Es ist ein Gott

Liebe Gemeinde,

immer wieder erstaunlich ist es, was wir an diesem Feiertag von Paulus hören. Er beschreibt eine Vielfalt der Gaben Gottes mit einer Selbstverständlichkeit, die uns heute zum Staunen bringt. Nicht wenige Menschen pilgern regelrecht an verschiedene Orte dieser Erde, um nur eine dieser Gaben zu sehen und zu spüren zu bekommen. Und das ist übrigens nicht nur im christlichen Kontext so: prophetisch Redende, Zugendredner, Wundertäter und Krankenheiler sind zwar auch in den christlichen Kirchen oft aufgesuchte Menschen, aber ihnen gegenüber steht eine mindestens genauso große Zahl an Menschen, die eben dies aus nicht-christlicher Überzeugung heraus tun. Ihre prophetischen Reden beziehen sich auf dann eben auf Geisterwesen, Lichtgötter, Außerirdische – ihre Heilungen auf verstorbene Meister, unterirdische Energiebahnen und vieles anderes mehr.

Das will meine erste Beobachtung sein: die Dinge, die hier geschehen, sind noch nicht deshalb, weil sie Paulus aufzählt, schon genuin christlich. Oder, um es pointierter auszudrücken: es ist keine Auszeichnung für ein besonderes Christ-Sein, wenn man über die eine oder andere Gabe verfügt. Und dennoch sind die Menschen damals wie heute natürlich fasziniert von solchen Fähigkeiten, die zweifellos andere Menschen besitzen. Gerade die Kranken wenden sich in einer Zeit, in der die Gesundheit ein immer höheres Gut darstellt und die Menschen gleichzeitig immer älter werden an solche Heilergestalten. Ich kenne viele Fälle, wo Christen auch zu anderen Heilern gegangen sind, egal welchen ideologischen Überbau diese hatten, nur weil sie von der Hoffnung getrieben wurden, vielleicht – ja vielleicht könne dieser eine Heiler doch noch etwas bewirken, was die anderen nicht geschafft hatten. Ähnliches, aber in abgeschwächter Form gilt für die prophetisch Redenden, soweit es sich auf die Ansagen, die über die Zukunft zu machen sind, bezieht. Wie viele Menschen gibt es nicht, die gerne einen Blick in ihre eigene Zukunft werfen würden? Unzählig sind die Angebote, die solches verheißen. Von Astrologie über Runen-Orakel bis hin zum Kartenlesen usw. usf. Auch darin brauchen wir uns nichts vormachen: die Vorzeichen, unter denen Zukunft gedeutet wird, ob christlich oder nicht-christlich, sind in den meisten Fällen austauschbar. Stellt man Vergleiche an zwischen manchen evangelikalen oder charismatischen Christen und Menschen, die sich einer esoterischen Weltdeutung angeschlossen haben, so wird man sehr oft feststellen, dass die Strukturen, die hier wie da herrschen, sehr ähnlich sind.

Dies also ist die zweite Einsicht aus unserem Predigtwort: Paulus zeichnet keine der hier genannten Gaben vor den anderen aus. Er drängt uns nicht, nach ihnen zu suchen oder nach ihnen zu streben. Noch viel weniger sagt er: gehe hinaus in die Welt und suche diese Gaben und die dazugehörigen Menschen und folge ihnen nach. Viel zu oft in unserer Kirchengeschichte, liebe Gemeinde, ist dies so missverstanden worden, als wäre der wahre, der echte Christ erst derjenige, der dieses oder jenes an Gaben vorweisen könne. Und schneller, als man sich versieht, wird die Gemeinde in Klassen oder Grade eingeteilt: da sind die Kirchenfernen, die ganz unten stehen, dann kommen die Kirchgänger, dann die Mitarbeiter und unter ihnen dann die echten Christen – also die wahrhaft Bekehrten -, dann kommen die wahrhaft Bekehrten, die zusätzlich bestimmte Gaben vorzuweisen haben usw. usf. Die meisten unserer Sekten sind so entstanden: Absonderung von den so verstandenen Nicht-Gläubigen, Aufbau einer neuen, und das heißt, wahren Kirche, gereinigt von allen Lauen und Laschen. Solange bis unter den Gereinigten sich wieder Laue finden. Eine Spirale ohne Ende. Schon in der Alten Kirche gab es solche Eiferer, hochgeachtet in ihrer Konsequenz und in der Brillanz ihres Geistes, z.B. Tertullian. Immer wieder sonderte er sich ab, scharte die Schar der Reinen um sich, die Gruppe wurde immer kleiner. Übrig blieben die Tertullianisten, gestorben ist er allein.

Die Kirche aber, die uns aus unserem Predigtwort entgegentritt, ist eine andere: viele Gaben sind dort zu finden – es ist nicht nötig, sie alle aufzuzählen, aber es gibt nur einen Geist, der diese Gaben alle verteilt hat, und zwar so, wie er will. Deswegen – und daran glaubt Paulus fest – kann niemand Jesus den Herrn nennen, ohne dass er den Heiligen Geist besäße. Und wiederum deswegen ist die Kirche in dieser Welt durchzogen von vielen, vielen Menschen, die ihre Gabe besitzen, ohne dass es etwas Spektakuläres sein müsste. Wer z.B. überblickt denn unsere Gemeinde? Die ca. 3300, die hier dazugehören? Wer kann sagen, wo welche Gabe eingesetzt wird? Wer besucht die Alten und Kranken in der Nachbarschaft und wird in unserer Gemeinde geehrt, weil er die Gabe des Krankenbesuchs hat? Wer kann durch einfache Worte und Taten Menschen anregen, sich Gedanken über Christus zu machen und wird in unserer Gemeinde aufgesucht, weil er die Gabe der einfachen Rede hat? Wer setzt sich ein für Belange der Natur und der Bewahrung der Schöpfung und wird in dieser Gemeinde geehrt, weil er die Gabe der Pflege der geschundenen Kreatur hat? Und wer schließlich, liebe Gemeinde, redet in unserer Gemeinde offen über politische und gesellschaftliche Dinge, wie etwa die nötige Hinwendung zu den sozial Schwachen, zu den Armen, zu denen, die immer wieder von mir aus auch aus eigener Schuld heraus in unserer Gesellschaft "versagen"? Wer tut solches und wird in unserer Gemeinde geehrt, weil er die Gabe der politischen Rede hat? Viele Gaben – ein Geist, so sagt es Paulus. Das Tolle daran: die Gemeinschaft könnte fähig sein, auch die zu tragen, denen es gerade nicht gut geht. Also die zu tragen, die ihre Gabe gerade nicht ausüben können, weil sie selbst zu belastet sind, selbst zu angegriffen sind und auf die Gaben der anderen vertrauen müssen, ihnen zu helfen. Denn Paulus selbst benennt zwei Kapitel später ein Kriterium, welches das entscheidende, das unterscheidend christliche dabei ist: welche Gabe dient zur Erbauung der Gemeinde?

Prophetische Rede ist Stückwerk, sagt Paulus, genauso wie unser Wissen überhaupt Stückwerk ist und bleiben muss bis zu dem Tag, an dem das Vollkommene kommen wird. Bis zu dem Tag, an dem der Herr Jesus Christus wiederkehrt. Dann wird aber alles Stückwerk aufhören. Bis dahin aber bleiben wir in dieser Erwartung, in dieser Hoffnung und wir bleiben unter unserem Predigtwort: jeder von uns besitzt eine Gabe, der Geber aller Gaben aber bleibt der Heilige Geist.

Wir aber sind gehalten unsere Gaben einzusetzen bis der Herr wiederkommt zur Erbauung der Gemeinde! Ich glaube, liebe Gemeinde, wenn unsere Kirche den Weg einschlagen würde, nur nach Zahlen und Größen zu gucken und zu greifen, nur nach dem, was spektakulär, was besonders ist – also mit anderen Worten, wenn sich ausschließlich versucht die Gaben zu betonen, die seit alters her fähig sind, Menschen aus unterschiedlichen Gründen anzuziehen, dann, glaube ich, verspielt die menschliche Institution Kirche etwas von dem, was ihr eigentlich gegeben wurde. Denn dann wendet sie sich hin zu den Spektakeln, die nur fähig sind, Einzelne zu erreichen, nicht aber eine Gemeinschaft von Gleichberechtigten zu bilden. Dann würde sie abbilden, was in unserer Gesellschaft immer wichtiger zu werden scheint: Eliteförderung, Abbau von Sozialleistungen, der getarnte Ruf nach mehr Freiheit, der doch nur der Ruf für mehr Freiheit von ganz wenigen ist.

Kirche aber und damit Gemeinde ist aber etwas anderes, wie wir auch an Himmelfahrt gehört haben: Christus der Erhöhte, in seiner Gemeinschaft mit Gott im Himmel ist das Haupt unserer unsichtbaren Kirche und allein deswegen hat unsere Kirche einen Mehrwert, wenn ich das so ausdrücken darf – sie ist mehr als nur wir Menschen, aber sie besteht gleichzeitig hier auf Erden aus uns Menschen.

Aber mit diesem Mehrwert dürfen wir arbeiten, wir dürfen auf ihn vertrauen, auch wenn er nicht immer ansichtig werden wird und wenn wir vielleicht sogar hinten an stehen – hinter den Zukunftsdeutern, den Wundertätern, den Heilern. Selbst wenn wir sehen, dass die Menschen immer noch von diesem Außergewöhnlichen viel erwarten, selbst dann dürfen wir uns an unsere Gemeinschaft halten, in ihr Christus als den Lebendigen anwesend wissen und in diesem Wissen unseren Nächsten sehen: als einen Menschen, der mit einer Gabe Gottes ausgestattet ist.

Und wir dürfen unsere Gemeinschaft sehen als eine Gemeinschaft von vielen Menschen mit Gottesgaben, die ihre Gaben einsetzten, um die Gemeinde zu erbauen und so das Lob unseres Herrn verkünden. Wenn wir diesen Mehrwert nicht vergessen – unter aller Mühsal und mit allen Widrigkeiten, mit denen wir zu kämpfen haben – dann sind wir bereit für die Ankunft unseres Herrn.

"Denn es ist ein Gott, der da wirkt alles in allen."

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