Ein Interview mit dem Briefschreiber

<i>Lieber Johannes, deinen Glauben möchten wir haben! Unser Glaube ein Sieg über die ganze Welt? Das hast du damals wohl in einer Art Euphorie geschrieben. Begeistert von der Erkenntnis, dass Gott seinen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben sollen. Aus Liebe, schreibst du in deinem Evangelium, hat Gott das getan und wer an diesen Sohn glaubt, geht nicht verloren, hat das ewige Leben. Du hast es überhaupt mit der Liebe, Johannes. Du schwärmst geradezu davon. Wenn ich den Text deines Briefes anschaue, dann lese ich (einige Verse lesen).

Offenbar ist dir beides wichtig: Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten. Aber jetzt steigerst du dich: Unser Glaube ist der Sieg … Und du stellst fest: „Wer ist es der die Welt überwinden kann, wenn nicht der, der glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist?“ Wir können mit Glauben an Jesus, dem Sohn Gottes die Welt überwinden?

Also, wir sind schon froh, wenn man uns wenigstens nicht spöttisch belächelt, weil wir noch in die Kirche gehen und Kirchensteuern zahlen und Kollekte geben. Dass unser Glaube die Welt überwinden kann, davon ist nicht viel zu sehen! Schau sie dir doch an, die Welt! Da reden Sie vom Segen der Marktwirtschaft und der Globalisierung, und von der Kraft eines vereinten Europas, die Wohlstand für alle bringt. Da feiern sie die Aufnahme östlicher Länder, die vor nicht allzu langer Zeit unsere waren. Und neue Religionen kommen auf den Markt. Den Dalai Lama kennen inzwischen mehr Menschen, als den Herrn Jesus, vom dem du schreibst, dass er Leben in Fülle gebe und wer an ihn glaube, dessen Durst nach Leben würde gestillt. Der Islam ist auf dem Vormarsch. Das Heilige Land steckt in einer tiefen Krise. Menschen leben in Angst und Hass.

Ach Johannes, die blühenden Gemeinden zu deiner Zeit waren vielleicht überzeugt von der Kraft des Glaubens, der die Welt durchdringt und sie heil macht. Sie hatten wohl entsprechende Erfahrungen gemacht. Früher waren die Menschen sicher empfänglicher für das Religiöse. Aber heute ist alles anders geworden. Überhaupt bei uns in Europa.</i>

Es war auch bei uns nicht anders! Zu meiner Zeit war die Christenheit ein kleines Häufchen von Menschen, die von der Gesellschaft gar nicht ernst genommen wurde. Ein Hingerichteter soll Gottes Sohn gewesen sein? Das konnten viele nicht glauben. Das Wort vom Kreuz war für sie eine Torheit. Für uns freilich war es eine Gotteskraft! Das verstanden viele nicht. Manche hielten uns für fromme Spinner, andere sahen in uns Rebellen, die die religiöse Ordnung durcheinander bringen. Wir hatten keine Kirchen, keine Gemeindehäuser. Unsere Gemeindeleiter wurden nicht zu offiziellen Anlässen oder Einweihungen geladen. Wir hatten oft Angst und die Zukunft war ungewiss. Und keinesfalls waren alle so glaubensstark und treu, wie das den Anschein hat. Wir litten unter Anfechtung und Zweifel genau wie ihr. Und nicht wenige kehrten dem Christentum den Rücken. Manche aus Rücksicht auf ihre Familie, andere weil sie in gehobener gesellschaftlicher Position standen. Ja, es gab auch bei uns Probleme. Deswegen habe ich in meinen Briefen an die Liebe appelliert. Ich hatte den Eindruck, dass viele Gemeinden die erste Liebe vergessen hatten. Also die Liebe zu Gott und den Menschen. Ich meine, nur durch unsere Liebe kann die Welt überzeugt werden, dass Gott sie liebt. Aber das ist schon richtig: Wir lebten noch in der Zeit, die auch Jesu Zeit war. Die religiösen aber auch die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse hatten sich kaum verändert. Wir fühlten uns dem auferstandenen Herrn noch näher als ihr heute, das gebe ich schon zu. Wir waren noch nicht so abgelenkt, wie ihr mit euren Medien.

<i>Johannes, das ist schön, dass du uns verstehst. Angenommen, du müsstest uns heutigen schreiben, würdest du deine Botschaft verändern?</i>

Nein. Ich würde sicher meinen Schreibstil anpassen. Aber inhaltlich sage ich heute wie damals dasselbe.

<i>Und wie würdest du den Abschnitt heute für uns formulieren?</i>

Ich erinnere euch an die Pflicht zur Liebe. Christen lieben sich. Was lieben heißt wissen auch eure Teenager. Aber sie gehen mit dem Begriff Liebe sehr einseitig um. Ich will das einmal so deutlich machen: Christen lieben einander, weil sie wissen, das Gott sie liebt. Wenn ich weiß, dass Gott Frau X mag und akzeptiert wie sie ist, kann ich sie auch gern haben, auch wenn sie komisch ist. Ich wirke ja auf andere vielleicht auch ein bisschen seltsam. Wenn ich also den andern liebe, ehre ich Gott. Und Gott ehren, heißt, seinen Willen tun. Wenn ich jemandes Bitte erfülle, tue ich das, weil ich ihn liebe. Weiter oben in meinem Brief sage ich das so: Wenn jemand sagt, daß er Gott liebe, aber seinen Mitmenschen nicht leiden kann, dann ist seine Liebe nicht echt. Paulus hat das einmal sehr deutlich in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth geschrieben. Aber darüber hat euer Pfarrer sicher gepredigt. Das 13. Kapitel war Predigttext am Sonntag Estomihi (22. Februar).

<i>O.k. das mit der Liebe verstehe ich jetzt. Aber was hat das mit dem Sieg zu tun, der die Welt überwunden hat?</i>

Die Liebe ist der Glaube. Der Glaube glaubt der Liebe Gottes, die sich im Sterben und Auferstehen Jesu zeigt. Hätte Gott seinen Sohn nicht geliebt und hätte Jesus Gott, seinen Vater nicht geliebt, wäre es vermutlich anders gekommen. Aber mit der Auferstehung Jesu ist dem Bösen in der Welt die Macht genommen. Und Jesus ist jetzt Herr der Welt. Er ist nicht im Grab geblieben. Er sitzt zur Rechten Gottes.

<i>Ja, das ist Teil unseres Glaubensbekenntnisses. Doch noch eine Frage: Du schreibst zweimal, dass man Gott am besten so lieben kann, wenn man seine Gebote hält. Aber an den zehn Geboten scheitern doch alle!</i>

Viele Christen haben da immer noch eine falsche Einstellung. Sie meinen, sie müssten dieses tun und jenes lassen. Dann haben sie Angst ein Gebot zu übertreten, sind unsicher, und fühlen sich ständig sündig. Das kostet Zeit, Kraft und Nerven. Aber wir sollen mit unserer ganzen Kraft Gott lieben! Und wer Gott lieben will, tut am besten indem er dem Nächsten dient. Also mit Liebe den Missionsbefehl Jesu tun! Gebote müssen überwacht werden. Das taten damals bei uns die Pharisäer. Heute sind es bei euch Evangelischen so manche konservativ-fundamentalistischen Kreise, bei den Katholiken ist es die römische Kongregation, bei den Zeugen Jehovas ist es die Wachturmgesellschaft, beim Islam sind es die Ayatollahs …

<i>Ja ja, ich verstehe, aber wie lebe und liebe ich denn richtig?</i>

Jesus hat das einmal in einem Bild so ausgedrückt. Er machte das Liebesgebot zu Gott und zu Menschen gleich wertig und sagte: „In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“. „Hängen“ erinnert an eine Tür. Eine Tür hängt in zwei Scharnieren. Nur so kann man sie öffnen und schließen. Mit dem so genannten Doppelgebot der Liebe lassen sich Türen öffnen. Also ich sage es so: Wenn ihr dieses Gebot beachtet und einübt, erfüllt ihr die Vorstellungen Jesu nach einem vereinfachten Glaubenssystem, in dem aber alles Wesentliche enthalten ist. Also Weniger Gebote, mehr Liebe, weniger Theorie, mehr diakonische Hilfe, weniger Menschenverehrung und mehr Gottesverehrung. Weniger Kontrolle, mehr Vertrauen, weniger Einengungen, mehr Freiheit. Weniger auf sich selbst starren, dem Heilswerk Jesu zutrauen, weniger …

<i>… Johannes, das reicht, ich habe verstanden!</i>

Dann zögert nicht länger, fangt an damit.

<i>Ich versuche es. Ich sag es den andern. Danke Johannes für das Gespräch.</i>

(Schluss frei.)

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