Drei Grundentscheidungen von Jesus

„Da konnte ich der Versuchung einfach nicht widerstehen!“ „Da kann ich einfach nicht nein sagen.“ Versuchungen begegnen uns auf Schritt und Tritt. Jedem von uns. Da habe ich endlich die Gelegenheit, jemandem etwas heimzuzahlen, ihn so richtig schlecht dastehen zu lassen. Oh, wie juckt mich das in den Fingern! Und die Lehrerin hat nicht bemerkt, dass sie das Aufgabenblatt für die Schulaufgabe, die sie morgen schreiben will, mit auf den Lehrertisch gelegt hat. Ich finde einen Geldbeutel, prall gefüllt mit Geld. Niemand hat mich dabei gesehen. Ich bin doch gerade so knapp bei Kasse. Ist das nicht ein Geschenk des Himmels??? Und nur eine kleine Notlüge, die eigentlich niemand weh tut, und die Blamage bleibt mir erspart, und ich wahre mein Gesicht. Niemand wird es merken.

Wir kennen das alle. Und wir kennen auch das danach: Wie ich mich über mich selber ärgere. Wieder einmal schwach geworden. Wieder einmal meine Grundsätze, meine Überzeugungen über Bord geworfen. Wieder einmal etwas getan, was ich doch gar nicht tun wollte. Und dazu noch die Versuche, mich vor meinem eigenen Gerichtshof zu rechtfertigen: Eigentlich ist das doch nur eine Kleinigkeit gewesen. Eigentlich ist das doch nicht so wichtig. Und vielleicht war es doch die beste Lösung. Und wer ist dabei schon wirklich zu Schaden gekommen?? Aber es bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Und ein Gewissen, dessen Stimme leiser gedreht worden ist. Oder ganz verstummt ist.

Das erste, was wir aus dieser Geschichte lernen können: Jesus weiß, wie es ist, versucht zu werden. Er kennt diesen Sog, der immer stärker wird. Er kennt diese Einflüsterungen: Warum eigentlich nicht? Wem schadet es? Gönn dir doch was gutes! Merkt doch keiner! Er kennt den Ringkampf, der sich da in einem abspielt. Er weiß, wie leicht wir in diesem Kampf die schwächeren sind. Und der Versuchung nachgeben. Tun was wir eigentlich nicht wollen. Er sieht, wie wir uns dann schämen. Selber verurteilen. Er sieht das mit Mitgefühl, mit zum Trösten ausgestreckten Armen. Jesus weiß, wie es ist, versucht zu werden.

Denn, so heißt es, gleich nach seiner Taufe wurde er vom Geist Gottes in die Wüste geführt, in die Auseinandersetzung mit dem Versucher. Gott führt Jesus hinein in die Auseinandersetzung mit dem Bösen. Und uns auch. Das Leben eines Christen ist kein ruhiges Leben, kein Leben in universeller Harmonie. Gott erspart uns nicht die Auseinandersetzung mit dem Bösen – im Gegenteil: Er führt uns mitten in sie hinein. Und Gott lässt es auch zu, dass wir diese Auseinandersetzung nicht aus einer Position der Stärke heraus führen, so von oben herab, mit Sicherheitsabstand, sondern in Momenten der Schwäche. In Momenten der Not. Jesus hatte Hunger und Durst, und er war schwach nach seinen 40 Tagen in der Wüste. Vielleicht, weil in solchen Momenten offengelegt wird, was wirklich in uns steckt, wer ich wirklich bin. Wenn ich stark bin, wenn es mir gut geht, dann gerate ich viel zu leicht in Gefahr, mein wahres Ich zu verwechseln mit der gut gepflegten Fassade, die ich vor mir hertrage. Gott führt uns in die Auseinandersetzung mit dem Bösen, und er lässt es zu, dass wir dabei schwach sind. Dass wir in die Wüste geraten. Das ist das zweite, was wir in dieser Geschichte sehen.

Und das Dritte: Niemand kann in Versuchung geführt werden, dem man nichts wegnehmen kann. Es wird keiner in Versuchung geführt, der nicht vorher etwas wertvolles von Gott empfangen hat, etwas, das ihm nun genommen und abspenstig gemacht werden soll. Vielleicht wird das deutlicher an einem Beispiel: Wer für sich die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge über Bord geschmissen hat, der kann nicht in Versuchung gebracht werden, eine Notlüge zu erzählen. Das ist für ihn keine Versuchung, sondern etwas Normales. Nur wer ein Empfinden hat für Wahrheit und Lüge, kann auf die Probe gestellt werden, nur bei ihm kann man versuchen, dieses Empfinden wegzunehmen oder klein zu machen. Bei Jesus war es die Taufe, die er vorher empfangen hat. Unmittelbar vor dem Gang in die Wüste. Die Taufe, das Zeichen der Verbundenheit mit Gott. Und die Identität, die ihm zugesprochen worden ist: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Freude! Und das stellt der Versucher in Frage: Wenn du Gottes Sohn bist, dann … Er sagt: Zeig doch, dass du der Geliebte Gottes bist! Verwandle Steine in Brot! Zeig, dass du was kannst! Spring vom Tempel herunter, so dass alle dir zujubeln und die Engel dich auffangen! Damit die Menschen großes von dir denken und toll von dir reden! Knie vor mir nieder und ich werde dich reich belohnen, so dass du viel besitzt. Beweise der Welt, dass du es wert bist, geliebt zu werden! Beweise es, indem du etwas tust. Beweise es, indem du einen guten Ruf hast! Beweise es, indem du viel besitzt! Bei der Auseinandersetzung mit dem Versucher geht es um mehr als um einzelne Dinge, die man tut oder halt nicht tut. Es geht ums ganze. Es geht um die Frage: Wer bin ich? Es geht um die Frage: Wem gehöre ich? Auf wen höre ich? Wer darf mich beherrschen? Es geht um die Frage: Wer ist mein Gott. Wer ist mein Gott? Wem will ich vertrauen, wem will ich angehören, auf wen will ich hören? Woher habe ich meine Identität? Wo sind meine Wurzeln?

Jesus hat in diesen Versuchungen drei Grundentscheidungen getroffen, Grundentscheidungen für eine gottesdienstliche Lebensführung.

Die erste heißt: Ich traue der Güte Gottes.

Als Jesus in der Wüste Hunger leidet, da erlebt er etwas großartiges: Er hat einen Anwalt. Der Versucher begegnet Jesus nicht als der Böse, sondern als der Gute: Ich will nicht, dass du Hunger leidest, sagt er. Das passt doch nicht zusammen damit, dass Gott dich angeblich liebt. Kind Gottes sein und Leiden – das kann doch nicht gewollt sein. Gott nimmt wohl deine Bedürfnisse nicht ernst. Er hat dich vergessen! Wenn Gott schon nicht handelt, dann handle selbst! Wo bleibst du denn sonst? Wenn Gott sich offenbar nicht um dich sorgt, dann musst du es doch selber tun! Nicht Zweifel an Gott sind das Ziel der Versuchung, sondern das praktizierte Misstrauen gegen Gott. Denn praktiziertes Misstrauen bedeutet Entfremdung von Gott.

Aber Steine in Brot zu verwandeln ist doch nichts böses! Das ist doch etwas Gutes! „Dass das Böse in der Gestalt des Lichts, der Wohltat, des geschichtlich Notwendigen, des sozial Gerechten erscheint, ist für den aus unserer ethischen Begriffswelt Kommenden schlechthin verwirrend; für den Christen, der aus der Bibel lebt, ist es gerade die Bestätigung der abgründigen Bosheit des Bösen.“ (Bonhoeffer, WuE S.10) Das schrieb Dietrich Bonhoeffer im Jahr 1942. Ich finde es beklemmend aktuell: Was ist an einem kleinen Krieg schlecht, der einen großen Tyrannen beseitigt? Was ist an weißer Magie falsch, wenn sie doch hilft? Was ist an Embryonenforschung schlecht, wenn dafür vielleicht Krankheiten geheilt werden können? Was ist daran schlecht, dass ich für meine Familie zu wenig Zeit habe, wo ich doch so vielen Menschen dafür helfen kann? Das Böse in Lichtverkleidung. Jesus hat damals nein gesagt. Nein, ich beende meine Not nicht durch spektakuläre Selbsthilfe. Ich setze meine Verbindung mit Gott nicht aufs Spiel, indem ich eigenmächtig handle und nicht nach Gottes Willen frage. Ich will darauf vertrauen, dass Gott wirklich mein guter Hirte ist, auch wenn ich im Moment Zweifel daran habe. Denn genau das ist die Grundanfechtung, wenn wir Dinge, die uns nötig sind, nicht bekommen: Meint es Gott wirklich gut mit uns? Ist das Evangelium wirklich frohe, frohmachende Botschaft? Füllt Gott wirklich den Mangel in meinem Leben aus? Jesus ist entschlossen, in dieser Situation zuerst nach Gott zu suchen und darauf zu vertrauen, dass ihm dann das nötige zufallen wird. Gerade weil er auf Gott vertraut, kann er auf Gottes Hilfe warten. Er entschließt sich: Ich will von dem leben, was ich von Gott empfange. Ich will den Weg gehen, den er mir weißt. Denn ich will darauf vertrauen: Gott ist gut zu mir. Und er hat es dann auch erlebt: Am Ende der Geschichte heißt es: Engel traten zu ihm und dienten ihm zu Tisch. Zu dem Zeitpunkt, den Gott bestimmt hat.

Seine zweite Grundentscheidung lautet: Ich ehre Gottes Wort.

In der zweiten Versuchung wird Jesus vom Teufel in die heilige Stadt, in den heiligen Tempel geführt. Auch heilige Orte sind Aktionsfelder des Bösen. Und es passt sich an: Am heiligen Ort versucht er es fromm: Es steht geschrieben, sagt er. Mit einem Bibelwort wird Jesus auf die Probe gestellt. Ein Satz aus Psalm 91, einem Vertrauenspsalm. Jesus soll sein Vertrauen auf Gott missbrauchen, indem er Gott auf die Probe stellt. Spring da runter, dann wirst du doch sehen, ob Gott zu seinem Wort steht! Du vertraust ihm doch! Beweise das doch! Zeig es, oder sind es nur leere Worte? Und es steht doch wirklich so in der Bibel: „Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“ Jesus springt nicht, denn er hat sich entschieden, Gottes Wort zu ehren. Und das heißt: Reiße keinen Satz aus seinen Zusammenhang und gib ihm so einen anderen Sinn. Die Bewahrung der Gläubigen, wie sei in Palm 91 beschrieben wird, gilt dort gerade als Gottes Geschenk und nicht als Forderung oder Verfügbarkeit des Menschen. Und genau darin liegt die Versuchung: Verwende Gott und seine Verheißungen für deine eigenen Zwecke. Mach du den Plan, und Gott wird ihn segnen. Such dir dazu passende Worte aus der Heiligen Schrift. Aber Jesus weißt diesen Missbrauch der Bibel zurück. Übrigens finde ich es interessant, wie Jesus überhaupt auf die Versuchungen reagiert: Er vertraut nicht auf seine Charakterfestigkeit, er sucht keine Zuflucht im Gebet – nein: Er verschanzt sich hinter Bibelworten. Es steht geschrieben. Anscheinend haben nur Worte aus der Bibel, die wir gut kennen, die wir verinnerlicht haben, die Macht, uns in Versuchungen zu helfen, wenns hart auf hart kommt. Jesus hat die Worte der Bibel tief in sich verinnerlicht, denn er hat sich entschlossen, Gott und sein Wort zu ehren.

Und seine dritte Grundentscheidung heißt: Ich bekenne Gottes Herrschaft.

Der Versucher sagt zu ihm: Ich gebe dir Macht. Ich gebe dir Reichtum. Ich gebe dir Ansehen. Ich gebe dir Gesundheit. Ich gebe dir Bewunderung. Ich gebe dir Erfolg. Ich gebe dir das alles – wenn du mich zu deinem Gott machst. Jetzt geht’s auf s Ganze. Und jetzt wird offenbar, was der Kern jeder Versuchung ist: Sage Gott ab, und huldige mir. Ich finde es bemerkenswert, dass Jesus dem Versucher, dem Teufel nicht widerspricht, als er ihm sagt: Ich kann dir alle Reiche der Welt und alle ihre Herrlichkeit geben, denn sie gehören mir, denn ich beherrsche sie! Unsere Welt wird nicht vom Geist Gottes regiert. Unsere Welt wird vom Geist der Habgier regiert, und vom Geist des Egoismus. Vom Geist des Hasses und des Vergeltens und vom Geist des Neides. Vom Geist der Lüge und vom Geist der Verachtung. Geld regiert die Welt. Der Gott Mammon ist der Gott der Welt. Noch einmal: Und in den Versuchungen, in die wir hinein gestellt werden, da geht es nie allein um diese einzelne Situation, sondern es geht um grundsätzliches:

Sage Gott ab, und huldige mir.

Jesus lehnt ab, denn er hat sich festgelegt. Gott liebt mich, und ich liebe Gott. Gott ist mir treu, und ich bin ihm treu. Darum sage ich: Sein Name werde geheiligt, sein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Denn Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, nicht nur heute, sondern für immer.

Jesus hat sich aus Liebe leidenschaftlich auf Gottes Herrschaft festgelegt. Und er hat Gottes Herrlichkeit in seinem Leben erlebt: Er hat Tausende von Hungernden mit ein paar Fischen und ein paar Broten satt gemacht. Als sie ihn lynchen wollten, damals in Nazareth, da ging er mitten durch sie hindurch. Unangreifbar, unfassbar. Und mitten im Tod hat er Gottes Rettung erfahren: Indem der von den Toten auferstanden ist und den Tod besiegt hat. Er hat an seinem Gott festgehalten, mit seinen drei Grundentscheidungen. Denn wer Gott kennt und ihn liebt, der traut ihm Großes zu. Wer Gott kennt und ihn liebt, wer entschlossen ist, ihm zu vertauen, der wird auch seine heilsame Nähe erfahren. Das ist ganz gewiss.

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