Es muss nicht alles beim alten bleiben

Liebe Gemeinde,

wenn ich den Predigttext nun verlese, dann werden Sie sich vielleicht an den Eingangspruch erinnern, mit dem dieser Gottesdienst begonnen hat. Denn das Wort Gottes, das uns an diesem Sonntag in der Passionszeit aufgegeben ist, steht im Epheserbrief Kapitel 5,1-8a. Es ist ein Text, mit Ecken und Kanten, der es in sich hat:

[TEXT]

Hören Sie den Bericht über einen bedeutenden Mann, dessen Name Ihnen bekannt sein könnte. Ich werde zunächst nur die erste Hälfte verlesen.

„ Als junger Mensch war er stark und unverwüstlich. Als eschäftsmann trieb er sich gnadenlos zu Höchstleistungen an. Mit 33 Jahren hatte er die erste Million Dollar verdient. Jede Sekunde seines Lebens widmete er seinen Geschäften. Krankhafter Ehrgeiz trieb ihn zu ungewöhnlichen Leistungen an. Mit 43 Jahren beherrschte er das größte Geschäftsunternehmen auf unserer Erde und mit 53 Jahren war er der reichste Mann und der erste Dollarmilliardär. Aber seinen Erfolg hatte er mit seiner Gesundheit und Lebensfreude bezahlt. John Rockefeller wurde schwer krank. Er verdiente in einer Woche zwar eine Million Dollar, doch er sah aus wie ein Mumie. Er war einsam und verhasst, ruhelos und todkrank. Er konnte nur noch Zwieback und Milch schlürfen. Sein ausgemergelter Körper und seine ruhelose Seele boten ein Jammerbild menschlicher Existenz. Bis hierhin zunächst der Bericht über John Rockefeller, dem reichen Amerikaner.

Vielleicht, liebe Mitchristinnen und Mitchristen, geht es ihnen manchmal wie mir. „Ich fühle mich wohl, wenn alles beim alten bleibt. Wenn ich zu meinen Eltern fahre und die Bäume noch am gleichen Platz stehen, wenn die Strasse noch nicht umgebaut ist und das Haus noch immer aussieht wie früher. Wenn alles beim alten bleibt, fühle ich mich wohl und sicher.“ Doch ich weiß nur zu gut, dass nicht immer alles beim alten bleiben wird und kann und darf, denn manchmal ist es einfach nicht gut, wenn sich nichts ändert. Es ist einfach nicht gut, wenn einer keine Entziehungskur macht, obwohl der Alkohol sein Leben zerstört. Wenn im Leben eines Menschen immer alles beim alten bleibt, kann das Leben zur Bürde und zur Last werden, die alles zerstören. Dann ist das Wagnis des Neuanfangs angesagt, bei dem sich einer abwendet von dem, was ihn quält und eine neue Richtung einschlägt. Dann öffnet sich für ihn der Himmel. John Rockefeller hat ähnliches erlebt.

„Die Zeitungen hatten seinen Nachruf schon gedruckt, und niemand gab Rockefeller noch eine Lebenschance. In langen, schlaflosen Nächten kam Rockefeller dann aber zur Besinnung. er dachte an die Unsinnigkeit, Geld aufzuhäufen und selber daran kaputtzugehen. So entschloss er sich, sein Vermögen gegen die Nöte auf der Erde einzusetzen. Er gründete die berühmten Rockefellerstiftungen. Sein Geld ging in alle Teile derErde und erreichte Universitäten, Krankenhäuser und Missionsgesellschaften. Seinen Millionnen waren für die ganze Menschheit ein Segen. Sie halfen mit, das Penicillin zuentdecken und Malaria, Tuberkulose, Diphterie und andere Krankheiten zu besiegen. Armut, Hunger und Unwissenheit wurden mit seinem Geld bekämpft. Ganze Bücher mussten geschrieben werden, um die Segnungen seines Geldes zu schildern. Und dann geschah das Wunder. Rockefeller konnte wieder schlafen. Bitterkeit, Egoismus, Groll und Hass wichen aus seinem Herzen und machten der Liebe und Dankbarkeit Platz. Er wurde gesund und konnte wieder Freude am Leben erfahren. Ein kalter, harter Mann verwandelte sich in Liebe und Wärem und blühte auf zu einem erfüllten Leben. Er wurde 98 Jahre alt.“ (Axel Kühner, Überlebensgeschichten für jeden Tag, S. 114f.)

Der Bericht über John Rockefeller macht klar, dass Menschen in die Knechtschaft schlimmer Dinge geraten können, die ihnen zu Lasten werden und ihr Leben zerbrechen lassen. Doch wenn sie noch zur Besinnung kommen und ihre Lasten los werden können, kann es einen Neuanfang geben und ihr Leben blüht wieder auf.

Wir Christen gehören zu den Menschen, die die Möglichkeit eines Neuanfanges niemals ausschließen, sondern immer mit ihr rechnen. Es muss nicht alles beim Alten bleiben, was einen Menschen zerstört! Diesen Satz könnte man fast zu einem Glaubensbekenntnis im Rahmen des Evangeliums machen. Denn „Evangelium“ bedeutet nun einmal „gute Botschaft“ und „gute Nachricht“, weil es von Jesus Christus herkommt, der durch sein Kreuz und seine Auferstehung die Richtung des Todes in die Richtung des Lebens umgewandelt hat. „Christus hat uns geliebt und sich selbst für uns gegeben“ so der Predigttext. Deshalb wissen wir, dass Gott uns liebt, wie wir sind, mit all unseren Lasten und Bürden. Gott hat Hoffnung für unser Leben. Gott glaubt daran, dass es im Leben eines Menschen nicht alles beim alten bleiben muss. Das ist es, liebe Gemeinde, was Gott uns durch das Evangelium verkündigen lässt, dessen Mitte das Kreuz und die Auferstehung Christi bilden. Wir dürfen hören, staunen und glauben, dass Gott für uns hofft und an uns glaubt, ja dass er uns annimmt wie wir sind und uns beisteht, wenn Schlimmes auf uns lastet, das uns zerstört. Die gute Nachricht von Jesus Christus lädt uns ein, zu glauben, dass Gott an uns glaubt. Wir müssen nicht glauben, sondern wir sind eingeladen! Vor einigen Tagen ließ ich in der Schule bei den 5.+6. Klässlern einen Test über den Zöllner Zachäus schreiben. Einer der Schüler schrieb: Zachäus musste das Geld, das er gestohlen hatte, zurückgeben. Doch wenn Sie die Geschichte aus dem Lukasevangelium Kapitel 19 einmal nachlesen, stellen Sie fest, dass kein Muss im Spiel ist. Jesus kehrt in das Haus des Betrügers Zachäus ein und liebt ihn, wie er ist; Zachäus aber, von dieser Liebe überwältigt, verändert sein Leben freiwillig zum Guten, weil er erkennt, dass er Zerstörerisches ablegen und ein Leben in Liebe gewinnen kann.

Der heutige Predigttext, liebe Gemeinde verweist klar auf das, was Jesus getan hat und ruft uns Christen auf, dem Beispiel Jesu zu folgen: „So folgt nun“, „lebt in der Liebe“, „wie es sich für die Heiligen gehört“ usw.. Von Licht und Finsternis ist die Rede und von den Kindern des Ungehorsams. Das gute Evangelium hören wir aus diesem Wort, doch wir hören ebenfalls von Sollen und Müssen und von Dingen, die Christen nicht tun sollen. Der Epheserbriefautor –nicht Paulus, sondern ein Unbekannter – zeichnet ein schwarz-weißes Bild. Er zeichnet dieses Bild, weil er befürchtet, dass die Christen in der Weltstadt Ephesus wieder in ihren heidnischen Lebensstil zurückfallen – davor möchte er sie bewahren; deshalb diese drastischen Mittel. Später spricht er dann auch noch davon, dass die Frauen sich den Männern unterordnen sollen und die christlichen Sklaven gute Sklaven sein sollen. Das Leben der Christen soll anständig und tugendhaft sein und diese Anständigkeit und Tugendhaftigkeit kann er präzise beschreiben.

Wir hören in den Worten des Epheserbriefes das Evangelium von Jesus Christus und erkennen ein ernsthaftes Ringen mit dem Ziel, dass bei den Christen nicht alles beim alten bleibt, sondern ihr Leben gelingt – mit der Hilfe Gottes. Doch wenn wir an Jesus denken, der dem Betrüger Zachäus keine Standpauke hielt, und der genauso der Ehebrecherin, die man zu ihm brachte, ihre Sünden vergab, dann können wir schon fragen, ob der Schreiber des Epheserbriefes den Ton des Evangeliums von Jesus vielleicht doch nicht immer getroffen hat, weil er sich eben so sehr um die Christen sorgte. Dass Sklaven weiter Sklaven bleiben sollen oder die Frauen ihren Männern gehorchen sollen, wie er es einige Zeilen später formuliert, kann doch wohl nicht der Weisheit letzter Schluss sein, die von Jesus stammt. Und wenn der Schreiber des Epheserbriefes Kataloge aufstellt, in denen er Forderungen an die Christen richtet, dann dürfen wir das ganze doch wohl als Beispiele betrachten, deren Maßstab die Botschaft von der Gnade Gottes in Jesus ist und die sich an diesem Maßstab auch messen lassen müssen. Wenn ein solcher Katalog aufgestellt wird, ohne dass die Vergebung der Sünden ausdrücklich erwähnt wird, dann fehlt etwas Wichtiges.

Wenn wir auf der einen Seite also einen Text vor uns haben, der das unsichere Ringen der damaligen Christen zeigt, so leuchtet doch auch die wunderbare Gnadenseite hell auf: wenn ein Mensch unter der Last schlimmer Dinge leidet, die ihn gefangen halten und zerstören, dann darf er hören: Da ist einer, der mich liebt, wie ich bin, der mich annimmt, wie ich bin, der daran glaubt, dass bei mir nicht alles beim alten bleiben muss, was mich zerstört, der Hoffnung hat für mich, der mich einlädt, meine Schritte auf den Weg zu einem guten Leben zu lenken.

Es muss nicht alles beim alten bleiben und braucht nicht alles beim alten zu bleiben – weil sich die Liebe Gottes am Kreuz und in der Auferstehung Jesu durchgesetzt hat. Es gibt Hoffnung für jeden Menschen, auch für den Menschen, der keine Hoffnung mehr hat. Es gibt Hoffnung in allen Situationen. Es gibt Hoffnung, auch dann, wenn Menschen, die helfen wollen, keinen Weg mehr sehen können. „Unsere Augen sehen auf den Herrn! Der vom Tod ins Leben kam, ist unsere Hoffnung. Es muss nicht alles beim alten bleiben.

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