Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen

Liebe Gemeinde,

es gibt nicht viele Themen, die auf den ersten Blick spannend für Schüler und Schülerinnen im Religionsunterricht sind. Eines von diesen wenigen Themen aber ist der Teufel, oder wie er auch genannt wird: der Satan. Anscheinend ist es das Dunkle, das Geheimnisvolle, welches den Reiz ausmacht, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Oder ist es auch das andere, dass wir, die wir verantwortlich vom Glauben reden sollten, immer zu stark die Helligkeit, das Gute, die Liebe in Gott betont haben und damit ein Stück weit erreicht haben, dass z.B. die Schüler sagen, "Ja, ja: passt schon: Gott hat uns alle lieb."? Gefühlsduselei, simple ethische Appelle und das Verschweigen, dass auch in Gott ein fürchterliches Geheimnis wohnt, ist unsere Mitschuld daran, dass die Menschen in Scharen sich zu Okkultismus und Esoterik hinwenden. Auf die Frage, wie man sich Gott vorstellen kann, sind wir allein an Jesus Christus gewiesen: in ihm sehen und erfahren wir Gottes Liebe. An ihn halten wir uns dieser Tage in der Passionszeit, um einen Trost zu finden, wenn wir auf unsere Schuld hin angesprochen werden.

Denn wir wissen: er starb für unsere Sünden und erlitt unseren Tod, damit wir frei und ledig in dieser Welt leben können. Luther hatte Recht, wenn er uns verweist, auf diese Seite Gottes zu blicken, diese Seite, die uns offenbar gemacht wurde und uns verständlich ist. Aber er wusste noch um die andere Seite Gottes und riet den Menschen davon ab, diese erforschen, ja erklären zu wollen: fürwahr, du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, schreibt der Prophet Jesaja im 45. Kapitel. Dann aber stellen die SchülerInnen die für sie entscheidende Frage: "Glauben Sie an den Teufel?". Die Antwort darauf muss für sie enttäuschend sein: "Nein, ich glaube nicht an den Teufel. Ich glaube, dass Gott das Böse endgültig besiegt hat. Ich glaube, dass das, was wir das Böse nennen seine Kraft nur noch durch uns erhält." Ist es zu schwierig für so junge Ohren, zu hören, dass die Vorstellung der Weltherrschaft Gottes beinhaltet, dass es keinen ebenbürtigen Gegenspieler mehr geben kann? Ist es zu langweilig, sich damit zu beschäftigen, dass Gott und der Teufel nicht in einem Zweikampf sich Hollywood-like gegenüberstehen und God´s army kämpft im last fight gegen die Armee des Bösen? "Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein!" Neben ihm gibt es keine, auch nur annähernd vergleichbare Macht. Dann aber, liebe Gemeinde stehen wir vor dem verborgenen Gott, der uns seine Machtfülle nicht ganz offenbart und wir nur glauben und hoffen können, dass das Wort, das er in Jesus Christus gesprochen hat, das letztgültige und für uns verbindliche Wort ist. Sehen Sie sich daher die Stellen in der Bibel an, in denen der Satan auftritt: er erhält seine Macht, ja viel weniger: seinen Auftrag nur von der einen, letztgültigen Macht. "Jesus" aber – so heißt es in unserem Predigtwort – "wurde vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde."

Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Dennoch wirkt das Böse weiterhin auf dieser Erde, damit auch wir versucht würden. Damit wir abkommen von dem Weg, der uns gewiesen ist. Wie aber tritt es uns entgegen? Es ist nicht die übernatürliche Wirkung von Zeichen und Symbolen, nicht ein Fluidum, das von verbotenen Büchern oder Zeitschriften oder rückwärts-gespielter Musik ausgeht und uns auf geheimnisvolle Art und Weise gegen unseren Willen verkehrt und vom rechten Weg abbringt. Es sind nicht die dunklen Gestalten, die sich unsere Phantasie in nebelwallenden, nächtigen Gassen vorstellt, bereit, den Ahnungslosen von hinten zu meucheln oder ihm sein Herz zu stehlen. Mit anderen Worten: es ist nicht eine Sache oder eine Anschauung an-sich, die das Böse verkörpert, sondern es ist der Geist des je einzelnen Menschen, der das Böse kreiert und ihm Macht über sich selbst verleiht.

In einer alten Legende wird daher von drei Teufelslehrlingen erzählt, die vor geraumer Zeit in die Welt kamen, um hier ihre Ausbildung zu vollenden. Sie besprachen sich mit Satan, dem obersten aller Teufel, über ihre Pläne, die Menschen in Versuchung zu führen und sie so zu verderben.

Der erste Lehrling sagte: "Ich werde die Menschen lehren, dass es keinen Gott gibt." Satan winkte ab: "Damit wirst du kaum einen Menschen gewinnen können. Auch wenn ihnen oft genug die Sprache dafür fehlt, wissen die meisten Menschen doch in ihrem Herzen, dass es einen Gott gibt."

Der zweite Lehrling sprach: "Ich werde den Menschen sagen, dass es keine Hölle gibt und dass sie für ihre Sünden keine Strafe zu fürchten brauchen." Satan antwortet: "Auch auf diese Weise wirst du keinen für uns gewinnen. Die Menschen haben längst begriffen, dass all ihr Tun und Sagen nicht ohne Folgen bleiben kann."

Der dritte Lehrling trat vor Satan: "Ich werde den Menschen einreden, dass ihre Welt vollständig erklärbar ist.

Ich werde sie lehren, sich selbst als Maßstab dieser Erklärung anzusehen."

"Geh ans Werk", sprach der Fürst dieser Welt, "du wirst Erfolg haben. Tausende wirst du betrügen und uns in die Arme treiben."

Als Jesus in unserem Predigtwort versucht wurde, da hat es der Satan auf diese letzte Weise versucht: du bist doch Gottes Sohn – also kannst du Wunder vollbringen; also kann dir der Tod nicht gefährlich werden; also gehört dir doch die Herrschaft über die ganze Welt. In allen drei Punkte, liebe Gemeinde, hatte der Teufel Recht. Jesus Christus vollbrachte Wunder, die seinesgleichen suchen; er überwand den Tod nach drei Tagen und ist auferstanden, damit er in der Tat die Herrschaft über die ganze Welt antrete. Dennoch macht er sich diese Erklärung nicht zu eigen: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen!" bleibt seine Antwort. Hier geht es nicht etwa darum, dass er das alles schon hätte tun können, aber es eben in dieser Situation unnütz gewesen wäre. Nein: sein Wort gilt: bittet und es wird euch gegeben. Du sollst ihn nicht versuchen, dich mit deiner Erklärung als Maßstab zu setzen. Das Fürchterliche daran ist, dass damit die Grenzen, die wir doch so nötig haben, zu verschwimmen drohen.

Ich sah kürzlich ein Bild von einem Karikaturisten: die Mauern, die das Paradies umgeben, unendlich hoch, mit einem riesigen, nicht zu überwindenden, massiven Tor davor. Neben dem Tor stand ein Schild, wie wir es kennen von Firmen, die Anstellungen für Arbeiter ausschreiben. Dort stand zu lesen: "Wir nehmen auf: Tagediebe, Raufbolde, Saufnasen, Weiberhelden, Tunichtgute" usw. Unsere Erklärungen, liebe Gemeinde, führen uns in die Irre und treiben uns dem Bösen zu. Wie kann ich in das Herz des Menschen sehen, der neben mir lebt, aber anders lebt, als ich selber? Kann ich ihm absprechen, dass Gott mit ihm eine gute Beziehung hat? Wie kann ich andersrum die Welt in Gut und Böse einteilen und mit dem Finger auf das andere Ende der Welt zeigen und sagen: wenn das hier erst einmal weggebombt worden ist, ist ein Stück des Bösen verschwunden? Die Bibel ist voll von Beispielen, in denen der Fromme angeklagt wird, weil er es verpasst hat, seine Ansichten zu ändern und sich selbst zu überprüfen: der Levit, der den Ausgeraubten liegen lässt, damit er den Gottesdienst nicht versäumt. Ein Ausländer, ein gehasster Samariter schließlich tut das Nötige. Der Fromme, der zu Gott betet und ihm dankt, dass er nicht so ist, wie der Zöllner nebenan. Und andersrum: wie oft wird der Kleinste und der Verachteste in der Gesellschaft von Gott auserkoren und zu Ehren gebracht: die Frau, die nicht fruchtbar war und deswegen verlacht wurde: Hanna und Elisabeth etwa. David, der größte König Israels, ausgewählt unter den vielen Brüdern, obwohl er der Kleinste und Schwächste war. Jericho wurde zerstört und alle getötet: nur eine durfte weiterleben: die Hure Rahab. Petrus, auf den die Kirche Christi erbaut wurde: oft genug ein Schwätzer und ein Feigling. Aber halt, liebe Gemeinde: auch daraus lässt sich kein Gesetz machen. Nicht automatisch ist der, der am offensichtlichsten der Schwächste, Kleinste, Verachteste usw. ist, derjenige, der vor Gottes Augen Wohlgefallen gefunden hat. Auch diese, zweite Erklärung ist uns verwehrt.

Worauf also verweist uns, liebe Gemeinde, gerade in der Passionszeit das Predigtwort von der Versuchung durch den Teufel? Es bleibt die Art, die Jesus vorgelebt und – wenn Sie mir dieses Wortspiel erlauben – die Art, die er vorgestorben hat: "Herr, nicht mein, sondern dein Wille geschehe!". Es bleibt die Demut anzuerkennen, dass die eigene Sicht eine beschränkte ist. Es bleibt der Mut, der daraus erwächst, sein eigenes Handeln und Denken immer wieder zu überprüfen. Und schließlich bleibt der innige Glaube, der damit unzertrennbar verbunden ist: dass allein Gott der Herr dieser Welt ist und wir allein ihn anbeten sollen. Was geschah nach all dem bei Jesus? "Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm."

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