Dornenkrone statt Lorbeerkranz

Liebe Gemeinde,

als Kind wurde ich in einen Turnverein gesteckt. Mein Opa war ein großer Turner und im Vereinsvorstand – und ich sollte, möglichst schon mit drei, vier Jahren in seine Fußstapfen treten. Im Sommer wurde Leichtathlethik gemacht, und schon als Sechsjährige musste ich zum Lauf antreten. Für die Sieger gab es ein Gebinde aus künstlichem Eichenlaub und eine Urkunde. Ich erinnere mich an staubige Sportplätze, an meine panische Angst vor dem Knall der Startpistole – und daran, dass mir von vornherein klar war: Ich würde nie auf diesem Siegertreppchen stehen. Ich wollte das auch gar nicht. Die Erste sein bei so einer sinnlosen Rennerei durch die Hitze, das war mir kein attraktives Ziel. So hielt ich mich beharrlich auf den hinteren Rängen, zum Schmerz der Familie. Und im Sport hatte ich selbst im Abitur die schlechteste Note, die möglich war, um zu bestehen.

Deshalb war mir dieser Vergleich des Apostel Paulus mit der Kampfbahn und dem Siegerpreis immer schon suspekt. Zumal dieser Paulus selbst, wie er uns als Person überliefert ist, nicht unbedingt ein Sportlertyp gewesen sein soll. Was will er denn eigentlich? Eine "Eins" in Religion kann es kaum gewesen sein, eine eins in Sport noch weniger. Ich hatte Jesus eigentlich – wir alle haben vorhin das Evangelium gehört – so verstanden, dass bei Gott die Letzten Erste sein werden. Und gerade Paulus war es doch auch, der schrieb, dass wir nicht durch unsere Werke, sondern allein durch unseren Glauben vor Gott gerecht werden. Da redet der selbe Mann nun von Rennen und Boxen, als sei das Leben eine Olympiade um die Goldmedaille im Jenseits. Pauls als Sport-Apostel? Eine eigenartige Vorstellung. Seit olympische Sommer- und Winterspiele alle zwei Jahre im Wechsel stattfinden, wird dieser Text immer in olympischen Jahren gepredigt, dieses Jahr hat er mit dem Austragungsort Athen sogar aktuellen Bezug.

25 Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn", ist ja richtig widerlich, dachte ich zuerst: Alles, was Spaß macht, ist verboten. Das kenne ich nun tatsächlich vom Sport: Auf die Ernährung achten, kein Alkohol, keine Zigaretten, genug Schlaf und immer Bewegung an frischer Luft. Und das nur für irgendeinen Wanderpokal oder eine Medaille, die vielleicht so scheußlich ist, dass ich sie gar nicht aufhängen möchte. Mir kommen City-Läufe und andere Volkssport-Bewegungen immer so vor, dass ihre Ziele Gesundheit und Schönheit nicht identisch mit dem olympischen Sportideal maximaler Leistungsfähigkeit sind. Eher erscheint mir die Qual gerade wenig sportlicher Laien als moderne Form des Flagellantentums, der Selbstgeißelung.

Da fand ich es immer so erlösend, dass es im Christentum nicht darum geht, wer besonders schnell und besonders fit ist.
Gut, Paulus geht es hier nicht um so etwas Banales wie einen Pokal beim Marathonlauf oder einen Fitness-Preis. Er spricht zu Menschen, die gerade erst Christen geworden sind. Er schreibt an die Korinther, die olympische Spiele gewohnt sind, begeisterte Stadiongänger bei den Spielen am Isthmos von Korinth, die wissen, wie hart das Training für die Athleten ist. Seiner eigenen Mentalität mag es wohl entgegengekommen sein, diesen Vergleich mit der Enthaltsamkeit, die den Spitzensportlern auferlegt ist, zu suchen. Aber an anderer Stelle ist der Apostel doch weit großzügiger – er räumt zum Beispiel ein, dass er zwar vorzieht, unverheiratet zu bleiben, aber dass es anderen Menschen durchaus freigestellt ist, eine Ehe zu schließen. Auch dann, wenn es ihm selbst ziemlich unsinnig vorkommt, sich angesichts der nahenden Wiederkunft Christi mit Banalitäten wie Heiraten zu beschäftigen. Aber dieses?

Ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde, das scheint so richtig nach dem Geschmack der pietistischen und der reformierten Prediger aus dem 19. Jahrhundert, die nicht müde wurden, die Gemeinden zu Zucht und Strenge zu ermahnen. Tanzvergnügen, Karneval, ausgelassene Feiern, ziemlich alles, was Freude macht, stand auf der Verbotsliste. Die Gedanken der Christen hatten sich aufs Jenseits zu richten, die Erde war ein Jammertal, das es möglichst schnell und untadelig zu überwinden galt. Wieder kommt da so eine Kindheitserinnerung. Ich konnte kaum lesen, da wurde ich von betagten Großtanten mit Büchern für fromme Kinder gefüttert , mit Büchern, die sie selbst als Kinder schon gelesen hatten oder die ihnen vorgelesen wurden.

Da kamen gottgefällige kleine Mädchen vor, die auch in größter Armut immer alles mit anderen teilten, die auch grausamen Stiefmüttern demütig gehorchten, die viel Unrcht über sich ergehen ließen und die dann manchmal schon in jungen Jahren starben, an der Schwindsucht zum Beispiel, aber leuchtenden Blicks, weil sie nun ganz nahe bei Jesus waren.

Ich hatte als Kind immer unendliche Schuldgefühle, weil ich nicht so war. Weil ich gerne Süßigkeiten aß, statt darauf zu verzichten, weil ich mich schwer damit tat, mein Lieblingsspielzeug ins Waisenhaus zu geben – und weil ich auch keine Schwindsucht hatte und damit Aussicht auf frühen unschuldigen Tod.

Aber meint Paulus das wirklich in seinem Brief? Will er, dass Menschen sich selbst quälen? Ich glaube nicht, dass er uns sagen möchte, Gott will Hochleistungssportler, die sich mit den Drogen "gute Werke" und "Enthaltsamkeit" dopen und seelisch kaputtmachen und die zudem in anderen nicht unbedingt den Eindruck erwecken, als sei Christsein eine befreiende Angelegenheit.

Mir scheint ein anderer Satz wesentlich: "Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse", "ich kämpfe nicht, wie einer, der in die Luft schlägt". Paulus geht es darum, dass Christen das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Es geht ihm darum, dass das Laufen nicht Selbstzweck wird, aber auch darum, dass sich keiner ablenken lässt davon, dass er ankommen möchte. Das Ziel ist nicht der "Siegerpreis", sondern das Ankommen bei Jesus Christus. Mir fällt der Hettstedter Jakobuslauf ein, der ja auch in der Hoffnung ins Leben gerufen worden ist, dass die Teilnehmer nicht eines Pokals wegen mitlaufen. Oder dass sie vielleicht zuerst mal tatsächlich deswegen kommen, dass sie aber sehen, bei diesem Lauf geht es letztlich um ein anderes Ziel. Ein Ziel, das weit schöner ist als ein Wanderpokal, auch, wenn der vom Propst gestiftet ist. Ich wüsste kaum von anderen Breitensportereignissen, die mit einem Gottesdienst beginnen und die von einer Kirchengemeinde ausgerichtet werden. Trotzdem ist es ein mühseliges Geschäft, diese Botschaft zu vermitteln. Bislang jedenfalls ist noch kein Teilnehmer, der nicht ohnehin aus einer Kirchengemeinde kam, durch den Lauf in die Kirche eingetreten.

Aber vielleicht liegt das auch an uns, die wir auch dabei waren und eigentlich für diese Vermittlung "zuständig". Nicht nur für einen Lauf, auch für Verkündigung braucht es Training: Und welches sind dafür nun die richtigen geistlichen Trainingsmethoden? Ich glaube, so ganz falsch liegt Paulus da nicht mit seinem Satz, "damit ich nicht predige und selbst verwerflich werde." Wir sind alle keine Lichtgestalten, und dennoch erliegen wir oft der Gefahr, uns als Moralapostel aufzuspielen. Wir grenzen Menschen aus, die in irgendeiner Weise nicht in unseren Tugendkatalog passen, wir schauen sie scheel an, wenn sie sich mal in einen Gottesdienst oder zu so einer Veranstaltung wie dem Jakobuslauf wagen. Wir vermitteln ihnen kein Gefühl des Willkommenseins – und wir wissen doch genau und predigen das auch, dass Jesus niemanden ausgegegrenzt hat.

Wir müssen nicht tadellos sein, aber wir müssen in der Lage sein, unsere Schwächen zu sehen und sie nicht vor uns und anderen bemänteln
Überzeugend kann ich doch nur von etwas sprechen, wovon ich überzeugt bin. Von etwas, was ich erlebt habe und auch in immer neuen Ansätzen versuche, zu leben. Das letztere geht immer mal wieder schief. Wer unfehlbar wäre oder sich zumindest so darstellt, wäre unglaubwürdig. Deshalb können wir auch von unseren Mißerfolgen sprechen. Aber eine gute Trainingsmethode ist es, zumindest das Aufstehen nach dem Hinfallen immer wieder einzuüben. Dann hält sich vielleicht der Schaden in Grenzen, wenn wir beim nächsten Mal stürzen, wir reißen nicht wieder alles mögliche mit und fügen nicht noch anderen schwere Verletzungen zu. Wie gut, dass wir nicht alleine sind mit diesen Mühen, wie gut, dass da einer mit uns geht, der uns immer wieder unter die Arme greift. Gott lacht uns nicht aus, wenn wir stürzen – das unterscheidet ihn von den Zuschauern bei einem Sportwettkampf. Er ruft nicht "buh" und er pfeift nicht wie ein Kampfrichter. Er hat uns seinen Geist gegeben, der uns begleitet, der uns trägt, der uns Kraft gibt und Hoffnung.
Und er hat uns seinen Sohn geschickt, der uns vorausgegangen ist. So, wie Jesus war, so können wir als Menschen nicht sein. Und wir werden auch immer wieder mal das Gefühl haben, dass da Menschen vor uns herlaufen, die viel "untadeliger" sind als wir. Und dass wir hinter denen herrennen, gefrustet manchmal bei dem Gedanken, sie doch nie und nimmer einholen zu können. Manchmal erwischen bestimmt auch Sie sich dabei, wie Sie gerade bei solchen Menschen darauf achten, ob es da nicht doch einen Unterschied gibt zwischen dem, was sie vorgeben zu sein und dem, was sie sind. Zum Beispiel schielt man ja doch recht gerne nach dem Pfarrer unter dem Aspekt: "Der predigt anderen und hält sich selbst nicht dran." Das ist allerdings so eine Gefahr, die uns vom Ziel abbringen könnte, denn eigentlich sollten wir nicht dahin schauen, sondern noch vorne, auf die Verheißung, die vor uns liegt. Und wir sollten unsere Kräfte ganz darauf konzentrieren, nicht als Einzelkämpfer rücksichtslos dieses Ziel anzupeilen – dann verfehlen wir es garantiert.

"Ich will dem letzten dasselbe geben wie dir", hat der Herr des Weinbergs zu seinen Arbeitern gesagt. "Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?" Und wenn wir nach vorne schauen, zu unserem Ziel, dann werden wir sehen, dass da ein scheinbarer Verlierer Sieger geworden ist, einer, der keinen Lorbeerkranz, sondern eine Dornenkrone trägt. Einer, den solche wie wir, solche durchaus Frommen, ausgegrenzt haben und immer wieder verleugnen, verraten und kreuzigen. Trotzdem – und das ist eben dieser unvergängliche Siegespreis – trotzdem ist seine Liebe unser Ziel. Eine Liebe, die nicht kleiner wird, indem wir sie mit vielen anderen teilen, sondern die erst dadurch wachsen und blühen kann.

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