Euch ist es gegeben

Liebe Gemeinde,

Jesus hat mit Vorliebe in Gleichnissen geredet. Diese Gleichnisse sind – so scheint es wenigstens – leichter zugänglich als manches andere Wort Jesu, z.B. die Bergpredigt mit ihren radikalen Weisungen: Liebt eure Feinde, oder haltet auch die andere Wange hin. Auch mit den Wundertaten tun wir uns schwerer. Aber was scheinbar leichter zu verstehen ist, kann in Wahrheit auch leichter missverstanden werden.

Jesus hat ?ins volle Menschenleben hineingegriffen?, um gerade an dem, was wir täglich erleben, das deutlich zu machen, was er sagen will. Das Alltagsleben der Menschen wird im Gleichnis aber nicht einfach zum Bild für die Geheimnisse des Reiches Gottes. Bei vielen Gleichnissen ist es doch so, dass gerade das, was im Gleichnis erzählt wird, im wirklichen Leben so nicht geschieht: Ein Bauer, der sein kostbares Saatgut so verschwendet, dass ein erheblicher Teil auf festgetretenen Weg fällt und dort zertreten oder von den Vögeln gefressen wird, und ein Teil auf steinigen Boden fällt, wo es nicht Wurzeln fassen kann, und ein Teil in Dornengestrüpp gerät, wo es unter dem Unkraut erstickt und keine Frucht bringt, ein solcher Bauer war auch damals ein schlechter Landwirt, der es zu nichts bringen würde; auch wenn die Felder früher so ähnlich aussahen:

Nach der Ernte wurden die Schafe hineingetrieben, die das Unkraut klein hielten und den Boden düngten. Vor dem ersten Regen wurde auf den festgetretenen Boden gesät und erst danach mit einem einfachen Holzpflug gepflügt.

Trotzdem: ein kluger Bauer kannte seinen Acker. Er wird besonders dort gesät haben, wo er einen guten Ertrag erwartete.

Jesus will uns deutlich machen, dass es bei Gott eben anders zugeht als bei den Menschen, und dass darum das, was bei den Menschen unwahrscheinlich oder töricht ist, bei Gott sich gerade so und nicht anders verhält. Denn was bei den Menschen unmöglich ist, ist doch möglich bei Gott.

Die Antwort Jesu auf die Jüngerfrage nach dem Sinn des Gleichnisses bestätigt das in aufregender Weise: ?Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Gottesreiches zu erkennen. Zu den übrigen rede ich in Gleichnissen, damit sie es ’sehen und doch nicht sehen, und hören und doch nicht verstehen??.

Das Gleichnis soll, indem es enthüllt, zugleich verhüllen; indem es redet, zugleich verschweigen; indem es erklärt, zugleich verbergen. Das soll so sein; denn so entspricht es dem Geheimnis des Reiches Gottes. Jesus beruft sich hier auf eine prophetische Weissagung, die sich in seiner Gegenwart erfüllt: Viele Menschen hören zwar Jesus gerne zu und laufen ihm nach, aber nur wenige begreifen, worum es eigentlich geht. Den einen ist es ?gegeben?, das Geheimnis des Reiches Gottes zu verstehen, während die anderen mit sehenden Augen nichts sehen und mit hörenden Ohren nichts verstehen.

Jesus redet also nicht deshalb in Gleichnissen, um schwierige Dinge einfach und verständlich zu machen. Vielmehr genügen menschliches Sehen, Hören und Verstehen nicht, um das Geheimnis des Reiches Gottes zu begreifen. Das wirkliche Sehen, Hören und Verstehen ist ein Geschenk Gottes. Freilich kommt es zugleich darauf an, dieses Geschenk auch anzunehmen.

?Euch ist es gegeben?, sagt Jesus zu den Jüngern, d.h. zu denen, die ihm nachfolgen, die alles hinter sich gelassen haben, um in der Lebensgemeinschaft mit Jesus zu sein, die sich ganz auf ihn eingelassen und sich seiner Führung anvertraut haben.

Wenn wir so wie Jünger hören, dann schließt sich uns das Gleichnis Jesu auf und gibt uns den Blick frei für das Geheimnis des Reiches Gottes; denn davon redet das Gleichnis und nicht von Alltäglichem.

Saat und Ernte sind hier nicht Bilder für Werden und Vergehen; sie bilden nicht das menschliche Leben ab, wie es ist und jeder wissen könnte. Das Gleichnis sagt uns nicht etwas, was wir sowieso schon wissen. Wenn es menschlich zuginge, dann müsste es etwa so heißen: ?Der Sämann blieb zuhause; denn nachdem er seinen Acker besichtigt und bemerkt hatte, dass er überwiegend schlechter, festgetretener, steiniger und dorniger Boden ist, rechnete er sich aus, dass es sich gar nicht lohnt, da irgendetwas hinzusäen. Es gedeiht ja doch nichts, eine lohnende Ernte gibt es hier nicht!?

Ganz anders Jesus: Sein Sämann sät überall hin, auch dort, wo es anscheinend sinnlos ist. Allen Menschen bietet er sich an als das Wort Gottes, das Wort des Lebens, das ihr Leben in Ordnung bringt, so dass es Frucht bringt, also Sinn hat. Denn der Sinn des Ackers ist ja nicht, dass er brach liegt, sondern dass er Frucht trägt.

Wer sich auf Jesus einlässt, der ist das gute Land, bzw. der wird zum guten Land. Denn auch dafür tragen wir Verantwortung. Wir können uns nicht damit entschuldigen, dass wir sagen: ?Was kann ich dafür, dass ich Weg, Fels oder Dorngestrüpp bin??

Wer sich gegen Jesus verhärtet und sich einredet, er sei sein eigener Herr und brauche Jesus und seine Erlösung nicht, der macht sich zum festgetretenen Weg.

Wer nur zur Kirche geht, weil es noch Sitte ist und weil er da gesehen werden will, der macht sich zum felsigen Grund, auf dem nichts gedeihen kann.

Wer sich von Sorgen, Habgier und Lust bestimmen und treiben lässt, in dem ist kein Platz für das neue Leben, das Jesus ihm schenken will; in dem kann sein Wort keine Frucht bringen. Es erstickt unter den Dornen, wird überhört im Stimmengewirr der Zeit.

Aber das alles muss so nicht sein: Wer sich auf Jesus einlässt, der wird zum guten Land, auf dem der Same gedeiht und 100-fach Frucht bringt.

Wir sind nicht von selber der gute Boden. Gerade da, wo wir uns gut vorkommen, machen wir dicht gegen den Samen, das vergebende und erneuernde Wort Gottes.

Wir können auch nicht aus uns selbst Frucht bringen. Ein Boden, und wenn er noch so gut ist, bringt doch nichts als Unkraut, wenn nichts hineingesät wird. Wir brauchen den Samen des Wortes Gottes, wir brauchen Jesus, wenn unser Leben Sinn haben soll. Ohne Jesus Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, haben wir keine Hoffnung. Ohne ihn bedeutet der Tod das endgültige Scheitern unserer Wünsche und Pläne. Wir bringen aus uns selbst nichts hervor, was uns überdauert, was unserem Leben bleibenden Sinn gibt. Wir brauchen den Samen: Jesus, das Wort des Lebens.

Aber auch der Same darf nicht allein bleiben: Wir könnten ihn drehen und wenden, seine Farbe und Form feststellen, seine Bestandteile analysieren und doch entsteht so nichts Neues daraus. Erst muss er in die Erde fallen, sich umwandeln und keimen, bevor neues Leben, Frucht entsteht. So ist es auch mit dem Wort Gottes: Wir können es noch so sehr in Ehren halten, die Bibel im Bücherregal regelmäßig abstauben, oder darüber diskutieren, es studieren oder auswendig lernen. Auch ein Doktor der Theologie kann mit dem Wort Gottes so umgehen, dass es nicht in ihn eindringt. Dann wird er zum festgetretenen Weg. Dann hilft ihm sein ganzes gelehrtes Wissen nichts.

Erst wenn wir auf das Anklopfen Jesu unsere Türe aufmachen und ihn einlassen; erst wenn der Same bei uns tief eindringt, wird er keimen und wachsen und Frucht bringen. Erst wenn wir uns von Jesus Christus überführen lassen; wenn wir erkennen, wie hart, versteinert und verworren unser Herz ist, erst dann kann er uns zum guten Land machen: Dann pflügt er uns auf, liest die Steine ab und jätet das Unkraut aus.

?Wenn wir unsere Sünden bekennen, dann erfahren wir, dass er treu und gerecht ist und uns unsere Sünden vergibt und uns von aller Ungerechtigkeit reinigt? (1 Jo 1,9). Dann macht der uns von innen heraus zu neuen Menschen.

Denn Jesus selbst ist der Same, der in uns Wurzeln schlagen und Frucht tragen will. Er ist ja das Weizenkorn, das in die Erde gelegt worden ist, das gestorben und zu neuem Leben auferweckt worden ist. Durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung hat er uns den Weg freigemacht zu einem ?edlen guten Herzen?, zu einem neuen Leben mit ihm.

Vielleicht verstehen wir nun, warum der Sämann im Gleichnis so verschwenderisch mit seinem guten Samen umgeht: Nur so haben alle Menschen die Chance, gerettet zu werden. Denn er hat sein Leben für alle geopfert, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Jo 3,16)

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