Ein Brief an Petrus

<i>[Vorbemerkung: Die Predigt ist durch das Buch von Manfred Josuttis "Petrus, die Kirche und die verdammte Macht" inspiriert.]</i>

Liebe Gemeinde,

ich habe einen Brief geschrieben, einen "offenen Brief an Petrus". Und wie das mit Briefen so ist: da geht es nicht so systematisch zu – erstens, zweitens, drittens … -, sondern da kann man die Gedanken, den Dialog mal schweifen lassen. Mein Offener Brief an Petrus soll meine Predigt für diesen Sonntag sein, vielleicht findet Ihr Euch ja darin wieder?

Lieber Petrus, ich schreibe Dir diesen Brief, weil ich mich mit Dir auseinandersetzen muss. Ich soll eine Predigt über Dich halten, über die Geschichte mit dem Hahn, genauer gesagt, die Vorgeschichte. Du weißt schon: Das ist ja ein ziemlich peinliches Kapitel in Deiner Biographie … Weißt Du, ich komme damit nicht klar, wahrscheinlich genausowenig wie Du selber. Und überhaupt: ich weiß eigentlich nie so recht, was ich von Dir halten soll, ob ich Dich mag oder nicht. Über keinen anderen der Jünger Jesu ist so vieles, und so viel Widersprüchliches überliefert worden wie über Dich. Manchmal bin ich fasziniert von dem, was ich da lese, habe den Eindruck, dass Du tatsächlich nicht nur der Sprecher der Zwölf damals warst, sondern irgendwie auch unser, auch mein "Sprecher" bist – so typisch und so gültig kommt mir das vor, was Du sagst und denkst und tust … Doch oft genug ärgert mich auch, was ich da über Dich im NT lese, Deine Arroganz, Deine Feigheit, Deine Herrschsucht, Deine Blindheit – diese ganze Zweifelhaftigkeit, die Du ausstrahlst. Ich finde, Du bist genau das, was man eine "schillernde Persönlichkeit" nennt! Vielleicht ärgert mich das aber auch deshalb so sehr, weil ich das ja selber bin, weil ich in Dir eben auch mich selber entdecken muss, mich und das, was ich "meinen Glauben" nenne – dieses schillernde Etwas, dieses flatternde Fähnlein im Wind meiner Zweifel und Ängste, meiner wechselnden Einsichten, meiner Trägheit … Und ich entdecke in Dir die Gemeinde, in der ich lebe. Auf Dich, diesen zweifelhaften Felsen, ist sie ja auch gebaut, so hat es Christus jedenfalls gesagt … Weißt Du, Du bist irgendwie typisch! Typisch Christ! Typisch Kirche!

Ach Petrus, … oder willst du lieber Simon genannt werden oder Kephas? – in der Bibel wirst Du mal so, mal so genannt … Und da geht es auch schon los mit meiner Unsicherheit: es ist, als ob Du diese verschiedenen Namen hättest, um Dich nur ja nicht festzulegen … – kein Wunder, dass Dich das Volk zu einer Art Wettergott gemacht hat. Denn so wechselhaft und unbeständig wie das Wetter scheinst du ja auch gewesen zu sein … – typisch! Wie oft hast Du den Mund vollgenommen und dann doch den Schwanz eingezogen, und … wie ähnlich bist Du mir damit, Bruder?! "Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen." – Welch ein markiger Spruch. Das klingt nach dem Stoff, aus dem Helden gemacht sind: Einer für alle und alle für einen! Bei Markus klingt es noch markiger als bei Lukas. Da stellst Du Dich sogar über die anderen Jünger und sagst: "Auch wenn alle an dir Anstoß nehmen, Jesus – ich nicht! Auch wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen!"(Mk 14,29.31) Welch eine peinliche Selbstüberschätzung! Es ist, als hätte Lukas im Vergleich zu Markus Dein Versagen ein wenig abschwächen wollen, als hätte er Deinen Verrat an Jesus nur schwer ertragen können: Du, der Apostelprimus, du, der Felsenmann – ein feiger Versager? Große Klappe – aber nichts dahinter? Das ist für einen kirchenbewussten Christen wirklich nur schwer erträglich! Hätte man diese ganze Geschichte mit dem Hahn nicht lieber vergessen sollen? Hätte man sie bei der Sammlung der heiligen Schriften nicht lieber dezent verschweigen sollen? Die Akten schließen, statt immer wieder drin rumzuwühlen? Eine bereinigte Personalakte, eine bereinigte Biographie – wäre das für das Image und für das Selbstverständnis der Kirche durch all die Jahrhunderte nicht besser gewesen? Anscheinend gerade nicht!

Niemand hat diese "satanischen Verse" gestrichen: "Simon, Simon, siehe, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf." – so sagt es Jesus selbst. Welcher Teufel hat Dich geritten, Petrus, als Du dann im Hof vor dem Haus des Hohenpriesters tatsächlich Deinen Herrn verleugnet hast, als Du gesagt hast: "Ich kenne diesen Menschen nicht?" Warum hast Du, den sie den Felsen nannten, so rasch kapituliert? Hattest Du nicht kurz vorher noch mit dem Schwert dreingeschlagen, als die Häscher des Hohenpriesters kamen und Jesus gefangennahmen? Sogar ein Ohr hast Du einem abgehauen; Jesus musste die Sache noch in Ordnung bringen! Wie kann Mut, ja Übermut so plötzlich in schlotternde Angst umschlagen? Grenzenloses Vertrauen in so bodenlose Zweifel?! Dieser Berg-und Tal-Glauben scheint überhaupt typisch für Dich zu sein, oder sehe ich das falsch, lieber Petrus? Wie war das noch, als Dir Jesus zum ersten Mal begegnet ist? Auf sein Wort hin hast Du nach einer erfolglosen Nacht und in einer völlig aussichtslosen Situation Deine Netze doch noch einmal ausgeworfen – Hut ab! Du als erfahrener Fischer hättest Dich ja völlig lächerlich machen können! Aber dann hast Du tatsächlich den Fang Deines Lebens gemacht! Doch was nun? Plötzlich kriegst Du Angst vor Deiner eigenen Courage und brichst zusammen: Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch. (Luk 5,2-11) Oder diese andere Geschichte: Da wagst Du im grenzenlosen Vertrauen zu Jesus auf dem Wasser zu gehen (Ich hätte mir das nie getraut!) – und es funktioniert! Doch beim Anblick der Wellen packt Dich die Angst und Du versinkst. (Mt 14,22-33)Typisch Petrus!

Oder: Da bekennst Du als erster, dass Jesus der "Christus, der Sohn des lebendigen Gottes" sei. Du erhältst die große Verheißung, der Felsen zu sein, auf den Christus seine Gemeinde bauen will. Du kriegst sogar die Schlüsselgewalt über den Himmel, so als wollte Jesus sagen: Du sollst mein Hausverwalter sein – ich vertraue Dir voll und ganz! Doch gleich darauf bist Du wieder voller Unverständnis für Jesus, für seinen Weg, bist voller Angst vor allem, was mit Leid und Kreuz und Passion zu tun hat , wirst zu einer regelrechten Anfechtung für Jesus, so sehr, dass er sogar zu Dir sagt: "Geh weg von mir, Satan!"(Mt 16,13-23) Ja und schließlich schwörst Du Jesus die Treue, das Martyrium, doch schläfst dann ein im Garten Gethsemane, verpennst den Moment, in dem Er Dich wirklich mal gebraucht hätte. Und am Ende verleugnest Du den, dem Du einst so vorbehaltlos gefolgt warst, verleugnest ihn und damit auch Dich selbst, verleugnest Dein Leben, Deinen Glauben! Petrus, wer soll Dir noch trauen?

Ein Psychologe, der sich über Deinen Verrat Gedanken gemacht hat, schreibt, dass Du ein "Sklave der Angst" gewesen bist. "Nicht dein Verrat ist erschütternd," schreibt er, "sondern … … erschütternd ist, was unter der Beteuerung unserer Treue tief verborgen in uns wohnen kann, unbemerkt von uns selber und überraschend für die anderen. Erschütternd ist die tiefe innere Zwiespältigkeit und Widersprüchlichkeit, die in uns liegt." Eugen Drewermann Petrus, Bruder, wer soll uns noch trauen, unseren Worten unseren Versprechen, unserem Glauben, wenn es so um uns bestellt ist? Sind wir noch brauchbar? – so hat auch Dietrich Bonhoeffer nach den bitteren Erfahrungen des Versagens der Christen im Dritten Reich gefragt. Sind wir noch brauchbar? Petrus, Bruder, es ist spätabends und ich bin noch nicht fertig mit meinem Brief an Dich. Und mit meiner Predigt bin ich auch noch nicht fertig. Ich muss erst noch mal drüber schlafen und will morgen weiterschreiben …

[Orgelmusik oder Gemeindelied]

Lieber Petrus, Bruder, sind wir noch brauchbar?, so hatte ich gefragt … Sind wir noch brauchbar mit all unseren Ausflüchten, mit all den faulen Kompromissen, mit denen wir Jesus immer wieder verleugnen? Sind wir noch brauchbar mit der Art, wie wir an ihm vorbeileben und eigentlich ja auch an uns selbst, an dem Leben, das er uns schenken will? Jesus hat Dich, Simon, offenbar trotzdem für brauchbar gehalten, er hat um Deinen Glauben gekämpft, hat Dir zugetraut, was Du wahrscheinlich irgendwann Dir selber nicht einmal mehr zugetraut hättest: "Ich habe für dich gebetet, damit dein Glaube nicht verlischt. Und wenn du dich dereinst bekehrst, so stärke deine Brüder!" Christus betet für den Glauben seiner Christen – das ist eine etwas – wie soll ich sagen …? – merkwürdige Vorstellung für mich, lieber Petrus. Doch je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr empfinde ich sie als Trost. Denn es macht mir deutlich, dass eben nicht "jeder seines eigenen Glückes und Glaubens Schmied" ist. Sogar Du, der Fels der Kirche, warst auf Fürbitte angewiesen, und zwar auf die Fürbitte von allerhöchster Stelle … Und was bedeutet das? Der Bestand der Kirche und auch unser Glaube hängt nicht an markigen Sprüchen und an Treueschwüren, ist nicht allein abhängig von unseren Kräften und unseren Möglichkeiten, von unseren Strategien. Und es stirbt auch nicht alles an unserem Versagen. Weil Jesus selbst für Dich betete, Petrus, und damit auch für uns, deshalb existiert Kirche, deshalb können wir glauben. Und wenn selbst solche Versager und Christusleugner wie Du, lieber Bruder, im Moment ihres Versagens aufs Neue beauftragt werden, dann bin auch ich brauchbar, dann kann auch ich anderen eine Hilfe sein, ich mit meinem versehrten Glauben, mit meiner angeknacksten Hoffnung und mit meiner oft nur halbherzigen Liebe. Wie hat es dein Konkurrent und Kollege Paulus gesagt? Gottes Kraft ist gerade in den Schwachen mächtig!

Und das ist auch meine persönliche Erfahrung: Gerade die Ohnmächtigen und die Zweifelnden, gerade die mit einer nicht so glatten und unversehrten Lebensgeschichte …, gerade solche Menschen, die vom Satan schon mal durchgesiebt, vom Schicksal schon mal durchgerüttelt wurden, gerade die können oft am besten zuhören, trösten, heilen, predigen. Doch erstaunlich bleibt es dennoch: Jesus baut seine Kirche, seine Gemeinde (und sicherlich auch unsere Gemeinde!) mit Menschen, die im entscheidenden Moment schwach werden. Er baut sie mit Anti-Helden, wie du einer warst, Petrus. Mit Leuten, die Ecken und Kanten haben und keine bereinigte Personalkte! Mit Leuten, die für Ideologien und Werbestrategien eigentlich nicht verwertbar sind, mit Leuten, mit denen jede Politik und jedes Wirtschaftsunternehmen Konkurs anmelden müsste. Petrus, Bruder im Glauben und Unglauben, ich denke noch darüber nach, was Jesus wohl mit dieser Andeutung Deiner "Bekehrung" gemeint hat – "wenn du dich dereinst bekehrst …"? Wann hast Du Dich denn dann endlich bekehrt?

Und überhaupt: hast Du dich nicht x-mal auf deinem Weg mit dem Meister aus Nazareth bekehrt? Hast Du nicht immer wieder erneut zu ihm gefunden, nachdem Du ihn immer wieder missverstanden hattest? Hattest Du ihn nicht irgendwann endlich entdeckt als den Christus, den Herzschlag Gottes in dieser Welt? "Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst." – So hat es Dir Jesus prophezeit. Dem Wort des Heiligen kann niemand entgehen, auch Du nicht, der Felsenmann. Es klingt düster wie ein Schicksalsspruch, was Jesus da sagt, ähnlich düster wie die Voraussagen über den Verrat des Judas. (Man fühlt sich an griechische Tragödien erinnert, wo das Schicksal durch nichts aufzuhalten oder zu manipulieren ist, wo die Menschen wie ferngesteuert ihre Bestimmung erfüllen müssen …) Doch die Verleugnung geschah auf eine ganz alltägliche Weise, Petrus. Du hast einfach gesagt: "Ich kenne diesen Menschen nicht!", hast einfach Deine Beziehung zu Jesus geleugnet vor diesen einfachen Leuten, vor den Mägden und Knechten, die da auf dem Hof um ein Feuer standen, während Jesus drinnen schon verhört wurde. "Was geht die das auch an – meine Beziehung zu Jesus?" -magst Du Dir vielleicht noch gesagt haben zur eigenen Beschwichtigung. "Nur nicht auffallen, man muss sich anpassen, man muss sich tarnen, wenn man als Anhänger Jesu durchkommen will, bloß nicht den Helden spielen, wenn’s gar nicht angebracht ist." Doch die Leute da am Feuer glauben Dir nicht so recht, Petrus. "Deine Sprache verrät dich" (Mt 26,73) – sagt jemand, denn Dein galiläischer Akzent ist nicht zu überhören und Jesus kommt doch schließlich auch aus Nazareth in Galiläa … Deine Sprache verrät Dich, Petrus, Du kannst Dich nicht verleugnen … Das finde ich sehr tiefsinnig!

Petrus, du wirkst unglaubwürdig, wenn du behauptest, nicht anders zu sein als die anderen. Du wirkst unglaubwürdig in Deiner Anbiederung. Christen, die sich überall anbiedern, nur um ja nicht anders zu sein als die anderen, nur um ja nicht zu fromm zu wirken oder zu altmodisch, oder zu moralisch …, solche Christen sind einfach auch als Menschen unglaubwürdig. Ach Petrus, Du wolltest Deine Herkunft verleugnen, nicht wahr? Das kannst Du natürlich versuchen: Du kannst dem Zeitgeist huldigen. Du kannst einen auf "progressiv" oder auf "konservativ" machen, je nachdem, was gerade angesagt ist. Du kannst Dir ein dickes Auto kaufen. Du kannst bei den Pennern landen. Du kannst Deine Sonntagvormittage beim Frühschoppen verbringen. Du kannst in Deiner Familie das Tischgebet abschaffen. Du kannst Dich, Deine Sprache, Dein Verhalten, Deinen Lebensstil so oder so herrichten. Du kannst das Schicksalswort Jesu, das über dein Leben gesprochen ist, schlicht und einfach vergessen. Aber Du wirst die Macht, die Dich ergriffen hat, nicht mehr los.

Etwas ist in Dir, etwas taucht aus Dir auf, etwas verrät Dich … Und so verleugnest Du zwar Jesus, aber selbst das gelingt Dir nicht, weil Dich die Leute durchschauen. Du wirst quasi durch diese anderen, die Außenstehenden (!) ermahnt, Dir selber treu zu bleiben, Deinem Meister treu zu bleiben. Eindeutig sollst Du werden, im Denken, im Reden, im Handeln. "Und sogleich krähte der Hahn. Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich." (Mt26,75) Ein schnöder Hahn, Petrus, hat Dich an Dein Versagen erinnert, eine Tierstimme hat Deine Bekehrung eingeläutet. Kein Glockenläuten, keine Stimme vom Himmel, kein Donnergrollen. Ein Hahn tut das, was er zu dieser Zeit immer tut: er kräht. Banaler geht es nicht, Petrus. So alltäglich, wie Dein Verrat vonstatten ging, so alltäglich kräht der Hahn. Nein, Jesus lässt Dir nicht die kleinste Chance, wenigstens in Würde zu versagen, Petrus. Ein lächerlicher Hahn weckt Dich aus der Ohnmacht Deiner Angst und aus Deiner Vergesslichkeit. Doch genau da geschieht es: Du verstehst Dich plötzlich selbst in Deiner Verlorenheit. Du findest zurück. Und dann kannst Du endlich auch weinen. Du weinst über Deine Feigheit. Du weinst über das Ende Deiner Träume. Vielleicht weinst Du sogar über den drohenden Tod Deines Meisters.

Lieber Petrus, Bruder und Kollege, das ist also der Anfang Deiner Bekehrung gewesen, der Anfang Deiner Erneuerung: Ein Hahnenschrei, eine Erinnerung, ein Ausbruch von Tränen. Wie hat Jesus gesagt? "Ich habe für Dich gebetet, dass Dein Glaube nicht erlischt." Es ist gut zu wissen, dass dieses Mutmach-Wort nicht nur Dir galt, Petrus, sondern auch uns gilt, Deinen Schwestern und Brüdern.

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