Ein offener Briefwechsel mit Paulus

Mein lieber Paulus,

ich erkenne – einfach gesagt – dich nicht mehr wieder. Das soll ein echter Paulus sein? Solche poetischen Worte sollen von die stammen? Solche emotionalen Sätze sollen aus deiner Feder geflossen sein? Das glaube ich fast nicht.

Sicher, ich habe schon gehört, dass du die Grundstruktur dieses Kapitels, dieser Sätze übernommen hast, quasi ein Lied geklaut hast aus anderer frühchristlicher oder auch antiker Literatur, die ihren sprachlichen Glanz weitergab an dich.
Sicher, ich weiß auch, dass du eigentlich bilderreiche Sprache liebst, wenn ich nur an das wundervolle Gleichnis vom Leib mit den vielen Gliedern denke, das du im gleichen Brief gebrauchst. Nur dienten bisher deine Bilder eigentlich deiner theologischen Argumentation. Hier beschreibst du voller Schönheit die Liebe und ich weiß manches Mal nicht so genau, ob du die Liebe zwischen zwei Menschen beschreibst, die sich lieben (nennen wir’s im weitesten Sine Erotik) oder ob es sich um eine un-körperliche Form handelt, also um die Liebe Gottes zu den Menschen.

Zu meiner Verwirrung trägt auch noch bei, dass du in diesem ganzen Kapitel kein einziges Mal von Gott oder von seinem Sohn Jesus Christus sprichst. Das passt nicht zu dir! So, kenne ich dich nicht wieder! Ist der Brief überhaupt von dir? Eine Antwort würde mich sehr freuen.

Herzlich grüßt dich Dein Pfarrer vom Haidach.

2 Tage später bekam ich schon Antwort:

Lieber Eberhard Weber,

auf den ersten Eindruck könntest du recht haben. Es war eigentlich nicht meine Art, solch ein Lied, ein Hohelied der Liebe zu singen. Mir lag die theologische Argumentation – vor allem in meinen Schriften – näher und emotionales Gefühlsgedussel lag mir ferne ( in deiner Zeit wäre ich vielleicht auch Professor für Altes Testament an der Uni geworden, aber Pfarrer? niemals)

Doch zurück zu deinem Text: Tatsächlich hatte ich mit meinem Brief nach Korinth wirklich etwas anderes vor ( und habe es auch so gemacht). Du weißt, es gab verschiedene Streitpunkte zu bereinigen und letztendlich musste ich hart argumentieren, um diese Gemeinde, ja besser diese Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind, nicht für Jesus Christus zu verlieren. So entstand –Stück für Stück oder besser Tag für Tag – ich möchte es mal ein Theologischer Aufsatz nennen.

Doch eines Morgens war ich nahe dran, alles über den Haufen zu werfen. Am liebsten hätte ich meine ganzen fertigen Schriftrollen verbrannt. Zwar war alles richtig (meiner Meinung nach); doch ich merkte: das alles ist doch nur Stückwerk! Da fehlt entscheidendes an all den Argumenten. Noch, so wurde mir klar, noch leben diese Argumente nicht. Sie atmen nicht den Geist Gottes. Dieser Brief war, was ihr ein liebloses Werkstück nennt, das heißt irgendetwas entscheidendes fehlte. Diese Sätze lebten noch nicht – aus der Kraft und der Liebe Gottes.

Und da hatte ich das Stichwort: Liebe! All das, was ich über Jesus Christus erfahren hatte, was ich selbst erleben durfte, hängt mit der Liebe Gottes zu uns Menschen zusammen und nur durch diese Liebe wird aus dem toten Buchstaben lebendiges Wort, gelebtes Wort Gottes.

Das war’s doch auch, was mich mit diesen Korinthern verband: Nicht die klaren Argumente – vielleicht ging’s ja gar nicht um meine Überzeugungskraft. Auch nicht die theologischen Sätze; genauso wenig wie die Geistgaben, die in Korinth so heftig gepflegt wurden: Prophetie, Zungenreden oder Heilungen. Diese Frauen und Männer in Korinth waren mir durch meinen Aufenthalt dort ans Herz gewachsen – so wie sie auch unserem Gott ans Herz gewachsen waren oder soll ich besser sagen getauft waren. Unserem Gott, dessen Liebe sie zu dem gemachte hatte, was sie jetzt waren.

Mir wurde klar: Mein alter Weg, der alte Weg hat mich, hat uns Menschen nur immer näher zum Tod gebracht. Gottes neuer Weg aber war geprägt von der Liebe – und Liebe ist eben nicht mit Argumenten zu beschreiben oder gar herbeizureden. Liebe – so sagt der Volksmund – ist höhhöherer Wahnsinn; das heißt: Liebe lässt sich nicht erklären, sondern Liebe lässt sich nur leben. So lässt sich auch die Liebe Gottes zu den Menschen nicht herbeireden, sondern nur erfahren, erleben, erlieben.

Herzlich grüßt dich
Dein Paulus.

Jetzt wollte ich es genauer wissen und schrieb postwendend zurück:

Lieber Paulus,

ich glaube ich bin dabei zu verstehen, was „Liebe“ wirklich meint. Bei uns streiten wir uns heute vielleicht nicht mehr um so Dinge wie prophetische Rede oder um Zungenreden. Aber wie Glaube gelebt wird, das ist auch heute noch unser Thema. Muss man die Bibel an jeder Stelle wörtlich nehmen? Muss man den Mut haben, öffentlich über seinen Glauben zu reden und vor anderer Ohren zu beten? Was sind die Kriterien des Christseins? Viele Menschen sind sich darin einig, dass es die bloße Mitgliedschaft in der Kirche, dass es der bloße Eintrag "evangelisch" auf der Lohnsteuerkarte, dass es das bloße Getauft- und Konfirmiertsein doch nicht ausmachen kann. Was aber dann? Was ist das Kriterium des Christseins?

Was ich von dir verstanden habe ist, dass es auch so etwas von lieblosem Christentum geben kann. Christsein, das dann nur Pflichterfüllung bedeutet; Christsein, das nur einen fordernden Gott kennt. Das dann sogar die Liebe zur Forderung erhebt und deshalb lieblos ist. War das das Problem von Korinth? Ja, vielleicht warst du bis zu dem Tag auch auf dem Weg, dem Holzweg eine lieblosen Theologie. Zum Glück hast du noch einmal die Kurve gekriegt. Dein Lied beschreibt jedenfalls toll, wie Liebe sein soll! In der Guten Nachricht heißen die Verse so:

Wer liebt, ist geduldig und gütig. Wer liebt, der ereifert sich nicht, er prahlt nicht und spielt sich nicht auf. Wer liebt, der verhält sich nicht taktlos, er sucht nicht den eigenen Vorteil und lässt sich nicht zum Zorn erregen. Wer liebt, der trägt keinem etwas nach. Es freut ihn nicht, wenn Einer Fehler macht, sondern wenn er das rechte tut. Wer liebt, der gibt niemals auf, in allem vertraut er und hofft er für ihn; alles erträgt er mit großer Geduld.

Herzlich grüßt dich Dein Eberhard.

Paulus wäre nicht Paulus, wenn er nicht noch was antworten würde. Heute morgen erreichte mich noch folgende Mail:

Lieber Eberhard,

schön klingen diese Worte in der Guten Nachricht und sie erinnern mich an ein Liebeslied, das zu unserer Zeit modern war. Aber bei euch gibt’s sicher auch schöne Liebeslieder, die Liebe nicht nur mit Wischiwaschi-Texten beschreiben, sondern gute und echte Worte finden, die Liebe nicht nur als Schmuserei beschreiben, sondern Wissen, das Liebe sich gerade in der Krise bewährt.

Diese Worte erinnern mich aber vor allem an das Bild Christi, das wir Christen kennen, oder kennen sollten: Er ist doch der langmütige, der Duldende, der Freundliche, der uns den Weg der Liebe vorausgegangene. An ihm erkennen wir, wie Gott es mit uns meint mit der Liebe.

Ich wollte euch kein Ideal aufstellen, kein Gesetz, das ihr erreichen müsst, sondern eine Wegweisung, eine Richtung auf Jesus hin. Deshalb ist auch nicht wichtig, wie nahe wir diesem Ideal kommen.( ich weiß doch selbst, wie viele Fehler wir Menschen machen), sondern dass wir mit Jesus unterwegs sind und bleiben auf dem Weg der Liebe. Das meine ich auch, wenn ich von der Unvergänglichkeit der Liebe spreche: Die Liebe hört niemals auf, Sie zählt. Was bleibt, was zählt, wonach wir am Ende gefragt werden, ist nicht unser Wissen, unsere Macht, unser Einfluss, sondern unsere Liebe, unser Glaube, unsere Hoffnung. Vor allem aber unsere Liebe.

Herzlich grüßt dich dein Paulus.

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