Ehrliches Lob

Liebe Gemeinde!

Wer einen anderen Menschen lobt, stellt meistens heraus, was einer alles kann, welche Fähigkeiten er oder sie hat. Unlängst wurde ein neuer Bundespräsident gewählt. Im Vorfeld wurden sowohl Horst Köhler als auch Gesine Schwan in den höchsten Tönen gelobt von den Parteien, die sie jeweils vorgeschlagen hatten. Ihre Leistungen wurden unterstrichen, die besonderen Fähigkeiten herausgestellt. Wenn ein Sportler geehrt wird, ist das nicht anders. Oder wenn jemand eine hohe Auszeichnung bekommt, dann wird eine Lobrede gehalten. Und nicht selten wird dann der Preisträger auch mal über den grünen Klee gelobt. Wie merkwürdig klingt dagegen das kurze Loblied über Gott, das Paulus in seinem Römerbrief anstimmt. Es ist ein Loblied des Zweifels. Hier wird von Gott nicht gesagt, was er alles kann und besonders gut macht, sondern viel eher davon geerdet, wie unerklärlich das ist, was Gott tut.
Hören wir die Worte aus dem 11. Kapitel des Römerbriefes:

[TEXT]

So, liebe Gemeinde, klingt eigentlich kein Loblied. Kein Wort von Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren", kein Wort vom Gott, der alles so herrlich regieret. Paulus hat verzweifelt versucht, sich Gott anzunähern, ihn zu verstehen. Ihm lag besonders sein Volk Israel am Herzen. Darüber hat er sich den Kopf zerbrochen. Immer wieder die eine Frage: was wird aus Israel werden, wenn durch Jesus Christus jetzt ein neuer Weg zu Gott für alle Menschen der Welt offen steht. Was ist mit Israels Erwählung, mit Gottes auserwähltem Volk? Viele Gedanken hatte Paulus sich darüber gemacht und kommt am Ende zu der Erkenntnis: auch das Volk Israel bleibt Gottes Volk. Verstehen kann Paulus das letztlich nicht, nicht begreifen. Das ist ihm zu hoch, zu wunderbar. Er bleibt voller Zweifel über Gottes Wege. Und trotzdem stimmt er dieses Loblied an: Welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!

In diese Worte legt Paulus sein Vertrauen und seine Ratlosigkeit. Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! Gott loben kann er, obwohl er ihn nicht versteht. Uns liegt da sicher manchmal eine andere Möglichkeit näher. Auch uns fällt es an vielen Stellen schwer, Gott zu begreifen. Da stirbt ein junger Mensch, wird mitten aus dem Leben gerissen ohne jeden erkennbaren Grund. Und wir fragen: warum? Ist das gerecht, dass jemand so früh gehen muss? Wo bleibst du, Gott? Manche Menschen wenden sich ab von Gott, weil sie sagen: bei dieser Ungerechtigkeit, die es auf der Welt gibt, kann es gar keinen Gott geben. Wenn da Kinder und Frauen elend verhungern, wenn da junge Männer sinnlos in Kriegen verheizt werden, wo ist dann da Gottes Arm, der Geborgenheit verspricht und Schutz?
Paulus kennt genau diese Zweifel, diese Anfechtung. Jeder und jede sie, der oder die es mit dem Glauben versucht. Martin Luther hat einmal gesagt: „Keine Anfechtung bringt leichter zu Fall, als danach zu forschen, warum dies oder jenes geschieht. Das „Warum" hat alle Heiligen gequält."

Ich bin froh über die Worte von Paulus, weil sie nicht so glatt und selbstsicher daher kommen. Sein Lob schließt den Zweifel mit ein. Ich denke, dass Zweifel und Glauben ganz nah zusammen gehören. Fast wie zwei Seiten einer Medaille. Wer sich auf Gott verlässt, ist damit nicht frei vom Zweifel. Im Gegenteil: gerade im Vertrauen auf Gott erfahre ich ja den Schmerz an den Zuständen dieser Welt um so stärker. Gerade im ganz persönlichen Bereich erhoffen wir uns, von Gott gesegnet zu sein und seine Nähe zu erfahren. Unter Gottes Schutz leben zu können, ist der Wunsch vieler Menschen. Doch die vielen Erfahrungen, die jeder und jede von uns auf dem Lebensweg gesammelt hat, bringen uns zum Nachdenken, zum Zweifeln, manchmal auch zur Verzweiflung. Auf dem Lebensweg kann es geschehen, dass die Liebe nicht mehr weiter trägt, dass Menschen mit den Jahren immer härter und bitterer werden. In jungen Jahren haben Menschen oft Hoffnungen und Wünsche und einen guten Vorrat an Vertrauen. Manchmal zerbricht dieses Vertrauen, weil die Erwartungen zu hoch waren. Jeder kennt wahrscheinlich Menschen, die ihrem Glück atemlos nachlaufen und dabei das Kostbare in ihrem Leben nicht mehr wahrnehmen. Andere erfahren Schicksalsschläge: Erfahrungen von Krankheit, von Enttäuschungen und Verletzungen können ein Leben prägen. Das Gute und Schöne kann so nicht gespürt werden. Auch die Dankbarkeit hat so keine Chance.

Und dann ist da noch der Neid. Er kann das Vertrauen in das Leben zerstören. Es frisst regelerecht am Herzen, wenn ich nur darauf sehe, dass andere Menschen in meiner Umgebung vermeintlich glücklicher sind oder mehr besitzen oder gesünder sind.
Auf manchem Lebensweg geht das Vertrauen in Gottes Nähe verloren. In Gefahr sind wir alle, weil wir Gott oft nicht verstehen und seine Gerechtigkeit für uns oft anders aussehen müsste. Die Lebenswege und damit eben auch die Wege mit Gott sind so vielfältig und nicht immer verstehen wir sie. Darüber sind schon viele Menschen hart geworden.

Paulus hat für sich einen anderen Weg gefunden. Er baut sozusagen seine Zweifel und seine Anfechtungen ein in das Loblied. „Wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?« (Jesaja 40,13)
(35)Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, daß Gott es ihm vergelten müßte?« Paulus zitiert hier den Propheten Jesaja und Hiob. Er stellt damit unmittelbar in Frage, dass wir Menschen überhaupt jemals Gott verstehen können. Gott bleibt in vielen Dingen unverständlich. In dem, was uns passiert und was in dieser Welt vor sich geht, können wir eigentlich nur die dunkle Seite Gottes sehen. Auch das gehört zu Gott: die Abgründe, das Schreckliche, das Leid. Aber das ist nicht alles. Gott ist nicht allein der strafende oder eifernde Gott, sondern der unergründliche. Er lässt sich nicht ausrechnen, nie be-rechnen.

Paulus preist die Tiefe des Reichtums. Durch Jesus Christus hat Gott ein ganz anderes Gesicht bekommen. Die Tiefe ist nicht nur eine nur eine Gedankentiefe, sondern ist der Abgrund, in den Gott sich hineinbegeben hat. Jesus Christus, der unter uns Menschen gelebt hat und gelitten hat wie ein Mensch nur leiden kann, er ist Gott gewesen. In ihm erkennen wir die menschliche Seite Gottes. So stellt sich Gott an unserer Seite. Und das auch dann, wenn wir ihn nicht verstehen. Gott an unserer Seite erträgt unsere Wut, unsern Zweifel und Kummer und unseren Schmerz.

Für Paulus ist das Grund genug, einen ganz weiten Bogen zu schlagen. Der Gott, der diese Welt geschaffen hat ist auch der Gott, der am Ende aller Dinge unser Ziel sein wird. Und es ist der Gott, der jetzt an unserer Seite ist, uns im Leben beflügelt, uns Hoffnung schenkt, uns stark macht und die Kraft schenkt, diese Welt zu gestalten. „Von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge." Gott gibt sich zu erkennen in vielfältiger Weise. Wir feiern ihn heute am Sonntag Trinitatis als den Gott, der dreieinig ist. Er kommt zu uns und ist bei uns als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Paulus hat diese Unterscheidung noch nicht gekannt. Aber auch er deutet an, dass Gott so unterschiedlich, so mehrschichtig, so vielfältig ist, dass wir Menschen ihn nie nur auf eine Weise ergreifen können. Da gibt es kein System, in das er sich zwängen ließe, keine Methode, ihn zu begreifen. Gott entzieht sich immer wieder.

Mich fasziniert das Loblied des Paulus, der Gott nicht einfach als gut oder schön besingt, sondern seine ganz persönlichen Zweifel mit hineinbringt in sein Lied über Gott. Mir macht das Mut, mich Gott zu nähern mit allen meinen Fragen und Verzweiflungen, auch mit meiner Trauer und manchen Anfechtungen, von denen auch ich nicht frei bin.

Wie wunderbar, dass bei allem Zweifel er mein und unser Gott bleibt Er beugt sich trotz seiner Unergründlichkeit zu mir und dir und begleitet uns auf dem Lebensweg. Mir hilft diese ehrliche Loblied, damit ich auch das Unergründliche in meinem Leben annehmen kann und mit Gott auf dem Weg bleibe.

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!

Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit!

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