Es ging ihm gut …

Liebe Gemeinde!

Es ging ihm gut. Richtig gut. Er war jetzt 45. Im Job klappte es hervorragend. Vor einigen Jahren hatte er nach einer langen Bewerbungsphase endlich eine Firma gefunden, wo er mit seiner Qualifikation gut hineinpasste. Mit seiner Familie war er glücklich. Die drei Kinder, Jens, Mareike und Christoph wuchsen prächtig heran, hatten Erfolg in der Schule und brachten mit ihrem Freundeskreis Leben ins Haus. Seine Frau war zwar zu Hause, war aber zufrieden, wie sie sagte.

Doch dann kam auf einmal alles ganz anders. Jetzt war er am Ende mit den Nerven. Völlig am Boden zerstört. Er wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Man hatte ihm seine Stelle gekündigt. Aus heiterem Himmel. Die Firma käme nicht drum herum, die Finanzlage wäre sehr schlecht, die Entwicklung am Markt hätte dazu beigetragen, dass kaum noch Gewinne eingefahren würden. Es müssten noch weitere 20 Stellen eingespart werden. Jeder Cent würde zählen. Das war vor zwei Monaten. Er hatte sich doch so wohlgefühlt in der Firma, sich mit seinem Vorgesetzten und seinen Kollegen gut verstanden. Nachdem ihm das Unvermeidliche mitgeteilt worden war, hatte er in den ersten Tagen immer nur dagesessen und mit dem Kopf geschüttelt. Irgendwann brachen ihm dann an einem Abend mit seiner Frau die Tränen aus. Er war verzweifelt. Wie sollte es jetzt weitergehen? Wo würde er für seine Qualifikation etwas Passendes finden? Müssten sie wieder umziehen? Was würde aus dem Haus werden, das sie erst vor 2 Jahren gekauft hatten und für dessen Abbezahlung die Raten hoch und belastend waren? Auch seine Frau wusste sich keinen Rat. Der Satz „wir finden schon wieder was“ kam ihr nicht über die Lippen. Er kam ihr vor wie ein Hohn. Keine drei Wochen später kam aus heiterem Himmel der nächste Schlag. Mareike, ihre vierzehjährige mittlere Tochter, klagte seit einigen Wochen über starke Kopfschmerzen. Anfangs hatten sie das nicht so schlimm eingeschätzt. Dann sie doch beim Hausarzt mit ihr gewesen, doch es wurde nicht besser. Dann gingen sie mit ihrer Tochter zum Neurologen. Doch auch der konnte nichts feststellen. Der überwies sie schließlich an die Uniklinik in Köln. Dort stellte man ein Geschwulst im Kopf bei Mareike fest. Nach weiteren Untersuchungen wussten sie: Mareike hatte einen bösartigen Tumor. Sie wussten nicht, wie sie das aushalten sollten. Hiobsbotschaften nannte man das wohl. Mareike sollte operiert werden. Aber definitive Hoffnungen konnten die Ärzte ihnen nicht machen. Der Tumor war schon relativ groß. Ihre Freunde waren zunächst entsetzt, dann mitfühlend und hilfsbereit. Doch als sich weiter keinerlei Besserung an ihrer Situation einstellte, ließ der Kontakt langsam nach. Es war wohl kein böser Wille. Aber sie hatten ihre Arbeit und ihre eigenen Familien und damit viel Stress. Die Prognosen des Arbeitsmarktes kannten sie. Für die Situation mit Mareike wussten sie sich keinen Rat. Was sollte man da sagen? Sie waren überfordert. Eines Tages blieben sie stumm. Nur einige wenige fragten mal nach.

Er wusste nicht weiter. Sein letzter Arbeitstag rückte näher, Mareikes Zustand hatte sich noch nicht wesentlich gebessert. Seine Mutter sagte am Telefon, dass Beten helfe. Doch damit konnte er nichts anfangen. Nur seiner Frau zuliebe war er noch in der Kirche. Sonst wäre er längst ausgetreten. Wie sollte ein Gott, der am Kreuz hängt, in so einer Situation helfen?

Nun? – Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Wer kann hier helfen? Scheint nicht alles vor Glück zu strotzen? Seht euch die Werbung an! Schaut euch um, wie alles glänzt und blitzt, auch im schönen Düsseldorf! Wie passt da ein solches Schicksal ins Bild? Die Versuche der Ärzte und Schwestern, Mut zu machen, schlagen fehl. Die Hoffnung bricht immer wieder weg zugunsten einer Lethargie, einer Traurigkeit und Hilflosigkeit? Wer gibt wieder Boden unter die Füße, wenn man nur noch das Gefühl hat, unter einem tue sich ein riesiger Abgrund auf? Wer hält einen fest, wenn es kein Halten mehr gibt und die Tränen nicht versiegen wollen? Wer gibt Kraft, wenn Freunde es nicht mehr vermögen? Der Vermittler vom Arbeitsamt macht gute Miene zum bösen Spiel. Mit Ihrer Qualifikation wird es schwer werden, einen passenden Job zu finden. Richten Sie sich auf eine längere Zeit der Arbeitslosigkeit ein. Aber es gibt Angebote des Arbeitsamtes, Beratung und Bewerbungstraining. Als ob er das nicht zur Genüge schon vor einigen Jahren durchgemacht hätte. Wo sind die Weisen dieser Welt? Was ratet ihr, wenn das Schicksal einer Familie auf dem Spiel steht? Was habt ihr zu bieten, wenn ein Familienvater plötzlich nicht mehr weiß, wie er die Familie ernähren soll? Wenn sich einer nutzlos, aus der Gesellschaft ausgegrenzt, niedergeschlagen und ohne hoffnungsvollen Blick in die Zukunft befindet, welches Rezept habt ihr dann? Wo sind die Klugen? Wo sind die Konzeptemacher der Politik und der Wirtschaft? Was habt ihr zu sagen, ihr Trendforscher, ihr Meinungsbilder, ihr Schönredner? Hier sieht man doch, was Leben sonst noch bedeuten kann außer Gewinnstreben, außer erfolgreichen Geschäften, außer Gesundheit, Schönheit und kraftstrotzender Jugendlichkeit. Was ist euer Rat, wenn einer scheitert? Wo ist eure Hilfe, wenn einer stürzt und stolpert? Was ratet ihr, wenn die Angst und die Sorge Überhand nehmen und niemand weiß, wie man die Verzweiflung aushalten soll? Was antwortet ihr, wenn man euch fragt: „warum?“ – „warum ich?“ – „warum meine Tochter“ – „warum wir?“?

Seinen letzten Arbeitstag hatte er mit allerletzter Kraft hinter sich gebracht. Die Situation hatte ihn weich und empfindlich gemacht. Er war mit den Nerven am Ende. Und dabei litt er darunter, dass er seiner Frau und seinen Kindern kaum noch Kraft geben konnte. Die Kolleginnen und Kollegen waren eigentlich sehr nett gewesen. Sie hatten ihm „alles Gute“ gewünscht, von zweien hatte er sogar ein kleines Abschiedsgeschenk erhalten. Sein Chef bedauerte noch einmal die Situation und wünschte ihm, dass er bald eine neue Aufgabe finden würde. Nun machte er sich auf den Heimweg. Zum letzten Mal nach 6 Jahren Dienst fuhr er seine angestammte Strecke quer durch die Innenstadt nach Hause in den kleinen Stadtteil, in dem sie wohnten. Es war wie jeden Tag. Die Ampelanlage, die immer auf rot war, wenn er ankam, schaltete auch heute wieder auf rot, gerade als er sich der Kreuzung näherte. Aber heute nahm er das, worüber er sich sonst oft geärgert hatte, mit Gleichmut hin. Der Blumenladen an der Ecke Windgenstraße, von wo er damals an seinem ersten Arbeitstag an seiner neuen Stelle seiner Frau einen Blumenstrauß mitgebracht hatte, hatte seine Ware auch heute auf dem Trottoir aufgestellt. Links bog die Allee ab in Richtung Stadtschloss, auf der rechten Seite lag das Kino, wo er mit seinen Kindern noch Harry Potter III sehen wollte. Er fuhr und fuhr, teilnahmslos, mit starrem Blick, nahm kaum etwas wahr.
Dann sah er auf einmal eine Autoschlange vor sich. Weiter vorne eine Straßenbahn, die nicht weiterfuhr und offensichtlich eine Panne hatte. Er kam zum Stehen und dachte: „Auch das noch!“ Es war an der Kreuzung, an der links die große Kirche stand. Er blickte müde und erschöpft herüber. Über das riesige Kruzifix mit dem abgemagerten Körper über ihrem Eingang hatte er so manches Mal den Kopf geschüttelt. „Diese Christen“, hatte er gedacht. „verehren einen Gott, der am Kreuz zugrunde gegangen ist.“ So hatte er sich selbst von seiner eigenen Religion distanzierend gedacht. Doch heute war es auf einmal anders. Wie er da so an der Kreuzung stand und es nicht weiterging, da fragte er sich auf einmal, was dieser Mann, der da am Kreuz hing alles mitgemacht hatte. Hatte er nicht Vergleichbares erlebt, was er und seine Familie z.Zt. erlebten? Von den engsten Freunden im Stich gelassen, voller Angst und Hoffnungslosigkeit, von Schmerzen fast zerrissen, voller Verzweiflung. Das Schicksal dieses Mannes rührte ihn auf einmal an, wie er da so hing an seinem Kreuz seit Jahrtausenden. Vielleicht war das ein Mahnmal an alle, die meinten, Leben wäre nur Glück und Zufriedenheit, Erfolg und Gewinnstreben. Vielleicht zeigte sich hier, was Leben auch bedeuten kann, nämlich Verlust, Angst, Verzweiflung und Schmerz. War das eine Hilfe, wenn man wusste, dass Gottes Sohn selbst das Schlimmste im Leben mitgemacht hatte, das Schlimmste, was Menschen erleben können? Der Straßenbahnschaffner machte sich mit einer langen Stange an der Bahn zu schaffen,- erfolglos. Der Verkehr war zum Erliegen gekommen. Er starrte in das Lenkrad seines Wagens. War da nicht noch mehr gewesen? Diese Geschichte von der Auferstehung. Das hatte er nie begriffen. „Abstrus“, hatte er immer gedacht: „wie sollte ein Toter wieder zum Leben erweckt werden?“ Jetzt aber dachte er: „Hieß das nicht, dass Gott seinen Sohn aus dem tiefsten Elend herausgeholt hatte? Hieß das nicht, dass Gott doch noch stärker war als alles Schreckliche auf Erden, sogar noch stärker als der Tod, dass er noch die Macht hatte, das Steuer herumzureißen, auch wenn offensichtlich alles am Ende zu sein schien?“ Er blickte noch einmal am Kirchturm hoch zu dem großen Kreuz und ihm kam ein Gedanke: „O Haupt voll Blut und Wunden!“ So hieß doch ein Lied, was er damals einmal im Konfirmandenunterricht mühsam auswendig gelernt hatte. War das lange her! Und aus verschütteten Erinnerungen heraus fielen ihm auf einmal Worte diese Liedes ein: „…wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.“ Er hatte das damals als Jugendlicher nicht verstanden, was damit gemeint sei. Viel zu altertümlich waren ihm die Worte vorgekommen, wie Worte aus einer längst vergangenen Welt. Jetzt wurden diese Worte auf einmal zu seinen eigenen, zu seinem eigenen Flehen, zu seinem eigenen Jammern, zu seinem eigenen Gebet. „…wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.“ Die Autos hinter ihm hupten. Noch immer schaltete die Ampel von Rot auf Grün und wieder zurück. Es ging immer noch nicht weiter. Eine ganze Zeitlang ging das noch so. Er konnte später nicht ausmachen, wie lange er da in diesem Verkehrstau gestanden hatte, immer wieder mit dem Blick zu dem Kreuz an der riesigen Kirche. Als es endlich weiterging hatte er Mühe, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Er fühlte sich immer noch erschöpft. Doch je weiter er fuhr, desto mehr machte sich in ihm ein Gefühl breit. Er hatte das Gefühl, dass er an dieser Kreuzung etwas zurückgelassen hatte. Es war, als ob er an dieses riesige Bronzekreuz seinen eigenen Kummer aufgehängt hätte, so als ob nun dort zu Füßen dieses gekreuzigten Mannes sein Schmerz über den Verlust seiner Arbeitsstelle, seine Sorgen um seine kranke Tochter und seine Angst um die Zukunft seiner Familie hingen. Es war, als ob ihn endlich jemand gehört hätte, sein Seufzen, seine stummen Tränen, sein Fragen nach dem, worauf niemand, auch dieser Gott keine Antwort gaben. Jetzt wurde er, je mehr er sich seinem Zuhause näherte, innerlich immer ruhiger. Nichts hatte sich an seiner Situation geändert. Im Gegenteil, heute an seinem letzten Arbeitstag begann ja erst die schwierige Zeit des Suchens und Wartens. Aber er spürte, dass er irgendwie innerlich Kraft bekam, eine Kraft, die er jetzt dringend nötig hatte.
Sie saßen an diesem Abend noch lange beieinander, seine Frau und er und die beiden Jungs. Über sein Erlebnis sprechen konnte er nicht. Doch mit einem Mal konnte er seiner Frau und seinen Kindern sagen: „Wir schaffen das. Ja, wir schaffen das.“ Er wusste nicht wie, er wusste nicht, ob Mareike wieder gesund würde, er wusste nicht, wie sie über die Runden kommen sollten und wo er wieder Arbeit finden würde. Aber er wusste, dass sie bei allen Rückschlägen, dennoch immer wieder Kraft bekommen würden, weiter zu machen, zu kämpfen und zu hoffen. Da war er sich auf einmal sicher.

So habt dies zum Zeichen. Das Kreuz will euch stärken. Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker als die Menschen sind: Dann, wenn du es nicht mehr aushältst und niemand mehr die helfen kann,- er ist da. Wenn du vor Sorgen nicht mehr ein noch aus weißt,- er ist da und nimmt sich deiner Sorgen an. Wenn dich der Schmerz kapputt macht, dein Körper sich aufbäumt, die Schmerzen seit Monaten unverändert bleiben,- er, Gott selbst in seinem Sohn Jesus Christus, ist da und steht das mit dir durch. Er steht an deiner Seite, geht nicht weg, auch wenn alle dir den Rücken kehren, weil sie nicht mehr wissen, wie sie helfen sollen. Wenn deine Seele trauert, wenn du denkst, du bist kurz vorm Durchdrehen, wenn du so tief drinsteckst, dass du denkst, ich packe dieses Leben nicht,- dann ist er da. Er will dir nahe sein, er will dir den Rücken stärken, er will dir den Kopf halten, wenn er in die aufgestützten Hände sinkt und deine Tränen auffangen und mit dir zusammen nach neuer Hoffnung suchen. Darauf kannst du dich verlassen. „Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist´s eine Gotteskraft.“

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