Es sollen sich beugen alle Knie

Liebe Gemeinde, eine große Verwunderung macht sich oft unter den Christen breit, wenn man sie fragt: was denkst du, geschieht am Ende der Zeiten? Denn die Christen unserer Tage und unserer Kulturgegend sind gut trainiert in allerhand ethischen und moralischen Fragen: "ja, ich weiß", heißt es dann, "dass man seinen Nächsten lieben muss"; "ja ich weiß, dass man dies und das besser nicht tun sollte." Viele dieser Christen haben diese Maßstäbe sogar so sehr verinnerlicht, dass sie meinen, sie könnten sich selber zum Richter aufschwingen über gutes und böses Handeln, oder noch besser: den anderen vorschreiben, wie sie ihr eigenes Leben zu leben hätten. Die Frage nach dem Ende aber verdrängen oder vergessen sie häufig, v.a., wenn es um ihr eigenes Ende geht. Christus, so spricht die Bibel in ihren Bildern davon, wird am Ende der Zeit wiederkehren und es wird ein Gericht stattfinden, in welchem Christus der Richter sein wird über alle Völker und er wird sie scheiden wie es ein Hirt tut in Böcke und Schafe und die Geretteten wird er stellen zu seiner rechten Seite und die Verdammten zu seiner Linken. Das sind, liebe Gemeinde, kräftige Bilder, so kräftig, dass sie im Mittelalter die Macht hatten, das ganze Leben der Christen zu durchdringen und ihnen Angst einzujagen, so dass sie dachten, sie müssten alle vergehen vor unserem Gott.

Auch Luther unterlag dieser Angst und so sehr er sich auch angestrengt hat als Mönch, konnte er doch diese Angst nicht abstreifen, denn er fand immer etwas an sich, dass schwer genug war, ihm die ewige Strafe in der Hölle zu garantieren. Zu Recht stellte Luther mit der Zeit aufgrund seiner Bibellektüre fest: Gott macht gerecht und rechtfertigt den Sünder und wer an Gott glaubt, d.h. ihm vertraut und sein Leben nach ihm ausrichtet, der darf gewiss sein, dass er an jenem Tage gerettet werden wird. So trat eine Wende ein und das Gottbild wurde mit der zunehmenden Zeit immer weicher gezeichnet, immer mehr wurde er zum Gott der Liebe, der Vergebung, sosehr, dass man mir als Pfarrer gar nicht mehr zutraut, dass ich einmal nicht mehr nachgeben mag oder dass einmal auch die Grenzen einer Pfarrersgeduld ausgeschöpft sein könnten: "Sie müssen doch lieb sein und verzeihen", sagen meine Schüler: "Sie sind doch Pfarrer!".

Heute aber tritt uns in unserem Predigtwort ein anderer Gott entgegen. Ein Gott, dessen Ansprüche klar formuliert sind und der die Konsequenzen für jeden von uns deutlich vorzeichnet. Hören wir also dadas Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem Brief des Paulus an die Römer im 14. Kapitel, die Verse zehn bis dreizehn.:

[TEXT]

Sie merken, liebe Gemeinde, dass in diesem Wort der Umgang mit seinem Bruder und mit seiner Schwester motiviert wird durch eben diesen Ausblick auf das jüngste Gericht. Wir haben es vorhin im Introitus gesungen: "In dem Namen Jesu sollen sich beugen alle Knie und alle Zungen sollen bekennen, dass Jesus Christus der Herr sei." Vor diesen Thron werden wir treten am Ende unserer Zeit, die in uunserem Empfinden in eines fallen wird mit dem Ende der Welt. Wir werden bekennen, wie wir unser Leben geführt haben: worauf wir vertraut haben, wovor wir Angst hatten. In diesem Augenblick wird unser ganzes Dasein offen liegen vor dem Herrn wie ein geöffnetes Buch und wir werden darin Seiten finden, die wir längst verdrängt oder vergessen hatten. Noch mehr, liebe Gemeinde, wir werden darin Seiten finden, von denen wir gar nicht wussten, dass sie existieren. Seiten, die uns erlauben, uns besser zu verstehen. Seiten, die uns darlegen werden, warum wir in jener Situation so und ein einer anderen anders gehandelt haben. Gott aber, der Richter in Jesus Christus, wird uns mit unseren Fehlern konfrontieren und er wird sprechen: "Warum, mein Sohn, meine Tochter – warum hast du hier und da gefehlt? Wo war dein Einsatz, als ich ihn brauchte? Wo war dein Engagement, als es nötig war?" Unsere Heilige Schrift macht es ganz konkret: "Wo hast du den Hungrigen gespeist, den Durstigen getränkt? Wo hast du die Nackten bekleidet und die Gefangenen besucht? Wo hast du die Kranken geheilt und die Toten bestattet? Wo hast du die Fremden beherbergt?" Gerade letzten Samstag, am Konfirmandentag, sind wir diese Dinge mit unseren Konfirmanden durchgegangen: der Fremde kann der Ausländer sein, der um Asyl bittet genauso wie der Neue in der Klasse. Der Nackte kann der Obdachlose sein genauso wie derjenige, der von anderen bloßgestellt wurde und sich "ausgezogen" fühlt. Auch die Gefangenen, die echten Straftäter, die Mörder und Vergewaltiger: auch sie haben einen Kern des Menschseins in sich, der ihnen eine letzte Würde gibt – trotz aller schrecklichen Taten – und dieser Kern will bedacht und ihnen nachgegangen sein. Aber reicht das alles? Müsste es nicht noch mehr sein? Z.B. im Umgang mit der Umwelt: das Schonen der Natur, der Schöpfung? Das nachhaltige Verwalten unserer Ressourcen? Das politische Engagement – wann hast du dich eingebracht und mitgemischt in der Bestimmung unserer Politik? Hast du deine Stimme da für den Schwachen erhoben? Ja, liebe Gemeinde: das und noch viel mehr müsste es alles sein und wir könnten Bücher um Bücher damit füllen, um alles und jedes abzudecken zu versuchen. Aber: es wird uns nicht gelingen. Wir werden es nicht finden, dieses eine, absolut gottgefällige Leben. Wir können es nicht einmal so ausreichend beschreiben, dass sie jemand von außen ein vollständiges Bild machen könnte. Warum geht das nicht? Warum will uns das nicht gelingen, trotz aller Anstrengung, trotz aller Mühe, die wir sicherlich alle hier aufwenden? Es hängt damit zusammen, dass wir nicht alle Seiten von uns selbst kennen. Wir wissen nicht, was alles in dem Buch geschrieben steht, dass zu jedem von uns angelegt ist. Wir haben höchstens eine Ahnung von den dunklen Seiten, die in uns wohnen, aber unserer Sprache und all unsere Selbstanalyse reicht nicht aus, um diese alle zu erforschen. Was aber folgt daraus? Eben dies, was uns unser Predigtwort heute gebietet: Richte deinen Bruder nicht! Nicht deshalb nicht, weil du nicht sagen könntest, was Gottes Wille ist. Der ist uns freilich in diesen vielerlei Beispielen offenbar geworden: den Schwachen schützen, Solidarität üben, der Gerechtigkeit nachjagen, das Rechte tun, Gottes Schöpfung verantwortungsbewusst verwalten. Aber es geht deswegen nicht, weil du noch viel weniger in das Herz deines Bruders zu blicken vermagst, als du in dein eigenes Herz blicken kannst. Noch viel weniger kannst du die Seiten des Buches eines Menschen, wie es einst bei Gott offen daliegen wird, lesen, als du deine eigenen Seiten lesen kannst. Mit anderen Worten: du bist zurückgeworfen auf dich selber. darauf zu achten, dass deine eigene Lebensführung dem entspricht, worin Gottes Wort dich getroffen hat und damit dem anderen ein Beispiel geben. Dass Gottes Wort die Menschen trifft, steht außer Zweifel. Jeder, der es vermag die Bibel als persönliches Buch zu begreifen, welches gerade für dich geschrieben wurde – jede, die versucht, gerade ihre eigene Lebensgeschichte mit den Geschichten dieses Buches und damit mit den GeschichtGeschichten Gottes zu verbinden, wird erfahren, dass die Bibel lebendig wird. Weil sie anfängt zu reden: sie fängt an, zu dir zu sprechen und dich darauf hinzuweisen, wo bei dir etwas gelingt und wo bei dir etwas misslingt. Wem es vergönnt ist, die Bibel in dieser Weise zu erfahren, der wird in seinem Leben lernen, was Gottes Wort gerade für ihn bedeutet. Und dann passiert das Erstaunliche, liebe Gemeinde, dann hören zwei Menschen das gleiche Wort, und beide erfahren etwas anderes daraus für ihr Leben. Beiden wurden die Augen geöffnet für ihr eigenes Tun und ihr eigenes Handeln. Sie beide wurden aufgerufen zur Umkehr, aber vielleicht aus völlig verschiedener Richtung heraus. Und so bleibt der Rat, den Paulus uns heute geben mag: Richte nicht deinen Bruder, denn es mag sein, dass er im Glauben einen Weg geht, der gerade dir nicht gewiesen wurde. Den aber sollst du nicht verurteilen! Vor Gott selbst wird dieser Mensch dereinst Rechenschaft ablegen müssen! Das heißt freilich nicht, dass wir von Stund an schweigen sollen über das Tun unseres Nächsten. Natürlich werden wir mit ihm ins Gespräch kommen, natürlich werden wir mit ihm streiten, natürlich werden wir mit ihm gemeinsam um die Wahrheit ringen und uns gegenseitig von unseren Erfahrungen mit Gott erzählen. Vielmehr gilt: um der Wahrheit willen, um Gottes Wort willen muss gerungen und gestritten werden. Die Gleichgültigkeit ist der größte Feind des Glaubens. Und so werden wir dran bleiben an dieser Auseinandersetzung – auch oder gerade innerhalb der Gemeinden: welcher Weg ist der richtige? Wie sollen wir umgehen mit diesem oder jenem? Sollen wir den Schwerpunkt auf dies oder auf das legen?

All das wird bleiben. Aber eines ist uns verwehrt: das Richten des Anderen! Nur Gott wird dereinst alle Wege überblicken können und sagen dürfen: dieser war recht und jener nicht. Bis dahin haben wir Luthers Erfahrung im Kopf und hoffentlich im Herzen, der gespürt hat, dass unser Gott ein Gott ist, der uns sucht und aufspürt und der uns zusagt: "Wenn du meinem Namen glaubst, so will ich dich erretten!"

So soll es einen Unterschied geben im Umgang der Christen untereinander und im Umgang der übrigen miteinander. In allem Streit und in aller Zerrissenheit, die wir oft schmerzlich erfahren müssen, ist doch eines klar: wir alle unterstehen noch einem letzten Richter, einem der mehr weiß, als wir alle zusammen. Demütig beugen wir unser Haupt vor diesem Herrscher der Welt und überlassen das Urteil, das wir endgültig nennen würden, alleine seinem weisen Entschluss. Wir aber sollen gewappnet sein und vorbereitet, viel besser als jener König, von dem uns zum Schluss eine Geschichte erzählt:

Ein König gab seinem Hofnarren einen Stab und sagte: "Gib diesen Stab dem, der noch närrischer ist als du!" Da legte sich eines Tages der König zum Sterben nieder und klagte: "Ich gehe in ein fremdes Land und kehre nie mehr zurück." Der Narr sagte: "Da du doch gewusst hast, dass du einmal in dieses fremde Land ausreisen musst, hast du sicher alles getan, um auch in dieser neuen Heimat ein Haus zu besitzen." Als dies der König verneinte, überreichte ihm der Narr den Stab und sagte: "Er gehört dir. Du bist ein noch größerer Narr als ich."

drucken