Ein Wunder, dass es nicht für alle reicht!

Liebe Gemeinde,

Wie schaffen wir es nur, dass es nicht für alle reicht? Wie schaffen wir es nur, dass auch im 21. Jahrhundert die Mehrheit der Menschheit unter der Armutsgrenze lebt und alle zwei Minuten ein Mensch an Hunger stirbt?

Muss uns das nicht heute wie ein Wunder vorkommen, wo wir doch wie keine Menschen vor uns über Technologien verfügen, die uns Erträge bescheren, von denen frühere Generation nur geträumt haben. Ganze Heerscharen von Biotechnologen entwickeln eine Supersorte nach der anderen, eine bessere Anbaumethode nach der anderen. Wie schaffen wir es da nur, dass es nicht für alle reicht?

Geht uns das was an, liebe Gemeinde? Für uns reicht es doch dicke! Wir gehören zu dem einen Fünftel der Weltbevölkerung, das vier Fünftel aller Rohstoffe und Waren dieser Welt verbraucht. Und so geht uns diese Geschichte von den 5000, die Hunger haben vielleicht nicht mal bis zum Magen, geschweige denn unter die Haut. Von Hunger kann schlecht reden, wer noch keinen richtigen Hunger erlebt hat. Meine Großmutter hat ihn noch erlebt in der Nachkriegszeit und noch Jahrzehnte später hat sie die angefaulten Äpfel vorwurfsvoll von meinem Kompost geklaubt. "Was Du wegschmeißt", pflegte sie dann zu sagen, wie jemand, mit dem man besser nicht diskutiert, "die kann man doch noch essen!"

Sollten wir notorisch Satten da dann nicht lieber über den kleinen Hunger zwischendurch nach Liebe, Geborgenheit, nach Nahrung für den Geist, die Seele oder für unser so orientierungslos gewordenes Gewissen nachdenken, wie andere Prediger empfehlen? Frei nach Bert Brecht: Das Fressen haben wir, jetzt kommt die Moral?

Etwas an diesem so prosaisch erzählten Text des Lukas hindert mich daran, solchen Predigern zu folgen. Hier geht es um elementarste Bedürfnisse und Nöte unserer Existenz. Und immer, wenn es um solche Dinge geht, hat Jesus seine Jünger und ihren Drang nach Höherem gleichsam am Schlafittchen: Hier geblieben!, heißt seine Devise.

Am Anfang der Geschichte kommen die Jünger zurück und erzählten Jesus, wie große Dinge sie getan hatten. Als kämen sie vom Kirchentag, vom spirituellen Happening, vom geistlichen Großereignis. Da sind sie zwar erschöpft, aber voller Eindrücke und Selbstvertrauen. Sie sprudeln über vor Ideen, sie reden durcheinander, sie haben dieses Leuchten in den Augen. Jesus findet das so schön schlimm, dass er seine Jünger erst einmal zu sich nehmen muss, damit sie zu sich kommen. Auch der geistliche Überschwang kann auf die Dauer bescheuert machen. Und dann ist ein Ruhetag bitter nötig.

Den hat Jesus nicht, wie uns erzählt wird. Die Massen strömen zu ihm und Jesus ist für alle da, predigt und macht gesund den lieben langen Tag. Jesus kann das. Und die Jünger können und müssen sich ausschlafen. Sie haben Pause.

Liebe Gemeinde, die Kirche lebt nicht von der unermüdlichen Tatkraft ihrer Mitarbeiter, sondern von der unermüdlichen Tatkraft ihres Herrn Jesus Christus. Das ehrenamtliche und hauptamtliche Christen 24 Stunden im Dienst sind, ist nicht nur ein unbiblischer, sondern auch ein unmenschlicher Satz. Er wurde und wird von ungläubigen Leuten erfunden. Der Christus schindet seine Leute nicht. Auch die Jünger haben Pause. Sie sollen an diesem Tag nicht predigen und schon gar nicht heilen. Das Wort Gottes macht an diesem Tag auch ohne sie seinen Weg und Menschen werden gesund, auch ohne die Kirchenstars. Hier wirkt der Chef persönlich.

Als es Abend wird, haben die Jünger ausgeruht und offensichtlich wieder den Blick für die vermeintlich kleinen Dinge: Da traten die Zwölf zu ihm und sprachen: Lass das Volk gehen, damit sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Essen finden. Das ist vernünftig gesprochen und Jesus sieht daran, dass seine Jünger nun wieder einsatzfähig sind. Die großen Dinge erleben und tun ist eine Sache. Die vermeintlich kleinen Dinge wahrnehmen und tun, ist auch im Himmelreich unverzichtbar.

Und deshalb sollen die Jünger jetzt nicht predigen und auch niemanden auf wundersame Weise gesund machen. "Gebt ihr ihnen zu essen", lautet die einfache Anweisung Jesu, als wäre dieser Dienst der erste im Himmelreich. Und Jesus meint das nicht im übertragenen Sinne, sondern er meint wirklich – etwas zu beißen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, aber auch nicht vom Wort Gottes allein. Für letzteres ist vor allem der Christus zuständig, für das Brot seine Jünger und wir.

Zynisch handelt, wer einen Hungrigen mit einem Segen fortschickt und einen, der das Nötigste braucht mit einem frommen Spruch. Damit der Himmel auf die Erde kommt, muss Gott sich aufmachen, um zur Welt zu kommen. Damit auf Erden alle Menschen satt werden, braucht es Gott nicht alle Tage. Dafür können wir selber sorgen. Jesus jedenfalls traut genau das seinen Jüngern zu. Damit alle satt werden, müssen die Jünger keine Steine zu Brot machen. Sie sollen austeilen, was da ist. Mehr nicht.

Liebe Gemeinde, im Frühjahr dieses Jahres haben wir einen Bericht der Bundesregierung zur Kenntnis genommen, der feststellt, dass in unserem Land die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, dass also der Reichtum bei uns immer ungleicher verteilt ist. Die Gewinne werden privatisiert und die Lasten und Belastungen werden sozialisiert. Beklemmend ist die Unfähigkeit der Politiker, daran etwas zu ändern von D, wie Dosenpfand bis S, wie Schuldenerlass für die Dritte Welt. Beklemmend ist die Macht des Geldes von A, wie Aldi, bis T, wie Tengelmann. Und wer an die Billionen will, die glücklichen Erben in den Schoß fallen, bevor die selbst auch nur eine Mark verdient haben, hat schlechte Karten. Geradezu heilig scheint das Recht auf den ausgehocketen Schemeln der eigenen Besitzstände für Generationen sitzen bleiben zu dürfen. Der amerikanische Präsident Bush hat genau dies in unerschämter und unverblümter Art und Weise zum obersten Prinzip seiner Politik gemacht. Nach uns die Sintflut oder die Klimakatastrophe, wir haben ein Recht auf unseren Lebensstil. Nein, da ist es kein Wunder, dass es auf dieser Erde nicht für alle reicht.

Auch wenn wir – noch dazu am Sonntag Morgen – von all dem vielleicht nichts hören wollen und eigentlich zur Erbauung in die Kirche gekommen sind, sagt unser Predigttext: Hier geblieben! Es geht uns Christen etwas an, wenn es auf der Welt nicht für alle reicht. Wir können nicht unsere Wirtschaft globalisieren, und gleichzeitig unsere Verantwortung minimieren. Dass genau dies geschieht, ist die berechtigte Befürchtung der Globalisierungsgegner weltweit. Wer die Wirtschaft globalisiert, globalisiert auch seine Verantwortung: "Gebt ihr ihnen zu essen!" Brot für die Welt bleibt deshalb ein konkretes Anliegen aller Christen. Jesus legt es seinen Jüngern nicht nur ans Herz, sondern traut ihnen zu, es auszuteilen, damit alle satt werden.

Meine Großmutter fällt mir ein, die den Hunger nicht nur im übertragenen Sinne erlebt hat. Bilder fallen mir ein von den Straßenkindern dieser Welt, die die Mülltonnen durchwühlen auf der Suche nach Essbarem. Solange sie wühlen, muss uns im Ohr bleiben was Jesus zu seinen Jüngern sagt: "Gebt ihr ihnen zu Essen!" Solange sie wühlen, haben wir diesen Auftrag noch nicht erledigt.

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