Ein gutes Gefühl

Liebe Gemeinde,

das schlimme Alte ist vorbei. Es hat etwas neues angefangen. Und dieses Neue führt zum Guten. Paulus drückt es in seinem Brief an die Gemeinde in Rom etwas komplizierter aus. Ich lese aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom 6,3-11:

[TEXT]

Mit unserer Taufe hat sich etwas grundlegend gewandelt. Unser übriges Leben ist jetzt dazu da, diese Wandlung zu leben. Wir sollen, was dort passiert ist, für unser Leben in Anspruch nehmen. Wir können daraus Kraft und Orientierung schöpfen.
Was ist da passiert?

Paulus stellt sich die Welt und das Verhältnis der Menschen zu Gott so vor: Als normale Menschen haben wir unter der Macht der Sünde gelebt. Die Sünde hat uns versklavt. Wir hatten keine Wahl. Wir waren gezwungen, ihr zu dienen. Wir konnten gar nicht anders als uns gegen Gott und die göttlichen Gebote stellen. Die Folge der Versklavung unter die Macht der Sünde war der Tod. Diese Macht hat uns in den Tod getrieben. Wir konnten nicht Gott, dem Freund des Lebens, dienen. Wir haben Tod und Schmerz verbreitet und sind dem Tod verfallen gewesen. Es gab keine Zukunft, keine Perspektive auf Besserung. Die Lage war hoffnungslos.

Aber dann kam Jesus Christus. Er hat mit seinem freiwilligen Tod die Macht der Sünde und des Todes gebrochen. Seitdem gibt es für uns Menschen wieder eine Zukunft. Wenn wir getauft werden, dann bekommen wir Anteil an dem was Jesu Tod bewirkt hat. Unser altes Leben stirbt. Die Sünde hat keine Macht mehr über uns. Jetzt haben wir die Wahl, wem wir dienen wollen. Jetzt können wir Gott dienen. Im Glauben an Jesus Christus hat sich für uns eine neue Welt geöffnet. Und wie wir Anteil an Jesu Tod haben so bekommen wir auch Anteil an seiner Auferstehung. Auch für uns ist der Tod besiegt. Auch wir bekommen die Chance zu leben und zwar hier und jetzt und über unseren physischen Tod hinaus. Wir haben die Freiheit bekommen, so zu leben, wie es richtig ist und wie es dem Leben aller dient. Und wir haben jetzt die Wahl, wie wir unser Leben gestalten wollen. Das schlimme alte, die Macht der Sünde, kann uns nicht mehr erreichen. Unser Leben hat sich zum Guten gewendet. Es wurde eine Perspektive für ein gutes Leben, das diesen Namen verdient, eröffnet.

So weit die Vorstellungswelt des Paulus.

In der letzten Woche habe ich einer Jugendlichen erklärt, ich wolle darüber predigen, dass das schlimme alte vorbei ist, und ab jetzt alles besser werden kann. Sie meinte so etwas Ähnliches wie, das sei das Absurdeste, was sie je gehört hat.
Sie sagt: Seit ich in meiner Klasse ein Jahr lang gemobbt worden bin, weiß ich: Dieses Schlimme ist nicht vorbei. Es geht mir zwar jetzt in meinem neuen Zusammenhang viel besser. Aber ich weiß genau: Es kann immer wieder passieren. Und ich sehe ja, dass es momentan auch anderen passiert. Und ich kann ihnen nicht wirklich helfen. Ich finde so eine Behauptung, dass das Schlimme vorbei ist, menschenverachtend und unerträglich für diejenigen, die noch mitten drin stecken.
Und natürlich ist das die Frage. Wie empfindet das jemand, der gerade mitten in einer schmerzhaften Trennung steckt oder der gerade arbeitslos geworden ist, wenn ich ihm sage: Das Schlimme ist vorbei. Ist es nicht ein Hohn für die Menschen, die täglich ums Überleben kämpfen müssen, wenn ihnen jemand sagt: Das Schlimme ist vorbei, es hat keine Macht mehr über euch?

Aber andererseits ist Paulus ja kein Mensch, der im Luxus lebt, und denen, denen es schlecht geht zuruft, es ist alles in Ordnung. Im Gegenteil. Paulus lebt ein sehr gefährliches Leben. Er ist unterwegs im römischen Reich. Er ist ständig bedroht, gelyncht zu werden, wenn er öffentlich das Evangelium verkündigt. Er lebt von der Mildtätigkeit der Menschen, die zum Glauben an Jesus Christus finden und von der Zeltmacherei. Das heißt, er weiß auch manchmal nicht, ob er am nächsten Tag noch genug zu essen haben wird. Und er weiß nicht, ob er am neuen Ort eine Unterkunft finden wird. Und er hat eine Krankheit, die in Schüben verläuft. Er weis also nicht, ob er am nächsten Tag nicht zu krank sein wird, um für sich selbst zu sorgen. In seinem Leben ist keineswegs alles sicher, alles gut. Wie kann so jemand sagen: Sünde und Tod haben keine Macht mehr. Das Schlimme ist vorbei, wo er doch dauernd der Macht der Sünde begegnet zum Beispiel in Form von Menschen, die ihn wegen seiner Botschaft vertreiben oder umbringen wollen. Trotzdem meint Paulus, das Schlimme ist vorbei.
Wir kommt er darauf?

Er kann damit nicht gemeint haben, dass es in der Welt ab sofort gerecht zugeht. Und er kann auch nicht gemeint haben, dass Christinnen und Christen nichts Schlimmes mehr zustoßen wird.
Trotzdem besteht er darauf, dass Christinnen und Christen in einem geschützten Raum leben, in dem die Macht des Bösen ihnen nichts mehr anhaben kann.

Ich denke, es ist eine innere und eine zukünftige Wirklichkeit, die Paulus hier beschreibt. Die ersten Christinnen und Christen haben sie gelebt, indem sie dem Kaiserkult die Stirn geboten haben. Sie haben dem römischen Reich gezeigt: So mächtig du auch bist Kaiser, du kannst uns quälen und umbringen lassen. Aber du hast nicht die Macht, zu erreichen, dass wir dich als Gott anbeten. Wir sind frei von deiner Macht, weil du uns nicht mehr mit dem Tod bedrohen kannst. Wir werden auferstehen.

So etwas gilt auch für uns heute: Auch wir besitzen so eine innere Widerstandsmöglichkeit gegen Ungerechtigkeit und gegen das Böse. Auch wir können nicht mehr gezwungen werden, mit den Wölfen zu heulen. Auch wir müssen nicht mitmachen, wenn Menschen gemobbt werden oder wenn schlecht über andere geschwätzt wird. Denn in uns hat mit unserem Glauben etwas Neues angefangen. Wir leben für Gott und in Gott in der Gemeinschaft mit Jesus Christus. Und das heißt, wenn wir sie brauchen, werden wir in uns die Kraft finden, das richtige zu tun. Wir sind frei. Wir sind nicht mehr gezwungen, bei dem, was die anderen tun, mitzumachen. Wir können immer neu entscheiden, was wir tun.

Manchmal sagen mir Leute: In meinem Betrieb ist jeder sich selbst der Nächste, jeder denkt nur an seinen eigenen Vorteil. Und ich bin der Dumme, wenn ich bei den üblichen Betrügereien und bei dem Kampf jeder gegen jeden nicht mitmache. Wenn ich versuche, mich noch an moralische Maßstäbe zu halten, dann falle ich hinten runter.
Das ist die Macht, die die Sünde noch hat. Da hilft es, etwas langfristiger zu denken und zwar in zwei Richtungen. Wenn alle immer so weiter machen, dann wird es immer schlimmer. Irgendjemand muss damit anfangen aus so einem Kreislauf des Bösen auszusteigen, sonst müssen alle immer unmoralischer handeln, um noch eigene Vorteile zu haben. Auf Dauer kann in einem Betrieb, in dem es so zugeht, sowieso niemand mehr arbeiten. Es wird allen immer schlechter gehen. Wenn ich also anderes handle, falle ich zwar erst einmal hinten runter, aber ich gebe auch allen anderen die Chance, sich meinem Verhalten anzuschließen, und dann schaffen wir zusammen vielleicht wieder eine Atmosphäre, in der alle leben können. Es lohnt sich, das wenigstens zu versuchen.

Die andere Richtung ist, mich zu fragen, was der Sinn und das Ziel meines Lebens sein soll. Und da sagt mir Paulus, der Sinn und das Ziel deines Lebens geht weit über das, was du hier auf der Erde für dich erreichen kannst, hinaus. Im Glauben an Jesus Christus gibt es eine Hoffnung und eine Zukunftsperspektive: Und die heißt: Gott sorgt für Gerechtigkeit – langfristig. Mein kleines Leben kann an dieser Weltrichtung teilnehmen. Auch wenn ich die Ergebnisse in meinem Leben nicht mehr sehen werde, kann ich doch darauf vertrauen, dass das Wesentliche dafür schon passiert ist. Die Macht der Sünde ist schon gebrochen. Der Tod ist schon überwunden. Das Schlimme ist vorbei. Der Niedergang ist zu Ende. Ein paar Nachwirkungen davon müssen wir noch aushalten. Aber am Ende werden wir auf der richtigen, auf der siegreichen Seite gekämpft haben. Ich finde das ein gutes Gefühl.

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