Durchblick auf ein lebenswertes Leben

Liebe Gemeinde.

Manchmal verlaufen Aufbrüche in ein verheißenes Land, in eine bessere Zukunft buchstäblich im Sand. So wie der Aufbruch des Volkes Israel aus der Knechtschaft in Ägypten. Ein Monat der Wanderung ist vorbei, die Proviantsäcke sind leer und die Stimmung ist auf dem Nullpunkt.

Da murrte die ganze Gemeinde gegen Mose und Aaron. Schuld ist schnell zugewiesen. Und immer trifft es zuerst die, die vorn dran stehen. Und meistens steckt dahinter eine völlig unzutreffende Einschätzung der Situation. Und die bildet sich schnell.

Ein Monat ist es erst her, und das Volk Israel kann angesichts seiner notvollen Situation nicht mehr klar denken. Ägypten steht auf einmal für volle Fleischtöpfe und gefüllte Brotkörbe. Vergessen sind Knechtschaft und Sklaverei. Die alte Zeit wird zur guten alten Zeit.

Bis hierher ist die Wüstenwanderung ein Gleichnis für menschliche Lebens- und Geschichtserfahrung. Wer von uns hat das noch nicht erlebt? Dass Probleme über den Kopf wachsen. Dass die Angst angesichts einer bedrängenden Situation blind macht und die Gedanken lahm legt. Eine Prüfung steht bevor. Die Kündigung liegt auf dem Tisch. Der Arzt stellt eine bedenkliche Diagnose. Die Bank kündigt den Kredit. Wie kann und soll das nur weitergehen. Und da ist selbst der Gedanke schnell gedacht: Wären wir nur in Ägypten gestorben. In der guten alten Zeit. Es gibt leidvolle Erfahrungen, die todmüde machen.

Wären wir nur in Ägypten geblieben. Hätte ich bloß nicht die alte Arbeitsstelle aufgegeben, dieses Haus gebaut, diese Beziehung abgebrochen. Hätte ich bloß bei der letzten Wahl doch die alte Partei gewählt. Vergessen ist das Elend der alten Verhältnisse. So schlecht war’s doch auch nicht. Wirklich?

Liebe Gemeinde, in dieser Situation, lenkt Gott den Blick seines Volkes und unseren Blick in die Zukunft. Er hält nichts von Märchen über gute alte Zeiten. Er lässt nicht zu, dass seine Menschen sich dabei aufreiben in Schuldzuweisungen und im Hader gegen die eigenen Lebensumstände. Hierüber soll keiner todmüde werden.

Gott tut dies mit größtem Verständnis. Er tadelt sein Volk nicht für sein Murren und Hadern. Es trifft bei ihm auf offene Ohren. Auf die Frage wie geht’s? darf Gott gegenüber die Wahrheit gesagt werden. Und wir dürfen es untereinander hoffentlich auch. Zugegeben, es ist anstrengend, einem zuzuhören, der für sich keinen Ausweg mehr weiß. Aber gerade dann brauchen wir jemand, der für uns nachdenkt und für uns Zukunft sieht. Anders geht’s manchmal nicht.

Und deshalb braucht das Volk Israel seine Führer und vor allem seinen Gott, der über den Rand der bedrängenden Probleme hinausschaut. Weh dem Volk, das sich dann Führer wählt, die die Rückkehr an die vermeintlich gefüllten Fleischtöpfe versprechen. Und weh dem Volk das solchen Führern nachläuft, zurück in die Knechtschaft. Hört einmal auf das momentane Gejammer in unserem Land und auf die Reden der Politiker. Wo sind die Männer und Frauen, die einmal hinausblicken über den Rand der heutigen, sicher bedrängenden Probleme und über den Termin der nächsten Wahl.

Liebe Gemeinde, selbst wenn wir wenig solche Frauen und Männer haben, wir haben einen Gott der eben das tut. Und deshalb werden wir heute daran erinnert, dass Leben im Glauben an diesen Gott, Aufbruch in die Freiheit bedeutet. Dass wir immer unterwegs sind, begleitet von den Verheißungen Gottes. Jesus hat einmal ein hartes Wort gesagt: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.

Wer zurücksieht wird blind für die Zeichen der Verheißung Gottes, die am Weg in die Zukunft liegen. Wie Wachteln und Manna.

Wachteln und Manna sind in der Wüste nichts besonderes. In jedem Frühjahr ziehen die Wachteln über die Sinaihalbinsel nach Norden. Bei ihren Verschnaufpausen sind die erschöpften Vögel eine leichte Beute. Und bei dem auch als Himmelsbrot bezeichneten Manna, handelt es sich um eine Absonderung der Manna-Tamariske (Tamarix mannifera), die durch den Stich der Schildlaus verursacht wird. Sie fällt in der Morgenkühle als Kügelchen zu Boden und enthält Glucose, Fruktose und Pektin. Auch Ameisen finden sie lecker.

Was hier beschrieben wird ist also nicht das große, sondern ehr ein kleines Wunder. Oder vielleicht auch gar keines. Aber es ist genau das, was das hoffnungslose Volk braucht. Gottes Pädagogik mit uns lebt nicht von den großen Illusionen, sondern von seinen kleinen Zeichen der Hoffnung. Die sind real, und für die sind wir oft genug blind. Und deshalb brauchen sie Deutung. Deutung die Mose seinem Volk gibt.

Es ist das Brot, das der Herr zu essen gegeben hat. So werden sie inne, so wird ihnen bewusst, das Gott bei ihnen ist. Der beschwerliche Wüstenweg ist ein Weg der Rettung. Das ist Seelsorge, liebe Gemeinde.

So soll mit müden, ja todmüden Menschen geredet werden. So sollen wir für Menschen sehen, die den Blick für die Zukunft verloren haben. So sollen wir mit ihnen und für sie, die Zeichen der Güte Gottes in ihrem Leben entdecken. Das ist sicher mühsamer, als zu einem großen Trostwort zu greifen. Es wird nicht alles gleich und sofort wieder gut. Aber das heißt eben nicht, das in solchen Situationen alles nichts ist. Wer so redet ist blind geworden, oft verständlicherweise. Dann lasst uns ihn bei der Hand nehmen, wie Mose sein Volk, und mit ihm zusammen sein Leben betrachten. Dann lasst uns zusammen nach den Zeichen der Güte Gottes suchen. Es gibt sie in jeder Wüste.

Heute und morgen. Und deshalb gebietet Gott seinem Volk, nur für einen Tag zu sammeln. Manna lässt sich nicht konservieren. Es schmilzt in der Mittagshitze und wird schnell schlecht. Das gilt auch für manchen frommen Trost, den wir sozusagen auf Lager haben.

Wer seine frommen Überzeugungen hortet und auf Lager hält, lebt früher oder später auf einem Müllhaufen. Der stinkt irgendwann sich und anderen auch. Das Manna von gestern, macht heute nicht mehr satt. Deshalb wollen die Zeichen der Güte Gottes immer wieder aufs neue entdeckt und gefunden sein. Nur so erfahren wir immer wieder aufs neue die Nähe Gottes, der uns gibt, was wir heute brauchen und der uns geben wird, was wir morgen brauchen.

Es ist genug, sagt Jesus in der Bergpredigt, dass jeder Tag seine eigene Plage hat (Mt 6/34) und sein eigenes Manna, sein Zeichen der Güte Gottes. Darum sorgt nicht für den nächsten Tag. Der wird für das Seine sorgen. Ist das eine vernünftige Einstellung?

Ich denke, liebe Gemeinde, nur der, der eine solche Einstellung wagt, kann über den Rand seiner heutigen Probleme schauen und Hoffnung finden. Nur wer eine solche Glaubensexistenz wagt, behält einen wachen Kopf, statt von seinen Nöten gelähmt oder erschlagen zu werden. Nur wer sich und seine Sorgen heute ganz Gott überlassen kann, findet Hoffnung für morgen und braucht nicht den Märchen von den guten alten Zeiten nachzulaufen. Wer die Zeichen der Güte Gottes heute wahrnimmt, findet Mut für den Aufbruch, für den nächsten Schritt und auch für den weiten Weg.

Allein schafft das keiner, wie unsere Geschichte zeigt. Wir brauchen, wie das wandernde Wüstenvolk Gottes Wort, dass uns auf dem Weg in die Zukunft die Augen für die Zeichen seiner Gegenwart öffnet. Und wir brauchen Leute wie Mose und Aaron, die denen, die in eine vermeintlich gute alte Zeit zurück wollen, nicht nach dem Mund reden und nachgeben. Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen; und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

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