Ein fröhliches Fest

Liebe pfingstliche Gemeinde,

ein besonders fröhliches Fest feiern wir heute. Wir singen fröhliche Lieder,
die vom Leben in all seinen Formen erzählen, vom Leben in der Natur, in der
Schöpfung, vom Aufblühen und Fruchtbringen, aber auch vom Leben im Glauben und vom Glauben her. Schon äußerlich werden wir auf Freude und Leben einge­stimmt durch die Blumen
auf dem Altar – kaum eine Zeit, in der uns in den Gärten mehr bunte Blumen zur Verfügung stehen – und die rote liturgische Farbe. Rot ist die Farbe des Feuers – das Lebendigkeit ausstrahlt und für spannendes, bewegtes Leben steht. Rot ist die Farbe der Liebe und Menschen freuen sich, geliebt zu sein und selber zu lieben. Die rote Farbe symbolisiert die Sehnsucht nach Erfüllung der Liebe, sie ist die Farbe des Heiligen Geistes.

In einem Fernsehfilm über die Spannung jugendlichen Lebens in der heutigen Zeit
war beim Abspann ein Lied mit dem Text zu hören: ‚Es brennt ein Feuer tief in
mir; ich kann nicht mehr warten, das Leben schreit nach mir‘. Natürlich drängt das Mädchen, um das es dabei geht, heraus aus den Fesseln seiner Familie und der Schule hinein ins Leben; es sucht, was Leben ausmacht und
spannend macht, es ist aus auf Freude und Abenteuer, auf Liebe und Erfüllung.
Während das Lied erklang, sah man das Mädchen allein auf einem Motorroller aus
der Stadt herausfahren. Raus aus den Gefängnissen, die um es aufgerichtet waren in Erwartungen und Zwängen, in Formen und Traditionen. Raus ins Leben. Frei wollte das Mädchen sein, leben und fröhlich sein.

Verantwortliche Erwachsene verweisen zurecht darauf, dass es ein Leben ohne Grenzen und nur nach Lust und Laune nicht geben kann, dass wir eingebunden sind in Gemeinschaften und ihre Regeln. Aber doch sehe ich in dem Lied und der Sehnsucht dieses Mädchens einen guten Hinweis auf das Pfingstfest und seine Botschaft. Denn darum geht es doch: mit ausgebreiteten Armen der Freude, ja: des Jubels, und in voller Fahrt das Leben begrüßen und die Freude erleben. Auftanken, aufatmen, Druck loswerden und eine echte Erwartung haben, für die es sich lohnt,
zu leben. Das Feuer, das im Inneren anfängt zu brennen, drängt nach draußen. Es kann nicht in einem drin bleiben. So, wie das Mädchen nicht cool bleiben wollte, nüchtern, abgeklärt und
durchdacht, sondern feurig und spritzig, spontan und fröhlich das heraus lassen,
was in ihm steckte, so feiert die Kirche das Pfingstfest. Das Fest, das sichtbar und hörbar nach außen bringt, was innen drin passiert: Feuer, Freude, Leben, Zukunft. Und das alles im Angesicht derer, die bremsen, die den Kopf schütteln, die möchten, dass alles so bleibt, wie es immer war, die Spontaneität nur mit übermäßigem Alkoholkonsum erklären können. Die sagen: ‚Nun beruhig dich mal wieder, werd wieder normal, füg dich ein in das, was schon immer richtig war und hör auf, zu spinnen‘.

An Pfingsten freut sich die Kirche über das überraschende und frohmachende Geschenk des Heiligen Geistes. Wenn der, so erzählt Lukas in seinem bekannten Bericht, von Menschen Besitz ergreift, dann handeln sie und reden sie so, wie es Gott gefällt. Das können dann andere kritisieren; aber in ihnen brennt ein Feuer, das sich nicht eindämmen oder zur Ruhe bringen lässt. Es muss heraus, was drin ist; alle sollen es hören und sehen: hier ist Gott selbst am Werk; hier wirkt er mit den Gaben seines Heiligen Geistes. Darum fangen Menschen an, zu reden von dem, was ihr Herz bestimmt. Sie reden nicht von sich; sie reden nicht von ihren Glaubenserfahrungen – an solchen Stellen sollten wir immer skeptisch sein – sie reden von den großen Taten Gottes.
Sie loben und preisen Gott für das, was er uns zugut getan hat. Sie erzählen von seiner Schöpfung, wie schön und wunderbar und unbegreiflich sie ist. Sie erzäheln aber auch, wie Menschen in ihr und an ihr schuldig werden, schuldig gegenüber Gott und ihrem Nächsten; wie Gott zu seiner Schöpfung und seinen Menschen steht und was er für sie tut.
Sie erzählen von Weihnachten und wie Gott uns in Christus ganz nahe kam.
Sie erzählen, wie er Menschen in seine Nähe geholt hat, die von Gott weit weg
waren. Wie er mit ihnen geredet hat – und sie spürten am eigenen Leib, was frohe Botschaft bedeutet; wie er Menschen befreit hat von Krankeiten und
Behinderungen, von seelischen Nöten, von Trauer und Einsamkeit, wie Leben neu aufblühte, weil Gott selbst sich zu den Menschen stellte. Sie erzählen davon, dass man Jesus Christus missverstanden hat. Vielen Menschen hatte er auch Angst gemacht, weil nichts mehr so war, wie zuvor. Für viele war er ein Störenfried ihres gesicherten Glaubens und darum sollte er sterben. Sie erzählen von seinem elenden Tod am Kreuz und wie lächerlich das Leben
endete. Sie erzählen, dass aber genau in dieser Lächerlichkeit seines Todes, in der Ohnmacht und Schande das neue Leben seinen Anfang genommen hat, dass gerade jetzt an die Stelle der Forderungen und Gesetze, der Gebote und der Unsicherheit, die sie auslösen, das Leben in Liebe und Zuwendung zu den Verlorenen getreten ist. Mögen Viele gedacht haben; Jesus Christus ist weg. Er ist am Kreuz gestorben und wurde beerdigt. Er ist verschwunden; niemand muss sich mehr mit ihm auseinandersetzen. Und die, die zu ihm gehörten, seine Jünger, denen hat es die
Sprache verschlagen. Sie sind ruhig ohne ihn; sie ziehen sich zurück; sie
pflegen vielleicht noch ein wenig die Erinnerung an ihn, wenn sie sich in ihren
Wohnungen versammeln. Aber eine Zukunft hat dieser Verein nicht. Wie auch? Es ist ja nur die Erinnerung an ihren Meister, die sie verbindet. Sie selber sind eher schlichte Leute, aus ihren Köpfen sind keine umwerfenden Ideen und Konzepte zu befürchten, dafür sind sie zu ungebildet. Die Bewegung, wenn es denn eine war, war sehr kurzlebig, nun ist sie zuende.

So müssen Menschen denken und reden, die mit dem Hei­ligen Geist nicht rechnen.
Und die Jünger haben es vielleicht sogar so hören müssen; auf jeden Fall gespürt. Sie waren sicherlich eingeschüchtert; auch nicht mutig oder irgendwie
angetrieben, dagegen anzugehen. Diese Kraft hatten sie nicht. Was ihnen blieb,
war der Wunsch, sich regelmäßig in Jesu Namen zu versammeln und zu beten. Sie saßen in ihren Wohnungen und blieben bei sich. Anders kann es auch nicht sein – ohne die Kraft des Heiligen Geistes.

Was an Pfingsten geschieht, geschieht mit ihnen und geht nicht etwa von ihnen aus. Es kommt über sie, überraschend und unerwartet. Aber was geschieht, hat mit Leben zu tun, mit Bewegung, mit Aufregung, mit Spannung. Und dann sitzen sie auch nicht mehr, dann treten sie auf: sie beten nicht mehr in der Abgeschiedenheit, sie reden in der Öffent­lichkeit. Jetzt ist zu sehen und zu
hören, was für eine Kraft der Heilige Geist hat und was geschieht, wenn er davon an die Menschen austeilt. Lassen wir uns nicht verwirren von den ungewöhnlichen Begleiterscheinungen dieses Ereig­nisses. Das ist eine einmalige Sache, das erste und grund­legende Geschenk des Geistes an die Menschen. Auch das, was unter dem Begriff ‚Zungenrede‘ vor einigen Jahren in pfingstlichen Gemeinden wieder Hochkunjunktur hatte, steht hier nicht zur Debatte. Von einem für alle unverständli­chen Gerede oder Gesinge, das von einem weiteren spezi­ell Geistbegabten ausgelegt werden muss, ist hier nicht die Rede. Im Gegenteil: was
die Gabe des Geistes, die so wunderbar und plötzlich und unerwartet auf die
Jünger kommt, bewirkt, ist die für alle verständliche Rede. Die hörbare und
verstehbare Rede von den großen Taten Gottes. Das ist die Wirkung des Heiligen
Geistes. Die Anderen sagen nicht: ‚Die sind ja betrunken!‘, weil sie so unverständlich lallen, sondern weil diese Jünger, die doch an sich so wenig gebildet und außerdem alle aus Gali­läa sind, so verständlich von den großen Taten Gottes reden können – und wir verstehen es.

Was will das werden? Menschen müssen Fragen stellen, wenn sie erleben, dass der Heilige Geist sich
auf Menschen niederlässt. Zu verstehen ist es nicht, zu erklären auch nicht. Aber dass der Heilige Geist eine reale Macht ist, die die Herzen der Menschen
bewegt, ist offensichtlich geworden. Und es ist nicht nur eine lebendige, bewegende Macht, es ist eine lebensnotwendige Macht. Denn das, was wir Glau­ben nennen, den rettenden Glauben an Jesus Christus, sein Kreuz und seine Auferstehung, bringt er allein ins Herz der Menschen. Wir können fröhlich und feierlich Weihnachten feiern, können ehrlich an Karfreitag traurig sein und dankbar an Ostern das neue Leben Jesu bejubeln. Dass das alles aber mein Glaube wird so, dass Jesus Christus in meinem Herzen lebt und regiert, mich also glauben lässt, beten lässt, lieben lässt, mich Verantwortung in meiner Gemeinde, in der Kirche, in der Welt übernehmen lässt, mich von den großen Taten Gottes reden lässt, das bewirkt allein der Heilige Geist. Aus geschichtlichen Ereignissen, die zeitlich weit weg sind, macht der Heilige Geist persönliche Geschichte. Weihnachten wird ein persönliches Fest, wenn Christus nicht in Bethlehem, sondern in meinem Herzen seine Wohnung nimmt;
Karfreitag wird ein persönlicher Tag, denn ich und meine Sünden sterben mit am Kreuz; in den Niederungen meines Lebens stirbt der Sohn Gottes. Ostern wird mein persönliches Lebensfest; denn Christus lebt nicht für sich, er lebt in mir und ich in ihm. Sein Leben ist mein Leben. Das alles aber, weil der Heilige Geist mich erfüllt. Es ist geschehen, was der Prophet Joel dem Volk gesagt hatte, dass Gott seinen Geist ausgießt. Er hat es getan an Pfingsten in Jerusalem und nun immer wieder. Immer wieder geschieht es, dass Menschen den Heiligen Geist be­kommen. Und
plötzlich zieht der Glaube im Herzen ein; eine Freude und eine Gewissheit machen
sich breit. Eine Freude am Leben und auf das Leben; eine Gewissheit, geliebt zu werden, nicht mehr allein zu sein. Ein Glaube, dass diese Welt aus der Hand
Gottes kommt und in seiner Hand ruht; dass diese Erde gegen alle Prognosen eine Zu­kunft hat. Ein Glaube, dass die Liebe Gottes siegen wird gegen alles
Machtstreben, gegen alle Gewalt und gegen alle Sorgen, die von der Zerstörung, von Hass, Folter, Krieg und sonstigem menschlichen Wahnsinn ausgehen. Ein Glaube, dass ich von mir nichts erwarten und erzwingen muss, keine frommen Leistungen, keine sichtbaren Gaben des Geistes, auch kein Zungenreden; nur das Leben im Licht der Liebe Gottes sehen; es gilt für mich und jeden Menschen eine andere Wahrheit, als die des Arztes, des Lehrers, des Chefs, der Regierung; es
gilt das Wort Gottes. Der Heilige Geist, mit dem Gott uns beschenkt, lässt uns täglich umkehren zu ihm. Da sind wir, wie wir sind; auch mit unserer Schuld – er vergibt sie, denn dafür ging er ans Kreuz. Er lässt uns liebevoll mit unserem Mitmenschen umgehen, denn für jeden gilt das Geschenk des Geistes. Er schenkt uns Vertrauen zu Gott selbst, seinem Sohn Jesus Christus und dem Heiligen Geist. Ob wir das Geschenk verdienen, einen Anspruch darauf haben, ist nicht die Frage. Dass wir voller Vertrauen und ohne Ende um ihn bitten, hat alle Verheißung; ‚Komm, Heiliger Geist, erfüll die Herzen deiner Gläubigen und entzünd in ihnen das Feuer deiner göttlichen Liebe‘.

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