Die vollkommene Liebe

Kantate! Sonntag des Singens und des Muzisierens. Unser Chor gestaltet nicht heute, wohl aber am 18. Juli einen Kantatengottesdienst. Doch der heutige Sonntag trägt diesen wunderbaren Namen und wir haben einen Predigttext gehört, der diesem Namen angemessenn ist. Ein Text, dessen sprachlicher Klang sich fast schon zu einer beglückenden Melodie entfaltet, so schön ist er, und dessen Inhalt uns zu Herzen geht und Frieden verbreitet. Ja wir werden sogar ausdrücklich zum Singen von Lobgesängen und geistlichen Liedern aufgerufen. So haben sich an diesen Versen denn auch Kirchenväter, Reformatoren und andere über die große Bedeutung des Gesanges und der Musik in der Kirche geäußert. Der Kirchenvater Augustinus ruft dazu auf, Gott nicht nur mit der Stimme, sondern ebenfalls mit dem Herzen und dem tätigen Leben zu loben. Heißt es denn nicht: singt Gott dankbar in euren Herzen! Luther und Calvin heben hervor, dass die Gläubigen sich durch das Singen von Psalmen und geistlichen Liedern gegenseitig belehren und erbauen sollen. Zwingli war der einzige Reformator, der das „Singen im Herzen“ als stilles Gebet verstand und alles laute Singen im Gottesdienst ablehnte. Er war überzeugt, wovon weder Luther überzeugt war, noch wir berzeugt sind: – ich zitiere: „Singen und Musizieren .. sprechen nur das Sinnhafte im Menschen an und sind darum der wahren Andacht im Wege.“ Na, ich gebe zurück, auch wenn Zwingli es nicht mehr hören kann: Wenn das Sinnhafte nicht in die Andacht gehört, dann schliessen wir das Menschliche aus und wenn wir das Menschliche ausschließen, wie soll es dann noch eine Andacht sein! Was für eine Andacht ohne unser Sehen, Hören, Fühlen und Wollen!

Doch genug davon! Ich will sie nun vielmehr einladen, sich einmal vorzustellen, in ihren Gedanken, dass all das, was dieser so schöne und musikalisch wohlklingende Text beschreibt, ganz und gar Wirklichkeit würde und wäre. Wenn alle einander immer mit herzlichem Erbarmen begegneten, wenn Vergebung und einander Ertragen alle Beziehungen prägte, wenn Friede alle Herzen erfüllte und Dankbarkeit, wenn alle einander mit geistlichen Liedern belehren und ermuntern würden. Nun, indem ich das so sage, merken Sie bereits, dass wir uns unmittelbar vor der Stufe des Paradieses befinden, vor der Stufe zu einer allerletzten Vollkommenheit. Und in der Tat spricht der Text das Wort Vollkommenheit aus. Wo all das und noch viel mehr geschieht, dort ist kein Betrug, keine Lüge, kein Mord, kein Hintergehen, kein Misstrauen, kein Neid, keine Habgier … ja bitte fügen Sie selber hinzu, was ihnen in den Sinn kommt. Vollkommenheit! Wir merken, liebe Gemeinde, dass hier ein Idealbild gezeichnet wird, in dem die Liebe zu ihrer vollkommenen Reife gelangt ist. Alles Böse ist ausgeschlossen, alles Negative fern und alle problembeladenen Elemente werden zur Seite gestellt. Denn ein Idealbild stellt seine Ideale heraus, überspitzt und überhöht sie und – auch das gehört dazu – lässt manches weg, um das Ideal nicht zu stören. Alle Beziehungen in welchen Christen leben und leben können, sind und sollen harmonisch sein, wie es harmonischer nicht sein könnte. Was für die Beziehungen gut, das soll getan und so soll gelebt werden.

Doch, liebe Gemeinde, bei diesem guten und wichtigen Schwerpunkt, der uns als Ideal vor Augen gestellt wird, fällt etwas unter den Tisch. Etwas, das ebenfalls zur Liebe gehört, dass viele Christen aber vielleicht auch aufgrund dieses und ähnlicher Texte nicht mit der Liebe in Einklang bringen können. Gerade weil die Liebe das Band der Vollkommenheit ist, gehört in den Kreis der Liebe, der alles Gute einschließt, doch nicht nur das Erbarmen und das Vergeben und das Ertragen und das Singen – das alles ganz gewiss auch – doch gehören nicht ebenso Gerechtigkeit und Wahrheit in diesen Tugendkreis der Liebe? Ist Liebe immer nur darauf aus, zu vergeben und zu ertragen und hinzunehmen und Harmonie und Frieden zu suchen oder muss die Liebe nicht auch immer wieder der Frage nachgehen, was denn nun richtig ist, was der Sache angemessen ist und deshalb u.U. auch den Meinungsstreit suchen und Konflikte riskieren und eingehen. Bei der Frage, ob der Bypass, der hier auf deutscher Seite am Rhein entlang gehen soll, eine angemessene Lösung der Probleme darstellt, reicht es eben nicht, zum gegenseitigen Ertragen und Frieden aufzurufen, sondern es muss um die Sache ein Meinungsstreit geführt werden, in dem Pro und Contra bedacht und die Argumente gehört werden. Das zur Liebe auch die der Sache angemessene Auseinandersetzung gehört, ist eben nötig, und die Liebe darf Konflikte nicht scheuen, sonst geriete sie in Gefahr, Probleme unter den Teppich zu kehren, Unehrlichkeit zu fördern und einem voreiligen Harmoniebedürfnis zu verfallen. Der Liebe ist eben auch die Frage nach der Wahrheit und der Angemessenheit der Sache gegenüber aufgegeben. Ob Sterbehilfe ethisch vertretbar ist oder nicht, muss durch das Feuer des Meinungsstreites gehen. Ob genveränderte Pflanzen sinnvoll oder sinnlos oder gar schädlich sind, darüber muss diskutiert werden. Dass Antisemitismus eine üble und dumme Form des Rassismus darstellt, darüber braucht m.E. nicht diskutiert werden. Wer andere Menschen, nur weil sie anderen Völkern angehören, zu Sündenböcken macht, der weiß m.E. noch viel zu wenig darüber, wer er selber eigentlich ist. Und wer nicht lernen will aus der Geschichte, aus dem Jammern und Nöten und dem Leid der Menschen und Völker, – nun ja auch mit dem und gerade mit dem muss und soll diskutiert werden, damit Meinungen auf den richtigen Weg kommen. Doch bei vielen Fragen ist es gar nicht so eindeutig, was das richtige ist: was für Diskussionen und Hin- und Her hat es in den Kirchen zB um die Frage gegeben, ob auch Frauen das Pfarramt bekleiden dürfen oder nicht, glücklichweise mit dem Ausgang, dass die Kirche sich des Potentials, das Frauen einbringen können, nun erfreut. Gott sei Dank, sage ich, habe ich viele kompetente Kolleginnen, in deren Kirche ich gerne Mitglied wäre, weil sie einen tollen Job tun, besser als ich.

Was dieses so wohlklingende und sich in unsere Herzen singende Wort Gottes heute sagt, hebt die eine Seite der Liebe hervor, die lebenswichtig ist und absolut notwendig und zwar gerade dann, wenn es zu Meinungsstreiten kommt, die ebenfalls notwendig sind, obwohl sie uns durchaus aufregen und in Spannungen versetzen können. Die entscheidende Erkenntnis könnte lauten, dass gerade Meinungsstreitigkeiten so geführt werden sollen und müssen, dass man einander nicht persönlich verletzt, dass man dem anderen nichts unterstellt, was nicht auf der Hand liegt und dass man bereit ist, einander zu vergeben, wenn man sich gegenseitig Verletzungen zugefügt hat. Die Vergebung, das Ertragen, der Friede, die Freude, die Dankbarkeit, das frohe Singen soll und muss eben auch – in einem und öfter wohl nach einem Meinungsstreit möglich sein. Auch wir Christen müssen Meinungsstreite
austragen und Konflikte bewältigen und mit Argumenten um die Sache kämpfen, doch wir können es anders tun als andere: mit dem Blick auf den anderen Menschen als einer von Gott geliebten Person, die wir annehmen, achten, ehren und mit der wir in Frieden leben wollen, gerade auch wenn Meinungsstreit notwendig wird. In einem guten Meinungsstreit braucht nichts vergeben zu werden, sondern es soll der beste und der richtige Weg gefunden werden.

Das Idealbild vom vergebenden und friedliebenden Christen kann uns ermutigen, uns im Meinungsstreit als von Gott geliebte Personen zu anzunehmen, uns zu achten und als solche zu begegnen, so dass wir dann gemeinsam Gott in unsern Herzen singen und loben können, denn auch Gott vergibt uns unsere Fehler und wie er vergibt, vergeben auch wir, denn nur so bleibt auch der Meinungsstreit was er ist, nur die eine notwendige Seite der Liebe, die andere, das sind die Menschen und das ist Gott.

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