Entweder – oder!

Liebe Gemeinde,

in diesen Tagen kann vieles passieren. Da klingelte nachts um halb zwei mein Telefon und jemand wollte mit mir über seine Angst reden. Zwei andere Pfarrer hätten ihm schon den Hörer hingeknallt, aber schließlich kenne die Angst nach den schrecklichen Attentaten keine Uhrzeit und so rieb ich mir den Schlaf aus den Augen und hörte zu. Ob ich denn keine Angst hätte und warum, und er hätte seine Kindern nicht in so eine Welt setzen wollen, aber jetzt wären sie da und bestimmt würden jetzt die Benzinpreise ins Unermessliche steigen. Wie schrecklich! Spätestens da hatte ich das dringende Bedürfnis, ihm auch den Hörer hinzuknallen.

Ist ihnen das auch aufgefallen? Immer wieder sah man die Bilder der einstürzenden Tower des World Trade Center und am unteren Bildschirmrand liefen die Börsenticker munter weiter. In den Tagen danach mit dicken roten Zahlen hinter jedem Titel und man sah Bilder von verzweifelten Brokern, die ihre müden Gesichter in die Hände stützten. Zum Erbarmen. Feige wie immer hatte sich das Geld aus dem Staub gemacht.

Hat es da jemand wirklich gewundert, dass der dringende Verdacht besteht, dass die Helfer der Mörder, die sich "Heilige Krieger" nennen, mit ihren Untaten an der Börse noch den großen Reibach gemacht haben, indem sie auf fallende Kurse spekulierten? Ist es verwunderlich, dass die Taliban in Afghanistan bei Verstößen gegen ihre mittelalterliche Moral kurzen Prozess machen und gleichzeitig fett am Drogenhandel verdienen? Mussten wirklich erst über 6000 Menschen sterben, damit die verschworene Gemeinschaft in Sachen Bankgeheimnis einen Riss bekam? Stand die Armee der Nadelstreifen nicht zusammen wie ein Mann, als ginge es um die Menschenrechte? Ehrenwort.

Vor Jahren hat mir ein alter Pfarrer eine Geschichte erzählt von einer Kleinstadt in der Gegend, die im 3. Reich ein kleines Konzentrationslager hatte. Es gab Bestrebungen, es zu schließen. Ohne Erfolg. Denn, so argumentierten die Befürworter, dadurch gingen Arbeitsplätze verloren. An dieser Einstellung, so schloss der Erzähler, hat sich bei uns bis heute nichts geändert.

Bei ein paar Pfennig mehr pro Zigarette, bei ein paar Pfennig mehr pro Liter Sprit ist die Grenze der Betroffenheit und das Ende der Nachdenklichkeit auch heute bei vielen bereits erreicht. Und die Christsozialen waren schlecht beraten, in den alltäglichen politischen Kleinkrieg der Pfennigfuchser in unserem Land lautstark wieder einzustimmen, während in New York noch die Trümmer rauchen.

Liebe Gemeinde, der Bergprediger Jesus von Nazareth, lässt zu diesem Thema keine Fragen offen. Und verstellt uns alle Fluchtwege in ein nachdenkliches "Sowohl – als – auch". Und so stehen wir Wohlstandsbürger vor ihm im Hemd, in dem noch der Geldbeutel steckt. Denn der Bergprediger hält den Mammon, das Geld nicht für eine menschliche Schwäche und nicht für eine lässliche Sünde. Er hält das Geld für eine Macht, die ihre Gläubigen aus aller Herren Länder und allen Religionen rekrutiert. Er hält das Geld für die eine große Gegenmacht des Himmelreichs.

Darum erhebt Jesus hier nicht den Zeigefinger. Er sagt nicht: Bitte achtet drauf, dass das mit dem Geld nicht überhand nimmt. Er sagt nicht: Ihr sollt, oder ihr dürft dem Geld nicht zu sehr dienen. Er sagt: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Es geht nicht! Jesus lässt einen eisernen Vorhang herunter zwischen der Macht des Geldes und der Macht Gottes. Dieser eiserne Vorhang geht quer durch die Geschichte der Welt und – wie könnten wir es verschweigen – quer durch die Geschichte der Kirche.

Liebe Gemeinde, Jesus will uns damit nicht den Spaß verderben. Jesus will uns damit nicht die Freude vermiesen an all den guten und reichen Gaben, die heute am Erntedankfest um unseren Altar liegen. Jesus sorgt für klare Verhältnisse um des Himmelreichs willen. Er schlägt dem Mammon die Tür vor der Nase zu, um uns die Tür zum Himmelreich um so weiter aufzumachen. Hier muss auseinanderfallen, was nicht zusammengehört. Hier hat das eine im anderen nichts verloren.

Denn im Himmelreich gilt das Ansehen nicht den Starken, den Reichen, den Gesunden, den Wehrhaften. Im Himmelreich werden die selig gesprochen, die geistlich arm sind, Leid tragen, barmherzig, sanftmütig und friedfertig sind. Hier zählt der Hunger nach Gerechtigkeit; nicht die Dicke des Geldbeutels, sondern die Reinheit des Herzens (Matthäus 5,2ff.).

Wir ahnen in diesen Tagen, dass der Mammon nicht hält, was wir uns von ihm versprechen. Wir merken, dass er unser Leben nicht erhalten kann. Dass es absolute Sicherheit um jeden Preis nicht gibt. Dass ein langes und leidfreies Leben nicht um alles Geld der Welt zu sichern ist. Dass die Macht des Geldes nichts anderes ist als eine Herrschgewalt des Scheins. Scheinherrschaft, die wehrlos ist gegen so banale Erscheinungen wie Motten und Rost. Lächelnd – stelle ich mir vor – zeigt Jesus daher den Jüngern die Lilien auf dem Felde und die munter schilpenden Spatzen und verführt uns so zum alleinigen Vertrauen in die große Fürsorge unseres himmlischen Vaters (Matthäus 6/25ff.).

An der Tür zum Himmelreich stehen keine Eintrittspreise. Im Himmelreich verliert jede Münze ihren Wert. Freilich: Nicht von Ungefähr erinnert die Oblate des Abendmahls an eine Münze. Eine Münze auf der nicht der Kaiser abgebildet ist oder die Insignien eines Staates. Christussymbole verzieren sie. Sie erinnern uns daran, dass der Eintrittspreis zum Himmelreich für uns von einem anderen bezahlt wurde: Von dem leidenden, sterbenden und auferstanden Herrn Jesus Christus. Er selbst ist im Himmelreich die einzige Währung, die zählt. Schätze im Himmelreich sammelt, wer sie sich schenken lässt.

Der Bergprediger ist der Meinung, dass dieses Evangelium nicht nur für den Innenraum der Kirche bestimmt ist, sondern es aufnimmt mit der Welt im Zeichen des Mammon. Z.B. indem es christliche Gemeinde gibt, die der Welt dieses Evangelium bezeugt und in der – hoffentlich – das Geld keinen eigenen Stellenwert hat: Gemeinde, die dem Geld nicht dient, sondern es dienen lässt. Von den angeblich unabänderlichen Eigengesetzlichkeiten des wirtschaftlichen Lebens, weiß der Christus nichts. Vor der Finsternis des Geldglanzes geht er nicht in die Knie. Wie sollen wir es dann tun?

Letzte Woche ist Phillip Rosenthal gestorben. Ein Unternehmer in Sachen Porzellan, verehrt und wie oft auch belächelt und verspottet für seine unorthodoxen Methoden. Er war einer der ersten, der seine Arbeiter zu Mitinhabern seines Betriebs machte. "Das wahre Glück", hat der, den man von Bildern immer nur lächelnd kennt, einmal gesagt, "liegt doch darin, etwas für andere zu tun".

Darauf sagen wir:

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