Du kannst handeln!

Liebe Gemeinde,

so wie auf diesem Plakat hat man sich das vorzustellen. Der eine Kreis ist der Machtbereich Satans, des Teufels. Der andere ist der Machtbereich Gottes und sie ringen um die Vormacht. Am Schnittpunkt der beiden Kreise, winzig klein, ist der Mensch, mitten in diesem Kampf, ohnmächtig, ohne die Kraft zur eigenen Entscheidung. Nicht mal ein Rädchen im Weltgetriebe, hin und her geworfen, ein Spielball der Mächte. Gott, der uns ganz beansprucht als seine Kinder und der Satan, der auswählt, siebt und damit die Ordnung Gottes durcheinander wirft, wie der Evangelist Lukas das beschreibt.

So ist also der Mensch: ein armes Würstchen an dem gezogen und gezerrt wird. Im Jenseitigen wird über uns geschachert und verhandelt und wenn unser kleines Leben hier endet, dann werden wir merken, wer was für uns entschieden hat. Der arme Simon. Petrus hat ihn Jesus genannt, das heißt Fels. Ein harter zäher Brocken also. Verlässlich und standhaft ist der. Der steht zu seinen Entscheidungen. Auf ihm soll einmal die Kirche ruhen wie auf einem Fundament. Er ist ein Freund von Jesus und ihm ganz nah. Selbst die anderen Jünger orientieren sich anscheinend an ihm. Und auch dieser Schein trügt. Auch er ist so ein kleines Rädchen, auch an seinem Arm zerrt Satan und will ihn umdrehen, abbringen, wegbringen von Gott. Davon weiß Petrus nichts, also redet er wie immer mutig vor sich hin. Er nimmt den Mund richtig voll. Wir wissen, dass er kurz darauf versagen wird und Jesus verleugnet. Aber er kann ja nichts dafür. Auch er ein Spielball, ein Opfer, kein Täter, vom Satan verführt. Der Teufel zieht die Fäden.

Liebe Gemeinde, dieses Bild vom Menschen hat das Mittelalter gekennzeichnet. Unseres ist es nicht mehr. Auch das moderne christliche Menschenbild geht nicht vom erduldenden Menschen aus, der manchmal noch in unseren Liedern beschrieben wird, sondern vom selbstbestimmten, vernunftbegabten Geschöpf Gottes. Wir übernehmen die Verantwortung für unser Handeln, sind nicht fremd, sondern selbstbestimmt. Wir können für unsere Taten zur Rechenschaft gezogen werden und können uns nicht auf den Versucher herausreden. Das wäre ja noch schöner. Die größten Schweine und Verbrecher könnten dasselbe tun: Satan war’s. Ich konnte nichts machen. Niemand müsste mehr Rechenschaft ablegen für seine Untaten. Nein, diese Zeiten sind mit recht vorbei.

Da macht es Lukas dem lieben Petrus ein bisschen leicht. Da hat er Jesus verleugnet auf üble Art und Weise, aber letztlich kann er, der Stützpfeiler der Kirche ja nicht dafür zur Verantwortung gezogen werden. Satan war’s. Das kommt mir vor wie unsere hohe Politik derzeit. Verantwortung übernimmt kaum mehr einer. Vielleicht war ja auch Satan der Geldbetrüger und Manipulator. Eine angenehme Ausrede, aber leider Quatsch. Wo von Menschen Mist gebaut wird, muss das auch benannt werden. Bei uns und auch bei Petrus. Sonst gehen Kirche und Gesellschaft in die falsche Richtung. Andererseits, wenn ich mich abends mit einer Tüte Chips erwische, wenn ich grundlos traurig oder wütend bin, dann frage ich mich schon, ob ich Herr in meinem eigenen Haus bin. Ich frage mich öfter, was mich da geritten hat, als ich das getan oder jenes gesagt habe. Selbstbestimmt, oder mit dem Teufel auf dem Rücken? Wir erleben die rechte Gewalt Jugendlicher und die Arbeitslosigkeit, die trotz guter Wirtschaftsdaten nicht so recht runtergehen will. Und da sage noch einer wir oder unsere Politiker haben die Dinge im Griff, bestimmen selber unser Schicksal. Das hieße, wir bestimmen darüber, dass die Umwelt kaputt geht, Menschen verhungern, andere keine Arbeit und keinen Sinn mehr finden.

Zum Glück gibt es auch dafür eine schnelle Antwort. Es ist eben der Wurm im System. Da kann man nichts machen. Die da oben sind Schuld. Was soll ich Kleiner da schon ändern. Sie kennen diese Sätze und noch viele andere mehr. Es scheint, der Mensch hat auf manche globalen Dinge keinen Einfluss mehr. Alle machen Sonntags die Läden auf, dann müssen doch auch wir. Alle globalisieren, dann müssen halt auch wir die kranken Tiere essen. Die alten Lateiner sagten: Homo homine lupus est. Der Mensch ist des Menschen Wolf. Wir sind eine Bestie geblieben, die tötet und kaputt macht und zwar wider besseres Wissen. Wir sind als nicht Herr im eigenen Haus. Früher war’s der Teufel, heute sind es Zwänge, vor allem wirtschaftlicher Art.

Ich wäre kein Christ, wenn ich nicht von Jesus eine andere Antwort erwarten würde. Ich will mich nicht diesen Zwängen ausliefern, aber ich will auch nicht dauernd als Versager alleingelassen sein. Petrus erhält von Jesus eine Perspektive, die sogar für die Zeit nach seinem versagen Gültigkeit behält: Wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder. Es gibt also eine zweite Chance für Petrus, nichts anderes meint Bekehrung, Abkehr vom falschen Weg. Und außerdem erhält den Auftrag für andere Verantwortung zu übernehmen. Nicht nur für sich selbst. Das heißt zum einen, dass wir nicht immer perfekte Menschen sind in dem was wir tun und sagen, auch als Christen nicht. Dass wir zum anderen aber durch diese Umkehrmöglichkeit auch für andere da sein können. Trösten, aufrichten, zuhören, unterstützen. Das was Christen halt so tun. Vergebung und verantwortliche Handeln scheinen mir der Kern dieses Bibelabschnittes zu sein.

Drei Schwerpunkte im verantwortlichen Handeln als Christ möchte ich herausgreifen. Da ist zum einen in der gerade begonnenen Passionszeit der Verzicht, das Fasten. Im Fasten löse ich mich bewusst von Abhängigkeiten. Ich verzichte auf eingefahrene Dinge, trainiere, anders zu leben: Nicht alles mit dem Auto, ohne Zigarette, Alkohol, Zucker, fernsehen, leben und merken, dass auch das möglich ist. Merken, dass ich Herr im Haus meines Körpers bin, meiner Freizeitgestaltung, Herr über die kleinen Süchte. Es stärkt meine Persönlichkeit, wenn ich diese falschen Bindungen kappen kann.

Das andere ist die Bereitschaft zu leiden. Da bin ich selber ganz schlecht. Petrus kündigt lautstark an, wie standhaft er bleiben wird. Aber er ist es nicht. Ich denke bei uns geht es weniger um den Bekennermut. Das wird manchmal so hochstilisiert, als ob man verfolgt würde, wenn man sich zu Gott bekennt. So ist es ja nicht. Gott sei dank ist es nicht so, dass wir entscheiden müssen, ob wir für unseren Glauben in den Tod gehen würden. Unser Bekennermut, unsere Zivilcourage ist heute woanders gefragt. Wenn Leute den Adolf herbeisehnen zum Beispiel. Wenn schwächere in der schule gehänselt werden, aus der Dummheit der Stärkeren heraus. Wenn Asylanten als Schmarotzer verunglimpft und Ausländer beschimpft werden. Wenn alles dem Geld geopfert wird. Da kann man sich, zumindest im übertragenen Sinn, eine blutige Nase holen. Das erfordert Courage, Verantwortung für unsere Brüder und Schwestern eben. Ich bin froh, dass sich Frau Bezzel für die afrikanischen Asylbewerber einsetzt, dass unser Dekan Oursin sich gegen die zusätzlichen und völlig überflüssigen Sonntagseinkäufe stark macht, dass unsere Kinder im Kindergarten so fleißig für Kinder in Rumänien gesammelt haben, dass viele die Frau, die ihr Kind verbrannt hat, nicht einfach verdammt haben. Sie gehen ein Stück Leidensweg mit und machen sich für andere stark.

Zuletzt geht es um das Vertrauen aus Jesus. Ginge es nur um Aktionen und konkrete Einsätze, dann wäre vom Reich Gottes in unserem Handeln nichts zu sehen. Es wäre gute Tat. "Mit unserer Macht ist nichts getan" singen wir ganz richtig. Doch es "streit für uns der rechte Mann". Der Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen, wir müssen ihn nicht schlagen, Gott sei Dank, wir wären heillos überfordert. Dieser Kampf ist längst entschieden. Jesus Christus mutet uns lediglich zu, uns nicht blenden zu lassen, wenn es so scheint, als würde das Böse übermächtig. Unweigerlich gehen wir auf das Reich Gottes zu. Jesus tritt für uns ein, er sitzt zur rechten Gottes und betet, dass unser Glaube nicht nachlässt. Mit so einer Kraft im Rücken lässt es sich gut leben und handeln.

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