Eigentum verpflichtet

Liebe Gemeinde.

Wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. So könnte das auch im Parteiprogramm der FDP stehen, als Grundsatz einer Marktwirtschaft, die wieder mehr frei als sozial sein soll. Leistung soll sich wieder lohnen, die Verantwortung des einzelnen soll gestärkt werden, heißt es so schön und man wird den Verdacht nicht los, dass in Wirklichkeit gemeint ist: Geld haben und reich sein soll sich wieder lohnen. Und während die Zahl der Sozialhilfeempfänger und Arbeitslosen steigt, während Sozial- und Gesundheitsleistungen gekürzt werden, steigen die Gewinne der großen Unternehmen und Konzerne steil an. Wer in den letzten 2 Jahren Geld an der Börse anlegen konnte, hat es schneller als die treuen Knechte im Gleichnis geschafft, seine Talente zu verdoppeln. Weiter so, denken und hoffen in diesen Tagen viele. Aber wir machen mit dem Gleichnis Jesu ein dickes Fragezeichen hinter diesen Satz.

Denn es ist kein Gleichnis über den lieben Gott der Reichen, sondern über das Himmelreich. Und es handelt nicht vom Wucher mit Geld und Gut, sondern vom Wirtschaften mit dem Evangelium von Gottes Liebe und Gnade. Es geht um das, was der menschenfreundliche Gott dem Menschen an Zuwendung und Zuspruch schenkt und um das, was der Mensch daraus Menschenfreundliches macht.

Und da legt sich der Eindruck nahe, dass die Löcher heute tiefer gegraben werden, als im Gleichnis Jesu. Das Vermögen etwas zum Wohl anderer Menschen zu schaffen, das Risiko etwas zum Guten zu verändern, wird auf Rücklage gebracht. In diesem Punkt herrscht internationaler Wettbewerb. Und der ist hart und gnadenlos, der erntet wo er nicht gesät hat und sammelt ein, was er nicht ausgestreut hat. Die Angst geht um, und so sucht man sich Sicherheiten. Und das alles gemahnt an den Knecht, der sich ein Loch gräbt, sein Nummersicher.

So soll es im Himmelreich nicht sein. Und wie im Himmel nicht, so auf Erden nicht. Deshalb räumt Jesus in diesem Gleichnis erst einmal im Himmelreich auf. Er räumt auf mit einem Vorurteil über Gott. Angst geht um auch in so manchem Christenmenschen. Ich bin bekehrt, Gott hat mich lieb, er hat mir Schuld vergeben, ich habe Talente, eine glückliche Familie, ich bin gesund. Noch …

Noch glaube ich, noch werde ich geliebt, noch wird mir verziehen, noch geht’s mir gut, noch bin ich zufrieden, noch sind wir eine glückliche Familie, noch ist vom Wohlstand, von den Talenten nichts weg. Im Noch erfüllt sich alle Hoffnung des Konservativen. Ja, wenn dieses Noch wenigstens aus dankbaren Herzen käme, dann hätte dieses Herz auch Hände, die aus Dankbarkeit mitteilen und austeilen könnten. Das wären dann im Gleichnis die Zinsen auf der Bank. Aber wenn wir sehen, wie es darum bestellt ist, dann bleibt nur ein Schluss: Diese Noch ist ein Loch, in dem das Talent ängstlich vergraben wird vor dem Vielleicht-bald-nicht-mehr. Wir sehen ja, wie überall alles zusammenbricht und dass man bald nicht mehr weiß, woran man noch glauben soll. Noch habe ich, wie im Himmel so auf Erden. Heilsegoismus und Wohlstandsegoismus erzeugen gleichermaßen soziale Kälte, in der Kirche wie in der Gesellschaft.

Unsere Gesellschaft wird das Soziale in dem Maße verlieren, wie sie Gott und den Glauben im gesellschaftlichen Leben verliert. Denn nur dort ist die Quelle der Erkenntnis, dass das Leben der Menschen, ihre Talente und Fähigkeiten, Glaube, Hoffnung und Liebe geschenkt sind. Geschenkt von dem Gott, der eben nicht hart ist; der eben nicht sammelt, wo er nicht vorher ausgestreut hat; und nicht erntet, wo er nicht vorher gesät hat. Wie kommt jener Knecht nur darauf? Hat er nicht selbst anderes erlebt? Hat er seinen Herrn nicht erlebt als den, der Talente schenkt und anvertraut, die nicht verdient waren. Hat er nicht als Millionär anfangen dürfen, der Knecht dieses Herrn?

Eigentum verpflichtet, wie im Himmel so auf Erden. Im Himmel zunächst. Mensch, wenn Du von der Barmherzigkeit Gottes lebst, hast du das Zeug zum barmherzigen Menschen. Mensch, wenn du von der Liebe Gottes lebst, hast du das Zeug zum achtsamen und liebevollen Menschen. Mensch, wenn Du von der Hoffnung auf Gott lebst, hast du das Zeug anderen Mut zu machen. Mensch, wenn du von Gott Trost erfahren hast, hast du das Zeug Trost zu spenden. Mensch, wenn du von den Wohltaten Gottes lebst, hast du was zu verschenken. Dort ist sein geschenktes Talent, hier ist es an dir, es in deinem Leben zum Zug kommen zu lassen. Und wenn es auch nicht weitere 5 Talente werden, dann zählen auch die Zinsen auf der Bank. Auch die kleinste Gabe Gottes, die zum Zuge kommt, zählt. Alle sind sie gleich gute Knechte und gehen ein zum Freudenfest des Herrn.

Wie im Himmel, so auf Erden. 2600 Milliarden Mark werden bis zum Jahr 2000 in unserem Land von Erblassern auf ihre Erben niedergehn. Das sauer verdiente Geld der Wirtschaftswunderväter wird zum geschenkten Geld der Kinder und Enkel. Sind unter ihnen die braven und treuen Knechte, die es als anvertraut begreifen und ihre Verpflichtung erkennen? Eigentum verpflichtet, geschenktes um so mehr.

Pathfinder, Pfadfinder, heißt die Mission zum Mars, bei der ein Minifahrzeug uns jeden Tag neue Bilder und Erkenntnisse von einer fernen und unbekannten Welt übermittelt. Und die meisten von uns spüren jenes Kribbeln der Entdeckerfreude, dass über Jahre im Voraus die Mitarbeiter bei der Vorbereitung dieser Unternehmung angetrieben haben muss. Gott sei Dank gibt es noch andere Ziele, als das Wachstum des Wohlstands und das Boomen der Börsen. Gott sei Dank gibt es noch Unternehmungen, die etwas anderes im Blick haben, als zufriedene Aktionäre.

Wo sind die Pathfinder in die unentdeckten und fernen Welten unserer Welt? Wo die Unternehmungen in eine zukünftige Welt der Mitmenschlichkeit und Mitgeschöpflichkeit, die auch in 500 Jahren noch lebenswert ist? Wo sind die Erfinder und die Investoren für die nötigen Ideen, Aufgaben und Arbeitsplätze. Was für Herausforderungen und die Lösung weiter weg, als der Mars. Das mag auch einer denken, wenn er hört, wie in der Nebenwohnung wieder gebrüllt und geprügelt wird, oder geweint. Wenn wir sehen, wie ein Mensch neben uns untergeht in seinen Problemen.

Noch haben wir. Noch haben wir viele Talente, Ideen und Möglichkeiten, zu helfen, zu trösten, die Gaben die Gott uns schenkt, weiterzugeben. Aber wenn wir sie aufheben und sie einmal zurückgeben, wird es nicht reichen.

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