Drei Ungeheuerlichkeiten

Liebe Gemeinde,

ich finde diese Geschichte, die uns heute von Jesus und dem Hauptmann erzählt wird, schier unglaublich und ich bin sicher, bei dem einen oder anderen Punkt wird es Ihnen ähnlich gehen. Nehmen wir zunächst die Heilung, die Jesus quasi als Fernheilung praktiziert. Am Anfang der Begegnung will Jesus noch zu dem Kranken hingehen, ihn vielleicht erst begutachten, sehen, was ihm fehlt. Dann hätte er vielleicht eine Hand aufgelegt oder ein Gebet mit ihm gesprochen, irgendetwas, was wir Heutigen ja gerne hätten, um dieses Heilungswunder ein bisschen mehr erklärbar zu machen. Dann könnten wir sagen: es ist die Beziehung, die Gott zu den Menschen hat; oder: es ist die persönliche Begegnung, in der "Gott geschieht".

Vor diese Interpretationen aber wird uns heute ein Riegel vorgeschoben. Jesus geht nicht zu dem Kranken hin, er berührt ihn nicht, ja es ist nicht einmal überliefert, ob dieser Kranke überhaupt mitbekommen hat, wer ihn da geheilt hat. Es nicht einmal überliefert, ob der Knecht überhaupt jemals von Jesus gehört hat. Jesus aber hat ihn trotzdem geheilt, gewissermaßen im Vorübergehen, einfach so. Wenn wir Heutigen unsere Krankheiten und Gebrechen bedenken, die Krankheiten, die im Vergleich zu den damaligen schneller, effektiver und andauernder geheilt werden können schon mit den Möglichkeiten, die uns selbst zur Verfügung stehen, dann müssen wir feststellen, dass wir diese Heilung Jesu nicht begreifen können: es war ja nicht mal der eigene Glaube, der den Kranken gerettet hat. Vielleicht bleibt uns nur dies eine zu sagen: es war die besondere Stellung Jesu, die ihm zu Lebzeiten dieses Zeichen erlaubt hat: als Zeichen für die Welt, wie einst Gott zu seinen Kindern reden und handeln wird. Dies ist der erste, unglaubliche Punkt dieser Geschichte.

Der zweite Punkt geht uns schon leichter von der Hand, wenngleich er immer noch schwer zu schlucken ist: viele wird Gott aufnehmen in sein Reich, aber einige von den ersten, von den Auserwählten, wird er hinauswerfen in die Finsternis: dort wird ein Heulen und Zähneklappern sein. Sind die Zeiten nicht längst vorbei, in denen mit Worten der Bibel solch eine Angst verbreitet werden darf? Reden wir das nicht selber, in der Schule und im Hauskreis, auf der Kanzel und im persönlichen Gespräch: der Gott, der uns erschienen ist in Jesus Christus ist der uns zugewandte Gott: ein Gott der Liebe und der Nähe! Gott will, dass allen Menschen geholfen werde, heißt es an anderer Stelle. Nun aber dies aus dem Munde Jesu: es werden die ausgestoßen werden, die sich selbst für die Kinder des Reiches halten. Wer ist das heute?

Vielleicht diejenigen, die sich selbst fromm dünken, vielleicht diejenigen, die sich mit Gebet und Andacht, mit Bibellese und guten Werken Tag für Tag abmühen, sich in der Gemeinde engagieren und unermüdlich ihre freie Zeit opfern, um für ihren Glauben einzustehen? Sind es diejenigen, die wie die Pharisäer damals – die ja am ehesten unseren heutigen Frommen entsprechen – diejenigen also, die nicht weit entfernt vom Reiche Gottes sind: diejenigen, die um Jesu Taten wissen, die zu ihm beten, aber vielleicht auf ähnlich geheimnisvolle Art und Weise wie die Heilung geschehen ist, etwas falsch gemacht haben? Fragen über Fragen! Jesus beantwortet sie nicht. Nur eines ist in diesem Predigtwort klar – einer wird geheilt, der weit weg ist und denjenigen wird gedroht, die sich schon im Reiche wähnen. Obwohl es mir als Prediger schwer fällt: eine Warnung geht an diese Menschen, die ihr eigenes Frommsein als Maßstab setzen – eine Warnung an diejenigen, die meinen, sie könnten aufgrund ihres eigenen Glaubens die Wertigkeit eines anderen Glaubens beurteilen! Die zweite schwere Kost in unserem Predigtwort.

Schließlich die dritte, schon wieder leichter zu verstehende Angelegenheit in unserem Predigtwort: die Frage der Autorität – in Zeiten eines drohend bevorstehenden Krieges wird uns gepredigt von Idealvorstellung von Hierarchie und Autorität innerhalb des Militärs. Welch Affront für uns Kirchenleute! Da kommt doch glatt einer zu dem Jesus, der es zur Gewohnheit gemacht hatte, alle Regeln und Vorschriften auf die Tauglichkeit im Leben zwischen den Menschen zu prüfen – man denke nur an die Ungeheuerlichkeit des Satzes: "der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbat willens". Da kommt also einer zu solch einem Revoluzzer und bekennt sich offen zu seinem einfach strukturiertem, weil militärisch geprägtem Weltbild: "wenn ich als Hauptmann sage: tu das oder jenes – dann wird das gemacht". Völlig klar! Ohne Widerspruch! Ganz nebenbei: manchmal glaube ich, wünschen wir uns alle solch eine klare Ordnung im Leben. Z.B. waren wir letztes Wochenende auf Konfirmandenfreizeit. Ach, wie einfach und erholsam wäre es doch manchmal, man könnte sagen: tu dies oder jenes – und es würde einfach erledigt. Wir aber sind gewohnt, die Regeln zu hinterfragen: dienen sie meinem Nächsten oder engen sie ihn ein? Haben wir nicht das gelernt als Christen? Jesus aber – die dritte Ungeheuerlichkeit – spricht nicht zu dem Hauptmann: gib deinen Knecht frei oder behandle deine Soldaten mit mehr Menschlichkeit. Dieser Jesus sagt bloß: solchen Glauben habe ich noch nicht gefunden. Soll man etwa so glauben, wie dieser Hauptmann: gewissermaßen von oben nach unten und je weiter man nach unten kommt, desto mehr sein Hirn ausschalten?

Wir wissen, dass manche so glauben, aber sind das nicht eher die gefährlichen sogenannten Sekten, die von ihren Mitgliedern gleichsam militärischen Gehorsam erwarten? Auch dazu schweigt Jesus in unserem Predigtwort und lässt uns allein mit der Frage, wann es auch für uns angebracht wäre, wieder ein wenig mehr auf die Autoritäten zu hören, gleich welcher Art sie für uns auch immer sein mögen.

Nun aber liebe Gemeinde, setze ich noch eines oben auf und behaupte, dass diese drei Ungeheuerlichkeiten nicht im Vordergrund unserer Geschichte stehen. Jesus schiebt sie lässig beiseite: Heilung? Ach ja – na gut: wenn du nach Hause kommst, dann ist der Mann gesund. Gericht und Verdammung? Na klar – daraus ist nie ein Hehl gemacht worden: einige von euch bleiben draußen. Heißt Glauben Gehorchen? Auch davon hattet ihr schon immer eine Ahnung: nicht mein, sondern dein Wille geschehe! Dreimal ein o.k., aber keine Antwort – dreimal bleiben wir mit Fragen zurück – aber nicht darauf sollen wir heute sehen und die Dinge nicht verklären: nicht die Heilung, nicht das Gericht und nicht den Gehorsam, sondern der Blick liegt woanders: der Blick liegt auf dem Hauptmann, dem starken Repräsentanten einer Weltmacht, noch dazu einer Weltmacht, die dort vor Ort, wo er gerade stationiert ist, ein Volk unterdrückt und in Besatzung hält. Der Blick liegt auf dem Handeln und Tun des Hauptmanns, nicht auf dem, was daraus geworden ist. Der Hauptmann: ein kleiner Herrscher in seiner Region. Dieser Hauptmann aber kommt zu einem aus dem Volk, das er mit zu unterdrücken hilft. Wie kommt er aber zu ihm? Nicht als Herrscher, sondern als Diener und spricht zu Jesus: Herr! Weswegen aber kommt er zu Jesus? Will er für sich selbst etwas erlangen: Gesundheit? Lebensglück? Einsicht? Dieser Hauptmann kommt als Dienstvorgesetzter um einer seiner Anvertrauten willen zu Jesus. Der Chef kommt wegen einer seiner Arbeiter und er kommt höchstpersönlich!

Ein letztes noch: Der Hauptmann zitiert Jesus nicht herbei: es wäre ihm ein Leichtes gewesen – sondern er spricht zu ihm: ich weiß, wie unwürdig ich in meinem Leben bin. Mein Haus, so groß und festlich, so repräsentativ und gewaltig es auch sein mag ist ein nichts im Vergleich zu den Werten, die du vertrittst. Sei mir deshalb gnädig und gib mir nur dein Wort!

Vielleicht, liebe Gemeinde, vielleicht sind in diesen Handlungen des Hauptmann drei mögliche Antworten auf unsere Ungeheuerlichkeiten verborgen: Heilung kann geschehen, wo einer für den anderen eintritt. Strafe wird überwunden, wo sich der Mensch demütigt und es wagt, seinen Ruhm und seine Ehre, seine Leistung und seine Macht hinten an zu stellen. Und Gehorsam wird erreicht, indem man seinem Glauben wieder sein ursprüngliches Fundament gibt: das Vertrauen! All das aber, liebe Gemeinde, wird gewirkt, begleitet und getragen von dem einen Gott, dessen Liebe zu uns immer noch als die größte aller Ungeheuerlichkeiten in dieser Welt gelten muss.

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