Es ist nicht umsonst

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

fast alles an Arbeit und Mühe umsonst gewesen? So kann man Jesus auch verstehen. Es ist eine Frage des eigenen Lebensgefühls.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Amtsbruder, der sich schon einige Jahre im Ruhestand befand, in seiner alten Gemeinde aber wohnen geblieben ist, auch um in der Nähe seiner Kinder zu bleiben. Und er sah, wie sich mit einer neuen , jungen Generation von Pfarrern die Gestalt der Gemeindearbeit veränderte und wie nach der Wende viele, die einst Zuflucht unter dem Dach der Gemeinde gefunden hatten, in ihren Mauern wenigstens frei atmen konnten, aufgefressen wurden von den Ansprüchen der neuen Zeit und zwischen Familie und Beruf keinen Platz mehr in ihrem Leben für die Gemeinde hatten. Und er fragte sich: ist denn alles umsonst gewesen? Oder haben wir alles falsch gemacht?

So fragt, wer ständig darauf achtet, ob denn das, was ich investiere, auch in einem angemessenen Verhältnis zu dem steht, was ich am Ende dann herausbekomme. Ist alles umsonst gewesen, weil von den Hunderten von Konfirmanden der letzten Jahre nur noch wenige ihr zu Hause unter uns suchen? Ist alles umsonst gewesen, wenn von den getauften Kindern nur ein Bruchteil in der Christenlehre auftaucht? Ist alles umsonst gewesen, wenn von dem Glanz der Trauung und dem Versprechen vor Gott und den Menschen nach wenigen Jahren nur noch die Enttäuschung vor dem Scheidungsrichter und der Streit um das Sorgerecht der Kinder übrigbleibt? Und so könnte ich fortfahren.

Wo sind die Menschen geblieben, die nach dem 11. September unsere Kirchen gefüllt haben. Und welche Macht hat die Friedensbotschaft Jesu, der die Friedenstifter selig preist und die Kriegstreiber ins Abseits stellt, wenn die Politik den Kirchen antwortet, mit dem Evangelium lässt sich nicht regieren und andere im Krieg sogar eine göttliche Mission einer ganzer Nation sehen. Hunderte oder Tausende am letzten Wochenende im Berliner Dom, Hunderttausende auf den Straßen, aber ihre Sehnsucht, ihre Angst, ihre Wut, auch ihre Skepsis gegen die Gesellschaft und den Staat, der in Teilen Krieg und Gewalt zum legitimen Mittel der Politik erklärt, prallen wie an einer Wand in weiten Teilen ab.

Wer allein gelernt hat mit ökonomischen Maßstäben zu beurteilen, der kann nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und raten schleunigst mit solcher Verschwendung von Arbeit, Energie und Phantasie aufzuhören und sich auf erfolgverheißendere Projekte zu konzentrieren, wo sich wirklich etwas sichtbar verändern lässt. Aber liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, dass ist nicht die Logik des Reiches Gottes. Das sind nicht die Zwänge, denen sich Jesus gebeugt hat, mit denen er sich abgefunden hat. Sein Gleichnis erzählt letztlich von seinem Selbstverständnis und von dem Bild Gottes, das er in sich trägt.

Gott ist wie ein Sämann, der überschwänglich und mit weitem Wurf aussät. Da ist es egal, dass ein Teil des Saatgutes auf den Weg fällt und dort unter die Räder oder unter die Füße derer gerät, die vorbeikommen. Da ist es egal, dass einiges auf Felsen fällt, dorthin wo alles endgültig verhärtet und undurchdringlich erscheint. Da ist es egal, dass einiges unter Dornen fällt und in diesem Gestrüpp aus Resignation, Mutlosigkeit oder Hartherzigkeit schon im Kein erstickt. Denn ein Teil fällt auf gutes Land, hat dort die Chance aufzugehen, Wurzeln zu schlagen, zu wachsen , um am Ende gute Frucht zu bringen. Gott ist wie ein Sämann, der gelassen tut, was zu tun ist, sich nicht auffressen lässt von seinen Sorgen, sich nicht von Misserfolgen den Mut nehmen lässt, sondern voller Vertrauen abwartet und die Saat aufgehen lässt.

So unterschiedlich kann die gleiche Situation gesehen werden, es ist alles nur eine Frage der Perspektive. Der eine beklagt die Verluste, rechnet aus, wie viel Prozent der ausgebrachten Saat aufgehen, wie viele verloren gehen und mag sich dabei die Haare raufen oder aufgeben. Der andere sieht, was Frucht bringt, wie groß trotz allem die Ernte ist, wie viel er erreicht oder bewegt hat und freut sich darüber, weil es doch alles aufwiegt, was verloren gegangen ist. Entscheidend ist, dass die Saat überall ausgesät wurde. Gott ist großzügig und geduldig.

Ich glaube, das Reich Gottes, in dem all unsere Sehnsucht und all unsere Sorgen und Tränen, unsere Ängste und all unsere Mühen aufgehoben sind, braucht solche Großzügigkeit und solchen langen Atem. Und es braucht Vertrauen, dass auch im Kleinen eine ungeheuer große Kraft steckt. ?Wie viel mehr als nichts wiegt eine Schneeflocke, fragte ein kleiner Vogel. Nicht viel mehr als nichts bekam er zur Antwort. Und er erzählte, dass er auf einem Baum sitzend die Schneeflocken gezählt hat, die auf einem Ast liegen blieben. Viele hundert … Und als die 1.268.729 Schneeflocke fiel, da brach der Ast ab. So viel mehr als nichts wiegt also eine Schneeflocke.? So eine Kraft steckt in allem Kleinen.

Wenn Jesus das Gleichnis vom Sämann erzählt, dann nicht, um in uns das Gefühl zu wecken: es ist doch alles umsonst. Ganz im Gegenteil: er will Mut machen, anstacheln, anreizen mit langem Atem und fröhlichen Gemütes fortzufahren. Und ich bin mir sicher: genau diese Ermutigung tut uns allen gut. Die tut denen gut, die sich in der Gemeinde haupt- und ehrenamtlich bemühen, etwas von ihrem Glauben, von ihrem Vertrauen an diesen überschwänglichen Gott weiterzugeben, selbst wenn die Erfolge bescheiden bleiben. Das tut denen gut, die in ihren Familien erleben, dass das Wort Gottes zertreten wird, auf Granit fällt oder unter Dornen erstickt und nur an manchen Stellen dann aber reiche frucht bringt. Das tut aber genauso denen gut, die bis zuletzt mit ihren Gebeten, ihren Protesten (lat.: öffentlich bezeugen, verkünden), also mit ihrem Bekenntnis, dafür eintreten, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll und die sich mit der resignierten Feststellung, der Krieg sei doch gar nicht mehr zu verhindern , nicht abfinden wollen und können. Es ist nicht umsonst, was wir tun, wofür wir eintreten und uns stark machen. Unser Zeugnis und Bekenntnis, unser Bemühen etwas von Gottes Wahrheit in die Zusammenhänge unserer Welt hineinzustreuen, ist nicht immer und überall von Erfolg gekrönt, aber nicht vergeblich.

Sicher ist im Gleichnis Gott der Sämann, aber was durch ihn in die Welt kommt, geht doch immer durch Menschenhände und Menschenherzen, also durch Menschen hindurch, in denen sein Wort, seine Liebe, seine Barmherzigkeit schon längst Wurzeln geschlagen haben. So eine Gelassenheit, so eine Zuversicht ist keine Selbstverständlichkeit, das weiß ich wohl. Schon die Jünger Jesu, fragten, was denn dies Gleichnis zu bedeuten hätte. Ich kann diese Gelassenheit nicht erzwingen, aber ich kann sie erbitten und einüben und uns einladen, nicht aufzuhören uns gegenseitig fröhlich zu ermutigen. Denn ein Teil fällt auf gutes Land und bringt hundertfach Frucht.

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