Dunkle Flecken auf weißer Weste

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, ob Sie schon einmal öffentlich über einen dunklen Fleck in Ihrem eigenen Leben gesprochen haben. Das ist nicht leicht, auch dann nicht, wenn die Sache schon eine Weile zurückliegt. Ohne Not wird das kaum jemand tun. Wer wird schon eine Wohnung mieten wollen und dem Vermieter als erstes sagen: „Ich habe eine Insolvenz hinter mir“, oder sich um einen Job bewerben und im Bewerbungsgespräch sagen „Ich bin vorbestraft“, wenn kein polizeiliches Führungszeugnis verlangt wird? Aber wer zum Beispiel therapeutisch mit Suchtkranken arbeiten will und seinen Patienten verschweigt, dass er in einer Phase seines Lebens selbst abhängig von Alkohol oder Drogen war, der würde nicht nur unglaubwürdig – er würde auch eine Chance verschenken. Die Chance nämlich, deutlich zu machen, dass es in verfahrenen Situationen Hilfe und Rettung gibt. Wir erleben in unserem heutigen Predigttext den Apostel Paulus in einer solchen Rolle. Hören wir aus dem 1. Timotheusbrief, Kapitel 1:

[TEXT]

Paulus hätte wohl ohne dieses „Outing“ erheblich weniger überzeugend gewirkt. Dabei kann ich mir durchaus vorstellen, dass es ihm am Anfang schwergefallen sein dürfte, über seine Vergangenheit zu sprechen. "Wer wird einem wie mir glauben? Denken die nicht, ich bin heute so und morgen wieder anders?“ Aber dann gelingt es ihm, genau seine eigene Geschichte als Musterbeispiel dafür einzusetzen, welche Veränderung Jesus Christus in das Leben der Menschen bringt, denen er begegnet. Paulus war ja durchaus ein gesetzestreuer Jude. Er hat die Christen verfolgt, weil er sie auf dem falschen Weg glaubte. Er fühlte sich auf der richtigen Seite. Und dann begegnet ihm der Auferstandene und macht ihm klar, was Liebe, was Geduld, was Versöhnung bedeutet. In seinem Gottesbild, geprägt von den Gesetzen des Alten Testaments, hätte Paulus erwarten müssen, verdammt zu werden, weil er den Messias, den Sohn des lebendigen Gottes und damit Gott selbst verfolgt hat. Aber nichts dergleichen geschieht: Paulus darf erfahren, was es bedeutet, dass Jesus Christus in die Welt gekommen war.

Aufgeschrieben ist der Timotheus-Brief übrigens wohl eher nicht von Paulus selbst, sondern von einem seiner Schüler. Auch dieser Umstand zeigt, wie sehr es die Zuhörer des Apostels beeindruckt hat, dass Paulus offen über seine Vergangenheit spricht. Dieses Sprechen ist etwas ganz anderes als irgendwelche Selbstentblößungsgeschichten in Illustrierten oder in Talk-Shows. Leute, die da über ihre Vergangenheit offen reden, machen das meist, weil sie ein Publikum brauchen, weil sie Geld dafür bekommen oder weil sie sich selbst noch nicht ganz trauen. Neulich zum Beispiel hat eine Drogenpatientin, die ich kannte, „ihre“ Story an eine Zeitung verkauft. Und als sie alles buntgedruckt vor sich sah und das Geld hatte, ist sie in ihr altes Verhalten zurückgefallen …

So einer ist Paulus nicht. 15 Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. Darum geht es ihm, klarzumachen, warum Jesus Christus gekommen ist – nicht darum, damit Anerkennung zu erringen, was für ein großer “Sünder” er war. Ich möchte hier nicht in eine Erläuterung des Begriffs “Sünde” verfallen, der uns manchmal fürchterlich altmodisch vorkommt. Wir spüren meistens selbst ganz gut, was uns von Gott trennt. Da lassen sich schlecht Kataloge aufstellen, obwohl es Jahrtausende hindurch so gehandhabt wurde. Wichtig ist das Wissen darum, dass es eine Erlösung gibt, dass wir alle schon begnadigte Sünder sind. Aus diesem Wissen heraus können wir auch üben, uns selbst zu verzeihen. Manchem fällt das ja schwer. Es genügt ihm nicht, dass Gott ihm schon Vergebung zugesagt hat, er straft sich selbst immer wieder ab. Manche Menschen merken das nicht einmal bewusst. Sie leiden auf
einmal unter schweren körperlichen Störungen, zum Beisoiel schlimme Rückenschmerzen, kein Arzt kann irgendetwas Organisches feststellen. Und wer geht schon freiwillig zu einem Psychotherapeuten? Gerade fromme Christen haben da oft eine Hemmschwelle. So quälen sie sich herum, bis fast gar nichts mehr geht. Ich habe Leute kennengelernt, die erst einmal total zusammenbrechen mussten, ehe sie sich einem Seelenarzt anvertrauten. Der stellte dann fest, dass sich da jemand eine “Sünde” aus der Vergangenheit absolut nicht vergeben konnte und auf seinem Rücken die Last seiner Schuld mit sich herumschleppt. Nun ist wiederum ein Arzt kein Seelsorger – und manchmal bedarf es doch der engen Zusammenarbeit von Theologie, Psychologie und Medizin, um für einen solchen Menschen einen Weg zu finden, den er selbst gehen kann, um Erlösung für sich annehmen zu können. Erst nach einem langen Leidensweg kann dann so eine gequälte Seele die befreiende Botschaft annehmen, dass Christus auch seine, meine, ja alle Schuld auf seinem Rückengetragen hat und dass sie damit abgegolten ist.

Ein bisschen Schuld hat da auch unsere Theologie in der Vergangenheit auf sich geladen. Oft sind wir Prediger uns gar nicht bewusst, dass wir manchmal mit unserer Sprache Angst vermitteln statt frohe Botschaft. Ich denke da an Luthers Sündenbekenntnis, das wir vor dem Abendmahl sprechen. “Ich armer elender sündiger Mensch bekenne alle meine Sünden und Missetat”, da kann jemand zusammenbrechen unter diesen Worten. Nicht jeder ist gleich so weit wie Paulus und erkennt: darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. Das, was wir als “schlechtes Gewissen” bezeichnen, ist oft der Freude am Evangelium im Weg. Aus dem Hebräischen und dem Griechischen wurde immer wieder mit “du musst” übersetzt, was nach Grammatik ebensogut und nach dem Sinn “du darfst” bedeutet.

Einmal bin ich von jungen Leuten, die fast alle – ohne Unterweisung – zum ersten Mal Gast in einem Abendmahslgottesdienst waren, gefragt worden, was es denn auf sich hat mit dieser Vergebung der Sünden, von der da so oft die Rede war. Als ich ihnen erklärt habe, dass Gott uns so gut kennt und so sehr liebt, dass er etwas getan hat, was alles Chaos, allen Schaden, den wir da manchmal ohne zu überlegen, anrichten, verzeiht, da haben sie gemeint: “ist ja prima, dann kann ich ja so weiter machen wie bisher.” Das waren junge Leute, die für ihr Alter schon eine ganze Menge gegen den Baum gesetzt hatten. Es hat ein längeres Gespräch gebraucht, um zu erläutern, was eigentlich gemeint ist mit der Liebe und Barmherzigkeit, der Vergebung und der Gnade. Dass wir möglichst nicht gleich zuschlagen, wenn uns jemand beleidigt, dass wir mit anderen teilen, dass wir gastfreundlich sind und nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, dass wir jemandem nicht ewig eine Beleidigung nachtragen, das ist doch eigentlich die natürliche Folge davon, dass wir uns von Gott so gut behandelt wissen. Wir haben im Ernst keinen Grund, uns zu rächen, keinen Grund, einander etwas zu neiden, keinen Grund, uns mit Drogen aus dieser Welt wegzudrücken. Jedenfalls dann nicht, wenn wir einen neuen Blickwinkel, eine andere Perspektive entdecken, wenn wir die Dimension Gott in unserem Leben zulassen. Dann bauchen wir nicht den Harten und den Starken zu markieren, den, der sich nichts gefallen lässt, der mangels anderer “Stärken” seine Körperkraft einsetzt, um sich Respekt zu verschaffen auf Kosten Schwächerer. Und wir können aufhören, uns selbst kaputt zu machen, weil es uns an Liebe und Anerkennung gemangelt hat im Leben. Wir wissen, es ist da einer auf unserer Seite, der uns alles abnimmt, wovon wir geglaubt haben: “Da muss ich mich alleine durchkämpfen” oder “das muss ich mit mir selber regeln”.

Ja, da ist einer an unserer Seite, neben uns – und einer über uns, der allein die Macht hat, zu entscheiden, was denn da “Sünde” ist und ob jemand “ins Amt einzusetzen” ist, in irgendeine kirchliche Verantwortungsposition, oder nicht. Es ist eine lesenswerte Bibelstelle auch für alle, die da glauben, es läge in ihrer Hand, jemandem Schuld zuzurechnen. Ich denke da an fromme Hardliner aller Konfessionen, die sich schwer tun mit der Barmherzigkeit und die knallhart jemand anderem maßregeln mit der Aussage: “Du lebst in Sünde, du hast in unserer Gemeinde nichts mehr zu melden”. Oder die sich anmaßen zu wissen: “Diese oder jene Verfehlung ist eine Sünde wider den Geist, die kann nicht vergeben werden.” Dass jemand, der vielleicht selbst einen Knick in der Biographie hat, viel überzeugender von seinen Erfahrungen mit Gottes Liebe predigen kann, interessiert sie nicht. Wie aber soll einer, der mit seinem armen und vermeintlich verpfuschten Leben nicht mehr klarkommt, sich öffnen jemandem, der da mit scheinbar fleckenloser Weste vor ihm steht und nicht im Geringsten ermessen kann, welche Untiefen das Leben haben kann? Wer unter einer Glasglocke gelebt hat, tut sich schwer mit denen, denen nichts erspart geblieben ist und die bisher keine andere Sprache gelernt haben als das Zurückschlagen. “Ich muss doch nicht selbst Krebs gehabt haben, um einen Kranken operieren zu können”, wird manchmal argumentiert. Andererseits aber käme auch keiner auf den Gedanken, jemanden, der selbst eine lange Krankheit hinter sich hat, nicht mehr Arzt sein zu lassen. Im Römerbrief erinnert derselbe Paulus daran, dass jeder selbst vor Gott Rechenschaft ablegen wird und dass es daher nicht unsere Sache ist, über die Schuld, ja über das Leben anderer zu richten. Das ist übrigens Predigttext für den nächsten Sonntag. Bei uns selbst anzufangen, unser eigenes Leben erst einmal anzunehmen wie es ist und offen in Gottes Hand zu legen, das ist für dieses Leben Aufgabe genug. Und der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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