Ein neues Miteinander

Liebe Gemeinde.

1. Da sind zwei Menschen, die umziehen. Beide packen ihre Kisten, nehmen jedes Teil in die Hand, betrachten es und legen es in die Kiste. Und dann und wann passiert es, dass sie drüber nachdenken, ob sie diese Teil noch brauchen. Der eine sortiert dann manchmal ein Teil aus und wirft es fort. Der andere kann sich nie von etwas trennen: Es hängen so wichtige Erinnerungen dran und vielleicht kann ich es ja nochmal gebrauchen, vielleicht wird es ja nochmal wichtig. Das geht ihm besonders beim Bastelkeller so. In der neuen Wohnung packen dann beide ihre Kisten aus, der eine stellt alle Teile auf und ein, dann sind die Kisten leer und er bringt sie weg. Der andre macht es ebenso und behält am Ende einige Kisten zurück mit den Dingen, von denen er sich nicht trennen konnte. Er verstaut sie und packt sie auf den Dachboden. Und dann und wann passiert es, dass er sich eines Teiles erinnert und es braucht, dann geht er auf den Dachboden und erwählt sich eines.

Liebe Gemeinde, wie dieser zweite Mensch handelt unser Gott – und dieses Handeln bezeichnen wir als Gnade. Jeden von uns, jeden Menschen hat er geschaffen, jeden nimmt er in die Hand, betrachtet ihn genau und kennt ihn. Und vor allem, keinen wirft er weg. Von keinem trennt er sich, sondern alle liebt er und möchte, dass sie von dieser Liebe wissen. Und immer wieder erwählt Gott einen Menschen, um ihn zu einem Kind und Erben zu machen und ihm seine Liebe zu zeigen, schenkt Glauben, der Kraft zum Leben und zur Liebe bedeutet. Anderes kann nicht übertragen werden: Denn wir sind als Menschen nicht einfach Teile einer Kiste, die Gott einfach greift und schwupst sind wir erwählt, d.h. glauben wir oder preisen ihn. Nein, so nicht. Und Gott erwählt nicht und schenkt den Glauben auch nicht so, wie wir ein Geschenk übergeben bekommen haben und ein, zwei, drei ist es ausgepackt. Sondern Gottes Erwählung, wenn er den Glauben schenkt und uns zu seinen Kindern macht, geschieht durch seine Gnadenmitteln: durch sein Wort, wenn es gepredigt und gehört wird; durch seine Sakramente, das sichtbare Wort, wenn sie ausgeteilt und empfangen werden. In dieser Vermittlung ist Raum genug für unsere menschliche Freiheit, dem Wort Gottes auszuweichen, es gar nicht zu hören oder gar nicht zu begehren und zu empfangen. Da ist Raum genug für uns Menschen, uns so zu verhalten, dass Gottes Liebes- und Versöhungsgabe uns nicht erreicht und uns der Glaube und die Kindschaft nicht geschenkt wird.

2. Liebe Gemeinde, ich habe euch dieses Gleichnis erzählt, um ganz deutlich zu sagen, wie Gott sich in seiner Heiligen Schrift zu erkennen gibt, welches sein Wille ist, welches Bild, welche Vorstellung wir uns von ihm machen dürfen, wenn wir denn eine brauchen. Denn welches Bild wir uns machen, das bestimmt unser Denken und Fühlen, das bestimmt unseren Umgang mit den andere Menschen, mit den Brüdern und Schwestern in der Gemeinde. In dem Predigtabschnitt geht redet/ schreibt Paulus zum Miteinander in der Gemeinde, schreibt zu schwerwiegenden Gedanken, die sich die Gemeinde machte.

Die Christen, die Juden sind fragen sich: Was ist mit unseren jüdischen Brüdern und Schwestern. Gott hat unser Volk doch erwählt, aber sie glauben nicht, dass Jesus der Christus ist, der Gesandte Gottes. Hat Gott sie verstockt? Ist Gott so ungerecht, dass er seine Erwählung zurücknimmt? Da sind also welche, die machen sich Sorgen um andere. Machen sich Sorgen um ihre Nächsten. Und diese Sorgen machen sich Menschen bis heute: Was ist mit meinem Kind, das nicht zur Kirche geht und das nicht glaubt? Hat Gott es verstockt? Oder liebt er es nicht? Ist er ungerecht? Oder mein Ehepartner? Oder mein Vater, der früher so aktiv war? Oder mein Freund, der sich von der Kirche abgewandt hat?

Paulus sagt dir: Gott ist nicht ungerecht! Er liebt jeden Menschen, den er gemacht hat. Jeden hat er lieb, er kennt ihn genau, so wie einer, der umzieht und jedes Teil n die Hand genommen hat. Sei getrost, Gott erbarmt sich, wann er will. Das kann in den letzten Lebensminuten sein, das kann bald sein, das kann länger dauern. Er schenkt Glauben, wir wissen nicht wann.

3. Aber wir wissen wie: Denn in dem vermittelten Verfahren mit dessen Hilfe Gott Glauben schenkt, ist auch genug Raum für ein menschliches Tun, damit Gott Gnade schenken kann. "zu Gott bitten, dass er Glauben schenkt. Zu Gott klagen und ihn fragen, was er sich dabei denkt und von deiner Not und Sorge zu ihm reden." Den Nächsten einladen und dahin weisen, wo Gott Glauben schenkt und seine Gnade austeilt. Denn das tut er wie gesagt nicht unvermittelt, sondern durch seine Gnadenmittel: im Gottesdienst, in Bibelkreisen, in der Bibellese, da, wo ein Mensch von Gottes großer Vergebungs- und Liebestat in Jesus Christus redet. "Dich selber als Zeuge zur Verfügung stellen, wenn du gefragt wirst." Einer, der von Gottes Liebe redet und dahin weist, wo sie erfahren wird. So tröstet und gibt Paulus Rat, wenn du dich sorgst, warum ein dir Nahestehender nicht glaubt.

4. Paulus hat noch anderer Menschen in der römischen Gemeinde im Blick, wenn er von der Erwählung durch Gott spricht: Die Christen in Rom, die aus den Heidenvölkern stammen, die verstehen die Judenchristen nicht, warum sie denn um die ungläubigen Juden trauern. "Was wollt ihr denn? Sie wollen ja nicht glauben. Und da hat Gott sie verstockt! O.k. die Erwählung als Volk nimmt er nicht zurück, aber ihr seid die, bei denen die Erwählung zu sehen ist, die anderen hat Gott verstockt. – Kümmert euch nicht mehr um sie, sie werden ihr Strafe finden."

Gegen solche Lieblosigkeit und Überheblichkeit wendet sich Paulus hier im Brief. Solche Überheblichkeit hat es unter den Christen immer gegeben. "Zur Zeit der Inquisition: Wer als Ketzer oder Hexe überführt war, der konnte getötet werden, weil er die Erwählung, die Gnade Gottes verspielt hatte." Genauso die Christen gegenüber den Juden. Was in Rom begann hat sich ausgeweitet bis zum Holocaust in unserem Jahrhundert: Sie glauben nicht an Christus, also haben sie die Erwählung verloren, sie können auch sterben. Oder wenn sich zwei besprechen und der der eine von seinen Fragen und Zweifeln erzählt, bekommt er zur Antwort: "Du musst nur fest glauben, dann geht es. Dann erkennst du Gottes Willen. Und wenn der Glaube nicht kommt und die Zweifel nicht aufhören, dann willst du wohl nicht!"

Drei Beispiele, wie die Überheblichkeit der eigenen Erwählung zu einer Sicherheit und Ignoranz führt, die allen angeblich nicht erwählten und verstockten nicht nur ihre Kindschaft, sondern ihre Würde und Gottesebendbildlichkeit als Geschöpfe abspricht und sie sogar tötet. Da haben Menschen übersehen, dass Gott keinen verwirft und wegwirft. Sie glaubten, Gott wäre einer, der vor einem Umzug aussortiert. Aber so ist es nicht: In Jesus Christus zeigt Gott, dass er sich von keinem trennen will. Gegen solche geschilderte Erwählungs-Überheblichkeit mit schlimmen Folgen sagt Paulus: Der Glaube ist ein Geschenk Gottes. Dass jemand, an Christus glaubt, ist keine Sache des eigenen Bemühens, sondern den schenkt Gott. Deshalb können wir uns auch nichts darauf einbilden, als hätten wir anderen etwas voraus. Denn auch unser Glaube ist uns von Gott geschenkt.

Was nun tun bei/ gegen / in solcher Überheblichkeit? "Führen wir uns immer wieder vor Augen: Wir haben unseren Glauben von Gott geschenkt bekommen und seien wir dankbar." Das ist die richtige Haltung: Gott zu danken dass er mich zu seinem Kind gemacht hat. "Hüten wir uns davor, dass wir nicht durch solche Überheblichkeit und Gewissheit, der andere sei ja verstockt, uns uns als Zeugen des Wortes verweigern ( was nützt es denn, er ist ja verstockt) und uns so Gott in den Weg stellen, so dass Gottes Wort durch unser Unrecht Lügen gestraft wird. (Beispiele von Erwählungs-Stolz)" Freuen wir uns daran, dass Gott uns schon erwählt hat und dass jedem Menschen durch die Gnadenmittel die Kindschaft geschenkt wird.

5. Und eine dritte Gruppe von Menschen oder Situationen hat Paulus im Blick, wenn er von der Erwählung redet und wenn er darüber hinaus sagt: dass Gott erwählt und verstockt, wen er will? Da waren Christen, die glauben und erfahren haben, daß Gott sie erwählt hat und die Kinder Gottes sind. Aber sie betrogen als Geschäftsleute weiter, sie waren als Aufseher weiter ungerecht, ihr Leben veränderte sich nicht, ihr Leben strahlte nichts wieder von der Liebe Gottes zu den Menschen. So ist es bis heute: Wir haben einen schwachen Glauben, trauen uns und Gott wenig zu. Wir sind oft träge und willensschwach, so dass wir de Willen Gottes in dem doppelten Liebesgebot nicht entsprechen.

Mehr noch: in unsrem boshaften, grundverkehrten, von Gott abgekehrten, eben sündigen Herzen sprechen wir zu uns: Was solls, was kann mir schon geschehen. Gott tut ja alles, er hat mich erwählt, mir den Glauben geschenkt, er wird mir schon vergeben. Wegen solcher menschlichen Sünde und Bosheit, weil wir nicht unser ganzes Leben zu Gott kehren wollen, betont Paulus: Gott verstockt, wen er will. Lebe als Erwählter, und zeige dich dieser Erwählung würdig, sonst kann Gott dich eine Zeit verstocken. Für uns gilt es immer noch: Halten wir uns zu den Gnadenmittel n Gottes, hören auf sein Wort, gebrauchen wir das Gnadenangebot in den Sakramenten unseres Gottes. Denn durch Wort und Sakrament erwählt Gott nicht nur, sondern stärkt er auch den Glauben und erhält ihn.

Liebe Gemeinde, wir haben uns vor Augen geführt, wie unser Bild von Gott unser Verhalten leitet, wie eine Rede von der Erwählung durch Gott schlimme Folgen haben kann. Paulus will mit der Rede von der Erwählung neues Miteinander in der Gemeinde ermöglichen. Deshalb sagt er: Jedem von euch ist der Glaube geschenkt! Bilde dir nichts drauf ein! Preise und danke Gott in und mit deinem Leben. Halte dich an die Orte und an die Menschen, an denen und durch die dein Glaube gestärkt wird. Und Paulus will zweitens in der Gemeinde trösten: Sorge dich nicht! Gott kennt jeden seiner Kinder genau. Er hat viel im Leiden und Sterben Jesu Christi viel investiert. Er wirft keinen weg.

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