Embedded

„Embedded Correspondents“ – so nennt man die Journalisten, die in die militärischen Operationen der amerikanischen Streitkräfte im Irak eingebunden sind und sich unmittelbar am Ort des Geschehens befinden. Die einen tun dies sicher aus Idealismus, weil sie vielleicht meinen, nur so wahrheitsgemäß über das, was an der Front geschieht, berichten zu können. Andere werden sich gedacht haben: Lieber im Schutz des befreundeten Militärs Nachrichten verfassen, als auf die Launen des irakischen Informationsministers und die Treffsicherheit satellitengesteuerter Präzisionswaffen angewiesen zu sein – was man ihnen nicht verdenken kann, wobei das „friendly fire“ ebenso tödlich ist, wie das des vermeindlichen Feindes. Etliche werden aber diese Art der Berichterstattung gewählt haben, weil sie sich davon einen lukrativen Nebeneffekt versprechen: „Ich bin dabei gewesen“ – so können sie ja nach überstandenem Krieg ihre Bestseller betiteln. Fortsetzung der eigenen Karriere mit anderen Mittel, nennen das ihre kritische Kollegen … (vgl. <a href="http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,242121,00.html" target="_blank">http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,242121,00.html</a>).

Dass sie dabei Gefahr laufen, von der einen Kriegspartei als patriotische Meinungsmacher missbraucht zu werden, ist ihnen entweder nicht bewusst – das wäre naiv – oder es wird in Kauf genommen – was man skrupellos nennen müsste; schädlich für den Journalismus und die Wahrheit ist es so oder so. Aber die Chance zu erhalten, den mittlerweile ins Stocken geratenen Vormarsch auf Bagdad life zu kommentieren, lässt man sich halt was kosten – womöglich sogar das eigene Leben. Dafür ist man hautnah dran am Geschehen, am Sieg der befreundeten Truppen, am Schicksal der Soldaten, am Leid der irakischen Zivilbevölkerung, am Kampf des Guten gegen das Böse …

Ich weiß nicht, wie es Ihnen damit geht, liebe Gemeinde, aber mich macht dieser Krieg und auch das ganze multimediale Drumherum furchtbar wütend und traurig zugleich. Wütend bin ich über so viel Starrsinn, Überheblichkeit und – ich muss es leider sagen – über so tief gehende protestantische Arroganz eines amerikanischen Präsidenten, der gegen das Völkerrecht handelt, einen Krieg beginnt, der von vielen anderen als ungerechtfertigt und unnötig bezeichnet wird und dabei auch noch sendungsbewusst Gott für sich und seine Entscheidungen in Anspruch nimmt. Von einem Saddam Hussein, dem machtbesessenen Despoten und skrupellosen Diktator, erwarte ich nichts anderes; aber von einem demokratisch gewählten Präsidenten des mächtigsten Staates der Welt, der seine Politik mit christlichen Überzeugungen rechtfertigt, habe ich ehrlich gesagt etwas anderes erhofft.

Und traurig bin ich, weil ich weiß, dass ich meinen ganz persönlichen Anteil daran habe, wie mir dieser unsägliche Krieg täglich präsentiert wird. Denn die Journalisten vor Ort liefern schließlich ja nur das ab, was ich als Endverbraucher konsumiere. Auch im Krieg gilt es schließlich, die Quoten zu erhöhen und am roten Einschaltknopf meines Fernsehers sitze nun einmal ich selbst und niemand anderes. Ich merke, ich stehe nicht außen vor; irgendwie bin auch ich „embedded“ – eingebettet in dem, was am Golf derzeit geschieht und in meinem Wohnzimmer über die Mattscheibe flimmert.

„Embedded Correspondents“ – das sind – auf ganz andere Art – auch Philippus und Andreas, zwei der engsten Vertrauten Jesu. Sie gehören zu denjenigen, die den Rabbi aus Galiläa über mehrere Jahre hinweg begleitet haben, vor Ort waren und erleben durften, wie er auf Menschen zugegangen ist, wie er sie behandelt hat und ihnen nicht mit einem Reich des Bösen Angst machte, sondern ihnen im wahrsten Sinne seines lebendigen Wortes den Himmel auf die Erde herunterpredigte. Auch sie waren hautnah am Geschehen dran, verflochten mit seinem Ringen um die Nächstenliebe im Menschen und den Frieden in der Welt, mit seinem Weg nach Jerusalem, seinem Leben und Sterben.

Auch sie hatten ihre Beweggründe, sich für diese konsequente Art der Nachfolge zu entscheiden. Die einen werden von seinen Worten beeindruckt gewesen sein, die anderen von dem, was er tat. Ja es gab sogar auch diejenigen, die sich von der Sache Jesu eine „himmmlische“ Karriere erhofften; der Rangstreit der Jünger, wer denn am Ende zu seiner Rechten sitzen würde, erzählt davon. Und es werden auch etliche Idealisten dabei gewesen sein, die vielleicht geglaubt haben, mit diesem Jesus die Welt ein für allemal verändern zu können.

Doch je weiter sie mit ihm gingen und je näher sie ihm standen, desto eindringlicher hat er ihnen auch vor Augen geführt, was es bedeutet, sich auf ihn und seine Botschaft einzulassen. Sein Weg ist eben kein glorreicher Feldzug, der im Namen der Gerechtigkeit und Freiheit geführt wird. Es ist vielmehr der des Mitgefühls, der Nächstenliebe und des konsequenten Respekts vor dem Leben, das Gott geschaffen hat. Und dieser Weg hat in den Kategorieen, in denen in unserer Welt gedacht wird, vielmehr mit dem Dienen als mit dem Herrschen zu tun, viel mehr mit dem Verlieren, als mit dem Siegen, viel mehr mit dem Loslassen als mit dem Festhalten. „Wem sein eigenes Leben über alles geht, der verliert es. Wer aber in dieser Welt sein Leben loslässt, der wird es für das ewige Leben in Sicherheit bringen.“ Jesu Weg hat viel mehr mit Ohnmacht zu tun als mit Macht. Deshalb vergleicht er das Reich Gottes und seine Verwirklichung hier auf Erden eben nicht mit einem prunkvollen Palast oder einer hochgerüsteten Armee, sondern mit einem winzigkleinen unscheinbaren Senfkorn, aus dem aber ein ganzer Baum wachsen kann oder – wie hier – mit einem einzigen Weizenkorn, das erst dann viel Frucht bringt, wenn es in die Erde fällt und stirbt.

Philippus und Andreas und all die anderen haben wohl bis zum Schluss nicht verstanden, welche Konsequenzen dieser Weg haben kann, wenn man ihn bis zum Ende durchhält. Erspart geblieben ist ihnen diese schmerzvolle Erkenntnis allerdings nicht. Sie haben Jesus am Kreuz hängen und dort sterben sehen. All das, was er gesagt und getan hatte, wofür er eingetreten war und gelebt hatte, schien in diesem Moment verloren zu sein. Das menschenverachtende Prinzip des Stärkeren hatte die Oberhand gewonnen, Machtpolitik hatte das Reich Gottes, das mitten unter ihnen war, zerstört.

Wer also nicht außen vor bleibt, sondern wie Philippus und Andreas ganz nahe an Jesus heran kommen will, wird an seinem scheinbar so weltfremden Verhalten und seinen möglichen Konsequenzen nicht vorbeikommen; auch nicht an seiner radikalen Friedensbotschaft, die in der Aufforderung zur Feindesliebe gipfelte. „Wenn jemand mir dienen will, muss er mir nachfolgen.“ Und das bedeutet eben, lieber auf das Recht des Stärkeren verzichten, als einer Logik des „shock and owe“, des Schockierens und Einschüchterns zu folgen.

Man mag diese christliche Friedensethik für unbelehrbaren Pazifismus halten und für ungeeignet, einen Despoten wie Saddam Hussein in die Schranken zu weisen; und vielleicht trifft das sogar zu. Aber sie kann auf keinen Fall dafür herhalten, einen Krieg zu legitimieren, der sogar noch hinter das Prinzip: Auge umd Auge, Zahn um Zahn zurückfällt. Denn dieser Krieg im Irak wird schließlich geführt, weil jemand Angst davor hat, da könnte ihm einer möglicherweise einen Zahn ausschlagen, also macht er ihn lieber vorher unschädlich. Doch weder ein Präsident George W. Bush in Washington noch ein Andreas Reinhold in Sterkrade hat das Recht dazu.

Wer sich Christin oder Christ nennt, ist – wenn man so will – ein „Embedded Correspondent“ Jesu, eingebettet in das, wofür dieser Mensch aus Galiläa eingestanden und am Kreuz gestorben ist. Es ist unsere Aufgabe, davon zu erzählen, in unseren Worten, im alltäglichen Umgang miteinander und in dem, wofür wir uns in dieser Welt einsetzen und wogegen wir uns wehren. Und das tun wir nicht aus Idealismus und nicht aus einem trügerischen Kalkül heraus, sondern allein deshalb, weil wir die Hoffnung haben dürfen, dass mit diesem Weg, den Jesus gegangen ist, mehr Frieden in der Welt zu erreichen ist, als mit allen Waffenarsenalen, die die Menschheit in all den Jahren angesammelt hat. Denn der Weg Jesu endet nicht am Kreuz, sondern führt an das offene Grab. Und dieses Grab ist nicht – wie die vielen Soldatengräber – ein Zeichen der Unbelehrbarkeit des Menschen – sondern will jedem und jeder unter uns Mut machen, nicht dem Zerstören, sondern dem Wachsen, nicht dem Tod, sondern dem Leben zu dienen.

drucken