Die Kraft, die aus dem Nichts schafft

<i>[Diese Predigt entstand in Anlehnung an Gerd Theissen: Erlösungsbilder. Predigten und Meditationen. Gütersloh 2002, S.157 : Die Verwandlung des Paulus]</i>

Liebe Gemeinde!

Dieses Wort schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth. Eine griechischsprechende Gemeinde. Seit dem Humanismus denken wir in Deutschland ganz ähnlich wie sie: griechischlogisch. Paulus wendet sich also an Menschen wie uns, die wir ja gewohnt sind, logisch zu denken.
Aber haben Sie die Argumentation dieses Textes verstanden? Denn er will doch argumentieren. Er ist voller argumentierender Wörter: Denn, aber, weil. Und doch führt er uns nicht Schritt für Schritt zu einer Aussage, die uns dann als bewiesen gilt. Im Gegenteil: Unser Predigttext kommt in der Form einer klassischen Argumentation daher und zerstört sie fundamental:

Die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.

Also: Keine Beweise, keine Weisheit sind hier zu erwarten. Die ganze Argumentation des Paulus zielt darauf hinaus, dass es gerade keinen Weg gibt, auf dem vernünftig argumentativ Sinn zu gewinnen ist.
Seine argumentativen Denns, Weils und Abers dienen dem alleinigen Zweck zu beweisen: Nichts, was irgendwie Relevanz hat, ist zu erschließen. Alle Sinnstiftungsversuche, die Menschen unternehmen sind hinfällig: Die Weisheit der Welt ist Torheit. Das ist die klassische nihilistische Position. Ich bin mit Paulus davon überzeugt, dass Nihilismus eine realistische Weise ist, die Welt zu sehen. Die Einsicht, dass alles nichtig ist, dass nichts sicher und nichts verlässlich ist, ist keine intellektuelle Mode. Es ist eine Realität, von der ich sicher bin, dass sie in jedes Leben nicht nur einmal einbricht. Sie ist vielmehr die Grundwahrheit menschlichen Lebens, ob wir ihr ins Gesicht blicken oder die Augen schließen.

Aber wenn alles in der Welt als Grund unseres Lebensmutes zusammenbricht und wir allein sind mit uns, dann sind wir allein mit Gott. Vor Gott oder vor das Nichts gestellt zu sein – das ist in mancher Hinsicht dasselbe. Jedenfalls erkläre ich mir so die tödliche Wirkung die die Bibel dem Angesicht Gottes zuschreibt. Wer vor dem Nichts stand, weiß, dass die selbstgebastelten Sicherungen davor nicht bestehen, dass überhaupt nichts am Menschen davor besteht, dass davor alles zusammenbricht.

Es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott
die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht?

Wenn ich diese Sätze unseres Predigttextes lese, bin ich mir sicher: Paulus und auch Jesaja, den er hier zitiert, müssen die Erfahrung gemacht haben, dass nichts am Menschen irgendeinen Bestand hat. Vor Damaskus war Paulus vom Pferd in die völlige Dunkelheit gestürzt, konnte nicht sprechen, nicht essen, seine Begleiter mussten ihn an den Händen durch eine Welt führen, die ihm fremd geworden war. Und wie fremd waren ihm mit einem Mal diese Begleiter. Was wussten sie schon. Sie hielten seine Hände, während er weiter in den Abgrund stürzte, hinabfiel in das Reich des Todes. Wer einmal vor dem Nichts stand, weiß um die Wahrheit solcher Sätze, wie Paulus sie an uns schreibt. Wer das erlebt hat, weiß um die Zerstörung menschlicher Pläne und Hoffnungen, weiß um das Kreuz der Sinn- und Aussichtslosigkeit, die keine Täuschung ist sondern die Realität jedes menschlichen Seins. Tiefer und stringenter kann keine menschliche Argumentation laufen als bis zum Nichts, zur Einsicht, dass menschliches Planen und Denken schnell ein Ende findet. Dann kommt der Abgrund. Die Existenzialisten, auch die theologischen unter ihnen, sprechen dann davon, dass der Mensch den Sprung in den Abgrund wagen muss. Ich behaupte, wer vor dem Nichts steht, muss nicht mehr springen. Er oder sie hat den festen Boden schon längst verlassen – oder der Boden ihn. Denn ein wirklicher Boden, ein Grund, war noch nie da. Es bleibt nichts als der Schrei, der aus zahllosen Menschenherzen durch Jahrtausende hallt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Das Wort vom Kreuz ist nur denen eine Torheit, die auf halbem Wege stehen bleiben; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft.

Wenn alles in der Welt als Grund unseres Lebensmutes zusammenbricht und wir allein mit uns sind, dann sind wir allein mit Gott. Gott ist die Kraft, die aus dem Nichts schafft. Nirgendwo wird das deutlicher als wenn wir vor dem Nichts stehen. Wo wir trotz allem Ja zum Leben sagen, ohne zu wissen warum, ohne begründen zu können warum, ohne rechtfertigen zu können warum, da hat uns Gottes Kraft erfasst.

Die Kraft Gottes aus dem Nichts zu schaffen, ist Paulus in der Begegnung mit Jesus aufgegangen. Es ist eine Kraft, die stärker ist als der Tod.
Er erkannte in ihr die Stimme dessen, der einmal gesprochen hat: Es werde Licht, und es ward Licht – auch im Leben es Paulus. Er erfuhr diese Stimme als Protest gegen das von Menschen verursachte Leiden des Gekreuzigten – gegen Folter und Entehrung, gegen die Zerstörung menschlicher AnerkennuAnerkennung und Würde. All dem hatte Paulus noch vor kurzem zugestimmt, als er die Christen verfolgte. Jetzt aber packte ihn der Protest dagegen als Kraft der Auferstehung. In ihr wollte er für immer geborgen sein, nach ihr sehnte er sich, von ihr wollte er nie mehr getrennt sein.
Er hatte das Größte erfahren, was ein Mensch erfahren kann: Dass Gott ihn ohne Bedingungen anerkennt, ihn aus dem Nichts zurück ins Leben ruft. Er war in der Begegnung mit Christus ins Nichts gestürzt. Mit Christus war gekreuzigt, was ihm einst Anerkennung verschafft hatte. Mit ihm war auferstanden, was Anerkennung fand bei Gott – unabhängig von allen Menschen. Mit Christus war sein Lebensmut gekreuzigt worden und mit ihm sein Leben aus dem Nichts neu erweckt worden.

18 Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft.

Diese Kraft, die aus dem Nichts schafft, möge euch im Leben dem Nichts entreißen.

Dies Licht, das die Finsternis erleuchtet, möge in eueren Herzen aufgehen.

Dies Wort, das ins Leben führt und aus dem Leben ruft, möge euer Trost sein – im Leben und im Sterben.

drucken