Die Hüttenbauer

Liebe Gemeinde, stellen Sie sich bitte vor: sie werden überfallen. Nicht von jemanden, sondern von etwas. Ganz konkret: von einer Vision! Denn das haben Visionen so an sich und im Gegensatz zum Visionsgefasel mancher Unternehmensberater oder neuerdings auch landeskirchlicher Leitbild-Planer sind Visionen eben nicht berechenbar oder erzeugbar. Visionen haben schon die Propheten bedrängt, sich ihnen aufgezwungen und sie zum Handeln getrieben. Eine Vision für unsere Gemeinde z.B. kann ich mir nicht selber ausdenken. Ich kann mit hinsetzen mit Ihnen, mit unseren Gruppen und Kreisen, und ich kann zusammen mit Ihnen planen und überlegen, abwägen und beurteilen – aber das wären keine Visionen, sondern Bilder, die wir uns selbst gemalt hätten. Visionen sind hingegen eine mögliche Art, wie sich Gott uns mitteilen mag, sie sind meist recht dramatisch und damit zugleich ziemlich selten, weil wir ihnen so wenig Platz in unserem Leben gönnen möchten. Nehmen Sie z.B. Paulus, von dem wir gerade eben die zweite Lesung gehört haben. Was war Paulus, bevor er zum Verkündiger Jesu Christi wurde? Richtig: er war ein Verfolger der Gemeinde und auf seinem Weg, die Christen, diese schreckliche Gruppen von Ketzern zu martern und zurecht zu biegen überfällt ihn Gott mit einer Vision voll Licht und Stärke: Paulus wird vom Pferd gerissen, stürzt und ist für einige Tage geblendet. Danach aber wird er einer der stärksten Motoren für die junge Christenheit.

Auch unseren drei Jüngern aus dem Predigtwort widerfährt eine Vision. Wer sind diese drei? Von zweien ist nicht viel überliefert: Jakobus und Johannes gehörten wohl zum engsten Vertrautenkreis Jesu und sie haben wohl auch später stützende Funktion in der Gemeinde übernommen. Von Petrus hören wir schon mehr: auch er einer der wichtigsten Jünger; derjenige, der als Fels der Kirche das Fundament für weitern Glauben bilden soll. Aber er ist auch ein Vielredner, ein Übereifriger und einer, der schlimme Rückzieher machen muss: dreimal verrät er seinen Herr, bevor der Hahn in jener Nacht schreit. Dass Jesus auf solche Menschen seine Kirche baut, ist ein großer Trost für uns alle. Nun aber sind diese drei mit Jesus auf dem Weg nach oben – sie besteigen einen hohen Berg. Sie tun das nach sechs Tagen, nach einer anstrengenden Woche, raus aus dem Alltag und dem Geschäft des Tages – vielleicht so, wie Sie hier den Sonntag nutzen und ihn als Feiertag heiligen, indem Sie den Gottesdienst besuchen und sich etwas sagen lassen von Gottes Wort und ihm antworten in Gebet und Lied. Frei also vom Alltag, herausgerissen aus der vertrauten Umwelt passiert auf der Spitze des Berges, auf seinem Gipfel etwas Unvorhergesehenes: die drei Jünger empfangen eine Vision, die sich zu einem einzigen Eindruck vermischt: sie sehen Mose – der Mann, der dem Volk Israel die Gesetze brachte: wie mögen sie ihn in der Vision gesehen haben, den Gesetzesbringer?

Haben sie in der Vision verstanden, dass die Gesetze gemacht worden sind, um ein Leben in Freiheit zu garantieren? Haben sie gesehen, dass es der Ordnung bedarf, damit die Menschen in dieser Welt friedlich zusammenleben können? Sie sehen weiterhin Elia, den großen Propheten, der den Kampf gewagt hat gegen die Verehrer der toten Götzen, denjenigen der das erste Gebot hoch hielt und die Menschen seiner Umgebung fragte: was hinkt auf beiden Seiten! Wie haben sie ihn gesehen?

Haben sie verstanden in ihrer Vision, dass der Glaube an den einen Gott es nicht zulässt, dass sich etwas anderes als Begründung des Lebens in den Vordergrund schiebt? Haben sie gesehen, dass in diesem einen Gott alles zusammenläuft, dass er es ist, der die Fäden beisammen hält und mit mächtiger Hand gebietet über alles, was in dieser Welt geschieht? Haben sie vielleicht sogar für einen Augenblick verstanden, wie auch das Böse in Gottes Hand seinen Auftrag erhält? Schließlich sehen sie noch Jesus, seltsam verklärt, wie eine lichte Sonne. Den Mann, den sie kannten als Mensch auf Erden, zwar mit mächtigen Gesten, mit Heilungen und Wundern, aber dennoch als Mensch, der essen und trinken, schlafen und sich kleiden muss. Plötzlich aber gott-gleich im Lichterkranz. Haben sie verstanden, wie Jesus und Gott-Vater eine Einheit bilden?

Haben sie sehen können, wie die Geschichte der Welt einen Anfang und ein Ende besitzt? Ich gehe davon aus, liebe Gemeinde, dass ihnen in diesem Augenblick die Augen übergingen und die Herzen geöffnet wurden. Aber wie das so ist mit Visionen. Sie sind so schwer vermittelbar in dieser Welt, so schwer greifbar und so wenig mag der erdgebundene Mensch ihnen glauben.

Also spricht derjenige unter den Jüngern, der nie um ein Wort verlegen war: lasst uns drei Hütten bauen. Und damit spricht er endlich das aus, was auch uns auszeichnet: die Stetigkeit, das Statische: wir wollen festhalten, was wir gesehen und erlebt haben, wollen es einzementieren in einen ordentlichen Grund, den wir betreten können, wann immer wir es wünschen.

Das ist der Glaube der Kleingläubigen, liebe Gemeinde, der sein Weltbild und seine Ansichten in einen festen Holzrahmen presst, ihn an die Wand nagelt und spricht: seht her – hier hängt er, mein Glaube, übersichtlich, immer mal wieder gut abgestaubt, jederzeit greifbar und jederzeit anzuschauen, wie ein totes Bild einer fotografierten Person: die Situation, in der es aufgenommen wurde ist offenbar, die Gedanken dazu stellen sich auch immer wieder ein, aber man merkt, die Person ist nicht lebendig auf dem Bild – sie wurde gefangen auf dem Papier. Wenn dies geschieht mit unserem Glauben, dann werden wir ebenfalls zu Bildern der Geschichte. Es war etwas Wahres daran, vielleicht sogar ein entscheidender Schritt in unserem Leben, aber für unsere Umwelt werden wir stumm und nicht mehr begreifbar. Fragen Sie sich selbst: wo habe ich mir meine Hütte gebaut – wo bin ich stehen geblieben? Was ist aus den Visionen geworden, die ich einst empfangen durfte? Dass jemand stehen geblieben ist in seiner Hütte, das merken am meisten diejenigen, die noch voller Leben sind – diejenigen, die noch ihre eigenen, drängenden Visionen haben. Das sind die Jungen, die Jugendlichen, die noch nicht Abgehärmten und Abgebrühten. Warum ist es so schwer, den Jugendlichen etwas vom Glauben zu erzählen – egal wo: in der Schule, in der Gemeinde, zu Hause? Nicht, weil der Glaube nichts mehr zu bieten hätte, sondern weil der Mensch, der für ihn einstehen sollte, bereits eine Hütte darum gebaut hat, die fest steht, schon ein bisschen gealtert ist – aber das Leben, der lebendige Glaube, wurde in ihr eingeschlossen. Solcherlei Hütten gibt es viele: die Beziehung zu meinem liebsten Menschen etwa: ist sie schon in Routine erstarrt? Der Motor meines Lebens: was treibt ihn noch an: welches Benzin verwende ich dafür – ist es die tägliche Arbeit? Oder das Geld am Monatsende? Vielleicht die Aussicht, irgendwann den nächsten Schritt tun zu dürfen? Mein Glaubensleben: wann habe ich das letzte Mal einen neuen Gedanken eingelassen? Wann habe ich mich das letzte Mal berühren lassen von einem Wort, das ich so noch nie gehört oder gelesen habe?

Diese Fragen, liebe Gemeinde, machen mir manchmal Angst, den sie verweisen mich auf einen Grundzug unseres Sünder-Seins in dieser Welt: den Stillstand und das sich-Abkoppeln von der Liebe Gottes. Den Jüngern auf ihrem Berg ging es nicht anders: sie fürchteten sich sehr, als sie sahen, mit welchem Licht und welcher Stärke da der lebendige Gott zu ihnen sprach, kurz nachdem sie schon wieder ihre Hütten bauen wollten. Und sie fielen nieder und verbargen ihr Angesicht. Jesus aber trat zu ihnen und sprach: "Steht auf und fürchtet euch nicht!" Denn er weiß um unser Hütten-Bauer-Wesen; er weiß, dass wir oft nicht anders können; er weiß, dass uns unsere Hütten oft genug den notwendigen Schutz in unserem Leben gewähren gegen Wind und Wetter, gegen den Sturm, den jeder von uns in seinem Leben erleiden muss. Da ist es gut, ein Dach über dem Kopf zu haben, um nicht nass zu werden.

Ich sprach am Anfang von unseren eigenen Visionen – ich weiß: nicht jeder von uns hat Erlebnisse, die so eindrücklich von Gottes Gegenwart zeugen, wie unsere drei Jünger aus dem Predigtwort. Aber ich glaube, dass jeder und jede von Ihnen etwas hat, was sie oder ihn im eigenen Leben einmal tief angerührt hat, vielleicht sogar bewegt hat auf dem Weg zu Gott. Seien Sie getrost, dass Jesus sie weiterhin begleitet – egal ob Sie gerade auf dem Berg sind wie unsere Jünger oder aber ob Sie sich zur Zeit in einem finsteren Tal befinden. Und wenn Sie auf Ihre eigenen Hütten blicken und sich durch Gottes Mach bewegen lassen, wieder einmal vor die Tür zu treten, dann seien Sie versichert, dass Ihnen allen gilt: "Steht auf und füchtet euch nicht!"

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