Ein alltägliches Wunder

Liebe Gemeinde,

die große Geschichte von dem Auszug Israels aus Ägypten kennen wir. Das werden Menschen in dem Land der Pharaonen zu Sklavendiensten herangezogen. Dass Joseph, ihr Stammvater, einmal dieses Land durch geschickte Wirtschaftspolitik vor einer großen Hungerkatastrophe bewahrt hat, ist längst vergessen. Seine Nachkommen müssen für den Bau zweier groß angelegter Städte Lehmziegel herstellen und Steinblöcke transportieren. Das eine wie das andere mühevolle, gefährliche Arbeit. Es geht ihnen schlecht, den Israeliten, und sie lassen ihrer Klage freien Lauf. Aber Gott hat mit seinem Volk etwas Großes vor und so schickt er Moses und Aaron, um dem Sklavenleben ein Ende zu machen. Der eine, Mose, ist am Königshof groß geworden und kennt sich daher mit der ägyptischen Politik aus. Der andere, Aaron, ist bei seinem Volk aufgewachsen und weiß wie es denkt und fühlt. Mit Gottes Hilfe schaffen es beide, ihre Landsleute zu befreien. Der große Auszug aus Ägypten beginnt. Was das für diese Menschen wohl bedeutet?! Freude über die Befreiung, Hoffnung auf ein Leben ohne Qual und Mühsal. Es herrscht Aufbruchstimmung. Endlich gibt es wieder etwas, für das es sich zu leben lohnt. Das Land, in dem Milch und Honig fließen soll, liegt vor ihnen.

Doch dann folgt der lange und beschwerliche Marsch durch die Wüste. Die Sonne brennt, der Wind trocknet die Kehlen zusätzlich aus, der Weg, der zurückgelegt werden muss, ist weiter als man es sich vorgestellt hatte. Und dann werden auch noch die Lebensmittel knapp. Die ohnehin schon karge Nahrung reicht nicht mehr aus, um die Menschen zu versorgen. Und dann erinnert man sich an vergangene Zeiten, als man noch in Ägypten arbeiten musste. Sicher, es war Sklavenarbeit, aber verhungert ist niemand. Gestorben sind die Menschen dort auch, aber wenigstens in besseren Verhältnissen als hier in der Wüste. Israel ist enttäuscht und verbittert … "Das Volk murrte", heißt es in der Bibel. Und wer wollte ihnen den Grund dafür absprechen …?

Kennen auch wir nicht solche Situationen? Wissen auch wir nicht um Aufbruchsgefühle und den darauf folgenden Enttäuschungen? Ich denke da zunächst an nichts Großartiges, vielmehr an die kleinen, alltäglichen Aufbrüche und Enttäuschungen, die wir erfahren müssen. Wenn man sich z.B. ein neues Ziel gesteckt hat, um weiter zu kommen … Wenn man einen neuen Lebensabschnitt beginnt und Altes hinter sich lassen möchte … Aber auch, wenn man eine schwere Krankheit überstanden hat oder gerade aus einem seelischen Tief heraus bricht … Und ich denke an unser Projekt "Im Aufbruch" und an den Fall der Mauer … Alles das sind doch Gefühle, die sich mehr oder weniger mit denen der Israeliten damals vergleichen lassen. Man hat es endlich geschafft sich auf den Weg zu machen, man hat es sich endlich von Belastungen befreien können, die einen hinderten, das Leben zu genießen, man freut sich auf das gemeinsame Stück Weges, das man mit Menschen gehen möchte, endlich passiert etwas in der Gemeinde. Ihnen fallen dazu bestimmt noch mehr Beispiele ein, jede und jeder findet sie in seinem Leben, die Aufbrüche seines Lebens zu etwas Neuem.

Und dann die Enttäuschungen, die folgen können … Das Ziel, das man sich gesteckt hat, war vielleicht zu hoch, man droht stecken zu bleiben. Oder es fällt einem sehr viel schwerer als man denkt, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und nur nach vorne zu schauen. Oder man ist ungeduldig gewesen und hat den Grad seiner Genesung überschätzt, vielleicht erleidet man sogar einen Rückfall. Oder es kommen zu den gerade überwunden geglaubten seelischen Schmerzen neue hinzu, die einen nur noch tiefer fallen lassen. Auch das Erfahrungen, die mit denen der Israeliten damals durchaus vergleichbar sind. Sie handeln von Enttäuschung und Bitterkeit und auch wir müssen sie immer und immer wieder erleben. Und haben dann nicht auch wir guten Grund zum Murren …?!

Nun, auch wie die Geschichte um Israel in der Wüste weiter geht, ist bekannt und wir haben es eben vernommen: "Ich habe das Murren der Israeliten gehört.", spricht Gott und gibt ihnen, wonach sie verlangen: am Abend Wachteln, am Morgen Manna. Doch entgegen allgemeiner Vorstellungen ist hier nicht von einem von Gott extra bestellten Wunder die rede. Denn dass die Wachteln auf einmal auftauchen, hat einen sehr einfachen Grund: Diese Zugvögel machen nämlich auf ihrem langen Weg nach Norden in der Wüstengegend Rast, und sie sind so erschöpft von der zurückgelegten Strecke, dass sie sehr leicht zu fangen sind. Und beim so genannten Manna handelt es sich vermutlich um eine durch den Stich der Schildlaus veranlasste Absonderung der Manna-Tamariske, einem heideartigen Strauch, die in der Morgenkühle zu weißlich-gelblichen Kügelchen verhärtet und zu Boden fällt und süßlich schmeckt. Es sind keine besonderen Wunder, die in dieser Geschichte eine Rolle spielen.

Worum es hier geht sind vielmehr zwei andere Dinge: Zum einen ist Israel in der Wüste nicht allein. "Ich habe das Murren der Israeliten gehört." Selbst in der verlassensten Gegend ist Gott da und hört auf sein Volk. Und er gesteht seinem Volk das Recht durchaus zu, unwillig zu sein und zu murren. Er weiß, dass sie es nicht leicht haben. Gott aber hat seinem Volk versprochen, es durch die Wüste hindurch bis ins gelobte Land zu begleiten und dieses Versprechen löst er ein. Auch da, wo Israel sich am Ende wähnt. Zum anderen beauftragt Gott Mose, seinem Volk eine neue Möglichkeit der Nahrungsbeschaffung zu eröffnen. Denn als die Israeliten das Manna sehen, fragen sie zunächst: "Was ist das?" Sie sind so von den Strapazen der Wanderung geschwächt, wahrscheinlich durch ihre Bitterkeit und Enttäuschung zusätzlich befangen, dass sie diese Chance des Überlebens nicht mehr wahrnehmen können. Sie brauchen Menschen, die ihnen deutlich machen: "Das ist das Brot, das euch der Herr zu essen gegeben hat." Erst jetzt begreifen sie das Wunderbare an dem doch natürlichen Phänomen.

Und so dürfen auch wir heute die Erfahrung machen, wie Gott und helfen kann in solchen Wüstensituationen: "Ich habe dein Murren gehört.", ruft er uns entgegen. Er ist bei uns. Auch in den Situationen, in deFnen wir uns verlassen, ja gottverlassen fühlen, ist er da und hört uns zu. Wir dürfen klagen, wir dürfen unsere Wünsche äußern, wir dürfen uns unserem Frust Luft machen. Es wird nichts daran ändern, dass Gott sein versprechen einhält, nämlich: unser Begleiter zu sein, mit uns durch dick und dünn zu gehen. Und er wird uns immer wieder Menschen schenken, die da sind, um uns neue Möglichkeiten zu eröffnen. So wie Mose den Israeliten, so können auch heute Menschen anderen zeigen, wo es lang geht. Sie weisen uns auf Dinge hin, die wir vielleicht in unserem Schmerz und in unserer Wut nicht mehr wahrnehmen und die doch so hilfreich sein können. Und das geschieht im Kleinen wie im Großen, bei jedem von uns zu Hause und in der großen weiten Welt: Die Hoffnung darauf, dass uns Gott nicht allein lässt und uns seine Wunder sehen lässt, die brauchen wir nicht zu verlieren. Und diese Wunder müssen nicht besondere Ereignisse sein. Gottes wirkliche Macht ergibt sich nicht nur aus die menschliche Vernunft übersteigende Taten, sondern sie steckt oft in den Alltäglichkeiten. Wir sehen sie nur nicht mehr, obwohl sie doch so offensichtlich sind. In Situationen, in denen wir Hilfe brauchen, schimmert oft ihr wundersamer Charakter durch. Schöner wäre es freilich, wenn wir auch dann, wenn wir sie nicht nötig haben, diese Wunder, die wir zu alltäglichen Gegebenheiten degradiert haben, wieder als Wunder sehen könnten. Wir würden staunen, wie voll unsere Welt von Gottes Wundern ist.

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