Drohung um des Evangeliums willen

Liebe Gemeinde,

die dunklen Worte der Bibel sollen wir uns von den hellen her einleuchten lassen. So lautet eine der lutherischen Regeln zum Verstehen schwerer Passagen. Und so werden wir es auch heute halten. Den Weg zum Verstehen dieses faszinierenden und zugleich so abstoßenden Bildes vom Wort Gottes als Rasierklingen-scharfes Schwert lassen wir im Buch der Offenbarung beginnen. Dort gibt es neben all den dröhnenden und schrillen Szenen ein kleines Bild voll stummem Schmerzes und schneidender Wehmut. Die am Unrecht Gestorbenen, die Opfer von Gewalt, Hass und Habgier klagen dem Herrn: „Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht“ und wann schaffst du uns Recht (Off 6, 9ff) Unvorstellbar groß ist die Schar der Menschen mit je eigenem Namen, eigenem Leben, eigenem Schicksal, deren Leben von Unrecht belastet, getreten und zerstört worden ist.

Es mag offen bleiben, ob wir uns in Gedanken dieser Schar der nach Gerechtigkeit Darbenden hinzugesellen weil wir nur zu gut mitspüren können und müssen, welch bittere Sehnsucht nach Gerechtigkeit in deren Herzen sticht. Oder ob wir jemand kennen, der unsretwegen dieser wehklagenden Masse beigemengt worden ist.

Ein wenig bleiben wir noch bei diesem Bild: Stellen sie sich vor, die Welt ginge zuende und implodierte im „Schwarzen Loch“ und dann träte Gott hervor, einem amerikanischen Regisseur gleich, mit dem Ruf: „Cut! Schnitt und aus. Das war´s“. Und dann würde er sich der Menge der Vergewaltigen zuwenden und nur dies sagen: „Sorry, ihr hattet echt keine guten Rollen.“ Mehr nicht. Kein Wort der Gerechtigkeit. Das wäre furchtbar. Es wäre ein entsetztlicher Hohn, eine letzte Verachtung der Lebenswürde, wenn unsere Welt ohne das, was die Bibel „Jüngstes Gericht“ nennt, ein Ende nähme.

Und wenn es dann doch anders kommt? In Gedanken überschlagen Sie vielleicht schon die Liste der Sünden, die Gott Ihnen vorhielte, wenn es denn doch zum Gericht käme und wahr wäre dass „ das Wort Gottes lebendig ist und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend , bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, … ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“

Die Schärfe, die hier erwähnt wird, gründet nicht in etwaig dumpfer Lust Gottes, uns und unser Leben zu zerstückeln. Sie wächst dem Wort Gottes zu. Solche Schärfe muss dem Wort Gottes zu eigen sein, weil es auf Leben und auf Gerechtigkeit hin gesprochen ist. Weil es göttliches Wort ist zur Gerechtigkeit derer, die im Unrecht aus dem Leben gestoßen worden sind, muss es scharf und darf es nicht watteweich beliebig sein. Weil es im Krieg ermordete Männer, Frauen und Kinder gibt; weil es soviel geknechtete Menschen gibt, die anderen zu Füssen liegen müssen, weil es soviel Hass, weil es soviel Ausbeutung, weil es soviel Gewalt, weil es soviel Unrecht – und weil es auch so viel Bequemlichkeit im Denken und im Handeln, weil es soviel Dummheit gibt, ist das Wort Gottes scharf, so scharf, dass es das Unrecht bis hinein in die Sphäre der Gedanken und Pläne verfolgt. Pläne, die in kalter Seele, Pläne die im kleinem Kreis der Familie entstehen, in korrupten Kabinetten oder an Vorstandstischen düsterer Konzerne.

Über das Ende können wir nur vermuten – mehr nicht – und eine meiner Vermutungen besagt, dass Gott uns am Ende der Zeit nicht danach fragen wird, ob wir unser Konto und unsere Steuererklärung immer gut erledigt haben. Er wird uns fragen nach den Menschen, denen wir begegnet sind und denen wir -je nachdem – Liebe, Gleichgültigkeit, Unrecht oder gar Gewalt durch unser Planen und Handeln angetan haben.

Das Bild vom „Richter der Gedanken“, der uns Leib und Seele zerschneidet und bis ins Mark der Knochen vordringt ist wenig angenehm. Aber ich hoffe, es ist schon deutlich geworden, dass uns dieses Bild vom „scharfen Wort Gottes“ nicht zwischen endzeitlichen Aktendeckel einklemmen will, wo unsere Seele im trockenen Staub skrupulöser Lebensnachrechnung endgültig erstrickt wird.

Um in unseren Gedanken weiter zu kommen, bedenken wir, was denn mit dem „Wort Gottes“ gemeint sei?

Versuchen wir, es uns möglichst konkret vorstellen. „Wort Gottes“ das ist zuerst einmal die „Bibel“, eine Textsammlung, die in vielen Häusern ungelesen schlummert. Erst dann, wenn der persönliche Kontakt beginnt, beginnt dieses „Wort Gottes“ lebendig zu werden. Wenn ich es aufnehme in meine Gedanken, in meine Meditation, in mein Gebet. Persönlich denke ich hier an meine ersten Begegnungen mit der Bibel im Kindergottesdienst – aber das ist lange her. Lebendig wird das Wort Gottes dort, wo es mich inspiriert, mir Ideen, Bilder vom Leben und von Gott gibt. Lebendig wird es dort, wo es anfängt, Bestandteil meines Denkens, meines Empfindens und meiner Hoffnung zu werden.

Kräftig wird das „Wort Gottes“ dort, wo ich es nicht allein für mich lese, sondern dort, wo es mir als heute und jetzt gesprochenes Wort begegnet. Das mag – bei aller Bescheidenheit – in der Predigt geschehen. Und überall dort, wo mich Menschen ansprechen im Geist und in der Kraft dieses Wortes. Kräftig wird es dort, wo ich mit ihm ringe, es in Zweifel ziehe, dagegen argumentiere und mich sogar darüber aufrege. Kräftig wird es dort, wo es mich überwindet, ausrichtet und meinem Leben Richtung und Bahn gibt.

Scharf aber und entscheidend ist die Begegnung mit Christus selbst. In dieser Begegnung ereereignet sich das, wovon unser Bibeltext spricht: Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen. Die Evangelium berichten von sehr vielen Begegnungen zwischen Jesus Christus und einzelnen Menschen. Begegnungen, in denen Menschen bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, vor den mit Liebe erfüllten Augen Jesu standen. Ein paar rufe ich uns in Erinnerung: Zachäus, der in Gier und Geiz gefangen war. Der Mann auf der Bahre, der im Leben nur weiterkam, wenn andere ihn trugen. Petrus, der endlich eine Lebensaufgabe erhielt. Die Frau, der das Leben durch Jesu Vergebung gerettet wurde. Nikodemus, der sich noch im Alter für neue Gedanken begeistern ließ. Zwischen all diesen Menschen und Jesus kam es zu einer Begegnung, aus der sie verändert, geheilt, versöhnt, begabt, begeistert und neu hervorgingen. In diesen Begegnungen mit Christus kommen Lebenslügen zur Sprache und schwere, in schlaflose Nächte verlagerte Schuld. In dieser Begegnung kommen die Sehnsucht nach erfülltem Leben ebenso zur Sprache wie bleierne Unlust, die über allem liegt. In dieser Begegnung kommt erlittenes Unrecht ebenso zu Wort wie kaltherzige, mit später Scham bedeckte Täterschaft auf unserem Lebensweg.

Wahrscheinlich ist es übertreiben wenn ich sage: „Mehr als den Tod fürchten Menschen die Wahrheit“. Wer aber Gott begegnet wird dies erleben: dass Wahrheit frei macht.: „Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.“ Das müssen wir nicht nur als Bedrohung, das dürfen und sollen wir auch als Ausdruck seelsorgerlicher Zuwendung Gottes verstehen. Natürlich haben wir nicht mehr diese Begegnung mit Christus von Angesicht zu Angesicht. Wir haben – leider – auch keine kirchlich vollkommene Abbildung dieser Begegnung, weil wir die persönliche Beichte, die so vielen so gut täte, nicht mehr kennen. Was wir aber immer wieder haben können und bekommen werden, ist die geistig intensive Begegnung mit Christus im Gebet, im Gespräch, in der Meditation; die Begegnung durch Hören seines Wortes und die innere Schau im Erfassen seines Bildes. So wie Immanuel Kant, obwohl nicht mehr lebend, dennoch das Denken der Moderne bestimmt, so bestimmt Christus als der Auferstandene uns durch sein Wort, das mehr ist als Philosophie und kluger Gedanke. Er begegnet uns als Auferstandener mit seinem Wort, das uns lebendig macht, uns Kraft gibt und uns schärft für das Leben in seiner Schöpfung. Das mag manchen von Ihnen nun schon viel zu fromm klingen. Warum? Beginnt hier schon die Angst davor, es könnte zu „scharf“ werden mit dem Glauben? Hätten sie es lieber milder? Was ist Ihnen lieber? Der kurzsichtige Blick in die Welt, die nach drei oder vier Metern EntEntfernung im optischen Nebel verschwindet, damit sie am Jüngsten Tag glaubwürdig sagen können: „Ich habe nicht gesehen, Herr“ – oder der scharfe Blick der Gerechtigkeit? Wie scharf darf es in geistiger Hinsicht für sie sein? „Ach, bloß nicht soviel nachdenken“, sagt man gerne. Aber tun wir uns, unserm Leben, unserer Gesellschaft und unserer Zukunft wirklich ein Gefallen, wenn wir darauf bestehen, es müsse alles simpel, leicht fasslich und sanft und ohne Anstrengung zu erfassen sein.

Die Geschmäcker sind verschieden und doch darf das eine nicht fehlen, weil es sonst fad und öde schmeckt, das Salz. Muss ich es zitieren? „Ihr seid das Salz der Erde“. Ihr sollt es sein. „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.“ Um Willen der Gerechtigkeit auf dieser Erde ist das ein Drohwort und ein Wort der Ausrichtung, ein Wort der Verheißung, ein Wort des Evangeliums zugleich.

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