Eine gelungene Begegnung

Liebe Gemeinde,

Begegnungen sind Glückssache. Wie schwer ist es, einem Menschen zu begegnen und sich zu verstehen, wirklich etwas von dem zu verstehen, was den anderen bewegt und mit dem was mich selbst bewegt in der Begegnung da zu sein. Und um wieviel schwerer ist das dann, wenn die beiden, die sich begegnen aus verschiedenen Kulturen kommen und verschiedene Wertvorstellungen haben und verschiedene Vorstellungen davon was man tut, wenn man sich begegnet. Von so einer erstaunlicherweise gelingenden Begegnung erzählt unser Predigttext heute. Sie haben ihn schon als Lesung gehört und ich lese jetzt noch einmal:

[TEXT]

Jesus kommt nach Sychar in Samaria. Er macht am Jakobsbrunnen halt und setzt sich in den Schatten. Seine Freundinnen und Freunde sind voraus in die Stadt gegangen, um etwas zu Essen zu besorgen. Da kommt eine Frau aus der Stadt um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht sie an und bittet sie um etwas zu trinken. Natürlich ist die Frau überrascht, denn als Jude würde er sich verunreinigen, wenn er ihren Becher oder Krug benutzt. Mit Jesus ersten Satz ist der ganze kulturelle und relgiöse Gegensatz zwischen Samaritanern und Juden da. Der andere Hintergrund der Begegnung ist die Frage: Warum kommt diese Frau mitten in der Mittagshitze um Wasser zu schöpfen. Wasser holen die Frauen am Brunnen abends, wenn es kühler geworden ist und man sich zum Tratschen am Brunnen trifft, wie bei man sich bei uns dienstags am Bäckerauto trifft. Wenn die Frau mitten in der Mittagshitze zum Brunnen geht, dann will sie keine von den anderen Frauen treffen. Dann ist sie isoliert oder hat Streit mit den anderen. Und zweifellos ist die Frau nicht auf den Mund gefallen. Sie wirkt in ihren ersten Äußerungen abwehrend vielleicht auch enttäuscht. Sie will keinen Kontakt und schon gar nicht zu einem arroganten jüdischen Mann, der zufällig am Brunnen herumsitzt. Jesus lässt sich aber nicht abschrecken. Er lockt sie mit einem geheimnisvollen Satz über lebendiges Wasser, dass er ihr geben könnte. Sie mokiert sich über diesen Satz. Du hast doch noch nicht einmal etwas zum Wasser schöpfen, lacht sie. Und typisch diese jüdische Arroganz uns Samaritanern gegenüber .Wir haben den Jakobsbrunnen mit gutem Wasser und die kommen daher und behaupten etwas besseres zu haben. Das ist ja lachhaft. Jesus redet weiter und erklärt was er mit diesem Wasser meint, dass er ihr anbietet: Dieses lebendige Wasser wird ihren Durst für alle Zeiten stillen, weil es in ihrem inneren eine Quelle erschließt, die mit Gott verbunden ist und nie versiegt. Das Wasser aus dieser inneren Quelle wird sie stärken und ihren Durst nach Leben befriedigen. Das ist ein so überwältigendes Versprechen, dass die Frau sich darauf möglicherweise mit Vorbehalten aber doch erst einmal einlässt. „Gib mir dieses Wasser!“ antwortet sie. Und hier endet unser Predigttext aber das Gespräch zwischen Jesus und der samaritanischen Frau geht weiter. Und der weitere Verlauf zeigt wie Jesus ihr von diesem Wasser gibt, wie er die innere Quelle ihrer Kraft und ihrer Verbindung mit Gott und den Menschen erschließt. Deshalb möchte ich die Geschichte auch weitererzählen. Jesus sagt ihr: „Geh und bring deinen Mann mit.“ Und sie antwortet voll Bitterkeit. „Ich habe keinen Mann.“ „Recht hast du gesprochen“, kommentiert Jesus „ fünf Männer hast du gehabt und der, mit dem du jetzt zusammenlebst, ist nicht dein Mann!“ Hier wird deutlich, warum die Frau in der schlimmsten Mittagshitze zum Brunnen geht. Schon fünf Männer hat sie verloren. Vielleicht hat der eine sie verstoßen, sich von ihr scheiden lassen, andere sind vielleicht gestorben. Und als Frau in der Zeit braucht sie einen Mann zum Überleben, ohne hat sie kaum eine Chance genug zu essen und ein Dach über dem Kopf zu bekommen. Der mit dem sie jetzt lebt, hat sie nicht geheiratet. Er hat sie nicht materiell abgesichert. Er kann sie jederzeit fortschicken. Und sie gehört damit nicht zu den ehrbaren Frauen im Ort. Verbittert ist sie über ihr Unglück. Und wie sie als eine, die mit einem Mann lebt ohne, dass er sie geheiratet hat, behandelt wird, können sich noch diejenigen ganz gut vorstellen, die die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg und die Zeit kurz danach erlebt haben. Wahrscheinlich erinnern Sie sich wie die Frauen angesehen wurden, die sich mit einem amerikanischen Soldaten eingelassen haben, während der Mann weg war und sie sehen konnten, wie sie ihre Kinder durchbringen.

Die samaritanische Frau ist verwundert, dass Jesus das alles weiss. Sie hält ihn für einen Profeten. Und sie spricht die religiösen Unterschiede zwischen ihr und Jesus an. Jesus sagt dazu: Ja die Unterschiede gibt es und er besteht auch auf seiner jüdischen Position. Aber er sagt auch, die Unterschiede werden wenn Gott kommt immer unwichtiger. „Ja, wenn der Messias kommt, dann werden sie unwichtig!“ antwortet die Frau. Und Jesus bekennt: „Ich bin es, ich bin der Messias!“. Und die Frau lässt alles stehn und liegen, läuft in die Stadt und holt die anderen. „Da draußen am Brunnen ist einer, der könnte der Messias sein. Und alle folgen ihr und kommen nach draußen zum Brunnen.“

Was ist in der Begegnung mit Jesus mit der Frau passiert? Zwei Dinge: 1. sie hat ihre Situation erkannt. Sie hat gemerkt wie zerstörerisch diese Beziehung mit dem Mann, der sie nicht heiratet für sie ist, und dass sie einen anderen Weg zu leben finden muss. Und sie hat die Kraft in sich gespürt, dass sie sich auf die Suche machen kann. 2. Und sie hat die Isolation im Ort durchbrochen. Sie die Kontakte zu den anderen Frauen in der Stadt möglichst meidet, ist zu ihnen gegangen und hat sie nach draußen zum Brunnen gerufen. Und das erstaunliche ist passiert. Sie sind gekommen. Sie haben sich von der, mit der sie sonst kein Wort wechseln, rufen lassen.

Was ist mit Jesus in der Begegnung mit der samaritanischen Frau passiert? Ganz viel. Jesus der eigentlich nur schnell durch Samaria hindurch nach Hause nach Galiläa wollte, ist aufgehalten worden. Und er hat begonnen über das jüdische Land hinaus zu wirken. Er hat seine Botschaft über die Grenzen seiner Kultur hinaus formuliert. Er hat sich vor den Fremden zu seiner Aufgabe bekannt. Er hat sich selbst als den Messias bezeichnet und er hat dieser fremden Frau mit der verkorksten Ehegeschichte zugetraut, dass Gott in ihr wirksam sein kann, dass in ihr diese Quelle der Kraft zu sprudeln anfangen kann, wenn Gott wirkt. Durch die Begegnung mit der samaritanischen Frau wurde Jesus herausgefordert seine Botschaft universaler zu gestalten, und über die Grenzen seiner Herkunftskultur hinauszuwachsen. Auch in Jesus ist diese innere Kraftquelle, die ihn mit Gott verbindet gestärkt worden. Aus seinem Inneren ist dieses lebendige Wasser, das jeden Durst endgültig stillt, gesprudelt. Und die Freundinnen und Freunde Jesu kommen im Gespräch dazu und wundern sich. Einige ärgern sich auch aber niemand traut sich, etwas dazu zu sagen oder einzugreifen. Denn die Faszination dieser interkulturellen Begegnung strahlt auf alle aus.

Ja, eine gelungene Begegnung. Da haben sich zwei Wege gekreuzt. Und beide Wege sind durch die Begegnung wesentlich beeinflußt worden. Ihrer beider Zukunft hat sich geändert.

Was für eine faszinierende Geschichte. Mir macht sie Mut, auch die schwierigen Begegnungen zu suchen, auch auf diejenigen zuzugehen, anders sind, aus einem anderen Kulturkreis kommen, oder aus einer anderen sozialen Schicht oder einer anderen Religon als ich selbst. Diese Begegnungen sind immer schwierig. Nichts ergibt sich von selbst. Und sie sind furchtbar anstrengend. Aber wenn so eine Begegnung gelingt, dann ist es auch für beide spannend und anregend. Und noch ein Hinweis aus der Geschichte ist mir wichtig: Eine schwierige Begegnung gelingt eher, wenn ich auf meine innere Stärke, die aus der Beziehung zu Gott fließt, konzentriert bin. Wenn Gottes Gegenwart in der Begegnung da ist, dann bin ich nicht so leicht verletzt und fühle mich nicht so schnell angegriffen. Und dann werde ich versuchen auch die andere oder den anderen nicht anzugreifen. Dann konzentriere ich mich darauf zu verstehen und auch dem, was mir fremd ist, nicht auszuweichen. Denn in jeder Begegnung mit einem oder einer Fremden aus einer mir nicht vertrauen Kultur oder Religion gibt es erst einmal viele Vorurteile. Und es gibt eine Menge Ärger und man ist in so einer Begegnung auch empfindlicher und leichter zu beleidigen. Es ist eben anstrengend. Aber es ist eben nötig uns hier anzustrengen. Denn wir die Welt wächst zusammen. Wir brauchen die Menschen, die hier zu uns kommen, um zu arbeiten. Und wir brauchen die Menschen in den anderen Ländern, die unsere Waren kaufen. Und sie brauchen uns. Die Zeiten, wo wir uns in der uns vertrauten Umgebung einkuscheln konnten und unsere alten Vorurteile pflegen konnten, sind vorbei. Und alle Beteiligten können dabei nur gewinnen. Und wenn wir den anderen aus unserer Beziehung zu Gott und aus unseren inneren Überzeugungen heraus begegnen, dann werden wir sie respektieren und sie werden uns respektieren. Gerade bei schwierigen Begegnungen denken wir an das Versprechen Jesu, dass in uns selbst diese Quelle lebendigen Wassers fließen kann, aus der das ewige Leben quillt. Und dieses Wasser wird und stärken und auch zu schwierigen Begegnungen fähig machen.

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