Ein neues Verhältnis

Das waren Worte aus dem Brief, den der Apostel Paulus an die Gemeinde in der Stadt Ephesus in der heutigen Türkei geschrieben hat. Worte aus einem Kapitel des Briefes, in dem der Apostel sich darüber Gedanken macht, wie ein Mensch sich durch die Taufe verändert und was durch die Taufe von einem Menschen gefordert wird.

Ich fasse seine Gedanken kurz noch einmal mit meinen Worten zusammen:

Erstens: Durch die Taufe tritt ein Mensch in ein neues Verhältnis zu Gott. Durch die Taufe wird ein Mensch zu Gottes Kind und erhält von ihm, was er seinen Kindern anzubieten hat: Barmherzigkeit, Güte, Gerechtigkeit, und Vergebung. All das bekommt ein getaufter Mensch durch die Taufe von Gott geschenkt.

Zweitens: Obwohl ein Mensch all dies durch die Taufe von Gott geschenkt bekommt, muss er selbst noch etwas dafür tun! Der getaufte Mensch soll durch seinen Lebenswandel und seine Haltung zum Leben und zum Mitmenschen zeigen, dass er getauft ist.
Die Taufe hat zwei klare Konsequenzen für meinen Alltag, beschreibt der Apostel ganz eindringlich: Der getaufte, der neue Mensch, wie Paulus ihn nennt, soll sein Dasein grundsätzlich und immer wieder neu bedenken und sich fragen: Lebe ich so, dass ich Gott und meinen Nächsten liebe, wie mich selbst? Das ist die erste Konsequenz, die der Apostel beschreibt.

Die zweite lautet: Seid unter diese Frage freundlich und herzlich zueinander, wie Gott zu euch herzlich und freundlich ist! Legt Alle Bitterkeit und allen Zorn ab, alle Bosheit ab. Belügt einander nicht, redet die Wahrheit zueinander und übereinander, vergebt einander, wenn ihr Fehler gemacht habt, wie Gott selbst euch vergibt. Der getaufte Mensch kann und soll sein Leben in dieser Weise gestalten! Soweit die Gedanken und Ausführungen des Apostels.

Da kann einem beim Lesen und Zuhören schon ein wenig schwindelig werden bei all diesen schwerwiegenden Gedanken. Es erscheint geradezu verwirrend, so einer Flut von Mahnungen, Ratschlägen, Hinweisen, Glaubenssätzen gegenüberzustehen.

Und an manchen Stellen kann man in die Versuchung kommen, gar den Kopf in den Sand zu stecken, wie man so sagt, und sich zu denken: Mein Gott, das ist doch alles gar nicht erfüllbar. Wie soll ich als getaufter Mensch, diesen hohen Ansprüchen gerecht werden? Wie soll ich ein neuer Mensch sein, als neuer Mensch bestehen in einer Lebenswelt, die so ganz anders ist, als der Apostel es in seinem Brief wünscht.

Sie scheinen sich ja geradezu gegenüberzustehen: Die Forderungen an uns getaufte Menschen auf der einen Seite – und unsere gegenwärtigen Lebensverhältnisse auf der anderen Seite.

Doch gerade diese Gegenüberstellung der Forderung der biblischen Worte und unseren alltäglichen Lebenserfahrungen kann an dieser Stelle auch weiterhelfen – enthält doch der Brief des Paulus selbst eine Reihe von Gegenüberstellungen des Anspruches Gottes auf der einen und der Leben- und Alltagswirklichkeit auf der anderen Seite.

Eines dieser auffälligen Gegensatzpaare ist das Paar Lüge und Wahrheit, dass mit den Worten: „Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten“ gegenübergestellt wird.
Natürlich wissen wir alle, dass jeder Mensch im Umgang mit anderen Menschen immer wieder einmal die Unwahrheit sagt. Das muss nicht immer eine faustdicke Lüge sein, die uns da unterläuft – das geht auch viel feiner. Beliebt ist zum Beispiel, etwas zu erzählen, aber die eine oder andere Feinheit wegzulassen.

Noch beliebter ist, etwas Unangenehmes zu erzählen, und – weil es unangenehm ist -, sich ganz nebenbei auf andere zu berufen: Der oder jener hat es auch so gesagt – was aber am Ende gar nicht wahr ist.

Gern geschieht auch folgendes: Es geht mir eigentlich gut, ich habe auch Zeit, aber vor einer unangenehmen Aufgabe möchte ich mich drücken. Also schiebe ich Kopfschmerzen oder eine Magenverstimmung vor und sage ab. Das geht in der Schule gut, wie im Verein, wie auch am Arbeitsplatz.

Wir haben Wörter für solches Verhalten. Notlüge ist ein solches Wort. Jemand hat mal mit einem Augenzwinkern zu mir gesagt: Ich darf als Christin ja nicht lügen, aber ich kann mir helfen, indem ich etwas weglassen beim Erzählen oder nicht alles sage, was ich weis, wenn jemand nachfragt.

Man kann dies nun in der Konsequenz unterschiedlich streng beurteilen, aber nach den heute gehörten Worten ist eindeutig: Gerade und in erster Linie unter getauften Christen ist stets und immer die ganze Wahrheit zu sagen – weil wir untereinander verbunden sind wie Glieder einer Kette, schreibt Paulus. Wir können uns nicht ausweichen!

Der Mut zur Wahrheit entspricht Gottes Willen.

Ich weiß nun auch: Manchmal hilft eine Unwahrheit, ein kleine Unaufrichtigkeit, einen Konflikt, ein böses Wort zu vermeiden, eine schwierige Situation zu entschärfen. Das ist eine Umgangserfahrung, eine Alltagserfahrung.

Dennoch – noch einmal: „Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten“. Der Mut zur Wahrheit entspricht Gottes Willen. Alltagserfahrung hin oder her, so ist es und nicht anders.

Ein zweites Gegensatzpaar zwischen dem Anspruch Gottes und unserem Alltag ist das Paar Zorn und Vergebung. „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“, lese ich wörtlich.

Diese biblische Weisheit gehört zur Lebenseinstellung nicht weniger Menschen.

Viele friedliebende Menschen bemühen sich, Unstimmigkeiten und Streit auszuräumen, bevor sie sich zur Bettruhe begeben. „Ich kann sonst gar nicht schlafen“, sagen sie. Weiß man, ob man morgen noch die Gelegenheit hat, den Streit, den Unfrieden miteinander auszuräumen? Unversöhnt auseinander zu gehen ist für viele Menschen verbunden mit Herz- und Seelenkummer – aber eben nicht für jeden.

Muss ich erzählen, wie viel langwierigen Streit es um uns herum gibt?

Ein Gespräch mit dem Schiedsmann unseres Ortes: Er darf natürlich nichts erzählen – aber er lässt durchblicken, dass es Nachbarn gibt, die streiten miteinander seit Jahren. Zürnen einander wegen Nichtigkeiten, wie über einen zu lang gewachsenen Ast über dem Gartenzaun.

Jugendliche erzählen gelegentlich aus der Familie. Erzählen von lang schwelenden Streitigkeiten mit ihren Eltern, wie sie als Kinder ohne Versöhnung und Essen ins Bett geschickt worden sind.
Kinder berichten davon, wie ihre Eltern sie mit Verachtung strafen, statt das Gespräch zu suchen, sich miteinander zu versöhnen.

Das Beispiel Ehestreit schenke ich mir jetzt …

„Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen, lese ich. Versöhnt euch stattdessen, vergebt einer dem anderen, wie Gott euch vergeben hat durch Jesus Christus“, erklärt der Apostel. So ist es und nicht anders!

Ein letztes Gegensatzpaar zwischen dem Anspruch Gottes und unserem Alltag ist das Paar, das mit den etwas fremd klingenden Ausdruck „lasst kein giftiges Wort (Luther übersetzt: faules Geschwätz) über eure Lippen kommen, sondern redet, was gut ist, was weiterhilft, was notwendig ist für die, die es hören“.
Für unsere gegenwärtige Zeitgeschichte erscheint mir dies der derzeit tiefste, aktuellste Anspruch, den der Apostel als Willen Gottes formuliert.

Welch ein Unsinn prasselt alltäglich auf unsere Ohren ein. Was wird uns alles erzählt von irgendwelchen Menschen, die meinen, sie hätten Wichtiges zu verkünden.

Ich will jetzt nicht die Werbung zitieren, die uns das Blaue vom Himmel vorlügt. Da fällt Ihnen selber genug ein! Ich will nicht wiedergeben, was sich so aus den Mündern und Federn derjenigen über uns ergießt, die auf welche Weise auch immer unser Leben beeinflussen wollen.

Erwähnt werden sollen ausdrücklich die derzeit aus der rechten Ecke wieder auftretenden Parolen, die schon soviel Leid über Millionen von Menschen gebracht haben, als das so genannte dritte Reich auf ihnen aufgebaut wurde.

Wie viel giftige Worte, faules Geschwätz kommt da an unsere Ohren – und wie groß ist die Gefahr, solches nachzureden oder gar sich zu eigen zu machen. Dabei haben wir getaufte Christen – und eben daran werden wir heute morgen erinnert – von Gott selbst gehört, was wirklich sagenwert und nachredenswert ist: Worte z.B., die von der Liebe Gottes erzählen. Worte, die von der Barmherzigkeit und Gnade unseres Schöpfers berichten. Worte, die von der Freude wissen, einen Glauben zu haben, der nicht nur Menschen im Guten zueinander führt, sondern sie unter einer Zusage für das Leben miteinander wie in einer Kette verbindet: Der Zusage, in alle Ewigkeit von Gott begleitet, getragen und behütet zu sein.

Seit unserer Taufe gehören wir, sie und ich, zur Gemeinde Jesu Christi, des Gottessohnes, der vorgelebt und gepredigt hat, was uns Menschen zum Besten dient.

Und damit schließt sich der Kreis zum Beginn meiner Worte und zu den Worten des Apostels Paulus an die Gemeinde in Ephesus. Am Ende steht wieder, was ich eingangs sagte: Wir, die getauften Menschen sind ausgerüstet dafür, kraft unseres Glaubens den Lügen, die geredet werden, dem Zorn, der verbreitet wird und dem Geschwätz, das unsere Ohren füllt, aber die Köpfe leert, zu widerstehen.

Was aber am Wichtigsten ist, sagt der Apostel am Ende seiner Worte: Wir müssen dies nicht allein leisten und brauchen uns dafür keine Strategie zu entwerfen. Wir brauchen keine Angst zu haben, als getaufte Christen den Ansprüchen Gottes nicht genügen zu können. Wir können zu allererst einander beistehen in der Gemeinde, einer dem anderen, eine der anderen helfen. Schließlich: An unserer Seite steht der allmächtige Gott, der das Gute für die Menschheit will. Ihm brauchen wir nur zu gehorchen, seine Worte sollen wir hören – dann hilft er uns alle Tage, bis an das Ende der Welt.

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