Die Reformation hat erst begonnen

Was macht uns zu Evangelischen? Wir haben es schon oft gehört, in einer Sprache, die uns heute genauso fremd ist, wie die Sprache der Bibel selbst: Wir sind gerecht allein aus Gnade, ohne dass wir uns Gerechtigkeit durch Werke verdienen müssten.

Wir haben es oft gehört. Aber man kann es nicht oft genug hören. Vor allem kann man diesen Glaubenssatz nicht oft genug umformulieren, damit seine Sprengkraft wieder so richtig zur Geltung kommt. Eine solche Sprengkrafterneuerung möchte ich heute versuchen und ein kleines Experiment mit Ihnen machen.

Wenn Sie einmal kurz in sich gehen und überlegen, welches Gefühl sie mit dem Wort „Bibel“ verbinden … Was käme Ihnen da in den Sinn? Erwacht in Ihnen das Gefühl, etwas tun zu müssen? Fühlen Sie sich irgendwie schlecht gegen vielen Forderungen der Bibel. Werden Sie unruhig, vielleicht bedrückt. Oder sind Sie verärgert, wütend, weil Sie Unangenehmes mit der Bibel verbinden? Denken Sie an Verbote? Oder ist es eher eine Art Kribbeln im Bauch, Freude, Erleichterung, im weitesten Sinn ein Gefühl des Erlöstseins?

Je nachdem, mit welcher Erwartung Sie den folgenden Predigtext hören, wird er ganz unterschiedlich klingen. Die folgenden Zeilen stehen im Brief an die Epheser, 4. Kapitel:

[TEXT]

Haben Sie sie erkannt, die zehn Gebote? Der Schreiber des Epheserbriefs sagt hier in seinen Worten, was die 10 Gebote in ihren Worten sagen: Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst lernen, deinen Zorn zu bändigen, geschweige denn, dass du im Zorn tötest. Du sollst nichts von dem begehren, was deinem Nächsten gehört. Du sollst alle Menschen ehren, nicht nur die Eltern. Du sollst dich von den trügerischen Begierden befreien und dich entspannen, am Sonntag zum Beispiel. Die ersten drei Gebote, die sich auf Gott beziehen lauten im Alten Testament wie bekannt: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat. Deshalb sollst du keine anderen Götter haben neben mir und meinen Namen nicht missbrauchen. Im Epheserbrief werden sie folgendermaßen zusammengefasst: Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.

Ich nehme unser Experiment wieder auf und frage Sie: Mit welchem Gefühl haben Sie diese Zeilen gehört? Denn an Ihrer Vorerwartung entscheidet sich, ob die Reformation schon in Ihnen angekommen ist. Nun, was macht uns zu Evangelischen?
Der Streit Martin Luthers mit der damaligen Kirche ist im Grunde nichts anderes als die Frage mit welcher Erwartung, welchem Gefühl die Bibel zu lesen ist. Besonders deutlich wird dies in der Frage, wie die Gebote zu verstehen sind. Die ganze Reformation dreht sich um diese Frage: Fordert die Bibel oder befreit sie? Luther entschied sich radikal dafür, dass sie befreit, und wenn man es genau nimmt, überhaupt nichts fordert. Die damalige katholische Kirche meinte, dass die Bibel zuerst fordere und dann befreie. Martin Luther hat eine faszinierende Entdeckung gemacht. Er kam auf die Idee, das Pferd der Theologie von hinten aufzuzäumen und stellte fest, dass es bisher falsch aufgezäumt war. Was bisher für den Kopf gehalten wurde, der die Richtung vorgab, nämlich das fordernde Gesetz, erkannte er als Hinterläufe, die dem Kopf hinterherrennen. Das bisherige Vorgefühl war falsch gewesen: Jeder hatte geglaubt, der Hintern, das Gesetz, die Forderungen seien der Kopf, der sagt, wo es langging. Es hatte keinen Spaß gemacht, auf diesem Pferd zu reiten, man blickte immer nur zurück ins stinkende Elend. Es war eine Mühe, Gottes Botschaft in die Welt hinauszubringen. Martin Luther drehte den Sattel um und: Siehe da: Es machte Spaß zu reiten, vorwärt zu galoppieren, wenn die Freude als Kopf bestimmte, wo´s langging. Der Kopf des Pferdes war die Freude. Und wie es mit der Freude so ist: Freude verändert unsere Sicht auf das Leben radikal. Luther entdeckte Gott als den Gott der Freude. Unter dieser Voraussetzung las er die Bibel neu. Und erlebte, dass sie wie verwandelt war: Plötzlich war sie Evangelium, frohe Nachricht. Luther spürte eine Lebensfreude, die er nicht an sich halten konnte, und die er predigend und schreibend in die Welt trug. Die Freude folgte nicht aus dem Versuch, vor Gott bestehen zu wollen, indem er die Gebote befolgte. Nein, umgekehrt: Aus der Freude folgte Luthers Theologie, sein Verständnis der Gebote:

Wer sich von Herzen freut, will seine Freude weitergeben, will feiern. Er sieht das Leben als ein Fest, ein Fest voller überfließender Freude. Und möglichst alle sollen daran teilhaben. Wer sich freut, der lügt und betrügt nicht. Der ist auch weit davon entfernt, das Leben als einen Kampf zu sehen und den Feiertag zu vergessen. Wer sich freut, möchte am liebsten die ganze Welt umarmen und Gott gleich mit dazu. Wer sich einmal von Herzen gefreut hat, für den hat sich die Welt verändert. Die Gebote sind zur Selbstverständlichkeit geworden. Und wer möchte dann ernsthaft behaupten, nur wer traurig ist, sieht die Welt richtig? Die Entscheidung der Reformation jedenfalls ist klar: Wer sich freut und seine Freude teilt, der sieht die Welt, wie sie wirklich ist. Natürlich ist dann auch die Bibel mit den Augen der Freude zu lesen. Was wir Gebote nennen, sind dann kein göttlicher Selbstzweck mehr. Sie ergeben sich von selbst. Auch sie dienen nur einem Zweck: Dem Fest der überfließenden Freude. Sie sind Empfehlungen Gottes bei der Festgestaltung. Wir leben, um zu feiern. Das ist die Botschaft der Reformation. Die gesamte Bibel von der Schöpfung bis Ostern lässt sich so lesen: Hat Gott etwa den Sabbat gehalten, um danach wieder kräftig an eine Neuschöpfung zu gehen? Nein, ist die Antwort der Reformation. Er hat die Welt geschaffen, um am Sabbat mit ihr feiern zu können. Halten wir den Sonntag, um danach wieder sechs Tage arbeiten zu können: Nein, ist die Botschaft der Reformation! Wir arbeiten sechs Tage um am Sonntag feiern zu können. Vertrauen wir Gott, damit er nicht böse auf uns ist und uns ins Handwerk pfuscht? Nein, im Gegenteil, sagt die Reformation: Wir vertrauen ihm, damit uns die Sorge um das Morgen nicht das Fest kaputt macht. Ein Letztes: Das Zentrum: Ist Jesus Christus gekommen, um zu sterben? Nein, niemals, lachen die Evangelischen. Er kam um zu feiern, bis zuletzt. Und als wir glaubten, das Fest sei aus, fing es an Ostern erst richtig an!

So sehr es manchmal anders scheint: Die Schöpfung ist von Anfang an auf Freude ausgelegt. Die Feier ist der zwecklose Angelpunkt des Universums, alles andere dient nur diesem Zweck! Zu Evangelischen macht uns die radikale Grundsatzentscheidung, die gesamte Bibel als Frohe Botschaft, als Evangelium zu lesen. Die Reformation ist nicht zu Ende. Sie ist eine Lebensaufgabe für Jede und Jeden von uns.

Lesen wir also den Epheserbrief so:

4,22 Ihr könnt getrost den alten Menschen ablegen, mit
seinem früheren Wandel, der sich selbst kaputt macht vor Erfolgssucht.
4,23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn
4,24 und zieht den neuen Menschen an, der
nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
4,25 Ihr könnt offen miteinander reden. Das ewige Versteckspiel hält doch niemand aus.
4,26 Wenn ihr wütend seid, schaut, dass ihr wieder locker werdet, möglichst noch vor heute abend. Es schläft sich nicht gut mit einer Wut im Bauch. Sich von der Wut auffressen zu lassen ist kaum angenehmer als wenn der Teufel euere Knochen abnagt.
4,28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr. Ist es nicht schrecklich, ein Leben lang zu glauben, man komme zu kurz.
4,29 Lasst kein faules Geschwätz aus eurem
Mund gehen, sondern redet, was gut ist. Sonst fängt euere Umgebung doch an zu stinken. Und wer lebt schon gern im sozialen Misthaufen?
4,30 Deshalb betrübt nicht den heiligen Geist
Gottes, der in euch wohnt. Lasst das Leben zu, damit der Tag der Erlösung für euch anbricht.

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