Einblick in Gottes Weg?

Mit dieser Botschaft, liebe Gemeinde, beginnt ein unbekannter Prophet zu uns zu reden. Wir nennen ihn Deuterojesaja oder den Zweiten Jesaja, weil seine Worte an das Jesajabuch angehängt worden sind. Unter den Propheten ist er der große Tröster. Deuterojesaja spricht zu einem Volk, das den völligen Zusammenbruch hinter sich hat. Dieses Volk ist von übermächtigen Feinden besiegt worden. Seine Städte sind verbrannt und das Land verwüstet worden. Er wirkt unter den deportierten Judäern in Babylon. Diesen im Exil lebenden Menschen macht der Prophet Mut. Er erweckt in ihnen die Aussicht auf Befreiung und Rückkehr in die Heimat. Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und meine Wege sind nicht eure Wege, spricht der Herr.

Wenn wir von dem Weg, den das Leben mit uns gehen möchte, uns entfernt haben, verlieren wir den Anteil an dem Lebendigen. Immer auf der Suche nach Leben, Glück und Liebe sind wir unendliche Kilometer gelaufen und sind nach wie vor lebenshungrig, ja, erlebenshungrig geblieben. Und dabei hat sich unmerklich allerlei Morast und Dornen an unsere Fersen geheftet. Das ist, so denke ich ein trauriges Los.

Denn das Vertrauen in Gottes Führung schließt unsere eigene Tätigkeit nicht aus. Jedoch kann eigene Tätigkeit für die Führung Gottes blind machen. Blicken wir doch einfach mal auf unser Leben zurück. Dann werden wir entdecken, dass es da immer schon Schaltstellen gab, die unser Leben entschieden änderten, wo unser Leben eine bestimmte Wendung bekam, wo Dinge sich so fügten, wie wir sie nicht geplant hatten – zum Guten oder auch zum Schlechten hin. Und immer wenn sich Lebenswege von Gott entfernen, verlieren wir die Kraft unserer Wesensmitte. Unsere Gedanken geraten auf Abwege. Unzufriedenheit, Bitterkeit, Gleichgültigkeit und Neid sind Ausdruck unseres Fernsein von Gott. Jesaja hat deutliche Worte für diesen Lebenswandel: Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum Herrn, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. Unrecht und Schuld schlagen unserem Herz unheilbare Wunden. Wir können Verbrechen vergeben, aber, wir können sie niemals vergessen. – Wir vergeben und vergessen nicht. Beide Sätze können wir hören; sie sind Varianten unserer Unversöhnlichkeit oder der objektiven Unfähigkeit, eine schwere Schuld mit eigener Kraft wegzuschieben. Das ist einmalig und unbegreiflich – eine unmögliche Aufgabe. In unserer sozialen, wirtschaftlichen, politischen und selbst religiösen Welt ist Vergebung schenken, nicht in Mode. Vergebung verlangt Mut, Wagnis und schöpferische Phantasie. Um in Frieden und in einer Welt voller Gewalt überleben zu können ist die beste und wirksamste Strategie für einen Menschen, für ein Volk, ja, für eine ganze Nation, Vergebung zu schenken. Die Vergebung auf weltweite Verhältnisse übertragen bedeutet die größte Revolution aller Zeiten einzuläuten.

Allerdings Menschen zu lieben, weil sie so liebenswert sind, läuft auf eine Katastrophe hinaus. Es wäre eine Illusion einen Menschen auf Dauer wegen einer Idee oder gar im Namen der Menschheit lieben zu wollen. Und den Feind lieben und vergeben , das Böse mit Gutem vergelten wäre ohne einen tieferen Beweggrund Unsinn. Unser Herz ist viel zu klein.

Auch das judäische Volk ist gottferne Wege gegangen und es hat sich im Dickicht seiner selbstgemachten Pläne verfangen und ist verloren gegangen, so wie Schafe sich getrennt haben von seinem Hirten. Hat Gott das zerschlagene Volk aufgegeben und gar vergessen? – Nein! – Er schickt seinen Boten und sendet ihm sein Wort und er nennt es wieder: mein Volk, so wie einst, als Gott ihm zusagte: Ich will euer Gott sein und ihr sollt mein Volk sein! Jerusalem einst die Stadt des Königs und des Tempels, ist bis heute ein Symbol für das ganze Gottesvolk. Gottes Worte sollen Jerusalem "zu Herzen" gehen und es nachdenklich machen, denn seine Schuld war groß. Und sie soll nicht unter den Tisch gekehrt werden oder gar bagatellisiert werden. Gottes Güte hat keine Grenzen, groß ist er im Verzeihen, sein Erbarmen ist nicht messbar. Unsere Fähigkeit zu lieben, andere zu verstehen, Nachsicht zu üben ist immens vielfältig und groß aber doch begrenzt. Gottes Güte übertrifft jeden menschlichen Versuch.

Nun ist die Schuld abgezahlt worden; sie ist getilgt durch eine doppelt harte Strafe. Und das Volk der Judäer erhält Trost. Allerdings sind dies keine guten Worte, die über das Unabänderliche hinweghelfen sollen. Wenn Gott tröstet, wird alles neu. Er richtet sein Volk wieder auf. Das Ende der babylonischen Herrschaft steht bevor. So können die Judäer damit rechnen, dass die Zeit ihrer Leiden in Kürze vorbei sein wird. Die Heimkehr aus der Verbannung ist nicht mehr fern. Für diesen Tag erhofft der Prophet den Anbruch einer neuen Welt, die Versöhnung von Mensch und Natur. Die Stunde der Befreiung ist gekommen – ohne Verwandlung der Natur. Denn: Eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr. Ein Prophet kann Gott nie ganz fassen. Und doch ist seine Botschaft nicht vergebens. Diese ist auch heute noch, nach 2538 Jahren, aktueller denn je.

Auch wir haben keinen Einblick in Gottes Weg. Und dennoch sind wir nicht einem selbstgesteuerten Schicksal ausgeliefert, das niemand aus seiner Bahn lenken kann. Gott der Herr hat sein Wort, mit dem Versprechen es wahr zu machen, durch Jesus Christus, in die Welt gesandt.

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