. Tröstliche Worte, aber auch uns Menschen stark angehenden und verändernde Worte, wenn wir sie ernst nehmen in unserem Leben. Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. Bisher habe ich diesen Vers aus dem 55. Kapitel des Propheten Jesaja nur zu Beerdigungen ausgelegt. Es waren dann meistens Todesfälle, die sehr unerwartet die Menschen getroffen haben. Plötzlicher Tod aus heiterem Himmel, Tod auf Grund eines Unfalles oder ähnliche Situationen, wo dieser Vers mir und den Angehörigen den eigenen Blick geöffnet hat. Nun sitzen wir hier heute alle als solche, die zumindest soweit ich es weiß und sagen kann, nicht von besonderen Lebensereignissen getroffen sind. Wir leben unser Leben ganz normal vor uns und da ist nichts, was unser Leben jetzt in Frage stellt. Und nun diese Worte: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege.

Man könnte dies vielleicht auch umdrehen: Eure Gedanken sind nicht meine Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege. Es ändert sich dadurch etwas die Perspektive dieses Satzes: Da sind wir Menschen viel mehr im Blick: Es geht nämlich dann plötzlich um uns, um unser Leben. Wie leben wir als an Gott glaubende, als auf ihn vertrauende Menschen? Ist das, wie wir leben, wirklich Gottes Wille, ist das ein Leben, das Gott will? Ich denke, jeder muss sich selber fragen, wie es darum steht. Ich will hier nicht Beispiele aufzeigen, wo sich dann irgendwie jeder drin wieder finden kann. Nein, ich möchte allein diese Frage einmal im Raum stehen lassen. Denn eigentlich müsste man nun einen jeden Gedanken, den sie dazu haben, einzeln beschauen. Leben vor Gott und mit Gott ist nämlich nicht eindeutig. Aber wenn das so ist, dann entsteht ja immer mehr die Frage, was denn dann Gottes Gedanken sind, was menschliche Gedanken sind und wie wir beides zueinander führen können? Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, spricht der Herr. Als einfache Aussage kann man das sicher nicht so stehen lassen. Das würde ja bedeuten, dass Gottes Gedanken sozusagen immer das Gegenteil von sind, was wir Menschen gerade denken. Das kann es sicher nicht sein. Aber die Möglichkeit, dass die Gedanken Gottes andere sein können, die sollte man bei allen unseren Gedanken und Handlungen schon in Betracht ziehen. Und ich würde das sogar sagen gegenüber allen, die sich allzu sicher auf eine bestimmte vermeintlich christliche Position zurückziehen und dann sagen: so ist es, daran ist nicht zu rütteln. Gehen wir einfach mal die 10 Gebote durch, die Gebote, die das Zusammenleben der Menschen betreffen:

Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden. Familienbande gilt es zu erhalten, die Verantwortung füreinander wahrzunehmen. Kinder sollen für ihre Eltern da sein, vor allem wenn sie alt sind. Doch bis wohin geht diese Verantwortung. Muss sie bis zur Aufopferung geschehen, bis zur körperlichen Beeinträchtigung? Die Grenzen dafür sind sicher unterschiedlich bei jedem einzelnen. Und wenn Gott die Liebe für den Menschen will, dann gibt es auch ganz unterschiedliche Wege dorthin, und keiner ist von vornherein zu verteufeln oder als einzig richtiger anzusehen. z.B. das Altersheim: für den einen bedeutet es Abschiebung, für andere ist es die Freiheit, um viel mehr Nähe geben zu können. Liebevolle Begleitung zu Hause ist gut, aber sie kann auch zu einer Last werden, die die Liebe langsam aber sicher vergräbt. Und die Last, die manche empfinden, ist die wirklich so schwer, oder machen wir es uns schwer, weil wir Hilfe nicht annehmen können. Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr. Das bedeutet für mich immer wieder zu schauen, ob die Zuwendung zu dem Menschen nicht auch ganz anders geschehen kann. Gott hat sicher immer auch noch andere Wege, wenn wir ihm uns anvertrauen. 5. Gebot: Du sollst nicht töten. Muss man das in Frage stellen? Nun ja, im Blick auf das Morden eines Menschen sicher nicht, da ist Tötung immer etwas, das gegen Gottes Willen spricht. Doch da gibt es die Notwehr gegenüber Menschen, da gibt es auch kriegerische Auseinandersetzungen wie im Kosovo, oder in diktatorisch regierten Ländern, so wie bei uns im Nationalsozialismus, wo die Frage erlaubt sein muss, ob man Gewalt wirklich in allen Situationen wirklich vermeiden kann. Oder bei der Tötung von Tieren. Wie gehen wir damit um? Der Gnadentod ist uns selbstverständlich, ebenso wie die Schlachtung des Schweines für eine gute Wurst. Doch wie ist das zu Beurteilen, wenn man 400000 Tiere tötet, um wirtschaftliche Interessen zu befriedigen? Oder wenn man Tiere in einem von BSE betroffenen Betrieb alle schlachtet? Die Grenze von der Achtung der Kreatur und dem Schutz des Menschen, sie muss immer wieder neu gesucht werden. Auch da gilt: Eure Gedanken sind nicht meine Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege. 6. Gebot: Du sollst nicht ehebrechen. Vertrauen soll nicht mißbraucht werden. Und wir wissen es alle, es geschieht, jeden Tag und bei manchen leben wir all dies via Zeitschriften und Fernsehen genüsslich mit. Menschen suchen etwas neues, wollen nicht mehr füreinander da sein. Und bei manchen geht es auch gar nicht, weil das Gegeneinander so groß geworden ist, dass dort nur noch Unheil herrscht. Eure Gedanken sind nicht meine Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege. Gesagt zu den Eheleuten, heißt das: ist das, was gegeneinander steht wirklich so, dass es nicht mehr miteinander geht. Habt ihr das, was Gott euch bietet, Liebe und Vergebung auch auf den Partner übertragen? Den außen stehende Gesagt könnte dieser Satz heißen: Gott schreibt auch auf krummen Wegen gerade. Nicht der Buchstabenglaube, es darf nicht sein, zählt allein, Liebe kann sich auch in Trennung verwirklichen, in der Vergebung und im Anfang eines neuen Lebens. Auch wenn ein solcher Schritt mit Schuld begleitet ist, Gott ist ein Gott der Liebe und des Lebens, der Vergebung und der Barmherzigkeit. Urteilen wir also nicht zu schnell über andere – es gibt immer auch die anderen Gedanken Gottes dazu. 7. Gebot: zu sollst nicht stehlen. Auch so ein Gebot, was jeder unterschreiben würde und jeder irgendwann unterläuft: angefangen beim Einstecken des zu viel herausgegebenen Wechselgeldes, über die Steuererklärung, das Kopieren und Brennen von CDs für den Computer oder für Musik, bis hin zum Stehlen von Lebensmöglichkeiten durch wirtschaftlichen Druck auf die armen Länder.

Und gerade in dem letzten Gedanken steckt etwas, was für mich mit dem Satz: Eure Gedanken sind nicht meine Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, zusammenhängt. Sehen wir eigentlich, was wir tun an vielen Stellen, sehen wir, wie wir anderen Menschen damit etwas nehmen, wie wir uns bereichern auf Kosten anderer? Du sollst nicht stehlen, das heißt doch, dass die Lebensgrundlagen des anderen nicht angetastet werden dürfen. Lebensmöglichkeiten nehmen ist Diebstahl, auch wenn wir das so nicht sehen wollen. Die Flüchtlinge und Asylbewerber, die Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger machen es uns deutlich: unser Wirtschaftssystem, so sozial es auch sein mag, nimmt auch Lebensmöglichkeiten, stiehlt Lebensraum für Menschen, die ihren Platz auf der Erde suchen. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Von uns oft als: du sollst nicht lügen beschrieben. Hierbei geht es um den nachbarschaftlichen Tratsch genauso wie um die öffentliche Darstellung von Menschen. Größtmögliche Offenheit heißt es in der Medienlandschaft. Alles muss durchschaubar werden und sein. Das öffentliche Interesse fordert rückhaltlose Aufklärung und unser Interesse an solchen schlagzeilenträchtigen Geschichten ist groß. Eure Gedanken sind nicht meine Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege. Gott mag es besser haben als wir: er kennt uns, wie wir sind, er braucht keine anderen, um sich ein Bild zu machen. Aber brauchen wir die anderen wirklich? Können wir uns nicht unser eigenes Bild machen von den Menschen, die uns wichtig sind? Und müssen wir wirklich jede Schlammschlacht von Boris und Babara oder anderen wissen? Ehrlich sein, anderen nichts unterschieben, sie ansehen, wie sie von Gott angesehen werden, das ist gemeint, wenn Gott sagt, Eure Gedanken sind nicht meine Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege. Das heißt nicht, dass man Unrecht oder Lüge nicht beim Namen nennen soll, das soll öffentlich geschehen, aber das Ansehen von Menschen darf dabei nicht beschädigt werden. Und nun noch Gebot 9+10: Du sollst nicht begehren …. Begehen hängt mit Begierde zusammen, Begierde mit Gier. Wir wollen haben – weil das Haben-Wollen unsere Gesellschaft bestimmt und am Leben erhält. Wenn das Haben-Wollen nicht mehr funktioniert, dann funktioniert die Gesellschaft nicht mehr. Aktienkurse sprechen da eine ganz eigene Sprache.

Eure Gedanken sind nicht meine Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege. Leben ist etwas anderes, leben ist viel mehr als ihr vor Augen habt. Vor allem, es braucht das Haben nicht, das wirklich wichtige ist die Beziehung zu Gott. Und diese Beziehung lebt in seinem Wort, das eben immer wieder neu, immer wieder anders ist. Uns immer wieder neu und anders anspricht, in Frage stellt, aufrichtet und neue Wege weist. So wie der Regen und der Schnee die Erde trifft und nicht leer zurückkommt, sondern etwas wachsen und reifen lässt. Unter dieser Verheißung stehen wir, wenn wir uns Gottes Wort immer wieder aussetzen, wenn wir uns von ihm etwas sagen lassen. Etwas sagen lassen als das ganz andere Wort, das Gott in diese Welt spricht. Insofern erinnert uns dieser alte Text aus dem Propheten Jesaja an das wichtigste im Glauben: sei offen für das ganz andere Wort von Gott. Lass deine Gedanken deine Gedanken sein, mache sie nicht zu Gottes Gedanken, sondern höre, was auf dich zukommt. So erfüllst du auch das Erste Gebot: Ich bin der Herr, dein Gott. Du brauchst nichts anderes neben mir.

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